Bericht der Großloge für Deutschland
- Journal
- Bericht der Großloge für Deutschland
- Volume
- 1899
- Issue
- Nr. 1 - Februar
- Date
- 1899-02-01
- Page
- [Seite] (sequence 14)
- Language
- German
- Belongs to
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unter unseren Br&deni über die soziale Lage der Juden im Regbez. Cassel. Das Ergelmiss dieser Aussprache fasste unser prot. Secr. Br. Pevser in folgendem Antrage zusammen: ..Die Loge wolle in eine Berathung der Mittel und Wege eintreten, durch weh he die Jugend der jüdischen Landbevölkerung Hessens vom Viehhandel abgezogen w ird und alsdann die zur Erreich*Rg dieses Zieles erforderlichen Maassnahmeu treffen." —'■ Zu die^m Antrage lag folgender Bericht vor: „Ks durfte wohl allgemein l>ekannt sein, dass der Regiert ig>K-/irk Cassel leider vom Antisemitismus in einem erheblic ien Maa»e durchseucht ist." Dieser Bezirk hat die ersten antisemitischen Abgeonlneten in den Reic hstag entsandt, er hat jetzt auch zum eisten Male einem Antisemiten die Pforten des preu.->'>chen Landtages geivtluet. Es wäre aber ein Fnrecht, wollte man die Empfänglichkeit des Regierungsbezirks Qassel für 'If-ii Antisemitismus aii>sch'iesslicli auf das Verhalten und die Vei hältnisse des jüdischen Tlieiles seiner Bevölkerung zurückführen. So viel darf, man jedoch sicher annehmen. Alt» theilwebe die ungeMinden >ozialen Verhältnisse unter der jüdischen Landbevölkerung Hessens den besten Nährbeden forden Anti-emitismus abgeben. Zahlreiche Dörfer und kleine Städte des Regierungsbezirks sind, von Juden stark •bevölkert, die sich in ihrer grossen Mehrzahl vom Viehhandel ei nähren. Die-es Geweihe vererbt sich vom Vater auf den Sohn und wenn ein Vater einige Söhne hat, so wird mit untehlliaier Sichei heit wohl der grössere Tlieil denselben Vieh handle:-. Dabei i>t der Viehhandel keiueswegs ein sehr lohnender, denn einmal ist die Konkunenz unter einander iifltur^emäss eine ganz erdrückende, sodann aber erschweren die i idizeilichen. zumeist durch die Viehseuchen veranlassten Beschränkungen den Handel gauz ausserordentlich. Diese Leute lühren demnach — mit vereinzelten Ausnahmen '— einen schweren Kampf um's Dasein, müssen sich aber mit Rücksicht auf ihren Credit den Schein eines gewissen Wohl- Matdes geben und werdendem gemäss auch von den Behörden — z. B. bei der Steuereinschätzung — behandelt Während man den Bauern behördlicherseits in seinem Fortkommen zu schützen und zu fördern sucht, wird dagegen der jüdische Viehhändler mit scheelen Augen angesehen als derjenige, der im Gegensatze zu dem rarmenu Bauern im Wohlstande lebt und seinen Wohlstand ducch betrügerisches Ausbeuten und Au.--au^en des armen Bauers erlangt habe. Der Bauer, durch die. heftige, antisemitische "Agitation der Neuzeit angeregt, wei» sich die Siimmung gegen den Juden — wie der Viehhändler .- hlankweg bezeichnet wird — wohl -zu Nutzen zu machen: so lange ihm der Jude pumpt, ist er mit ihm gut Freund. Sobald aber der Jude sein Gehl verlangt, da muckt der Bauer auf und geberdet >iclr als den Betrogenen, denn er weiss, dass er damit stets Glauben findet. Kann ein Bauer von einein ihn lästigen Handel gar nicht mehr loskommen, dann'ist er schnell mit einer Betrugstnzeige bei der Hand 'und der „Jude" hat seine, liebe Xoth, sich von dem auf ihm rulienden Verdachte im. Krmittelungsverfahreu oder gar auf erhobener Anklage in einer Gei ichtsverhandlung zu reinigen. Gar viele Viehhändler verlieren lieber einen Prozess gegen ehren Bauern, als dass sie einen Eid schwuren, wiewohl sie ihn in der Regel mit gutem Gewissen leisten könnten, denn die Erfahrung liat sie darüber belehrt, dass jedem von einem jüdischen Viehhändler geleisteten Eide eine Meineidsanzeige auf dem Fusse folgt und den damit verbundenen Unzuträgliclikeit-en sucht ein Jeder, selbst mit grossen Geldopfern, aus dem Wege zu gehen. Leider ist die] hessische jüdische Landbevölkerung nicht intelligent genug, um wenigstens der Jugend eine grössere Bildung angedeihen zu lassen, und das trifft insbesondere bei, den meisten Viehhändlern zu. Der Viehhandel vererbt sich so von Generation zu Generation, und so wird es immer bleiben, wenn nicht von anderer1 Seite eine Aenderung geschaffen wird. Wir erachten es' als eine der dankbarsten Aufgaben, der deutschen Logen, hierin Wandel zu schaffen und rechnen hierbei auf (TJfe werkthätige Hilfe unserer Schwesterlogen. Das Ergebuiss unserer Berathung wollen wir im nächsten Monatsberichte mittheilen." Im Monat Dezember haben wir uns neben der Durchberathung des Statuten-Entwurfes im Wesentlichen mit der Besprechung der im verflossenen Monate angeregten Frage nach den Mitteln zur Entfremdung der jüdischen Landbevölkerung im Rghz. Cassel vom Viehhandel beschäftigt.?Es wurde hierbei hervorgehoben, dass die Schilderung der ländlichen Verhältnisse, wie wir sie in unserem voiigen Berichte gegeben haben, in ganz besonderem Maasse auf die Kreise Kirchhain, Ziegenhain. Homberg, Fulda, sowie auch auf Oberhessen (im Grossiierzogthum Hessen). zutreffen, dass dagegen in den Kreisen Eschwege, Witzenhausen, Rotenburg, Cassel die Lage eine etwas günstigere sei. ludess herrschte nur eine Stimme darüber, dass eine Aenderung der Verhältnisse dringend geboten sei. Als ersten Schritt auf dem angestrebten Wege, beschloss die Loge zum Zwecke eines eingehenden Studiums der Verhältnisse und als Grundlage für eine zu veröffentlichende Statistik eiueu Fragebogen an die Gemeindevorsteher zu versenden, in welchem eingehende Auskunft über die Erwerbsverhältnisse der einzelnen Familien jedes Ortes gefordert wird. Dieser Fragebögen dürfte in den nächsten Tagen zunächst im Kreise Eschwege zum Versandt gelangen und sollen die in dieser Weise gemachten Erfahrungen über die Beantwortung der Fragen bei der Versendung in die anderen Kreise vei werthet w erden. Die Loge ist sich darüber im Klaren, dass der angestrebte Zweck nur durch die Mitwirkung der Schwesterlogen erreicht werden kann. Es dürfte sich bei weiterer Förderung der Angelegenheit als w ünschenswerth herausstellen, im Rgbz. Cassel eine Reihe von Centralstellen zu bilden, von denen aus die einzelnen Kreise zu bearbeiten wären. Solche Centralstellen müssten in Marburg, Fulda, Hanau und Giessen gebildet werden, am geeignetsten durch Begründung von Logen an diesen Plätzen. Wir verfehlenVnicht, unsere Schwesterlogen, die Frankfurt-Loge (Hanau, Fulda und Giessen), die Sinai-Loge (Matburg) auf diese Städte als geeignete Objekte zur Bethätigung ihres Wunsches nach Propaganda aufmerksam zu machen. Der diesseits angestrebte Zweck einer Besserung der läudlichen Verhältnisse dürfte einen geeigneten Anknüpfungspunkt bieteu. Das Inhaltsverzeichniss der Monatsberichte von 1898 folgt in der nächsten Hummer. Bnrhdrockerei Max Cohn (Inh. A. M. Brodacz), Berlin NO., Kaiaerstr. 41.