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Jüdische Volksstimme · 1934-08-02 · 22 (2.8.1934) · p. [Seite]

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Journal
Jüdische Volksstimme
Volume
XXXIV (1934)
Issue
22 (2.8.1934)
Date
1934-08-02
Page
[Seite] (sequence 2)
Language
German
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2, August 1934. N niifiirjcr 2j?. BRUNNER NACHRICHTEN. Ehrenwache beim toten Bialik DIE NEUÉ* REITCHll- LE IN BRlllNN. - .. r..,,, . . t Mitlwoch 12 Uhr iiuchts erfuhr ich vom Tod.- Bialik*. Gleich fuhr ich in> Sanatorium. Druter 1 tock. Ge- )i .Von (oset krankel. Personen. rTiet h-negt V Sien S und eriegti Gesichter. M I Vi e'.ne i is-ht_ verstohler ne aus den n fliistert. eine Trii- Augen ab, iler i andero . hluch/.t i'der sc.if/t. odosstimmung. l'tiMththare Todes« ngel sun ir.en traurige Melodien, le; /in.” er cin. Bialik liegt irn Gipsmasse kedeckt sein G nir ilt ii'uiiscber Professor Toten maske. (ctzt nirtimt kininen Hammer und hanirivrt lcicht. /.ner-t heht er den rechtifn Teil ab: , iiui, iabelliatt, sehen Sir dir Gcsichtsziigc. herrlich. i trete ins Bitt. k.inr .■sivilt, kin macht die er einen iie Augen. •gelungen" int der Kunstler. Dmn koinmt iler linke Teil. Tillige Ha ire klebcn daran. Professor si hmeiehelt lobt die Maske umi ist Arheit zu!rieden. Li starr, den koten a nit senior Seiu n.e, Joker Dichterkot f , uh? Sein Ge- *iiht ist triseh. als oh er loeh leben irdo: Zv.ei -iharakteristi? rhr Falten der Stirn. als oh er am: . an. eni! :.-»r< I Mt ■-Hi itlpHa’s ftest*tjirrant, Brunn. ♦ Beste VcrhfeiratDqgen durch 4Frau Kljiub«rt Brunji, i>i M uLu.t tsi +j Brillen / VaSiÉek* estrengt tieisinniées Problem denke. Wdran.dacbte er i ni Aug« nblick de- Todes? Tillige Stunden w r dem Tr- •oheinen des Todesboten las er den cnach’, dann eine Zeituil *. die zcrkmittert noeh neben ilini lag. Tin plotziich.-r A lise hied. -Se ne Augen n aren lertieftin einer Zei ung. nachdenkliche ( alten hildoter. »ich. da eine Hånd smilt das Hert. dio luppen fliisterten zwei drej \\ ortetot. eehlieben sind die fallen. \\ oran ihuhte er? beire Iran. auigeT'st in liert au! dem To i ii er Ti ko stcht ein Raljhiner und .ihlmii/.i. Plnt/.Ueh. ir.it rinem Rink ’richlet sie sioii aut. Blas: sene ■ Aueen und zitterni \l!e starren sie an und st-riit. N’ci- Bialik atn.it n Tot. Man llf'stert. juan goht I pim Zimmcr-schlalt .. Kind, ein e’nz.iges Kind, \i dm T.ltern heiss geiiebt und Stille. \\ eeket das auf... Wir lerlassen das Zin Bialik Hird noch' eimnal Tranen ti. onbott. In aufgoris Gliedor. man v.eii hr nvehr. “ eiso. Ps in kraniers ekhes von ird. Ruhe ■iind nieht mer. frau zu ihrom Brunn fla atyk. T ERIVIST Mann gefiihrt. Und sie b eiht allein ein his znei Minuten ir. t unserem Richter und mit ihrem Mann. Weinend und die Wortc im - Sehluehzon verhallend verla'sst sir i as Tot on- /immer. Nac'n 1 Uhr Kachts. Wi ‘ verlassen das Gehaude Her Sarg wird mitteis des Aufzuges heruntergof racht. Dratissen steht ein „Aut > der Geir, eind c Wien". Tin l.oichenauto. Svhnarz. Tieischnarz. Die sterblichen Ueberreste word en ins Auto befordret. Tangsutr. bo« eg-t sith das Auto. Vir gegen 30 Personen, gehen nach. Tin Stiickchen ueg, gegen 300 Meter und das Auto rast davon. T.rsehroeken bleihen wir zuriick und das Auto eilt iir. Tempo zum jikliseben Triedhof... 4!ng. Buebbiridor und Tritz Richter regen eine Threnwache an. Theodor Mark (erst chargierter d-er i Ci d. ak ad. \ erhindung „Ivria") und ich werden IXmnerstag friih mit der Threnwaehe beginnen und naeb je einigen Stunden soli die.ie abgeldst norden. f riih. Ts tagt. Ich steigo in die Tlektrische ein und. labre zum Friodbof. Tine lange und langjm eilige k'ahrt. Tine Stunde. Bald ir.efke ich. dass der Kondukteur mich: nas fragen nill: „Tntschuldigen Sie, Sie sind dovii ein lude. Sagen Sie, warum ist der jiidische Sehauspieler Max Pailenberg ausgercchnet am Samsfag im Krematorium verhrannt; norden_V Ich kann ihm keine Antnort gebrn und erziihle ihm Geschichten aus dem I.eben Bialiks. „Sehen Sie nir liaben und nerden vide Pallenbergs iiaben. Aher Bialiks gibt es nigbt vide. nur einen " „Zentr'aliricdhol. viertes Tor" ieh stoigo aus und eile in die Zeremonienhalle des neuen iudiijcben k'riedhofes... Tin einfaeher Holzsarg. dariiber eine Trauerdeeke, in einem kleiiten Raum der Halle. Alles in Trauor. Yorno: zwei Totenlichter. An dot' Seite vier grosse silberne Ioouchter n.it hrennenden Korzen. \\ ir, Theodor Mark, Gustav Seiden.ann und ieh, stehen libronnaebo. \\ ie f ig.iren bevvogum-los und orstarrt, honachen nir Cb. N. Bia|ik, den grossen Meisrer der hehraisebon, Ljterntur. Der Tod sagt irgendno Bialik ist in U abrheit eine neue Geburt. Im^Augenblicke des Todes auf dieser Velt, nird er :ui|f d r ånder e n Velt gohoren. i lind ieh hore Kinderlaute, Bialik der moderne Jeiuida Halevi, n'ird aut der andereti Velt ijiegriisst... Tin altor lude verirrte sich und kam zur Bahre Bialiks sonst kein Mensch, kein einziger (ude. Wien, die zne'.tgrosste ludengemeinde Europas, Bialik der grosse Dichterfurst der hehraischcn titeratur.' Und ich hore Kinderlaute. Bialik der moderne lehuda Halevi wird auf tier underen Welt begriisst... Stunden ziehen vorbei. Tin Rabbiner half im Nebcnrpum Totenreden. Drei (uden nurdoh unterdessen bestaffef... Tin alter fude verirrte sich und Feuilleton. Die Witwe. r. i.. P deifi Heiiriiisjebent von Njloriz, Zoli' zu dui . Tipi tvi (ide..;i>eiigrau : eibvn g/cgencinandcr ti' b zu einerti einziger titidui i'bdrinuliehen i\ olk f - k: drOcliend hfcis>. Ba einen iieltig.n Regenj^iss. bi-ti-n sind s« hon da: tereir se niedertaurnde Trdfifehen. Am Tu>se'eines Hugels kleiu. , lians. Dessen iaupt um t ill /erriisenes Strohdpch. Wer e_tlieki-ti:’ Prr Volkenkniiuél; verdeckt •e n N brlUi/.rrj liild bu I lop ikeln i\ olkenkn d gi Di zelte und iuel. bt‘« N'or leiitehf Sonne loll.stindig. Ras:h isf aucli die Ahenddamm|erung veri logen. Dr nitr) Hause isjt's finster. Åaf dem Herdf in einer :Tdte, steht eine Lampo. --j z\ber sie istjganz leer. und das Gla4 ist zerbrochen. Wer vurd ein tfeuta Glas kaufenj? Wer'Od holen? In der,Stube aber ists dumpf zu ni em iål| Aire i di« ■Trstieken. Die Herdplatte.ist nieht ge irdene Tiipfe, efnas Asi he, ein vernitterter Ziegel. eine eiserne Schaulel... Aber kein einziger I euerfunke! Niiihst der Tiir einige Wer nird sie zerkleineri' Der Herr des ffauses h< t les fahr im Sieehbette gelegen. Dann starb er. Der Sparpfenrig, den er durch lange labre unter riiikgvfegt hatte, ging sr „Ieh nerde mir etwas Geld auf Zinsen anlegen," hatte der Å Ife gedacht, „denn meine Trau kommt chen, und es nird gewiss sein. Soli er also sein Sciulgeld haben." Gott schenkte eine Tothter. Auch das ist zum -Guten. Maj das Geld zu ihrer Mitgift dienen. Indessen kam die Krankbeit wie ein plotzliches Unwetter. Nach und nach schuand das Geld aus dem Beutel und die. Kraft aus dem Leibe. Nach und nach gingen auch die einzelnen Mobefetucke fur Brot, fur Medrkamente (nutzlos auf. — Zuletzt wanderte die Nåhmaschine aus dem Hause. Zugleich mit der letzten Silleer. F.iniflfolzscheite.? tte ein vol- Miihsal zuturlos auf. in dio Woein Knabe bern-.Onze zog die Seele des Armen von dannen... I Das kleine Leinwandsackchcn, das ehedern die „Ursparni^se" geborgen hat, hangt jetzt nebenl dem Se«ilenlichte. . F’ine eiserne Truhe steht bei der Tiir: dia Truhe des Dienstmadchens, das ausgegangen ist, sich nach einer anderen Stelle umzusehen. Die Sehatten in det engen Stube verdichfen sich immer mehr. Auf den Dielen liegt Stroh zuerst umher. Darauf hatte man den Toten gebettet. Und die Wande starren mit kleinen, schwarzen Augen. Das sind die Pflocke, -an denen vormals Hausrat und Kleidungsstucke hingen, dann ein Spiegel (gut, dass man ihn entfernt hat;wenn die Witwe ihrGosieht sahe...) und eine Chanukalampe(fOr »en und nozu?). Der Spiegel und die Lampe wurden verkauft, die Klei-1 dungssfUcke nahmen die Eigentfimer in der Stérbestunde des Mannes an sich... Dort im Winkel sfeht eine Wiege. Ein Kindlein liegt darinnen u. schlaft. Auf dem Fussboden davor sitzt die Witwe, stfitzt die Hånd auf die Wie- I Edelfuchse PAVLOUSEK, Passage B ft tt N N. |oh«inn s^asse 7 Jansba anglo-Cechoslovakischc UND PRAQER CREDITBANK AkficnkapiUI Ki 235.000.000, Reserven Ki 143.000.000. fc*pos't r l'ranzmsbad, Goet icstras*** „Haus Or :n» r»4'. Teleyjr. AnjJIobank. FrrnspreGher Nr. 31. Zentralc .in PrujJ. Eiliale in I.oiuLmi. Kauf u.‘\rerkai»f von Dcvisni u. VaJutt*n. Zablun»»fn auf Krcdithricft* und Sihecks. Kulanft*s(c Durcltfiilkru«i‘4 allcr M>n<ti‘en hank^csGUaftl. Trans.ikUDiu-n. Es sagt die Haiisfrau : „ieh traehfé immer, meine Familie durch: gates Essen lv.-i g u t e r I, a u~n e zu orlvul, en. Dami! muss man ireilich selion i eim F r ii h s t ii c k oeginneii. Thi gi'ter Morgen Kdffeo schidlt Spannkraft u. Schaffenshist fut den ganzen'Tag. und... d o s h 11 b k i ii f e ich MEINL - KAFFEE44 kam zur Bahre Bialiks sonst kein Mensch, kein einziger .Fude. Wien. die zweifgriissfe Judengemeinde Europa, der grosse Dichferfurst der hebriiisehen Literatur und nieht ein e i n z ig er lu d e. pilgerte zu rfim hinaus... Und warum wird nichts „Mischnaies' Gelernt und „Psalmcn" gesagt? Warum? Bialik liebte doch so sehr das hebraisehe Wort... Stirbt ein lude den man achten nill, so lernt man Mischnajes und 10 Juden halten sich im Totenzimmer auf. Und warum nieht beim Bialik? Ohne miindliche Verstandigung. getrieben durch den Geist Bialiks. der in der Halle schwebte. verliisst immer fur kurze ^,‘it einer von uns die Ehrenwache und er sagt „Psalmen und Bialiks Gedichte1 auf. Psalmen fur dich du .cinsamer Bialik, „Bialiks Gedichte" fur Dich. du verlassener Bialik... Zwei Uhr mittags. Dozent Dr. Bauer erscheint. Wir tragen den Sarg in das Einbalsamierungszimmer. Der Korper wird aus dein Sarge gehoben. Wir sehen ihn an und nehmen von ihm fur ewig Abschied... ge und ihre mageren Hande zittern. Ihre glanzlosen, rotangelaufenen Augen biicken starr auf die Decke empor, ohne etwas zu sehen. So sitzt sie da, regungslos, ohne Empfinden, fast lebios... Allein in ihrem Hime wålzi sich, ohne dass sie es will, ein tr3ger Gedanke, eine matte Erinnerung... „Hanna," hatte er ihr einmal gesagt, „reich' mir die Scheere her." Dabei brauchte er die Scheere gar nieht! Und ein Lacheln huschte uber sein Gesicht... „Er wollte, dass ich mich ihm nahere... Und ich schalte gerade Karfoffeln." „Oh ich ihm wohl die.Scheere gab? Nein, nein, grad in cHÉsem Augenblick kam fremder Besuch." „Wer kam damals eigentlich?" Sie sinnt nach. Aber der Person, die zu ihr gekommen war und sie gestort hatte, ihrem Manne die Scheere zu reichen, kann sie sich nieht enfsinnen... Und noch immer denkt sie tr3ge nach. Das Kind aber schlaft sanft, und ein Lacheln umspielt die Lippen der kleinen TrSumertn.

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