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Jüdische Volksstimme · 1909-02-20 · 6 (20.2.1909) · p. [Seite]

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Journal
Jüdische Volksstimme
Volume
X (1909)
Issue
6 (20.2.1909)
Date
1909-02-20
Page
[Seite] (sequence 1)
Language
German
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X. Ashrg««-. Unntmer 6. Jütisch lilksstiiN Für Lstrrreich-Ungarr, halbjädrig . . . Lronen 3-60 ganzjährig.Sroncn 7 — Deutschland, ganzjährig.Mark 7.— Rußland, ganzjährig.Rubel 4-50 Krag. Kr«««, 20. Februar 1000. 20. Schebat S^SS. Tr«^.Indisch« Bolkrstnnchi 1.. 10. und 20. etn«4 Redaktion und Administranön O»ckd«»dleriscke VertretattH: Pofnparkanakonto - Prag. erscheint am j^bcn Monate«. Brünn. Ädlergasie S. Ott» fllnra, Ln»si§. Rr. oflA Ä;rw und Mrndes. Bon MoseS Waldmann. Was hobt» dic miteinander zu schaff!»? Welche Beziehung besteht zwischen dem Parnajsicn aus Frankreich und dem axent provocateur ans Rustlond? Was verbindet den Erzähler erotischer Geschichten und den Blulhändlcr der russischen Revolution? Etwa, der Zusall. dast der Tod des einen und dic Schurkereien des anderen in denselben zwei Tage» den Gc'prächrstoff aller Kaffeehausbcsuchcr von Tubli» bis T'sl's bildeten? Nein, nicht das schasst de» Konnex zwischen den beiden Männern der Woche. Auch nicht die Tatsache, dast der eine wunderbare Situationen crsand und der andere in schrecklichen Situationen dic Hrldcnrollc spielte. Nein, docschlägt leine Vcrbindungsbrückk zwischen dem französischen Schieiber und d>m russischen Räuber. Etwas anderes isls: ihre;',u. gehörigkcit zur jüdische» Rasse. Ja. beide sind dem jüdische» Stamme entsprossen, beider Ahnen wurden gehetzt von Land zu Land, beide haben in-ihrcr Jugend jene wundersames altchaldätichc Onodratschrfft. lesen gelernt, die aus der Kindheit der Welt stammt und dem kindlichen Gemüt vcitrant cntgegcnlacht. Beide wollten hoch hinaus. Beide sühltcn dic Fesseln des Judentums. Beide haben sich von ihrem Volke cntscrnt: beide sind sie Renegaten geworden. Tic vorige Woche brachte uns diese Kunde. Berichtete »ns. dast wir einen Juden verloren. Jewgonij Azew. Es ist kein Grund stdrhändeu darüber z» lachen, denn eist als Mcndes starb, ersuhrrn wir. dast er Jude war und als Azew »erdarb, da gellte cs uns in den Ohren, dast .er Jude sei. WoS sollen wir nun beginnen? .lieber den Verlorenen weinen, oder uns über den Gewonnenen sicucn? Last! uns vorläufig jeder Kundgebung enthalthn! Betrachten wir uns «tnmal diese zwei Juden geraticr! llnterjuchen wir iic ganz objektiv und vergesst» wir für einen Augenblick, dast sic jüdischen lliiprungs sind. \ Eatullc Mendös ist der Ältere, ihm gebührt der Vorrang. Ern rcichbegablcr Sekrijtsteller von onerjkanntcr Bedeutung. Ein Schönredner und geisl voller Erzähler. Ein Mann, der zuerst dem Erfolge und dem später der Erfolg nachlies. Ein Kritiker, wie stvcnig andere. Eine respektable Arbeitskraft und eine; tätiges, erfinderisches Gehirn. Ein Mensch der viel geliebt und viel genossen ei» flotter Kerl, der aus Bretterbühnen und au, Konscrcnztiich. bc>m PscrdcrcnncnVnnd im Konzcrlsaolc. nn noblen Restaurant und im Seebad, in der Kneipe und im, Rat »Hotel. hc׳>n>sch und bekannt war. der bcstriiicnd zu »ländern verstand und keine Prüderie kannte. Ei» gcschncidigcr Weltmann Up to date, ohne ausgesprochene pivchiitbc Struktur. Toch wagen wir cinn al nach dem tieferen Jilhalt d,escs Menschen, nach dem bleibenden Werte ,einer sei» gedrechselten Red nvendungcn. nach dem Ewigkeilshauch, der durch sein! ziselierten und kunstvoll verschlungenen Verse zieh! Nach dem Lebenszweck dieses Erotikers! Nach dem Ideale seiner Jugend, nach den Taten seines Marncsaltcrs. nach den Gedanke״ seiner Greisentag«? Nach dem, was den Menschen erst zum Menschen macht und ihn hinaushebl aus dem Wust ׳ Fenzen wir nach seine.» LebeMtoerk nach dem tieferen Wesen seines Werdens!!Pis wird uns zur Antwort werden? Nicht» anterrSals: Der in seiner Jugend trotz vieler Äußerlichkeit dennoch wahre Dichter Eotulle Mendös ward. ׳»Ster ein dekadenter Feuilleton. Erinnerungrn an meine Gaffe.*) Bon Prof. Tr. Max tvrüuieid. I. Hunger. Er pflegte von sich zu sage», und sein gcflügelles Wort war in der Gasse weit verbreitet, ״Ich will mich nicht rühmen, aber so eine» Baal Jissurim ,Schmerzensreichen!, wie ich eS bin. gibt cs in der ganzcn Xillah ״ich,'. Ter Ruhm der Schmerzen: eine Ausschrist jcheint dies Wort zu sein, wert ein Kapitel über den Pessimismus zu bezeichnen. Die Leute der Gasse bewunderten ihn aber nicht so sehr wegen seines Ucbcrreichtums an körperlichem Weh. desten er sich rühmte, als vielmehr wegen seines gesegneten Appetits, der sicilich mit den Schmerzen schwer in Einklang zu bringen wäre. — Das Ortginol des Ghettos, das die Galerie absonderlicher Gestalten, von denen wir ein weniges erzählen, wollen, eröffnen soll, dieses Original, das sich selbst' seiner Schmerzen rühmte, und dessen immcrwil^tA Hunger bewundert wurde, hieß Bachar Meter (spr. Majer). — Baehur nannte man ihn. trotzdem er verheiratet gewesen. Freilich war sein Weib nach kurzer Ehe von ihm gegangen. Und so wurde er als Junggeselle betrachtet und als solcher bezeichnet. Im väterlichen Hause hatte er das Leben von drei Seiten kennen gelernt: Einmal von dem Gesichtspunkte, daß der jüdische Knabe nichts -bcizeres tun könne, als Tag und Nacht in der Torah und im Aus dem »Jüdischen BolkSIatender-. VI. Jahrgang. Talmud zu studieren, daun, dast das Sichiattesscn zwat sehr angenehm für den Magen und das kör perksche Behagen sei. man PSoch den Hunger als eine! Schickung des HimmeiBH he trachten müsse und endlich war ,hm vom Bckier, der rin großer Ge lchrler vor dem Herrn geipAti und dic Rot des Daseins in ihren mannigfavttzen «richeinungssormen kenne» gelernt hatte, eingtsthirst worden, sein Joch mit. Ergebung zu tragen, WCsich zu sein gegen dic Menschen und jede milde^Dstbc ohne Murre» anzunehme». Majer Bachar k»g also, was ihm das Leben susbürdctc. mit Ergebung. Er studierte stcistig. hungerte noch fleißiger. gtcksttr den Vorsteher sehr ehrelrbietig und nahm die Ncgelgaben fromme Spenden zu bestimmten Zpiteip mit .Dankbarkeit und einem rührenden LLchgf». welches zrr besage» schien: »Wenn ich mich in einmal saltcsscn könnte." ך- Au gewissen Tagen. b8«*-oh Putim. Pessach. Sirnchat'Torah pflegte ma» sich am wohldesctzten Tische seiner zu erinnern. -a,gn lud ihn ein. den!Festtag mitzuseiern. danfl/er an diesen heiligen Zeiten dic Hungersympshim» Magen anshmmte. zum St wunderung betrachtete ihl wie er mit unheimlicher " der Kuchen. Pcssachkn Orsiis seines Magens v, an dic Schmerzen gar die sein knurrender bringe. Mit Bedic Gesellschaft, digkeit Unmengen d Dalken, in. den liest. Man wellte 1' gl üben, deren er sich rühmte, erstaunte vielmehr ube den Appetit, mit dcirz ihn der Herr gesegnit — lnd Maser hungerte weiter, nachdem er für AHgeni icke die Freuden des Sattseins genossen. — Unb fragt ihr mich nach der sonstigen Beschästrgnag W jers? Eine solche ein Errolgshascher. Schlemmer, ein Glücksjägci. c,n unsteter innerlich widcrspr ichsvollcr Geist, cm Zyniker und Genußmensch. Ei, Individuum, dessen Wenn nirgends dauernd Wu, z< losgcrisjcn war von seiner Vcr zangenhcit. das keine zcln geschlagen, das sich hegte, und tief ald eine Sache ausnous le dünge" Hoffnung aus eine Zukunft ir innerlich zerrissen war. Eine jener Natur,», dic 'tosten und hiebei sagen ,.Vpisi sich hernach aber i» verzückten! heiligen Gleichnissen gciallcn. Ein Geschöpf ohne!soziales Verantwortlichkeiisgciuht und doch änstcri-ch gegen jedermann lirbenswürdig und oft auch! hilsrcich. lind als Künstler? Rach den Zeug»,Pen, seiner Freunde. Bald Poseur. Essckthaicher und Pornograph bald auf dem Kothurn hoher Künstteiwürde, im Grunde jedoch ein Tausendsassa, dem jedes Mittel gut genug erschien, um das Publikum zu packen. Freilich verstand er sich ans Mätzö cn und gab jeder Schweinerei den Anstrich des nut den Anstrich, denn hätte «r echte Kunst gegeben. toncs wegen gewig wir nun nach der hat als Zwitterding. so würde ihn der Wahl seines kein Vorwurf treffen. Frager Wirkung, dic er ousgeübt: er weder Orientale noch Vollsrmzose den Schmutzpsuhl. der in Frankreich besteht mit Jauche gefüllt: er hat die Z.crictzung der Mor il des Pariser Lebens gefördert, er hat dem gesunden, normalen Liebestrieb, welcher der französischen jeanesse doree vielleicht noch in geringem UnzuchHgetüste verwandehr Maste, eigen war, in zeboffsi. Mit einem rr .bar, soviel sr. verntochle. das .ffcr. Leben des Landes, in welchem der Drevsußprozes: Eiterbeule am Körper spielte, verseucht, er war eine des Volkes, in dessen Spracht er schrieb. . . . Jcwgenij Azew. Ein So in armer Eltern, der frühzeitig Elend und Rot ke! men lernte. In der 1 nte" must doch der Mensch haben weise, ausglcichendc Wcltordnur g Beschäftigung oder Beschäftigt n> fach und b»»t genug. Er ״Ir und sagte dann den üblichen Scclcngcbcl. DicicS fromme Mehr brachte schon ei» and, Maser crsrcute' ffch auch einer darüber zu wachen, dast das der Killah genoß. Koscher ,rrt» ligc Stelle eines ״Mafchgiach er mit Ansland. Würde und i Hastigkeit. 50 Gulden österrci Münze war sei» jährlich Geh amtliche Bcauijichtigung von stände ausgesetzt wurde. — I trichterte er de», oft etwas Harfe! jugcnd. dic überlieferten 6, unterrichtete er auch Mit hei;! Torah. und einige Auserkoren: verschlungene» Pfaden der Das Honorar, das er erhielt, nicht verhindern, dast sich wohnbcil des Hungerns cntlesti lind doch hatte dieser andere zu sorgen, iür eine zi! sich zu kümmern. Nicht, als ihr Andenken sei gesegnet - hätte! Dazu war sic zu Vst uh gangen. Nein, nicht Kind er dieser Idealist, der das Jdsc, Magen» nicht zu erreichen alles .— die Tiere. — Dachkammer mit dem Hausroste Mi Jha Uünstlcriichcn. Aber dies hat ichon dic g eingerichtet. Masers gen waren munuig für Verstorbene Rabbonim-Kaddisch. Amt trug wenig ein. ces Geschärt. Denn Anstellung. Er hatte Fleisch, das man.in U sei. Dicic wich- -Ausschcrs! versah r nötigen Gewisseni bischer Konventionsjt, das ihm sstr diese >cm ehrenfesten Vorseinen Mußestunden » Kopien der Killahcbctc ein. Manche .׳.u Bemühen m der geleitete er aus den chna und Gemara. konnte cs durchaus liajer der üblen Gc° 9*. Hungernde noch tut ,1! ttilich große Familie ihm sein Weib — Kinder hinterlasicn von dem Bachur geumgaben ihn: aber!al eines gesättigten iermochtc. liebte über umgaben in seiner auS Nrväterzciken. 1 b AussiellungsrSume •der Möbelfabrik SIGM. DEUTSCH & Co. befinden sich nun — ndsgasse 31 (Palais i. 1 k. Fp«zl1»istSir*kttn). i s•“ Ufrbreitet Dickls ״MW« Uolkskakndcr” 5669. -•a

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