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Jüdische Volksstimme · 1904-11-15 · 22 (15.11.1904) · p. [Seite]

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Journal
Jüdische Volksstimme
Volume
V (1904)
Issue
22 (15.11.1904)
Date
1904-11-15
Page
[Seite] (sequence 1)
Language
German
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T7\ Javrgang.; Wrünn, am 15. Movember 1904. Hr. 22. DetaftMncnt: Sur Ceiterreid. Ungarn baldjillmq K ״-j.1 ,•,a1״i;(u0׳ K 1 ,11״ ״׳.;!;»,-nd»״.n Aemidilanö «,»,jiidri« Mark 4•:...; «a«Ian» .״m״,!״״,, -'> ih1K-l: ״״®־S. .«״«heult. Italien. -1״r!ei. Rumänin,, Serbien, B«l.,m,n> ״iw .>״-. ,״ Nedakuon nnd Ädmnnüration׳ Brünn, ׳^eile^ X ir jüdische Bolk-rnimmefr<!111־ut am 1. nnd l.V cirfv* Bucktüindlcriick»׳.׳ Benrcttrn.ri Clio tflfimn. י0ז\סח*ל. - Vonm^!:׳׳.׳ : S ir.:; \K Hrlotrn nnd Spartaner. 1 2fit der frühesten Zeit, da ich ־tnit btr Helle- Tii'd1t־n Geschichte befannt rourbc, zogen bit late* f11;:u'1״idn11׳ Heloien »,ich jeltjam geheimnisvoll nn. Wir wissen iiicfit viel von biejem dunkeln, ״״gluck lichen Volke, nichts Sicheres über, seine Herkunft, überhaupt, nechls von seinem Geistesunb Gesühls- Icbin- Utiere wenigen spärlichen Nachrichten über ' b,e. Helot,V staiiiinen von ihren Bcbrückern unb Verächtern.lde״ Spartaner», Sic selbst sinb stumm. Bei thren Lebzeiten durften sie sich nicht in den hohen Fornietß der historischen Aussprache, im Erz und Stein-Kles Tenkmals, int ewig tönenden Vers des Dichters vernehmbar machen. Als sie dahin- ־ schwauben. wurden sie 1ns namenlose Armengrab , d,r Geschichte eingescharrl. Sie möge» wie jede leidende Kreatur ihre Seuizir unb Schreie gehabt haben, Märchen und Lage», in bene» sie die Herren, die Spartaner ihre wiener waren. Sprichwörter und Fabeln, in denen sie sich an ihren Peinigern sür Qualen mit Witzen rächten, todeslraurigt Lieder, in denen sich ihre Verzweiflung ausweinte. Aber diese Regungen der Bolksieele sind nicht zu uns gelangt. Sie wurden vielleicht nur , in Kellern und Hinterhäusern, im Zwielicht, wenn kein spartanischer Lauscher in der Nähe war, verstohlen geraunt, Tic Heloten sind Angeklagte, denen in ihrer -Abwesenheit der Prozeß ge»1׳:cht wird, und die sich!licht verteidigen, Tas war es vielleicht, was mich sür die He- - lote» einnahni. Ich hätte gewünscht, der Pflichtanwall dieser unverteidigten Angeklagten zu sein. An »Ne Ähnlichkeit ihrer Schicksals mit dem meine» eigenen Stammes dachte ich nicht, wenigstens nicht im Hillen Bewußtsein Meine Knabcnzeit, meine Gt'inuasiaslciizeit jällt in die Sechziger Jahre, Es gab damals keinen ofscnen Antisemitismus, cs dereitetc sich im Gegenteil überall die Judcnemanzipaiion vor, und es wäre mir niemals eingejaUen, uiich sür einen Heloten, mein Schicksal sür ein Helolenvcrhängnis zu halten. Andere Jungen träumen aus der Schulbank e.n Romerdrama, Ich träumte beim ersten Erwachen me,»,» schriftstellerischen TrangeS eine Helotentra- I? e u i £ 1' e f 0 n. Huf der Fiedel. Eizahlung a, d, Kinderjahren von Schalem-Aleichem, dem z.idisch-״ ״achged ldei ״on Zug N. Fanwers, VII, Lst geschieht es, daß ein Mensch in einem tage reifer wird, als ein anderer in zehn Jahren, Als ich Bräutigam wurde, fühlte ich plötzlich, daß ich ein Erwachsener bin; ich war zwar der frühere, doch ״ich! mehr ganz derselbe. Vom kleinsten Freunde bis zu meinem Lehrer Rcb Sorach begann man jetzt auf mich mit mehr Respekt zu blicken. Ich war Bräutigam und trug eine Uhr, Auch der Vater hörte jetzt auf, a*s»mich zu schreien — an Prügel war nicht zu henken, denn wie würde da» zusammenpasjen: ein Bräutigam mit goldener Uhr und Prügel? — eS wäre die» eine Schmach vor den Leuten und vor sich selbst. — Als einmal bei uns im Cheder der verlobt: Eli Prügel bekam, weil er mit anderen Gassenjungen beim Eisläufen crwijcht wurde, verursachte dies in der ganzen Ltadt gewaltigen Lärm, Nachdem seine Braut von diesem Skandal erfahren hatte, weinte sie solange, d>S man dem Bräutigam den Ehcverlrag zurückstellte. Der Bräutigam Eli wollte sich aus Herzsk>d und Scham in den Teich stürzen — da» Wasser war aber gefroren, —- Genau ein solch Unglück ist mir zugestoße»; Zwar nicht wegen Prügel und EiSlaUscn, sondern wegen einer Fiedel. gv>ie. Ich lebte mich bis zur Weitvergessenheit in frühen Plan, bis er zu einem bla sen ,Ztnabcntraum di- Helotcnverhältnisse ei». Ich haßte die Meidkcn. verdämmerte. Ich nahm an den Geisteskämpsen der die twchnäsigcn Zprößlingc helotischcr Mütter und Zei: teil, ohne viel an meine Heckunil zu denken, ,lakedäiuonischer Väter, d,e von der mültcrlichcn uolz auf meine Menschenwürde, sto z aus die deut'ch- Sippe nichts wisse״ wollten, ich verachtete die Reonationale Gesittung, von der >ck durchtränkl und Idamoden, die z» Spartanern assiniilierten Heloten, ersüllt war/ Ta drang ,crn.es T> qes das Kriegs- -dic sich etwas Besseres dünklcn als die Stammaeheul des Antisemitismus auch IN »,eine Ardeits-!genossen, denen sie den Rücken gewandt hatten; ich ünbe, rohe Schmähungei, gegen >,e Juden gellten -weinte Träne» ohnmächtiger Wut bei der Krypteia, mir m die Qhrcn. ich fuhr aus u id stürzte hinaus,!der jährlichen Hclot'enhetze mir etwas Verwüstung, bestimmt hoffend, mein gekränkte > Volk aus allen Mißhandlung und Mord, die von Staatswegen seinen Sammelplätzen in Wass n zu,finden, bereit veranstaltet wurde, damit Spartaner und Heloten! und entschlossen zu starke» Tate» blutig beleidigter stets ihres gegenseitigen Verhältnisse» eingedenk blieben; ich schämte mich tätlich über die Schmach der viehischen Betrunkenheit, in die man Heloten versetzte, um die Spartaner an ihrem Beispiele die Männer, Mir ward aber ein ganz!, anderer Anblick Einige v.riinzclte KLmpscr wihile! sich Mil schöner Verwegenheit, Tie Menge fcdoch chlich die Wände entlang und dockte sich und Halle zaghaftes ,Flehe» Völlcrei verachten z» lehren. Aber indem ich mich - ftr den ׳Blicken. - Mit einem Plal ziand die ganze in diese verschiedenen Seclcnzuftände versenkte, ge-! Hclotentragödie n״iner Gvmnasiast »zeit in packender langtc ich eine» Tages zu einer Vorstellung, die m ’ yobenbigfeit vor mir. Ich iah Sie Krppteia, die unheimlich war. 'daß sie mich selbst erschreckte Wer weiß — vielleicht gab es Heloten, die 'ich mit ihrem Schickial vollständig abaesundea hatten!!und ihm'- Freuden abgcwanncn; Heloten, die den zudenHitze, an allen Enden Euripas: ich sah die Metöken. das Judcnhalbdlut. das sür Aricrdopvetblut gelten will; ich sah die Reodamoden. die Assimilalionsprotzen, die ihre Affimilation bis zum Wein liebten ,und nun Gratisräuschche» sür cin!n s giftigsten, gemeinsten Antisemitismus!reiten; und^ Goltcssegen dielten Wenn die große pädagogische Vorstellung zugerustetwurde, bei der Heloten zur unflätigen Bestie entehrt werde» sollte», um durch ihre Erniedrigung dei> jungen Lakedäuioniern ihre eigene adelige Hoheit zu,» Bewußtsein zu bringen, dann drängten sic sieb vielleicht dazu, als Lehrmittel gewählt zu werde»,!dann soffen sie de» ihnen ge- - reichten -Wein vielleicht mit Behligc» und Schwatzen, dann reichten sie vielleicht grinsend de» Becher zu!neuer Füllung hin, dann war vielleicht ihr letzter Gedanke, che die Trunkenheit sie sinnlos machte:!',Ihr dummen Spananer! Bin ich nicht schlauer!als ihr? Verachtet mich immerhin, ich trinke inzwischen mein Gralisweinchc» und lasse mirs!jchm-cken!" In dieser Fähigkeit, die eigene äußerste;Erniedrigung als persönlichen Vorteil zu empfinden ' und an der letzten Schmach einen Genuß zu schätzen, l sah ich die schaucrlichste Steigerung der Trauerspiels 'der Heloten,! Ich habe die Heloteniragödw nie geschrieben!Ich wuchs heran, andere Pläne verdrängten diesen Die Geschichte war folgende: In unserer Weinschenke hatten wir einen häufigen Gaft, Tichetschek,!den Kapellmeister, den wir ״Par^Pulkownik“ 's zu nennen pflegten. Er war 4f großer, starker l Mann mit langem Vollbart und surchtcrregendcu!Brauen; er redete ein eigenartiges Gemisch ausj mehreren Sprachen, Während der Sprechens dewegtc er die Brauen aus und ab; ließ er sic herab, so war ftin Gesicht sinster ivie die Nacht, zog er sie in die Höhe, so ivar c» heiter wie der Tag, denn unter diesen dichte» Brauen, bcsanden sich ein paar hellblaue, gutmütige,, schelmischblickende Augen, Ertrug eine Uniform mit goldenen Knöpfen- und hieß deshalb bei uns ״Pan Pulkowiiik־. In unserer Weinschcnke war er ein sehr häufiger Gast, nicht deshalb, weil er ein gewohnheftsmäßiger Trinker war — Gott behüte!!— nur weil mein Vater eine Ziapazität im . Er '׳zeugen des ״besten, teuersten UngarweincS" aus Rosinen war. welches Tichetschek nicht genug loben konntr^Er pflegte seine große, furchterregende Hand aus di^Lchullcr meines Vaters zu legen und in seinem Kauderwelsch zu sagen: .Herr Kellermeister, u tebi najlepschi Ungarwein: m'ma taki «ine in jBudapescht! Pred hohem:־ ־) Mir war Tschctschek sehr zugetan; er lobte mich, weil ich im Cheder lernte, Qst prüfte er mich und fragte wer Adam war, wer Jiak war, und wer ״Dschosel' gewesen? ich sah sogar — o Schmach, die nicht zu ertragen!ft! — die jüdischeni Heloten, die schlau mit den Augen zwinkern und lächeln, wenn sie zum entehrenden Schausausen gepeitscht werden. Jachohl, ich habe dar Schauspiel vo^ Juden gehabt, die aus ihre Taichen klopfen und jagen: .Tie Arier halten sich sür c:was Besseres und iprcchen uns die Menschenwürde ab. Was liegt uns daran? Wir sind poch die Klügeren, - denn wir verdienin Geld unter Ihnen," Schmach mit Prositchen. tinc Erniedrigung,! in der man noch iiunicr gründen und־Millionär wefdcn kann, scheint ihnen ein annehmbares Verhängnis, ja sogar ein verftickrär Witz des Geschickes! , Ich Halle es nicht ertragen, ein Verwandler dieser vermögenbauendcn Helote» zu sein. Zum Glück erhob sich da der Zionismus in meinem Gesichtskieis und verdickte Mir ihscn Anblick, Ter zionistische Gedanke trat mir ia stolzen Verkhrperunge» entgegen, deren stolzeste wein Freund Herjl war. Aus den Baseler Ziongrcsfcn lernte ich ein andere» Judentum kennen, das mich—wieder mit ״Joses?" fragte ich, ,Joses, her Tugendhafte?" ״Dschosef״' antwortete fr [ ,Joses?" fragte ich nochmal« 1״' nas Dschosef, u w as Jodzschelי ־) anlwartete er, mich dabei in die Wange kneifend, ״di-chosef. — Jodzschefj Jodzschef. — lisch o-es. vschistko jedno. ganz egal" ,Hi hi hi hi!" — Ich vfrsteckie mein Gesicht in den Mantel und lachte herzlich. Seit dem ich Bräutigam geworden war, Hörle Tschctichek aus, mich wie ein Ksnd zu behandeln und begann mit mir zu sprechet, wie mit seinesgleichen. Er erzählte mir Geschichten aus dem Volksleben und von Musikanten, Ter ״Pan Pulko«nik־ besaß ״neun Maß - eben", aber niemand, außer mir. hatte Zeit ii m zuzuhören, — Als er mit mir einmal übers Spielen sprach, fragte ich ihn: ״Aus welchem Jusirumenle spielt der -Pa״ Pnikownik"? ״Na vsehistkich instrunwiilu:4־! antwortete er und zog die Brauen empor, ״Auch aus der Fiedel?" s:agte ich und in meinen Augen schien plötzlich Sein Gesicht das eine» Engels zu sein, ״Komm einmal zu mir," ia> te er, .ich werde Tir Vorspielen," ״Wann kann ick, ״Pan Pirlsronnik kommen? -zu Air Am Sabbat h'' 4- Doch unter der ׳ >) He>-1- ,Ob-if>. — »; «ei Sir ii! »et beste »ngiirliche ,, Sri bei», er T'itoie«, de iäiich Zedilibe-', — Wein! Es gibl ni±l solchen Wein in Budapest, «ei Ton! •( Alis allen Znstrumenien Verbreitet | den ״Jüdischen Volkskalender“.

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