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Jüdische Volksstimme · 1903-12-15 · 22 (15.12.1903) · p. Seite 3

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Journal
Jüdische Volksstimme
Volume
IV (1903)
Issue
22 (15.12.1903)
Date
1903-12-15
Page
Seite 3 (sequence 3)
Language
German
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9!r. 22 Jüdische Volksstimine l ite 3 ״*-'•״'!ד״ ־ S'-ck für,Zeit gehabt zu «uchseu! Am alljShrltche« Glück-׳ -luck buncn -Intel( an fitbtii ^tu^nt uni) i'JurDc | tan des Zauntraute sich kein herkömmlicher Glück- ::1 eutrettze» wagt einzig deshalb, weil ,ei» 2(nqej wünsch oder ein Angebinde ins Zelt de- Heroder׳ , .1״ »ud deines dunkel ״t und ,an b.e hüudt.chen denn der neue Jtauu* erinnerte den Wütenden an r rotter, d.c dir vorgremeu. es ,et dies himiuliiche ein neuer Jahr, dar er vor diesem verhaßten Jeru- »um Te»,el! Lchme.chle nicht denen. d,e!-,alem verbrachte. In :,io», war schön ein vielbeuet> verachten und ״ich den Bruder. der gleich dir,!achter Zpottv-r-darüber im Schwange Ter Throni׳t> prciheit durstet uud^ reich ihm die Hand! solger hat seine Billa vor Jerusalem aus Lebenszeit -^uuu c,׳"1ז?1® ״. eln. ,vrcu'r und die bezogen und opfert de,״ Judengottcauf Tistanz “ -vrvde lächelt d,r z» und gibt dir nut vollen Händen. Titus wird den Römern dar Spottenabg,wohnen r.etu Auge das nicht ,cheu am Boden hastet s bis er kommt. Wann ad,r wird er kommen? Tas .nd nicht ängstlich über den Wolken sucht, durch- Heer hat schon lange keinen solchen Sterbetag ae- ■ •inflt die bulleren Siebei, der grau,tge Knäuel zerhabt, raie am lepten Geburtstag deS Imperator- .blae,euer Marlyrerieiber entwirrt sich und du er-1 an dem er in höchster Wut den letzten Mann argen -Nickst parke Menichen, die Kuder des alten sreicn die trotzigen Mauern hetzte.' ׳nda. r.ie Kinder dealten freien Juda, die einst! llntsonst. Mau wird warten müssen, bis der lelleicht ein mucken,cher --chwachkops hat vor deinen I Hunger den Römern eine Wüste schenkt.' Pracht- :indcrougen tanzen las,en als Puppen an Trähten,; volle Lorbeeren als Krone für einen Triumphator! vom Himmel hangen und nach dem Takt, lind eine schöne Beute, sie in feierlicher Senatstommer Liedlein. du erkennst sie als Mmschen, die i sitzung dem Volke prahlerisch zu übergeben! . :r verwandt. Ltark sind sie und dein ,fleisch und Für TityS allerdings hatte Titus genug erobert; Blut, ihr Anblick lehrt dich daran glauben, daß ׳ genug Beute, »״,-selbst einen Cäsar zeitlebens glücklich .׳:!, der Jude, stark sein kannst und bist er! ׳zu machen. Tas blutige Chaos aber, das zwischen dir und! Dein Rothaar, Mariamne und deine Augen, ׳.men liegt, kannst du ruhig überschauen. Kein läh-sauS deren Höllenschwärze dem Liebenden ein -dstmuiendeS Entsetzen wird dich befallen, nicht wilder! mel funkelt!' -schrecken, eindringliche Warnung nur ist dir lein | Tas ganze Lager hatte gelacht, als mau erfuhr, -lnblick. Wenn dich in schwachen, kampsesmiide»; was der halbe Centurto vom Feldherr), verlangt stunden Verlangen nach deinem Bruder Mensch erhatte. Er hieß der Halbe, weil er nur mehr daaßt, nimm das Buch der jüdischen Leidensgeschichte! linke Auge besaß und nur die linke Hand und durch ->tr H"»d, die Blätter, in die alle, alle Böl^r ihre einen Hieb am rechten Fuße hinkte. Man verliert blutigen Liebeszeichen eingegraben haben und jedes , diese Tinge nicht, während man Weib!r hofiert und vorzeitige, sinnbetörende Sehnen wird von dir weichen., bekanntlich hielt der Ccnlurio letzteres für ein un- Weiterkämpsend wirst du ruhig die Stunde erwarten, saßbarer Vergehen jedes Kciegeis Bis er einer .'a du, ein Freier auf freiem Grund, ihm die Hand, TageS von einem Streiszug mit einer geheimnisvoll oirst bieten können, ohne zu fürchten, daß er dich i verschlossenen Sänfte zurückkehrte. In seiner-ewig .!t Boden zwingt und er. dessen Gewalt nichtüber \ mürrischen Art berichtete er dem gutmütig lächelnden -'ich vermag, dein Freund wird, weil er dein Herr TituS, daß er den Hoshalt der nach Ägypten ilüchmcht sein kann. Inp. K. Stricker. : lenden Enkelin des Herodeüberrascht habe und bat Zugleich, seine Gefangene im Lager behalten zu' dnise». Tte allgemeine Heiterkeit verstummte, als! . TmiS aus Neugierde den Vorhang der Säusle zu-: Tie Leichen der'Juden ließ man liegen; rüchschlug, baumlange stehen blieb und endlich den! Vom Tempelberg schwang sich der Äbendiomd Centuriv in sein Zelt beschul).! iterunter und strich liebkosend über die Gefallenen.! Am nächsten Tage war der Ccnturio Tribuns Er trug die Ruse der Wachen von der Mauer her- und die kostbarsten Teckeu 1״ Titus Zelt lagen il»! über, tröstlich» Worte von Bereitschaft und Kamps. Gemach Mariamner. ‘ Vom Kidronbach brachte er linden Tau und jagte zornig den Rauch von den verglimmenden Belagerungs- Maschinen ins römische Lager. Unruhig schnoben darin die Koppeln syrischer 'tameele der brenzlichen Witterung entgegen. Sie kalten die jetzt verkohlenden Zeile und Balken laug- .einige» Schrittes durch das verbrannte Judaea nerbeigeschleppt, wo weder Holz noch Flachs mehr!vuchs. Die daraus neugebauten Steinschleudern und Mauerbrecher nahmen das Ende aller früheren.' Kaum inhlten sich die Jerusalemer von ihnen belästigt, als Titus, der Schüler SenekaS, ein Narr. Titus.׳ der Kronprinz, ein Bettler. Titus, sder Feldherr,! eist Feigling. Tiese ewig schweigsam liegende Jüdin! brauchte nur mit den Augen zu blitzen, um aus s de» brutalsten Vorsätzen des drohend eingetretenen: Römers ein demütiges Flehen zu machen. Eine! Statue hätte er ebenso erfolgreich angebetet. Leben kam nur in das Weib, wenn sie allein! war. Ta stampfte sie aus die Edelsteine, die auS Schwcrtgrifien ausgebrochen und vor ihr Lager gelegt wurden. Da wunderte sie rastlos zwischen te ausfieleir-rmd erst von bnrfcreunenbeii Trümmern; Wand und Tür, vor der die Wache stand, mit dem der letzten wichen.; Leben gegen MariamneS Flucht bürgend. I Zorngeballt raffte des Titus Faust die Falten j ' Ein Hammerrus der größten Qual ließ sie bei' ׳'׳e:r.er Toga, während er den Laubengang des Feld-! einem dieser Gänge die Portiere des Eingangheben.; rrnzelteS unruhigen Schrittes durchmaß. Beim Ihr Herz erstarrte. Bor dem Zelt zog sich dies ׳?erkules! Tie Schlingpflanzen am Gitter'hatten Hauptstraße des Lager« hin, doppelreihig eingesäumt! von eingeramMten-Prählen. An jedem dieser sing ein Mann an den im Rücken zuiammengeichnürte 1 Handgelenken. Langsam .und lauge. krümmten s ch noch die Glieder etnzelner, bis sie nach plötzlich! m Ruck in die Starre-der Uebrigen sielen. So verso hr Rom mit seinen Gefangenen. Taumelnd vor Entsetzen >ul Maria me aus ihr Lager zurück. Au die׳'em Abend hörte Ti ms zum erstenmal den Klang ihrer Stimme: Er solle ihr einen Tag Ruhe gönnen, sie habe Wichtiges zu über legen und ihm. zu sagen. Titus erhob sich, die zum erstenmal gewährte Hand mit Küsten bedeckende ״Roch ein Wort," rief sie mit abgewandtem Gesicht, .nicmand darf mehr an den Pfahl." Ter L eibsklave flog mit den Befehlen ins Lager. Ein neuer Gedanke war in der Fürstentochter ausgekcimt, verwirrend und schrecklich zug!!ich und nun rang sie in schlafloser Nacht nach Er enntm». Hasmonäerin von der Mutter her, rollte Hi rrenblut in ihren Adern. Jede Fiber in ihr,zuckte vi r Sehnsucht nach Rache. Rache für die Getöteten, die Gemarterten, für Roms frechen Raubz'ug! £ aS aber konnte ihre kraftlose Hand auSrichten. Sollte sie wie Judith einen entnervten Schiäser töten? TamalS aber kämpfte Juda mit 'H loserneS und sein Tod allein war Judas Leben. Heute aber kämpst Juda mit Rom und der Rumps setzt sich für ein geraubte- Haupt neue auf so viel 11an will. Wenn man aber da- Haupt zum i erberben der Rumpfes lenkte? TituS Liebe kam an- Ziel, damit Mt riamneS Haß ans Ziel käme. Wie hatte Seneka dem TituS in Wei heit gepredigt? ״Zweimal, zehnmal wechselt der t knd und viermal zehnmal da- Wollen .deS Weibel! Aus der zürnenden.Göttin war ein launisch schmollendes Kind geworden, Tie Zeit reite aus einer Schnecke, wenn sie allein sei, so klagte sie und wollte sich trotz aller Eide nicht beruhigen, daß sie in Rom der Mittel- _ Punkt alle- Lebens sein werde. Wal konnte ihr aber ein Kriegrtager bitten? Titus gelobte der Aphrodite hunderr weiße Tauben als Marialkine selbst aus'eine Beschäftigung veriiel. Sie halte ihren Brüdern die Jagdpfeile mit, Federn versehen — keine Pfeile fliegen besser wie ihre. Sie wird TituS einen Purpurmantel weben, wenn er ihr Fäden gibt oder er soll ihr Federn bringen und Pfeile. , Tie plattnasigen ikythischcn Bogenschützen schwören, daß die Pfeile der Königin keinen Fehlschuß tun. Tie Mannschaften bekamen einfarbige graue, die Führer schöne bunte Pfeile. Zwischen Grimm und Lache» erzählte TituS feiner Geliebten, daß zwei der letzteren blank gezogen hätten nach einem Streite, wem die Königin die schöneren Pfeile gemacht hätte. Solche Streitigkeiten fehlten ihm noch, während osienbar die Tämonen mit dm Juden verbündet seien. -Bei jedem nächtlichen Uebcrsall seien die Juden die ersten am Platze, jeder Hinterhalt und die Prvvianikolonnen der Römer würden abgefangen und die Belagerung werde übel enden, wenn da« Glück die Juden nicht bald verlasse. — Nein, das Glück verließ die Juden nicht. ES saß lauschend im -Zelt des Imperator«, Und dann, wenn der ersehnte Tag gekommen! u äre — ich kann mir« lebhaft vorstellen, die ganze ׳ Nacht hält« der Junge kein?luge schließen können. > Tann wären wir ausgebröchen, die Mutter hätte ms noch geküßt und den Knaben Kuchen in׳ die Taschen gestopft, dann hinaus in die Frühlingslust in den jungen, duftenden Nadelwald, wo die Vöglein musizieren und jubelieren. Wie stramm wohl -׳er kleine Mann neben mir hergetrippelt wäre, hier ine Blume pflückend, dort nach einem bunten Falter aschend. Und wieviel Fragen hätte ich ihm da beantworten müssen, all die tausend Wunder de« Walde« erklären, all' die schöne GotteSwelt dem Kleinen offenbaren — Hup! — Der Lehrer stolperte »dcr eine Baumwurzel, gleitet im Schnee aus, schlägt balanzierend mit. den Händen um sich und stützt sich dann fest aus seinen Stock. Verwundert ichaut er aus. Hab ich geträumt? Sein Blick streift dar kleine Päckchen, er lächelt bitter.׳ Nun mein lieber Sohn, wie gefällt dir der kleine Ausflug? Wie gefallen dir die Blumen und die Schmetterlinge, warum fragst du nicht nach den Singvöglein? Seine Worte schneiden ihm lies ins Herz, er wühlt in der Wunde, als wollte er sich am eigenen Schmerz betäuben. An manchem Winterabend, wenn ich daheim u! warmen Herde lehnte und meine Pfeife rauchte, und mein Weib mir gegenüber saß und Strümpfe stopfte, während der Wind draußen an Tür und Tor rüttelte, haben wir Pläne geschmiedet, was aus dem Kleine» einmal werden sollte ״TaS steht fest," pflegte nenne Frau immer zu sage» ״Lehrer darf er nicht werden, nein, niemals. To aus einem kleinen Torfe sitzen, vor dem bümtriften Viehhändler den Hut abzieheu, weil er zufällig im Kultusvorstande sitzt, als Erzieher der Jugend, als Vorbctcr vor Gottes Altar, doch der Geringste in der Gemeinde zu sein, die ihn für die Fußtritte und scheelen Blicke mit einem Bettcllohu adsertigt und wo jeder glaubt ihn verachten zu dürft״, weil er ihm zu den hohen Feiertagen einen ״Fünfer" in« Hau« schickt — nein und abermals nein. Studieren muß Mein Adolf, ein Doktor muß er werden, o, ein berühmter Doktor, vielleicht gar Prosessor. Er ist doch so ein gefcheidteS Kind. Ter Benjamin von Sali Rosenzweig kann kaum ״Tata" und ״Mama" lallen und unser Adolf spricht schon alle« fehlerfrei. Freilich. Geld wird« kosten, viel Geld, wir werden uns sehr einschränken müssen, aber Gott wird schon Helsen." Gott wird Helsen, das ist die LebenSregel der guten F,rau. Alle Sorgen beschwichtigt sie mit diesen Worten, alle Tränen trocknet, alle Zweifel stillt sie damit. ' ' Ach Gott! Ach Gott! Warum hast du der armen Frau da«- angetan? Dem stillen, schlichten Wesen, das fromm und gläubig auf dich vertraute, das schweigsam alle Lasten trägt und von der Welt wenig-weiß, so wenig verlangt. Warum hast du ihr das Einzige entrissen, an dem sie mit ganz! m Herzen hing, dar ihr Dasein so völlig aussiillle. Ich will nicht murren, mein Gott und Herr, aber was hat das arme Weib verschuldet, daß du sie so grausam!heimsuchst? Sollte wirklich? doch neizl . .. da« wäre!ja kindisch-'. . da« ist ein lächerlicher Gedanke, der mir da durch den Kops schießt, Gott ist-ja allgütig.! allweiie, allgerecht, er wird doch das Bißchen Eitelkeit! nicht so schiver ahnden. Mein Gatt, welche Mutter! ist nicht eitel. Damals als das langersehnte Knäblein ‘ gekommen war und sie da« kleine Gesichtcheu wieder ' und immer, wieder betrachtete, da lächelte sie strab- ׳ lend vor Mutterglück ganz leise vor sich hin: ״Ach,! schau Moritz, wie sein, wie schön, er sieht gar nicht! jüdisch aus!" Und als ich da« Kind' mach meinem gottseligen Großvater, der ein frommer und hochgelehrter Rabbi in Ungarn war, Abraham nennen wollte, da hat sie sich mit Händen und Füßen'dagegen gesträubt. Um Gottes willen, hat sie gesagt, willst du da« Kind für. sein Leben unglücklich machen, willst du ihm da« Brandmal aus die Stirne drücken, da« ihn für immer ächtet? Das arme Würmchen, da« wehrlos in der Wiege liegt,, soll schon dem Hasse und der Verachtung preisgegeben werden, ioll schon den Kampf aufnehmen Legen eine Welt von Lüge und Bosheit? Nein, da« dulde ich nimmermehr Einen Namen soll er tragen, den er nicht errötend zu nennen braucht, den idm die ,Buben nicht höhnend nachrufen werden. Und ich Narr habe nachg'egebeu.! Nimmt sich Adolf schöner au« wie Abrahaip, wenn es auf einem kleinen, moosbedeckte» FriHhos steht, in der dunkelsten Ecke am Teutschbrodcr' Friedhof? ,; Dcr Abend ist hereiug-brocheu. Tie ■r: n׳cn der Verbreitet den ״Jüdischen Volkskalender“.

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