Jüdische Volksstimme
- Journal
- Jüdische Volksstimme
- Volume
- X (1909)
- Issue
- 6 (20.2.1909)
- Date
- 1909-02-20
- Page
- [Seite] (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 6. Attisch«?.Nkstt«»« Seit« 3 Gegrüßt von ganzem Herzen sind alle Menschen: der Freund wird doppelt teuer, der Feind versöhnlich und wohin das Auge blickt, erblüht ein neues Glück! ,Genesen" — wißt ihr. was das heißt'? — Ein neuer Mensch mit neuer Kraft. der in das Leben stürmt, zu wirlen und zu schassen; dem däucht die Welt zu klein. — weil nun sein Glück so riesengroß. Legt alle Schütze dieser Welt, legt Gold und Silber. Edelstein und Perlen i» die eine Wagschale, legt die Gesundheit in die andere, die Gesundheit drückt sie lies hinab. Wie sollte nicht, der solchen Schatz verloren und nun wiedergesunden hat. wie sollte der glückliche Finder nicht jubeln und jauchzen aus voller Brust? Solches Glück zu schasse» ist sürwahr noch höheres Glück. Tenn keine Freude ist reiner, erhabener und erhebender als die. die wir empnnden. wenn wir anderen Glück bereiten. Göttlich ist es. den Keim der Freude ausznstreuen und wie der Schöpser am gelungenen Werke, io sreut sich wahrhaft der. der Gutes tut und es zum Glücke, Heil und Segen aussprießen und gedeihen sieht. Darum, mag Glück und Freiide des Menschen Herz erheben, mag Leid und Kummer ihn bedrücken — es strebt der Mensch vom Augenblick hinweg sich dauernd Glück und Freude zu bereiten. Svlchbs^dauerndcs Glück erstebt. wenn wir andreren Glück bereiten. — Jü es nicht Glück, wrriw durch des Mensche» »rar! sich ein verzagtes Herz zu neuer Hoffnung erbebt? Ast es nicht seliges Gesühl. wenn durch des Menschen hilireiche Hand sich des Unglücks Nacht in strahlenden Morgen wandelt: wenn durch des Menschen sürsorgenden Zinn des Kummers Träne trocknet und eines Paters, einer Mutter heißgeliebtes Kind, genesen, gerettet wieder kirimkehrt: wenn ein Ernährer, von dessen sleißsger Hand ein Weib, ei» Kind ein zusriedenes Dasein sristen, mit neuem Mut. mit neuer Kraft wieder rüstig zur Arbeit schreitet, wenn ein liebend Mutterherz, an dem der giftige Wurm der Ktanlhetl nagte, dem Tod entrissen, dem Leben wiedergegeben, sür alle Liebe» wieder sorgen, wirken, schaffen kann? Jot es ist wahres echtes Glück, dem Nächsten zu Helsen und seiner selbst vergessend sür andere zu schaffen. Leben heißt kämpsen. doch nicht kämpsen bloß sür sich allein, auch kämpsen sür andere, rettend und besreiend. Ist elend und be- NagenSwerl der. den Armut und Krankheit drückt, ungleich elender wäre der. dem der Sinn und das Gesühl sür solches Glück abgeht, der nie im Leben noch begehrt hat anderen Glück zu schaffen. Wenn irgendwo das Tichterwort gilt, so gilt es hier: ,Wenn du nehmen willst, so gib!" — Wer sehn süchtig nach dem Glück verlangt, westen Her; nach Freude bangt, wer nehmen. Glück empsangen glücklich werden will, der gebe, teile mit den anderen, er mache glücklich und Krise anderen, glücklich werden: er streue das Saatkorn guter Toten aus und wird dann tausendiältig Früchte ernten. Nicht schwersällige Menschen.zunge wild ihm Tonkesworte stammeln — der Tank der Zunge ist nur schlechter Lohn —, doch eine Stimme wird ihm Donk verkünden, einen Tank, der wahrhaft ersreut. beseligt und erhebt. Diesen Tank rerkündet die Stimme inneres eigenen Herzens und diese Stimme lügt und schmeichelt nicht. Ihr Tank ist kostbarer als alle Güter unserer Erde, denn was kein Gut vermag, vermag des Herzens Stimme: sie richtet aus. ersrischt und kräftigt, macht fröhlich und zusrieden. Des Herzens Stimme wird den Tank ver künden allen, die an diesem Werke selbstlos gebaut. Ten edlen Männern wird sie Tank verkünden, die Tag sür Tag die Lost der Sorge. Mühe. Plage aus ihren Schultern trugen und statt der Nahe und Erholung den Dienst der Menschheit und die Hilssbereitschast sür die armen Kranken sich erwählt. Des Redners Zunge vermag nicht mit Worten anzuerkennen, was Liebe. Geduld und gsiler Wille, was Edelmut und Herzensgüte bei diesem großen Werke aus sich genommen und geleistet, haben. Ter Mensehheft Dienst — soserrt er armen kranken -Juden gilt — ist Liebesdienst int wahrsten Sinn des Wortes und muß um dieser Liebe willen Neid. Mißgunst und Hindernis besiegen. Ta zeigt sich wahre Begeisterung sür alles Gute, wenn unentwegt und nur dem Zug des Herzens folgend ein edler Mann am guten Werke schafft und nicht verzagt — in Bescheidenheit. Den edlen Stiftern und Gründern wird des Herzens Stimme Tank verkünden, die mit des Wohltuns offener Hand dem Werke reiche Spenden zugewendet und den Grundstein des Hauses gelegt haben. Es ehret sie die große Gabe, weil nicht des Goldes Heller Klang, sondern der armen Kranke» Heil und Wohl ihnen ihres Geldes beste Zinsen däucht. Das Kapital ist am besten angelegt, das srohe. gesunde Menschen schafft und Geber wie Empfänger erffeut. Allen Spendern wird des Herzens Stimme Tank verkünden, die mitgeholsen und mit Gaden — groß und Nein — mit frohem Sinn, mit heiterem Herzen dos Werk zum Ende und zur Vollendung gebracht haben. Sie alle werden am gelungenen Werke des Schöpsers Freude voll und ganz empfinden und ihres Herzens gute Tat im Rahmen dieses Werkes begrüßen. Der Lebende wird stets mit neuer Freude zu neuem Wohltun sich ermuntert sehen. Äe alle, die Schöpser. die Stifter, die Gründer, die Spender — sie sind bedankt durch dos erreichte Ziel. ,Nur einer, ein Edler. Guter, der das Werl begonnen, er fehlt in dieser Feierstunde: Friedrich t r a n s k y. der erste Präsident. Was er geleistet, steht bei Gott im Buche des Gedächtnisses verzeichne«, doch Gottes Lohn soll nicht uns Menschen die Pflicht der Dankbarkeit ersparen. Er war der Pater! aller guten Werke, die hier im Dienste Gottes und der Religien und im Dienste der atmen kranken Juden erstanden sind. Er hat aus nichts, aus atlerkleinsten Ansängen so viel Gutes geschaffen das wir erhalten, erweitern und pflegen müssen. Das Vermächtnis. das er uns hinterlassen. soll uns am unsere Psttcht gemahmen. zur Ehre Gottes und des Judentums und zum Heile unserer Brüder zu wirken und zu schaffen. Tenn ein großes Werk ist heile fertig geworden, wird eingeweiht — doch es soll bestehen! Tie Hilie aller hat es autgerichiet. der Hilfe soll es dienen, die Hilie aller soll »nd muß und wird es auch erkalten. Ihr alle, die ihr des Lebens Wechselsölle kennt, die ihr des Zujalls tückische Laune erfahren. ihr werdet, wenn des Herzens Stimme rust. im Glück mit dem Euch Gott!erfreuen möge, oder m i/eifc. vor dem euch der Allmächtige bewahren wöge, dieses Hauses ge denken und geben und spenden, daß es bestehe und erhallten werde zum Heil und Wohl und Glück ter Kranken, zur Herzensfreude aller Guten, zu Gottes Ehre. Amen. Ho blribrn die fjrrrcn ttnbbintr? Löbliche Redaktion! tüic Zuschrift deS Herrn Landrabbiners in Nr. 1 Ihres geschätzten Blaitbs fordert bei allem persönlichen Widerstreben einer Zeitungspoiemik geradezu eine Replik heraus. Bor alllm sreut es mich,: ein io eifriges, sedergewardtes Mitglied, einen jo tt!kräftigen Förderer unseres Perbandes und seiner Interessen in dem Herrn Lerndrabbiner begrüße» zu können mit dankbarer Anerlernurg sür seine offene Sprache, für sein zielbewußtes Streben, sür i inen ehrlichen, markigen Appell an die Kollegen zum Zusammenschluß, zur Srganisation. Mit Freuhen konslatiere ich. uns in unserem Federkrieg doch . in mehreren Punkten m sriedlicher lieber einslrsnmung zu srhen. so besonders in brr Be deutftng des Verbandes, jn der Wichligkeit der tälsgihi Mftwirkung qller Kollegen, welcher religiösen oder! sonstigen Schattierung sie auch angehöran möge», unter Hintansetzung alles Persönliche» mit dem Blick aus das Ganze gerichtet. in der Schäftung cincs! eigenen LrganeS. Zusltmmen kann ich ihm jedoch keineswegs, zu jenen ,modernen" Waffen der Selbsthilfe zu greisen, wie Bohkoit oder passive Nesistenz. wenn ich auch zugeben will, daß man in Manch bittere. Stunde — und deren gibt es im Lieben des Rabbiners nicht wenige — besonders zu letzterem sich veranlaßt, ja sich gezwungen glaubt. Tie innige Liebe zu unserem Berufe, die bohe Auis»siung an demselben, die durch nichts zu erschusternde Treue zum Judentum, die warme Bcgeisteiruug. die alle Rabbmen den Landrobbsver besonder» eingeschlossen — erfüllt, ersticke» solche aussteigenden Eedanken in uns. geschweige denn sie zur Tat werden zu lassen. Wie die Juden unter den Nationen. jo ist der Rabbiner der Prügelknabe in der Gemeinde. Für alles wird er verantwortlich gemacht trotz der kleberzengung. daß rr gegen dies oder jenes, wozu man ihm die Verantwortung aufhalst, machtlos ist. Ist Streit in der Gemeindestube, gegen den Rabbiner ist alles einig, einstimmig. Ta wird man denn häusig e»tmutigt. verzweifelt, möchte man aus seiner Haut, aus seiner Lutte springen, versucht es. dem Rate ,guter Freunde" zu folgen, olle sieben grad sein zu lassen und sich um nichts zu kümmern, wird versucht, gleichsam passiv« Resistenz zu leisten. Doch nur kurze Zeit! ״Li וקו׳ ר ־הלי£' בוז .Die aus Gott vertrimen schöpsen neue Kraft, erheben ihre ge senkten Schwingen zu neuem Fluge, eilen immer wieder zu crneuter Berufsarbeit. zu neuer Wirksamkeit. unermüdlich, ungejchwächt. Nicht drr Rabbinerberus, nicht der Stand des Rabbiners, sondern feine Stellung ift es. die tief getunten ist, darin muß ich mir. blutendem Herzen dem Kollegen Landrabbiner beivftichten. Allerdings in sogenannten orthodoxen Gemeinden dürfte dem Rabbiner meistens noch jene Ehfenitellung auf die er ein von altersher überkommeges Recht hat. eingeräumt, noch jene Hochachtung entgegengebracht werdeii. die ihm gebührt. Aber in manchen anderen Gemeinden ist dies nicht der Fast. Um d«n Vorwurf einer Generalisierung zu begrstncn. sage ieh-ausdiückktch: ״in manchen״. Ta ist der Rabbiner den Gemeindevorstehern oit der »Metchorcs" der .Meichubett" modern der Domestik, manchmal der Beamte, selten der Serlsorgrr und dies nur dort, wo er erlittenes Unrecht verzeih«», wo er bei noch jo schwerer persönlicher Peleidizung oder Zurück-- ietzung veriönlich sein. wo. er aijr sein gutes Recht verzichte» ioll. Gilt es jedoch, dem Rabbiner öffentlich nur äußerlich jene Stellung zu geben, die die Geistlichen anderer Konfessionen emnehmen. wie bei Empfängen und ähnlichen oniziellen Gcleger.heilkn. wird er oft Übergängen. ״Nach dem Statut wird die islemeinde nach außen vom Borstchcr vertreten", lautet der Etnstur׳. Das ist richtig und soll auch io bleiben. Achtung dem Achtunggebührt. Ebenso ׳ehr gebührt aber dkm Rabbiner als^dem religiösen! Führer der Gdmcindc. das ist eine Tatsache. travitienell und. historisch hcgründet. daher älter als das Statut. ‘":בב—.׳ ב־;■S 'ד־בן •טדהי ע־ נבי־ der Rabbiner hat nicht das Rccht ans dir ikm gcbühtenbe Achtung zu verzichten, sagt der Talmud.s Eine indische Gemeiiide schädigt bei den Andersgläubigen ihr All¬ >chen. wenn sie das Ansehen ihres religiösen Führers herabsrtzt. Noch ntlimmcr in ici!,c Stellung nach innen! Dem Getriebe des Gemeindewesens wird er fern .gehalten. o»S aein'clbc» manchmal sogar ausgeichaltet. In retigwisn und rnnellen Angelegenheiten dars er eine .Wshtmeinung״ haf>en. d:c im Plenum ׳elkst zu enlwtckeln und zu verleidigen ihm hier oder dort unmöglich ift. Ein Poisleder Hai entschirden. nach! dem Statut dürse der Rabbiner überhaupt zu Iciver Sitzung geladen werden. ,Wir lassen uns nicht verklerikaltsiereb. von einem Piaffen lassen w^r uns nichts vorschreiben", rufen andere Stimmen. Es ist ein müsssgeS Gezänk ob eS im Judentum Priester und Laien gäbe, oder nicht. Daß es Gelehrte und Ungelehrte gab. hat die für die Schwächen deS Juden- Inms io treffsichere christlich»: ■ahcologic bis heule allzeit weidlich ansgonützt. Gerade darum sollen sich beide gegenseitig schätze» lernen und zur gemeinsamen Arbeit verbindet» zum Wohls der Gemeinden. Aber den Wissend«» gebührt Achtung, nicht sklavische Autorität.' wo»! aber das tritt W 0 r t und das auSgsebiaftc Gehör. Das Recht, ja die-Pflicht des Rabbiners in reltgiösen ober rimcllen Angelegenheiten auch gegen solche Be'chlüffe der Gemeindevertretung seine Stimme zu erheben, wird als Peibrechcn bitrachtel und bestraft. Ein solcher ist rin' Krakehler! ein Friedensftörer. schließlich ein Tvmesttk. der zu lschwrigen hat. denn den' Brot Tu ißt. drsi" Lied fTZ singst. Einem solchen wird der Broikoib höher gehängt, ihn sucht man nicht nur moralisch, sondern auch materiell zu schädigen. Das ist unsüdtsch. unmoralisch. Ja. selbst das Recht sich zu verteidigen. ist dem Rabbiner oft verwehrt. Liegt irgend etwackgegen den Rabbiner vor — und gewiß kann auch sr fehlen und irren, denn niemand ist unfehlbar,!nicht der Rabbiner, auch nicht der Vorsteher, jö wird über ihn einfach der Stab gebrochen, über den Abwesenden hergefallen, seine Ehre angegriffen sein Ruf geschädigt. Das dringt aus der sogenannten geheimen Sitzung bald in die Öffentlichkeit und wird in öffentlichen Lokalen besprochen, kommentiert Mtnttiert und entstellt. All diesem steht den Rabbiner machtlos gegenüber.' " I Diese Zeichnung der Stellung eines Rabbiners dürste selbst Ihnen. Herr Landradbiner. fast zu düster erscheinen, und ich will!auch gleich betonen, daß die geschilderten MißstSude sich nicht überall finden, sondern dem Rabbinckr in der eine» Gemeinde dieser in der anderen jener, in der dritten beide begegnet sein mögen. Täotz dieser gesunkenen und herobgewürdigten. Stellun» habe sch die feste Ueberzeugung. daß die meisten!Nadbinen nach dem Worte der Spruchdichters: ״Gradeaus seien deine Augen gerichtet und aus das Rechte deine Blicke" nackensteis und furchtlos ihre Stimme für Wahrheit und Recht für Religion und Jp den tum erbeben und Verbreitet Hickls ״Jüdischen Volkskalender".