Mannheim
Compact Memory

Jüdische Volksstimme · 1904-02-15 · 4 (15.2.1904) · p. Seite 3

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Jüdische Volksstimme
Volume
V (1904)
Issue
4 (15.2.1904)
Date
1904-02-15
Page
Seite 3 (sequence 3)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
81% known words query
IRI
…/2621806-6375625-6375814--0768-4860238
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

4 :::־ t ,'.t auch bei sozialen Erfchcinungcn feine sin 1; .;uf! bat. Jedes jöjialc Element des;jiom-mu״ ׳.! und gestaltet den Zionismus ganz im limmit seinem spezifischen »,alericll-geistigen k!er. . Das osteuropäische Kleinbürgertum strebt im ׳-׳ genommen nach keinem Audciislaal, weil eceiis eines politischen Wollcns nach einer Neulung des Lebens unfähig ist, andererseits den iiaat auch gar nicht braucht. Die traditionelle« h-biäistischen Bestandteile dieser Klasse/ die eine 'che national traditionelle Physiognousie baden, .» in-dem Zionismus aus dem nationalen :»den und gestalten ihn auch nach ihrem Eben Wegen ihrer politischen Unreife und ihres .:ell-jozialen Charakters können sie über stleinifation nicht hinaus, während sie wegen ihrer :oncllen Physiognomie im Zionismus eine bmlich nationale Strömung erblicken. Aus -! Reihen stammen die bekannten Streiter iur tur". Hebräisch, die Kämpscr für ״Aüdifchkeil". Politisch ' reifer und kulturell hölir sind :׳.fleuropäischcn Bourgeois-Zionisteu ,lud weil . ,üdi'chen Traditionen »ich! haben, sind sie im de genommen auch ein fortschrittlicheres Eie- >m Zionismus. In dem Grade als 1> für Zionismus interessiert sind, sind sie es iür :> politischen Gehalt, für,die Aüee des Anden- Ter Mangel der jüdischen Traditionen hat El>»,eulc zu einem mehr brauchbaren Bestand, d-s politischen Zionismus geniacht, als ihre opäi'chen zriafsengenosscn. Das der Zeit scincS 'Auftretens nach "im Zio- '■•Mi sungstc Element ist das jüdiiche Proletariat, iich jetzt gerade anschickt, die treibende Kraft Bewegung zu werden u»d die sühreude Rolle!:-rnehmeii. Das Proletariat ersaßtden Zio- NUS »ach der Ronzeptioi! der Westeuropa,-chen :'»ichen Audcnsiaatlcr, bringt ihn aberin Zu- :meuhang mit seiner eigenen fozialökoiiouii'chen! slage und verklärt und potenziert ilpi in Bezug Mittel und Ziele durch seine sozialistische P׳npe. Tagegc» jühlt sich das Proletanal von ::!difchen Tradilioucu des .üleinbürgertums frei, 'iiaffengcfühl uud das sozialiftifche^öuipiinden :'gen immer mehr die h,stör,scheu iUberlieser- '11. Und weil der Zionismus ibmU-iiu׳ neue uuug und eine sozialistische iiuliuridec in, in ui cm tiefer Lebensernst. Das - oslasrikanischc Projekt, zu welchem sich verschiedenen zionistischen Elemente schon bei,» n Auslauchen des Vorschlags aus dem inneren :׳ulte heraus verschiedenartig verhalten habe». : ieiucrjcit« jetzt zur weitere» Abgrenzung der Nischen Bestandteile und zur klareren Erfassung " 'Motive des Zionismus bei. Es war klar, das; älteste Grundftoek des Zionismus, das national- :.iivncUc Rlciubürgcrtum Rußlands mit seinem lligentcn Slnhang und seiner geistigen sz-uhrer- 1׳ in dem Lnafrikaprojekt die Vernichtung der »ouellcn Träume, den Eingriis des Lebens in reaktionäre 1[»a.<i romantische Schwärmerei bene» und beklage» mußte. Mehr als je zuvor ui feinem Glaube», seiner Literatur und feine» ’ n aufzusassen; ichentdeckte da ein Feuer. an ich meinen halb erfrorenen Geist stets warmen zum neunl Wirken wecke» konnte: ein Heuer, neue Straft, neue Energie mir cinslößte', so das! vor Freude laut ausschreicu mochte: Ich bi», ich fühle, daß ich bin!" Tic letzten Worte sprach Heinrich so laut aus. die Vorübergehenden ihn verwundert ansahen der im Nachdenken vertiefte David auszitlene. ״Rege dich nicht auf, Heinrich. Ich sehe wohl, du viel Feuer besitzest und daß du dich ganz gar geändert hast.. . " ״Tank fremden Einflüssen und einem »nver- :an Streich, den mir mein Schicksal glücklichere gefpielt hat," schloß Heinrich und erzählte m Freunde die Begebenheit mit der ״Germania"." Tavid hörte ausmerksam zu und erwiderte ' lud: ״TaS ist schon möglich, aber das beweist mir -u nicht, daß der Sedcrabcnd. von dem wir achen, etwas abstraktes in sich habe, etwas, ivas uns angenehm oder feierlich sein könnte." ״.'Aber Gott behüte, ich wollte dich ja nicht ״zeugen. Ich habe nur ein wenig mein Inneres dir geöffnet, waskich vor einem anderen vielleicht t getan hätte. ״Übrigen«, wenn du die Welt mit -ucn Augen betrachten würdest und wenn du den der nicht als eine religiöse Zeremonie, sondern eine Nationalinstitution anschen möchtest, die in ' das Büdnis zwischen Vergangenheit und Gewart enger schließen soll, dann möchtest du vielleicht Verlanget in Gast- Füdifche Bolksstimmc ¬ן¬¬ . diefen traditionellen Eie sic im -=4■ Seite 8 - menten klar geworden, daß, Zionismus weder ein politisches Adcal »ochj eine '.,eugeimllung des Lchcns suchten, sondern eine! modernere ,vorm für ihre Traditionen. Tiejelben! E-emeu:.׳, die ehemals gleinkolonifation forderten,! deis reaktionäre .st!,l,urge׳ch:vätz dem Kongreß zum! -»eil.n^ gaben, die zerstrenieu Schäfchen der ruhmloS! ve.ftorbenen ״demvkrati'ehen Fraktion" waren die! cnragierle'ie» Nemiager Und zu ihnen gefeilten sich! innerhalb^ und außerhalb des Kongresses jene!!!glichen ^pppiitionellen. d:e zwar niemals für de»! i Ivzialiiwchcii oder auch nur progressiven Zionismus! seinen ,ringer rührten, W.'HI aber für Stellen und! ,Ilitinerkmmkeil von ie1:,!1 per offiziellen ijciiuni! ] j einen unverkennbaren Appetit bewiesen und, gegen \ , den.cigenen Willen in die Opposition geraten, aus! ihrer periönlichen F.'inü'chafl ge-fen Herzl ein.!! volilifeches Programm machten. Ganz begreiflich in!!es nu». wenn die wefieurepäifchkn Zionisten ans-!den Reihen der Bourg.oifie und Sl.ciNbourgeoiiic, das Lnafrikaprojeki mit Freuden begrüßt haben. I e.eunIN für fie auch der Zionismus kein Lebens-' | intenfic־, fo liiuimi doch auch Paläfiina in dem 'Komplet ihrer Traditionen durchaus nicht jene her»! ן vorragende -?teile ein. w:e bei den osteuropäischen i iradilionellen Zivniüen. Ter Einflußder/ pvliiilchen - i Zionisten W-si-.urvvas blieb freilich nicht ohne- ׳'Wiikung auf einen Tal da ofteuropäische» Zionisten,!der sich den Aafagan aii'chloß, wie umgekehrt der vfteuropäifchc Zionismus einige konsust- Köpfe des Westens zu einer Ar: ״Aüdifchkeir-Renaiffance- Lliouiung" rzerleuet da:, die ebenfalls bei der vcrneiuendeu Haltung gegenüber Sstasrika ziiui Ausdruck gekomine» ist. Tagege» begrüßten die fozialiftischen Elemente IM ZionismiiS und mit ilßten die zahlreichen -zionifiiicheu Arbeitervereine allerorts, sofrrn fie von einem radikaleren Geist beste'.: find, das Lfiarrikaprojell als einen gewaltigen S.!׳:::t zur Verwirklichung des Zionismus und als o.n ,zeiunden Übergang des Zionisiuus i» einen A.::.-. omismus. War bis jetzt .eine Möglichkeit vd.7 ׳.ulleichl Unmöglichkeit zur :׳staats, so haben sich jetzt inet, denn das Sstafrika- 1 .1 der Kommission nichts "'t die Brüche zu weiteren Tie-einmal zur Tiskiisiio» nicht mehr Niederhalten. . V-.rwirllichung des A: viele Möglichkeiten ,! Projekt in mit dem S! weniger als erledigt. ' aulonvm,fiiicheu Plä::. ' gelangte - Frage laßt!1. Hie verlangt ihre Lofung. ivlangc die objektiven Vor- ' beüingniigen tp.ezu in dem!p>zififche11 Elend des ' . jüdifchen Proletariates vorhanden sind. -Zu erwähnen iß |s:-r noch die-Haltung der , klerikale» ״Peisrachi" Seäi neuen Vorschlag gegen-!über, »14:1 weil die׳- Pari-i a» und für 'ich ein! Aiuerefie abgeivinnt, ׳onderu einerieiis weil dieser! ZVorfall geeignet!׳i den Ver'all d-r jüdifchen Sitho- I dvrie im L >len zu illufiricreu und and>׳rerfeits weil Euanche ״Spvosiiivn-.ile" aus der-günfligen Slellung.. ׳nähme des großen Teils-des '.,Misrachi" zum Ln - a'rikaprvjeki »isfelde diskred:!:ereu wollten. Tie , >tlerlkalei,"Tjnd-die ׳ch-.vächfle c'׳rlipve im Zionismus. ' ja äualiiativ Und .»uineröch fo iebwach, daß fie ohne! die Hilfe der Zchivken-Misrachnien. die mit den Rabbinern im Ziaiino koscher stimmen und den Spöttern außerhalb des ätafinos treffe speisen, über- Haupt nicht zu erislicren dermöchlen. Zw haben und wollen überhaupt keinen Einfluß i»1 ״Zionismus haben, nur wollen sie alles geifligkuliurelle aus dem Zionismus cleminicrt sehen. Tas eigentlich ganz mit Recht auch vom freihelilichen Standpunkt, denn' jede kiillurelle Teklaratio» der zioniflifchen Lrganisation wäre vom freiheitliche» Standpunkt ebenso reaktionär Wik vom rabdiniichen antireligiös. Und wcch sie sich nur zu passiven AuiiehernZür Ztoicher »n Zionismus erklären, sin» sie von keiner Bedeulung und keinem Werl im Zlonirmus. Wenn die, Mehrzahl dieser Elemente für das Lstasrikavrojekt gestimmt haben, so brachten sie dadurch ihre eigen!, liche orthodoxe Auffassung zum, Ausdruck, daß sie mit dem Zionismus weder die mcisianifche Hoffnung der Religitzfen. noch -die reaktionäre Romaultk der Tradivnellen verknüpfen. Sagte doch ein orthodoxer Rabbiner, er sei für Lflasrika, denn man werde doch in Paläsiina ebenso wie in Ssiasrika — Schinken csj'n. Eine ganz vernünflige Aufsafsung. lind wie nun auf dem zioniflifchen Zkongreß dik verschiedenen Elemente aus ihrem inneren Wefeu heraus das konkrete Projekt verschieden aufnahmen, -fo' führt »UN das Himer ihm liegende abstrakte Prinzip zur thcoreiiichc» Revision des Zionismus, beichteunigl den Tisserenzierungsprozeß, ichaffp Parolen uud markiert die Strömungen. So kehren jetzt die traditionell/n Ztomfien die .Zricinkolonifaiion heraus, damit ihren alten vorjudcnflaatlichen Eharakler bekundend während unter den fvzialifli'chen, proletarischen und anderen vrogieisiven Zionisten eine autvnoniisiifchc Richtung sich kundmacht ״ Sie erhebt nun das konkrete Snasrikaprojeki zu'eiuem allgenieinen^Prinziv und sichert die >bm zugrundeliegende Ab ec vor dem zufälligrn Aus-all fei:!.» konkrete» Enlfrcidii^.g W!rd bei diesen nunmehr klaffenden Gegensätzen innerhalb des Zionismus die Srganifgtivn in die Brüche gehen und sich in paläzilnenfiiche Zkonisien und autonomisii'che Zionisien trenn.n> Tas glauben allerdings diejenigen, welche die Adedes Audeusiaats seit dem politischen Zionismus be- Äiiuvfeir uud sich mlumehr in edler B11ndesäenvi׳c!1- - ichafr mit Herzls periönlichen Feinden aus dem Schmollwinkel herauswagen. Tie Tuiuuie», sic find nicht nur unfähig eine politische Adee zu crfaffen, sondern begreifen auch nicht die einfachnen Tinge. Ter Zionismus hat keine gemeinfchaflliche Adeologre. - die Lrganiialion isi eine soziale und. geißig heterogene. 'Was die Lrganiiaiion über zuiammenhäli, ifi eine gemeinschaftliche Praxis. Und diese Gemeinichafilieti keil der Praxis i'i durchbdas Tliafrikaproieki n:-k>:s ־ weniger als gefährdet. Tie..Aulonomiflen wolle:! ׳ t die paläsiinensifche Tätigkeit fördern, fei es weil fie in Zion das eigentliche autoiiomifiifche Eiidzui er blichen, oder' weil ihneii zwei .ciolonifationsiverkc auf fiaallicher und nalioualer Grundlage vorichweben oder weil sie die Einheit'des historifchen Ziels, der Bewegung und der demokratifchen Srganifatio» durch einen festen unverrü-kbaren Punkt wahre» wollen. Andererseits werden sich die patäsiinenfifchen Eie- Ziicht so fkeviiich dieses And!,:'.״׳ beurteilen, das Sin chanifch. feine Gedanken fchwirrien irgendwo anders!denken an ein gefchichlliches Ereignis, in dem die, herum, in weit entfernte», .vielleicht überirdifchen Re-!Hauptrolle kein Gott, sondern ein ganzes Volk fpiclt gioncn... i unter der Aiiführung eines Mannes, der diesem Volke ״Warum ißt du nicht, Heinrich'?" fragte der Vaier.- ,entsproß, der die Lage dieics Volkes mit eigenen . ״Ach kann nicht." erwiderte halb barsch der Sol:::. ׳Singen fahiind der es von d,e׳er Not befreien wollte.-s ״Mir scheint, daß du seit eyia gewissen Zeit! ' .---- -- --—! etwas unwohl ober aufgercizi diflZ^u iprichfi nicht Ter 'Abend fiel "rin. Tas Hiuimelsgewölbe bemit »ns wie früher: cs intereffieren dich nicht meine deckten SR1II>oß«f> Hellsunkeinder'Lterne:H׳i»e Stille! Gcichäste: du sragsi nicht, wie es mir geht. . ." - i lagerte in dcn>Gasfen, die von dem Lärme, der noch i ״Sage mir, Vaier," unterbrach ih» Heinri.p, unlättgsi qeherricht hat. besonders feierlich abhach: i ,warumfeiernwirmchtPaffah.wiebeiauderenAuöen'.-'' Menschen 'zeigten sich nur selten: An lispelnder Wind-1 ״Wie meinst du'x" schrie der 'Vater empört au׳', hauch fchweblc über dem Slädchen und hieß etwas i ״Was für eine dumme Frage? Glaubfl du den:, beionderes erraten.. . Eine» solchen Eindruck »,achte! wirklich, daß ich fo ein einfacher AuSe bin wie anauf Heinrich seine 'Vatcrfiadt, der von einem Spaderc unfere iiilaubensgenoff.n? Sehe ich denn etwa so aus?" ziergange zum Abendufahl nach Haufe zurückkehrte. Traurig ׳ ichlenderie er einher״ als wenn er den Slugenblick feiner Hcimkbhr ins Unendliche verfchicben wollte... Bald begannen schwarze Gesialten der Anden, die aus den Bethän'er» nach Haufe giikgeu, in den ichmale» Gaßchcn auizmauchen und verichwandcu in den finsteren Toren der eingefallenen ,Ääufcr.... Heinrich erwarteten schon die EltLrn mit dem Abendbrot. Sin dem Tische faß der Vater, in einem Zchlasrock gehüllt und wiegte sich gemütlich in einem Schaukelsiuhle, den Rauch aus einer Pfeife in die Lust dampfend:׳ die Mutter beugtsich über einen Roman und verschlang ihn säst vor Se'eugicrdc: die Kleinen stritten heftig um eine blinkende Gabel... Beim Abendmahl zeigte Heinrich eine ungewöhnliche Redefaulhcit und Appetitlosigkeit. Er aß nur me- ״Slber nein. Vater, beruhige dich. Ach behaupte doch nicht, daß du io ausfieafl. wie andere Auden. Ach weiß aber, daß wir Anden sind und die jützifche» Feste so feiern müssen, wie andere cS tun." ״Slber, geh' doch, .Ztind. Solch ein Jude wie ich? T» weißt doch fehr gut, daß avenn mein Geschäft mir erlaubte, ich schon längst geiaufr und vielleicht jetzt — ein Baron oder polnischer Schlachziz wäre" — fügte er, sich vergnügt §en Bauch streichelnd, hinzu: ״Und ich sollte solche Tuuimheitcn treiben? Pfui!" und spuckte verachtungsvoll aus. Heinrich, der den Barer mitleidsvoll betrachtete, wiederholte ironisch seine letzten Worte: ״Tumm heilen? Tummheiten?" und hell, aber tonlos auflachend, verließ er eiligst das Zimmer. . . und1 Kaffeehäusern die ״Jüdische Volksstinime“. 1

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.