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Jüdische Volksstimme · 1905-10-15 · 20 (15.10.1905) · p. Seite 3

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Journal
Jüdische Volksstimme
Volume
VI (1905)
Issue
20 (15.10.1905)
Date
1905-10-15
Page
Seite 3 (sequence 3)
Language
German
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NTr. 20 Jüdische Volksstimme. Slite 3 (.׳!׳picht verzerrte sich, die Augen wurden stechend, und mit verzweifelter Wut schlug sie um sich. — Ais die beiden Geschwister längst verschwunden waren, vergnügte sich die kleine (:!•Seilschaft von ״Uliristen* noch lange damit, ilie schönsten und bewährtesten der Juden- Schmähungen in den Abend hineinzurufen — nur so. zum Vergnügen. Um jene Zeit trat mir der Zionismus zum ersten Male anders als episodisch näher. Es tagte der dritte Kongreß in Basel. Ich wallte kaum mehr als den Namen und kaum (des Namens Bedeutung. Da geschah mir. daß ein .Mi iischeumund mit wunderbarer Gewalt zu mir -,!rach. Es war zuweilen, wie wenn ein Kind schüchtern redete, stockend, zart, bange, ob es Wiederhall fände. Und dann, und wann überzog 11!׳׳ scheue Böte einer unberührten Seele das Antlitz dieses Menschen. Es war so. dati mir ,las Herz, stille stand, rührend und heilig, l'nd dann war es wieder, als spräche er mit ehernen Zungen, als brausten alle Glocken der Welt über mich hin. Es war kein einzelner Mensch mehr, urgewnltig zogen die ungeheure Selmynrht. Wunsch und Wille eines ganzen Volkes wie mit Stromesgewalt daher. Ich weil! nicht viel vom .Kür und Wieder"!111,1 habe nie viel darnach gefragt. Es kam über ״!ich wie alles Groll!* im Leben und wie das I.״h!‘11 seihst — kam und nahm mich hin. Ich denke nicht, ,lall es für die Bewegung Wert. Sinn oder Bedeutung habe, ,lall Menschen wie ich ihr angehören. Doch für mich ist es herrlich, dal! im Leben Dinge wie dieses über einen kommen können, Dinge, vor denen sich Zaghafligkeit und Zweifel verkriechen wie armselige Nachtvögel vor der Sonne. — — — Zuweilen fand ich Gelegenheit, mich vor dein oiler jenem für den Zionismus zu bekennen. Da kommt zuweilen Köstliches zutage. Von .Mißverständlichkeiten und allgemeinen Phrasen der Erwiderung, ge,lankenlos. schnell und schlecht geprägt, braucht man nicht zu reden. Sie sind nicht gar erquicklich und sehr häutig. AI־!׳״ manchmal lindet man einen jener ״Ueber- I! geilen״, die ein so prächtiges und mitleidiges Lächeln zur Antwort haben, das da heißt: .Armer phantastischer Teufel!“ Hinter jenem Lächeln steht ein dürftiges Wörtchen .Ich״ und fragt: Kommt dabei etwas für mich heraus? (>. vor jenem mitleidigen Lächeln der l'eherlegenen fühlt man sich so königlich reich, jung, stark und verschwenderisch. Es ist. als ob über jedem jüdischen Haupte ine Dornenkrone schwebte. In dem Auge des kleinsten Kindes leuchtet als heimliches•• Feuer der tausendjährige Schmer/., Und ihr Lächeln schimmert von heimlichen Tränen, l'nd alle Seelen umspannt festgeschmiedet ein einziger starker Keif — unbezwinglieh, die alteSehnsucht nach der alten Erde. Zionist ist jeder Jude. Das ist wahr — nicht jeder weil) es. nicht jeder bekennt es. Aber im tiefsten Grumte aller Herzen wohnt das ersehnte Land — ein unsichtbares Königreich. Nur ergreifen müssen sie es. heraussteilen. > iid es ist da. und der Duft seiner Erde steigt auf. ein gewaltiger Wundertäter, und heilt Deine uitii len Wunden. Du altes, krankes Edelvolk! Und wenn Ihr wie,ler werdet Herren sein Eures Landes, dann wird ein Buch Eurer Ge- *eliichte geschrieben werden, herrlich wie die herrlichsten Bücher der Erde. Da wird stehen 'ס"! Anbeginn Eures grollen Elendes, von dem Tage, da das gräulichste Verhängnis Euch zu hrenden machte, von dem Tage, da Eure Heimat ihre treuesten Kinder verstieß, und es wird reden von jeder Tat, die unter Euch geschah, und von jedem Wort, das unter Euch gesprochen wurde von damals bis zu dem Tage da Ihr wieder einziehen werdet, um Besitz zn ergreifen von Eurer Muttererde. Tiefer als .Meerestiefen wird die alte Schwermut aus diesem Buche leuchten, und alle Herzen werden ',in ihr beben. Eure große Sehnsucht wird wie ״in namenloser Stern darüber stehen mit süßverschwiegenem Glanze, wie von Blut und Hosen. Eure Leiden werden aufgezeichnet sein, ja. einer wird kommen, der mächtige Worte linden wird für Deine Leiden, Du altes Volk! Und strahlen wird ihr Glanz über alle Länder, und alle Menschen werden sich ihnen neigen, und Du selbst. Du altes Volk, Du selbst wirst sie lieben, die heute tief verhaßten! Wie mit einem Kranze aus Maienblüten wirst Du Deine Stirne mit Urnen krönen, und wie FrCudenfeuer werden sie über Deinem Eestesreigen loh n! Da wird Dein blasses Lächeln von Deinen Lippen schwinden, das niir Wehmut im Herren weckt, und lachen wirst Du — hell wird Dein Lachen klingen, wie Davids Harfenklang.' Und stark wirst D11 sein im (:,׳,lenken dann! Das wunderbare Buch. Deiner Geschichte wirst Du ausbreiten vor Dirl Dein junges Kind wird auf Deinem Schoße knien, und Du wirst ihm die dunklen Bilder de» Verbannung weisen. ן Da werden enge Gassen sich aufbauen. Hauser voll Arnnpt und Jammer, da werden aufstel|«*n. bleiche, gehetzte Dann wi! Geschichte wt mul Paläste Deine Söhne schämen sich bares! Aber im schlechte Du lässe fallen auf da Deiner Märtvil! mit kein Deine Menschen Hebernden Augen,־ da werden Schmäl reden ertönen und Steinjwürfe!liege,i. Da werden noch andere Bilder aufz eben Blut wird!ließen und des Leides wir I Ende sein — — Ihr Leben werden Kinder für Bjcli lässen. — — t Dh das dunkelste Blatt;)einer nden. Da stehen Häuser voq Stein mit prunkenden Portalen, daijin!aus,in. Und Deine Söhne haben steinerne Wä!lex11m ihr Herz gelegt und goldene lesseln dam n geschmiedet. Und wehe, sie )einer. Du altes Volk. Du wunderi,*he. mächtig ist Dein Blut noch teil der Deinen, und aufstehen und Zeugnis abwird es widc)• seinen Willen legen wider ihn. I t Deine bittersten Tränen nieder- Blatt Deiner Schande. Das Blut 1׳ wirst Du in Strömen darüber leiten, daß es rt'in wasche, daß es rein wasche — Schon bl ckst Du auf das Kiiul aut Deinem Schoße. ' j Doch sie|— über alle Bilder von Wut und Schande sieht! es hinweg, hinaus mit Goldaugen blickt es. Nicht mehr der Moder enger Gassen stellt vor ihml nicht Schrecken der Verfolgung und Greuel des Verrates — in Dein, gelobtes Land seliaut es mit ges,*g11ete11 Augen, der Duft der Beben zieht zu ihm herein, und da blauen Deine; Berge und Dein tiefer Himmel im Zauber dek Hohen Liedes. Wie ich Dich liebe. Volk der Schmerzen! Wie stark Dein Herz ist und wie jung geblieben! Nein, nicht eines anderen sollst Du werden, nicht sollst Dif untergeben im Gewirre fremder Völkerschaften. Im Unterscheiden liegt all Deine Schönheit, alles Glück und alle Freude in der Erde. Dein eigen bleibe! Um Deiner alten Herrliehkeit willen: um, der Pracht Deiner Könige, um der Gewalt Deiner heiligen Gesänge, um der Liehe Deutes zürnenden Gottes willen! Bist nicht müde geworden an Deiner Größe, nicht welk an Dciqem Duhm, bist nicht gestorben an Deinem unsagbaren Leiden, bist nicht verdorben an Deinen grellen Lastern, bist jung und stark geblieben. Hast keine Erde 111« Deine Wurzeln, und!Sturm braust 11111 Deine Zweige und blühest dennoch! Wie ich Dich liebe! l.nd wie Dein Bhq kreist und braust in Deinen Adern und liiituner trüg und schlaft ward! Tragend Wie Schwingen raubender Vögel, stark wie der ]Wein Deiner Berge! I Wie ich Dich liebe. Du \olk aller \6lker. wie ich Dich .^egne! (.Die Well)־.) Brunna־ Nachrichten. Aus der Kultusgememde. .Werden in diesen heiligen Bäumen, wo ich heute Tausende1 sehe, sich sonst wenigstens Hunderte wnlliden?" Diese Frage richtete ׳Dr. Uwy in seiner Antrittsrede an das!*ublikum. das" sich am 17. September im Tempel zu seiner Installiijnuig eingefunden hatte. Hätte Herr Dr. Lew di» Brünner Verhältnisse nur ein wenig gekannt, dann hätte er: an den Vorstand der Kultusgememde die Bitte richten müssen, den Mitgliedern unserer Gemeinde den Tempelbesuch . nicht zu erschweren, er hätte ihn bitten müssen, die primitivsten \orkehnmtrefl'enj um den Tempelbesuch nicht zu gen zu mit (den;rlri,<ena n־; etwas *rdei an Bitten lell. zur Sf<“ lebe 11,'S iftt ei der I .'*)worden, würde 11k- 1u)d W el> einer Pein, den Aufenthalt im Gotteslu iise picht zu einem gesundheitsschädlichen zu festalten. Wir wollen nicht an die Agiotage Tempelsitzen, nicht an die roten, wasS den Wände erinnern: wir denken anderes. Seit Jahr und Tag schon w den Vorstand mündlich und schriftlic und Beschwerden gerichtet, die dalli 1 daß doch endlich einmal etwas gesc Abstellung der so überaus großen, die Gesi 11,1heit der Tempeiliesucher untergraben, en luft. die ganz besonders in den hinten 11׳ Bl reihen so sehr empfunden wird. Doch vergebens!. Heuer wurde mit großem A nftva 11,1» an Geld und Geschmacklosigkeit eine lemJvi״— rung des Tempels vorgenommen. Ansta Tores wurden deren drei gemacht: zug ist dadurch ein noch größerer; aber für die Unterdückung desselb! nichts getan. Warum .beruft man nicht den Herrn Baurat Fleischer, damit er rale. wenn schon die Herren Kepräsentanten mit len lii,— sigeu Baumeistern nicht die. große!VeiUieit aufbringen, hier Abhilfe zu schaffen? D e 11, 11,11 Herren haben sich rasch zwei Bänke s ufstfllen lasse*, um äußerlich ihre hohe Wf)r>lc Schau zu stell,üi; dazu waren Mittel heit bald zur Hand, aber die misera ihren' (i Kronen-Sftzen. die mag sich Woll-Talles hüllen, wenn sie nicht rhe werden will, oder aber ganz zu Haus. Hier muß endlich einmal Abhilfe; werden!! Noch Eines! Unser hochverehrter Herr Präsident ist ja stets ,*in Freund der iberat, Herren im Buthause gewesen, eh, stube verließ. Vielleicht gelingt es ihn zusetzeii, daß tjocli endlich einmal Tempolgasse — kanalisiert werde, ladet er Herrn Gemeinderat Lustig Tonqiel zu kommen.*,lamit er auch diejGcrich der Tempelgasse in sitli aiifnelmie (eia uuangenehmes, aber nicht so gefährliches 1 egii 11,11 als das Demonstrieren am Volkstag,■) und sodann den ׳Herrn Bürgermeister inte! peH. er,׳. Ein Tempel am Ufer der lieblich ,111ft,a)d,*11 Ponawka. der andere in der ebenso voll ebenden Tempelgasse: wahrlich, wir sin» beneiden. Der deutsche Volkstag. Wie wir bereits in der letzten Ciiiljmer unseres Blattes unseren Lesern die M ttei 1111g machten, fand Sonntag, den 1. I )kt, her deutscher Volkstag statt. Der Zweck de - tages war. gegen die Errichtung' eine)• chischeu Universität in Brünn Stell nehmen. Die Tschechen veranstaltet diesem Anlasse gleichfalls einen Volkstag. Es kam sowohl am Sonntage, als auch an!)len folgenden Tagen zu Zusammenstößen, <li׳׳ Dimensionen amiahmen. daß Militär z ir Aufreehthaltung der Ordnung und Buh,- lierai zogen werden mußte.. Es wurde w ahrt ch I on beiden Seiten Kulturarbeit geleistet. U11: er,* Aufforderung a!1 die jüdische Bevölkerung )rät ns. sich von den Demonstrationen feniez! dial 011. war. wir freuen uns dies konstatieren zu :öni en. vom Erfolge gekrönt. Bis auf wenige Ausl ahi) en. hat sich die jüdische Bevölkerung Briii 11s , jhI Mährens ferngehalten. Die Juden uns,*rep Kl)«,- zur . i— mit in iiircn 1!mal Del! blei »11. ch! ff-11׳ qie ltalsdu r,־h- 1 lieh iell, ,111׳ in lie ich! 1,11!!indes kommen langsam, wenn auch pät.lzwr Einsicht, daß >-s im Interesse miserei V<! 11sgenossen gelegen ist. sich von fr,■nidnali,nuten Veranstaltungen fernzuhalten, i Der Fackelzug. ין Anläßlich des deutschen Volkslage• W11|1lc von den Brünner deutschen Vereinen 7.1 Eh ,11׳ der Beichsralsabgeordneteii eil, Fackelz ig ז eranstaltet. Die Juden beteiligten'sich auch lei .dieser Demonstration bis auf ein kleine: Häuflein nicht. Kaiserlicher Bat We ß. 1, r unsem Lesern wohl von den letzten Cult 1gemeindewahlen in Erinnerung sein dpi ו konnte es sich nicht nehme!! lassen!111 < ein Fackelzuge teilzunehmen. Seine Heilrufe ga!,11׳ jedermann zu wissen, daß man es mit ein germanen. dessen Wiege in Boskowitz ges an,!*11. zu tun habe. Die Benei B'rithloge. der! 11 Mitglied Herr Weiß ist. täte gut daran, in ilitriu Vereine jüdischkulturelle'Arbeit zu leist, 11. Eist wahrlich beschämend, daß Benei B'rilhbrüder sich dazu hergeben.. deutsclmqtio1)al<׳ Politik zu betreiben. Verlanget in Gast- und Kaffeehäusern die ״.Jüdische Volksstimme -. ein Volklg ' 7.11 aus

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