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Jüdische Volksstimme · 1904-10-15 · 20 (15.10.1904) · p. [Seite]

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Journal
Jüdische Volksstimme
Volume
V (1904)
Issue
20 (15.10.1904)
Date
1904-10-15
Page
[Seite] (sequence 1)
Language
German
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־7\י־. Jahrgang. ISriuuvam 15. ÄKLober 1904 Fkr. 20. - •”:ז״«זיו*ז: «tat unmt.4-11,.««״! halbjähii., K .,!״,»«hria K 1 ״n i-.m11.cnK111!v. Xcm.dilaiit. ,ז,״.1«ןי1״)ן «°rt IT.״: «uftlnn» >,א• ״ ■״״1״,;״״,","- -rt'WCU. «rantreidi, Jiaiien, *mW. «mnSnien. ««Ken. Bul««,«, ui» .... ' Redttklion und Admnnnralion: Brünn, .-.-.ilc . * Sie ^Jüdische Bolksmmme״ cridicim am 1* und 15. eines Buck!).1nd1criiche Berirckun.!: Clio Hltimii. ^ewzig. — Postipark-׳'״: '.'l.'nareo.- n? rV'r. ״1״ ״-'״ Zudcnprrsse und Anderes. .Geehrter Herr Redakteur! Als ich Ihre freundliche Einladung erhielt, für die ״CliiD. Volksslimme" einen aktuellen Artikel zu schreiden. geriet ich in gelinde Verzweiflung. So weit das Auge ׳'ah, gab« nichts Aktuelles. Und schon wollte uh hedauer», da ^am der Preßkongreß. Das war ,'!hon mehr als'׳Aktualität, das war humorvolle Aliualität. 'Freilich wird sie zur Satire, wenn man sie, der Majorität der Kongreßbesucher entsprechend, itz-einxm'jüdischen Blatte behandelt. Der finde lacht ja klmmer mit einer Träne im, Auge. Ter griechische Tempel, der Pallas Athene geweiht, den sich die Erkorenen der im Reichsrate eitt't io glänzend vertreten gewesenen Königreiche und Länder jo behaglich zur Lbstruktion eingeriettet, 'öffnete seine Tore weit der Presse. Über •'׳Ui, Journalisten mären aus aller Herren Länder zu den Banketten, die man zusammen Kongreß nennt, gekommen. Ten Beratungen wohnten immer bei .'>0 Leute bei; doch das ist hier ja nebeniächlich. Ein Habsburger begrüßte die Presse, dann der önerreichische Premier in einer schwungvollen Rede. Alles war schön und gut. Da kam Tr. Lueger. Ter hat jetzt sehr viel zu tun. Er beschäftigt sich in, harmonischen Durcheinander bald mit Bank׳«er. bald mit Empfängen. Len Ingenieuren, die V1>r zwei Wochen über Eisenbahnkuppelnngen. Lckienenbau und andere trockene Dings verhandelten, erzählte der Herr von Wien, einen so fidelen Kongr.ß habe er noch nie gesehen. Aber der Preßkongreß war noch viel sideler. Chokolad ist gut, '!nobel ist auch gut, wie gut muß erst Chokolad um Knobel sein??Uso weil er gerade in der Backhendel-Stim- .innng war, nahm er die goldene Kette über, pendelte ins Parlament und hielt den Journalisten eine Rede. Sowie immer, den Wiener Hamur in der Kehle. Zuerst wurde er energisch 'Rach den würdigen Worten, die der ÄabinelSches sür die Presse fand, erzählte Lueger den Journalisten,, er surchte sie nicht. Das Lied von der Großmacht der Presse sei schon zu wiederholtenmalen gesungen worden. Selbstverständlich hat auch Lueger vor ihr gezittert, aber nicht stark. Trotzdem aber ist er da, die Gäste herzlichst zu begrüßen. Das konnte wieder als Selbstlosigkeit stnisgelegt werden und deshalb kehrte Tr. Lueger den Egoisten heraus. (Ich gehe der Rede Luegers nach.) Er dozierte: .-§oll die Presse die Wahrheit schreiben, so muß sie auch die Wahrheit erfahren." Schön gesagt und richtig gedacht. Siehe Ritualmord und die Rufzeichentechnik. Um den begonnenen Gedankengang sonzusetzen, fuhr er fort: ״Ist es zweckmäßig, daß. ich herkomme '?" So und so viele Journalisten gratulierte Lueger zum Geburtsta!, Lueger revanchierte sich und nannte alle, die du waren, Brüder und Schwestern. Ich gönne ihnen »as vom Herzen. Am nächsten Tage leitartikelte ein antisemili'ches Blatt — es wäre ja zu viel Ehre, das ^Blatt hier «zu nennen — über die Charakterlosigkeit derer, die nach der Begrüßungsrede des schönen Karl noch ins Rathaus gekommen wäre׳. Einer der Wiener Antisemitenhäuptlinge vertrieb sich!die Zeit damit, die fremden Gäste, die das Unglück!batten, in seiner Nähezu sitzen, über die Ledensojewohnheiten der I e u i 1' 1' e L o n. Auf der Fiedel. Erzähliyig a. d. Kinderjahren von Schalem-Aleichem. Diisi Iüdifchm nachgetnldet von Ing. R. gouwers. I. Kinder, heute will ich euch ein wenig aus der ,.vedel Vorspielen. Ich dachte, es kann nichts Schöneres und Besseres geben als aus der Fiedel zu spielen. — Habe ich nicht recht? — Ich weiß zwar nicht wie ihr darüber denkt, aber seitdem ich mich erinnere, rannte! ich der Fiedel nach und Klesmer') Hürden mir so teuer wie das Leben. Gab es irgendwo »11 Städtchen eine Hochzeit, so war ich stets-der Mte. der sich beeilte sie zu empfangen, der sich von rückwärts zum Kontrabaß schlich, an der dicken caite zog — BummI und davonrannte. Bumm! ־— und davonrannte! Für dieses Bumm wurde ich einmal von Berl, dem Baßgeiger, empfindlich gestraft. Berl-Baß, ein böser Mann mit plattgedrückter Nase und scharsem Blick, stellte sich jo, als ob er nicht bemerken würde, daß ich zum Kontrabaß schleiche; während ich aber meine Hand nach der dicken Saite -?utstreckte, faßte er mich beim Ohre und führte mich sofort ehrenvoll zur Türe: .. ״Nun Mamser,-) jetzt küss' die Mesusah!" Ties besierte mich jedoch sehr wenig; ich habe nicht um ich der vpn ihm Aber' daß er schlecht mir der Judenpresse" ist. haben wahrscheinlich das Gleiche gesragt. Aber es ׳Wiener jüdischen Zeitungsschreiber!zu informieren., ist zweckmäßig. Lueger kam ja als der lebendige | Von Raubmord dis zur Blut-'chanoe sei alles ver- - S 19, vielleicht der einzige Punkt, in dem er für, treten. Ter kleine Schäker verschwieg dabei eine den Journalismus Verständnis hat. In vielen! heikle Stempelgeschichie. » Blättern des In-' und Auslandes finden sich UNj * Um wieder ernsthaft zu werden: Wilhelm richtige Darstellungen über Wien und iesterreich.! Singer, der Präsident des Kongresses, hat sich eine Also: Es ist unwahr, daß u. j. w." Den jüdischen hx^stche Zache zur Lebenrau,gäbe gemacht: den Lehrern und Beamten und den sozialdemokratischen! Bund der Presse. Tausende danken, ihm und Aber- Angestellten ist jetzt geholfen. Tr. Lueger war aber! tausende werden in seinem Zeichen ' ' noch nicht fertig. Er mußte ja noch Reklame machen.! sy schon begonnenen Sache weihei!Wieder wörtlich ) ״Sie werden finden, daß es bei! jns Rachaus ging, verträgt sich uns nicht ganz jo geiübrlich ist." Er wird keiner! Würde der Presse, auch Wenns die erschlagen werden, der zum Kongreß gekommen ist , Die Feuerwehr hat mit der Verhinderung der ־* Kabellegung nichts zu tun. Und dann gibt« ja! Ich hätte noch so viel zu schreiben. Aber die nhch Polizei.!Zeit drängt. ÜUd vom Erhabenen!zum Lächerlichen Ich habe mich nicht besonders angestrengt.! ist nur eni Schritt. Im 10. .< est des ״Neuen * je Satire schreibt sich ja von selbst. Ich brauche > Magazins" (Berlin) orakelt der Wiener Advokat ja nur noch zu sagen, daß das derselbe Lueger ist,;Tr. Max.Messer über Judeutum Und Christentum der nur dann Respekt vor der Wissenschaft hat/ In der ״Zukunft" riet jüngst eia aus jüdischem wenn sie einen Grashalm erfindet, den eine an-! Gelde bezahlter Bibliothekar zur : ause. In Esieg ständige Kuh frißt. Tas ist aber auch derselbe! schrie auch einer: ״Taufet (£ucf)!"J Ich könnte al׳'o Lueger, der dst Bürgermeister׳Würde nur dem Um-'über diese Zeisen schreiben: ,Schon wieder ein stände zu danken hat, daß ihn die Presse, die jüdischer General". Man kommt aus dem Lachen ״Judenpresse" nämlich, ernst nahm. Tasür drückte ׳ nicht heraus, wenn man den genannten Artikel Lueger beide Augen zu und sang im Werkelton: liest. Bei Pilatus sängts an »nd bei Wagner ״Grüaß Enk Gott!" . hdrts aus. Ich bitte sehr, wörtlich zu lesen: ״Als Also Schlag aus Schlag gegen die Juden- - Pilatus Jesu« dem Tode übergab,! schritt die twige^ presse. Tie ״Neue Freie Presse" und die ״Arbeiter-j Vergangenheit der Menschen vor ihrer ewigen Zu-- zeitung" fanden dar gleich »nd rieten, dem Empfang! kunft verständnislos vorbei." Ist das nicht schöner im Rathause fern zu bleiben. Natürlich gingen alle als das berühmte: ״Des Lebens! Unverstand mit zum Bankett. Tr. Lueger hatte seine geheime! Wdhmut zu genießen, ist Tugend und Bearin." Freude. Dort geschahSktwas, was unsere verbissensten j Tann ärgert!ich der Autor, daß das Inden- Liberalen nicht erhoffen konnten. Es vollzog sich tum der Überwindung seiner selbst, dem Ausgehen die Wiedereroberung Wiens. Der Kongreßpräsident > in das All. brr Entnationalisierung die Türe wies - l!. Haaresbreite von den KleSmern abgelasien »nd siei alle weiter lieb behalten, von Schecke, dem Fiedler mit dem schönen schwarzen Bart und den weißen Fingern, bis zu Gezi, dem Trommler, mit dem schönen Buckel und — ich bitte um Verzeihung — den Grinden über den Ohren. Ich habe geschworen, möge die Welt zugrunde gehen, mög' es kosten was es wolle, ich muß eine Fiedel haben. Doch woraus macht man eine Fiedel'? Gewöhnlich aus ״Tannenholz".- -Aber es ist nicht so einfach sich dieies Tannenholz z(> verschaffen, dar. Mehr wie einmal ׳lag ich unter einer Bank wie ich schließlich erfuhr, in ״Srez JiSroel" wächst. ') Miifttvnien. ■1 Saflor). und sah dem Spiele der Klesmer zu, weshalb man mich nach Hause jagte. Aus meinem Verstecke blickte sch aus Icheikes dünne Finger, wie sie über die Saiten tanzten und lauschte den süßen Melodien, die er so kunstvoll seiner Geige entlockte. Wie im Traume pstegte ich nachher einige Tage umherzugehen .und Scheike mit der Fsedel stand mir fortwährend vor Augen. Bei Nacht'erschien er mir im Traume, am Tage in Wirklichkeit; er ging mir nicht aus dem Sinne. Wenn^ mich Niemand sah, bildete ich mir. ein, ich wäre «checke der Fiedler. Ich bog den linken Arm, bewegte die Finger, strich dann mit der rechten Hand darüber wie mit einem Bogen; schließlich neigte ich den Kops nach einer Teste, schloß ein wenig die Augen, genau so wie Scheike. damit kein Zug fehle. Als der Rebbe Nota Leib sah, — es war gerade beim Unterrichte, — daß ich etwas mit den Fingern, mache, mit dem Kopfe werse und daß meine Augen glänzten, versetzte er mir eine tüchtige Ohrfeige: , - . ^Ler Tagedieb, während man mit ihm Komezalesb)"kernt, schneidet er Gesichter und sängt Fliege»:״!)"»iphabei. Was ist aber nicht bei Gott möglich! — Er brachte mich aus folgende Idee: Bei uns stand ein altes Kanapee, ein Erbstück nach unseres Großvater Reb- Anschel. , j Um diese« Kanapee stritten, sich einst meine beiden Onkel mit meinem Vater — mögen sie in Frieden ruhen! Onkel Beni jagte, er sei ver ältere Sohn, deshalb gehöre ihn! das Kanapee: mein Vater — Friede ihm! — meinte, er sei nur Schwiegersohn aber .aus das Kana >ee habe niemand größeres Anrecht als seine Frau — meine Mutter — des Verstorbenen einzige To hier. Tas wäre Nummer eins. Zweitens stehe das Kanapee in unserer Stube, deshalb sei das Kanapee ״unser Kanapee". Auch meine beiden Tanten Jtka und Zlatka mengten sich in den Slrit und beredeten uns überall. Kanapee,׳ Kanapee! ,Tie ganze Stadt war in Ausruhr. Zum Schluffe aler blieb es ״unser Kanapee." Das erwähnte Kanapee w< r ein einfaches, hölzerner Kanapee, von außen iril einem dünnen Holz ׳bekleidet, das an mehreren Zstellen sich ablöste. Tiefes äußere Holz war das richtize ״Tannenholz", aus dem man Geigen erzeugt — dies wurde' im Verbreitet den ״Jüdischen Volkskalender‘. ^44642

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