Jüdische Volksstimme
- Journal
- Jüdische Volksstimme
- Volume
- V (1904)
- Issue
- 24 (15.12.1904)
- Date
- 1904-12-15
- Page
- [Seite] (sequence 1)
- Language
- German
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, ."V- Jabrgang. Wrünn, am 15. Dezember 1904. mr. 24. Bkzuqspienr: mir Criievrcidi Unflavn halbjährig K J-Jt!. -י K 1 mtl '4o,t;u,cnd1mg: Teuttckiland gan;jädng Mart l׳'-": Nichland ar»r;1Äln1a *,uKsrtiiDCH, ormirirtdi, Italien. Türke:. :Kumänicn, Serbien. Bulgarien um;׳ .׳ - •lw :He-atn;׳n und Ädmui,׳i..m.Bru:: Die ^Iüdn'cüe׳Beltvüimmc׳:׳. ״ in: ai Budidant'lenicbe Perlremne. £ ne ׳; ',cjiim, Vctl';:>\ y.׳־ Achtung! Mit der narbste» Nummer liegidnt der >1. Jnhr£a11£ Unseres Itlattes. Wir ersuchen um rechtzeitige Krneueruu^ des Abonnements, damit in der Zuslellunpr keine I nti‘ rb recliu Mit Itie Administration. eintrete. ilrbrr die nationale Stellung -er Juden in Ungarn. Boa i. H. Ungarn bilbrtt btftits im frühe» Mittelalter ein Reservoir für die Jude» der benachbarten Länder. Bon Westen drängten die letzten Aurläuser der deutschen Juden ins Land, speziell dir jüngeren Söhne der Familien, welche mangels Ehcbewilligung sich zur Emigration bcmüssigt sahen. Born Osten her eatjendc. ten die russischen und polnischen 3yfttn Landesaugehörige nach Ober Ungarn. In Ober-Ungarn trafen somit zwei Kategorien von Juden zusammen, welche durch ihre provinziell verschiedene rabbinisch» Literatur und die aus derselben entstehende Divergenz bei gewissen religiösen Zeremonien auf verschiedener Basis standen, und welche untereinander weniger Berührungspunkte hatten, als mik den Juden aus den Ländern, aus denen sie stammten, und deren Traditioncn sie in dieses Land mitbrachten und verpflanzten. Auch im Süden Ungarns wurden Juden von einer dritten Gruppe vorgeschoben, nämlich von den spanischen Juden und machten sich selbe alsbald in den kroatischen und jlovcnischcn Landesteilen, im Banat und in Siebenbürgen seßhaft. Es bilbeten sich somit geschlossene jüdische Kolonien, läng« der ungarischen Grenzen, in den Gebieten, welche von den Rationalitäten bewohnt waren, während die Milte des Landes, das Aljöld mit seiner magyarischen Bevölkerung, von Juden ver- HSltnism«ig nur wenig ausgesucht wurde. Die MÜPen blieben jelbstvktftändlich bei ihrer früheren, au« dem Mutterland« mitgcbrachtcn Lebensweise, zumal in Ungarn-im Großen und Ganzen den Juden an Bewegungssrcihcid und an Erwerbs- Möglichkeit dieselben Beschränkungen auserlegt waren, wie in den Rachbarländern; aber immerhin war die Lage der Juden in Ungarn eine weniger von der Willkür der Behörden abhängige und unsichere wie in den Nachbarländern. Rur so läßt er sich erklären, daß Juden, welche aus den Habsburgiichen Erbländern, oder aus den Ländern der böhmischen Krone vertrieben wuiden, nach Ungarn sküchtcten. und dies, auch noch zu einer Zeit, da bereits alle drei Ländergruppcn unter einem Szepter vereinigt waren. Als Umgangssprache gebrauchten die Juden, ipezicll die aus Teutichland cingcwanderten, den jüdischdeutschen Jargon, dessen sic sich inmitten der nichtdeutschen Umgangssprache der Bevölkerung im Berkehre unter einander bedienten. In diesem Gebrauche der deutschen Sprache als Umgangssprache, wurden die Juden dadurch unterstützt, daß die habsburgiichen' Herrscher, welche seit dem lö. Jahrhundert in Ungarn regierten, die deutsche Sprache als Landessprache bevorzugten, uno ihr neben der lateinischen Sprache, der Landessprache jener Epochen, eine hervorragende Stellung im Lande einräumtc». Dies war umso leichter möglich, als die in Ungarn lebenden magyarischen und nichtmagyarischen Rationen, noch nicht so sehr in ihrem nationalen Bewußtsein gestärkt und in ihrer nationalen Kultur entwickelt waren, daß sic überhaupt den Gebrauch ihrer Spräche >m Lande als Muttersprache gefordert hatten. Zu der Zeit gab cs keine nationale Frage, weder für die in Ungarn lebenden Rationen, noch um so viel weniger für die in Mute dieser Rationen lebenden Juden. Es hatte auch stkbiwsrständlich der Mangel eines stark ausgeprägken nationalen Bewußtsein;, sür die inmitten der betreffenden Ration wohnenden Juden den Vorteil, baß ein Faktor weniger vorlag zur Förderung des Antiftmitismus hätte, nämlich der Nationalismus. Ex» die gcrmanisatorischen Bestrebungen Kaiser Jaftss II waren es, welche auch eine nationale Regung unter den Volksstämmen Ungarns, jp^tell unter der magyarischen Nation Hervorriesen und welche zum Kamps gegen die Vorherrschaft der lateinischen und naturgemäß auch der deutschen als landessremdcn Sprache führten: dieser Kampf wurde auch unter den solgenden Herrschern geführt, bis er unter der Regierung unseres derzeitigen Monarchen Kaisers Franz Joses I. zu einer vollständigen Berdiängung der deutschen und einer jeden anderen Sprache aus dem öffentlichen Leben Ungarns und einem Siege der magyarischen Sprache endete. Run trat auch an die Juden die Ausgabe heran. mit der deul'chen Beskchrsiprache zu brechen, und-!sich an die neue Spräche, die ihnen bis nun vtm! größten Teile fremd ׳ ivar, zu akkomodjeren. Es ' wurden in den nichtmagyarischen Gegenden Staat:!schulen mit magyarischer Bortragssprachc erricht.!, ' und die bis dahin! bestandenen anderssprachig:!! i konfessionelle» Schuleh in den von Richtmagimten bewohnten Landerteiley Ungarns zum großen T-i.e!aufgelöst. Allen voran gingen in der Bereitwillig-; feit, ihre konfessionellen Schule» mit 5taats׳'cht1'.:n!zu venauichen die jüdischen Gemeinden: es ver ichwividcn die jüdisch-konfessionellen Schulend » denen größtenteils der Unterricht in deutscher' Sprache geleitet wurde, und die jüdischen Kinder waren die ersten, und!oft auch.'die einzigen, milche die magyarischen Stnotsschulen in den nichtmagyarischen Orten sienqucnticrtcn. Sie stießen׳!r doch, während sie sich einerseits das' Wohlwollen oder wenigstens eine ihcht ungünstige Haltung der׳ Regierungsbehörde vctschaistcn. durch dicie idre Haltung aus den Uawillen der gleichfalls zum nationalen Bewußtsein erwachenden nichtmagyarijcher. Rationen. Diese, welche bisher unter dem unvarteiischcn Mantel der sateiniichen und auch später der deutschen Amtssprache ihre nationale Literatur, anfänglich gleichbedeutend mit der konfessionellen, im Stillen prlcgten, fühlten sich nun durch die Vorherrschaft, welch«!plötzlich eine Ration des Landes, über sic gewöhnen, in ihrer Existenz dc droht, und trachteten ofls Gelegenheit die Stärkung des nationalen Bewußtseins bei ihren Konnationalen zu propagieren und zu! realisieren. Die Regier»»׳, erwies sich jedoch, je weiter, desto schroffer und intolc runter, gegenüber den Pestrebungcn der Rational!- täten zur Wahrung ihrscr nationalen Rechte^ da sie in jeder nationalen, nichtmagyarischen Bewegung eine Schwächung des magyarischen StaatscharaktcÜ be jürchtete. , In dieser Bestrebung fand die Regierung ein hilftciches Werkzeug in den Juden, welch« sied die Gunst der Regierirngskreise höher zu schätzen glaubten, wenn sic als Gegner einer jeden nichtmauna rischen Tendenz austratqn. So sahen wir und seycn noch heute Juden als Träger der magyarischchauvinistischen Idee: wir sehen unter ihnen rast kalerc Elemente, als die! Magyaren selbst sind, und in der nationalen Intoleranz sind sic unerbittlicher als die geborenen Magysircn. Bei d,n Wahlen galt I e u i l.' 1° e t o n. Venn es geschehen iS. St,7״. Aus dem nahen Stadtturme hat zwölf Uhr geschlagen. j Stille herrscht in allen Ecken und Enden, nur das Knistern der Feder über dicken Büchern und Rechnungsauszügen des Geschäftshauses seines Herrn R. und dcffen Kompagnons ist zusammen Lampe, die über dem Tische Hängt, ein wenig , erzittern. Bald steigt die Flamme in die Höhe, bald aber sinkt sie wieder und rotgclbe, rundliche Funken stiegen vor seinen. Augen. Einen Augenblick steht er vom Sesiel auf. reckt sich aus, reibt sich es bereits* seine müden Augen, geht im Zimmer hin und her und kehrt zu!seiner Arbeit zurück Jede Bewegung der Feder macht der Schatten derselben nach und dieser sährt, wenn sein Führer innehält, über die toten Zahlen dahin. Tote Zahlen. — so ist es! Tuest toten Zahlen *St «»fet in foin*n ffiph/infrn! (Sr farinat mit dem Gesumme der Nachtstiegen, wclchc^züber I schafft er jetzt selbst, in seinen Gedanken! Er bringt seinen Hänben, seinen Wangen und seiner Stirne sie von dem dunklen Ehaos heraus und reiht sie schweben, zu vernehmen. j unter die Lebendigen ein. Er sitzt über Hem Schreibtische gebeugt Juaö j gj״ schändliche Arbeit!* grübelt er nach. die Hälfte seines Rumpfes bildet einen dyken Schatten aus der gegenüberliegenden, etwas schrägen, bemalten Wand. Das runde Tintenfaß mit dem langgestreckte» Halse, das regelmäßige Eintauchen der Feder, das Löschblatt, dessen er sich von Zeit zu Zeit bedient, um die Tinte von ׳den Büchern abzutrocknen, der Papierhausen in der lederne», offenen Mappe, das Haar seines Bartes, welches, mit dem langen Kopfhaar vereint, zerzaust abfteht — dies alles zeigt sich hier und da an dem Schatten, der jede Bewegung lltes Schreibers getreu »achahmt. ' Ein linder Wind bläst durch das kleine offene Fenster an seinen Rücken und läßt das Licht der .eine schändliche, boshaste Beschäftigung ist da«, bie Menschen zu betrügen unb den Lohn der Taglöhners vorzubehalten!*... __ Bor anderthalb Monaten wurde It mit dieser Arbeit geheim vertraut gemacht. ,Es fft eine allgemeine Geschäftskrisis,* hat sein Herr vor ihm gestammelt, »die Auslagen sind groß und keine Annahmen vorhanden. ׳Die Ware liegt uns über dem Kopfe und wir können sie nicht bezahlen .. .* Damals wurde er also beauftragt, im Laufe dreier Monate olle Handelsbüchcr durch nächtliche «rbeit, — damit es nicht einer der Angestellten erfahre, -— Jir korrigieren, aber möglichst so geschickt und künstlcrhast,-daß es ja nicht aussollen möge, daß z. B der eine Monat nicht einen großen Uebcrschuß. während verändere gar keinen auszuweisen hätte, oder daß die Einnahmen der eiazelnen Monate der letzt», drei Jahre nicht im uapaffende» Verhältnisse ku einander ständen, dqß endlich — kurz er müsse alles vom Anfang Ja nuar 1900 bis zum heutigen Tage des Jahre« 1!>04 gründlich durchgehen und .verbessern*. In diesem Augenblick« schien er übermütig und stolz zu sein, daß man hur ihn mit einer solchen wichtigen, geheimen Arbeit vertraut gemacht hat. nebst dem ftcutc er sich auch, da er dabei eben falls etwas prositicrcn könne, so daß er genug haben werde, seine armtn Angehörigen zu unter stützen, — seine armen Eltern, besonders aber seine Mutter in ihrer Srankhcst. Allein in bem Moment aber, als er die Arbeit begann, sah er. ein, daß sie doch sehr schimpstich und häßlich sei, und sefn Innerstes sträubte sich dagegen, eins solche Beschäftigung angenommen' zu haben, allein was geschehen ist, kann nicht mehr rückgängig gemacht werden. Gott gebe, daß seine Arbeit nur vollkommen rfia und korrekt aussalb!! möge, auf daß eS nicht die Ehre seiner Heru-u Ehcss gefährden und er selbst keinen Schaden st>a von tragen möge. Gleich zu Beginn hpben sic ihn darauf ausmerksam gemacht. Tenn sobald man an der Arbeit Verbr8it6t den **Jüdischen Volkskalen der 44 r ^44642