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Jüdische Volksstimme · 1903-03-15 · 4 (15.3.1903) · p. [Seite]

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Journal
Jüdische Volksstimme
Volume
IV (1903)
Issue
4 (15.3.1903)
Date
1903-03-15
Page
[Seite] (sequence 1)
Language
German
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I T\T. Jahrgang. > Wrnnn,!5. Wärz 1903. -Zlr. 4 B^ugsvreiie: fv«r Ce»!enrcu1> ttn.^nn Hlbiätm«! K gan'giidrig K 4. mtl. Poü.;uicndnng: TemÜlila«-;«!»;jädrial Mark l-M׳; Rnüland;,.,«;jüttrig 2 fliUvi. «chlvc»;. ,vrantrcich. Italien, Linke«. Üpiiiiiiucu, Serbien, Bnl»1arien n׳w. ,'vvt'j. «־׳• Ncdaklion und Admini׳rnn!on: Brün>^.-Scknnc!.n'׳'e ׳Xr. I. T«e . südliche ^olkoü'mmceri(tu*m! am 1 und!.'׳. r - - :.׳cn.^ Bttcbdandlerii<1-e ^erneimi-i: üllr׳ Klemm, r.'ew>1;1- 3111« 13. B)äV1. Sinnt, Spitzer, :partinanh... Was sic uns gaben, zerrann wie ein Phantom in unseren. Händen, Darum wollen wir sie grüßet, stumm und schlicht, wie Akiba den juitgeu Bar: tochba gegrüßt haben mag: Ohne Jubelhymne. hue ekstatische Dytirambcii, Den üblichen Ucberichwang an diesem Tage müssen wir den andern lassen. Uns ziemt er nicht. Denn wir sahen viel in der kurzen Spanne Zeit, die zwischen dem Sturmjahr und uns liegt. Wir sahen die ,konstitutionellen Bürgschaften" in die schwarze Kluft versinken, die sich zwischen Heroenlräumen und realer Wirklichkeit dehnt, wir sahen den allen Haß vermählt mit dem neuen, heim tückischen Boykott, Hungertyphus und Rückwayderung, und wir sahen das Ende: die geknisktcn Seelen, , , .■ i! Jubelhymnen ziemen uns nicht, denn wir sahen das Ende, Aber ein kurzes, bewunderndes Verweilen sei uns gegönnt, eine liebende Erinnerung an diese eisernen Stirnen, an diese hochflutciiden Herzen, Sie wußten nicht, daß das Werk, das sie ihrem Volke errichteten, mit ihren zerschossenen Leibern in die Grnst sinken müsse, Sic ahnten nicht, daß uns der glutrote Schein ihrer Rebcllensackcln aus der Judengosse über die Barrikaden just in das Lager des Feindes geleitet hat.., I ,Auslder dumpfen Enge des Kerkers in die cndlose Wüste der Leiden — aus den Höhen unserer heiligen Bäterweitheit, in die seuchlcn Niederungen der Seldstverachlung — qus de» Mauern des ,Ghetto" in dar weite,' weite Köln jüdische Rebellen gckämpjt. h: Dajür haben Und doch! l Dem Sturmjahr danken wir nnjrr neues Werden, Tic heißen Fedrnartage von Paris mit der erzielten ,Garantie der Arbeit", die Bürqerverjammlunge» von Mannheim und Heidelberg, der Nus Robert H e ck c r s in der denkwürdigen Versammlung Jeuilletorr. Wiener V r i e f. ' Von A, Simcha, Gestern abends, da halte ich einen erlesenen Genuß. Kein Theater wach, kein Konzensaal, ein einfaches Wirtslokal bloß, nicht das feinste und sauberste, und rauchgcschwängcrt genug — aber schön war'S doch. Das Uebcrjchrcilcn einer Douaukanalbrücke kommt einer ,Ucbersetzung ins Hebräische" gleich. Ties ist ein in Wien vielgekanntes Scherzwort liegt aber eine tiefe Wahrheit öari«. Dieser Donaukanal trennt zwei Welten, Eine, schmale Brücke zwischen West und Ost, Hie Mauichel, hie Jud! Der Jude diesseits hat feinen( Quailadcn,, Zy> linderhnt und Pelzrock, ist sortschritlkich, assimiliert :c, — Man fühlt, da bröckelt etwas ab vom alten, tausendjährigen Bau, Drüben aber, jenseits des Wassers — die armen, schmierigen Kerfe mit ihrem Lestlcrtum, der Einfachheit und frommen Ergebung in ihr Schicksal, Ohne SMdtpelz — aber es sind lauter Zionisten, LZicle mögen das-Wort nie im Leben gehört haben, aber das tut nichts. Was sind Worte? Also, in jenes Wirtshaus bin ich gegangen, Hab' mich an einen Tisch gesetzt und sehe mir meine Leute an, Russische, polnische, rumänische der Vaterlandssrcnndc vom '1. MärzRach ,der ganzen j verleihen können. Ich hätte auch hcrvorhebcn wollen Freiheit für alle", die preußische Proklamation vom; welche zugleich schwungvoll ichassendc und nüchiern 19. März — sie bedeuten für uns ebensowenig. rechncrdc Verstandesarbcil in den Einzelheiten der wie die konstitutionellen Bürgschaficn und die kon sessionelle Gleichberechtigung. Daß aber gerade die «rostloie Zerklüstung. die perspektivisch geschilderten Einrichtungen d!-s »als ncucistandcn gedachten jüdischen Gemeinwesens im Lande der Väter steckt. Eine Art Schamhasiiglcii, der Völkersrühlinq in uns bewirkte, den lahmen die jeder sein organisierte Mensch mir nachsühlcn Schwingen neue .straft verlieh -4 das bedeutet für wird, bestimmte mich, mir diese GeMigtuung zu uns alles, i versagen, May kennt die Frrnnd'chasisbanbc, die Denn eines ist uns oiscnbar geworden: Nur mich mit Hcrzl verknüpfen. Aus Gcrcchiigkeii und durch jene gewaltsame Lösung des letzten äußeren nun gar aus Wohlwollen haben weder-er noch ich Zusammenhanges, nur durch das schallenlose Um hcrirrcn konnte dem greisenhaften Volk, das die Last der Jahrtausende von Geschlecht aus Geschlecht zu rechnen. Ich sürchlcic, gegnerische Bosheit wurde über Kameraderic bühnen, und war nicht iapstr genug, darüber im voraus die Achsel zu zucken. vererbt, die neue, starke Sehnsucht werden nach einem Ich fürchtete es ja auch nicht für mich, denn ich ganzen, einem bodenständigen Lebe», wie er jeder: lasse mir die Nichtswürdigkeiten von Burschen, die Baum und jede Wiesenblume, jeder Moossternchen j ׳chlechtcn Glaubens sind, nicht uahegehcn : ich scheute und jeder Tautropsen lebt! ״־; es um H.-rzlS willen, den cs verletzen konnte, wenn i unierstellt würde, er hätte sich bon mir Freundes . __ *! dienste ausgebete». In diesem Linne sei da» Andenken Blums Eine Kritik,-in dct Achad-Haam an dem Lache und Lsp ißerS und der vielen anderen Bruder,! un-! j״llcm azerjasser sein Mulchen gekühlt bat. fj״”! bestimmt mich indes, meine Zurückhaltung zu über- ”. n,jnj>en_ chhr Angrine, gegen die ein hochgesinnter des Jahres 4* fortraffte im AUerheiligsten.unserer j Bru1><Acwahru zipatio: _ , und stolzer Mann sich nicht vericidiqcn Idnn, ... ^ichaben uns über ca-.׳ Golgatha der ,iruianakr gleich ädgewehri und gesühnt werden müssen, ivif in!den Frühling unteres Volkes geleitet, ..,cnn das Grcchiigkeitsgcsühl nicht allzu schwer- ^1 . Aüiad-Haam über ״^Unrnland". Von M a x -1?» r d a u. Als ich Herzls Roman ,Altnculand" gelesen hatte, drängte cs mich, all das Gute, daß ich'davon dachte, laut auszusprechcn. Ich Kälte gern im einzelnen gezeigt, wie Begeisterung stir den Gegenstand »nd hohe Ährislstcllerbcgabung die etwas unsichere. beleidigt sein soll. Mein Freund Herzl wird »»r deshalv verzeihen. -wenn ich mich mit seinem .«rititer cn>sc>nander׳eye, Sehen wir. was Achad-Haam vorzuwrrsen hat, ,Es ist unwahrscheinlich, das; die Dinge >,ch so. zutragen werden, wie .Altncu>and7 sie erzA'lt. Zwanzig Jahre sind ein kurzer Zeitraunr für d,, Vorgänge, die geschildert sind,' Es äst Nicht der Mithe wert, diesen Eimvand etwas zweifelhafte Tichlungsgcstlung der Utopie! zurückzuweisen, Vorher׳agn»gcn gegenüber kann jedererneuern, die menschlichen Träger der Fabel, die als! Flachkops überlege» tun. Herzl stellt Vorgänge dar, Symbole naturgemäß etwas ichaltenhait sein müsles,! die sich Liner Ansicht nach begeben können, wen» in individualisierte-Eharaklcrc unizaubern und mst; seine Von1us>ctzungenzulreifen, Achad Haam weiß sprudelndcm Leben erfüllen, die eisige Lehrhasligkeit, l rs besser. Er kennt die Zukunft ganz genau. Er die von einer Utopie unzerlreunlich ist. durch er-! vermag aui ein Haav-anzugeden, -was pch in zwai׳ zig quickcnde poetische Wärme ersetzen, einer Lnstipiegelung! Jahren zutragen wird, was nicht. Wer ihn für-einen der Phantasie einen erstaunlichen Wirklichkeitsschein j unirüglichc» Propheten hält, mag ihm glauben. Wer Juden, viele mit Frauen — alle Kleinhändler, Handwerket und Arbeiter. Bei den meisten ist der jüdische Typus deutlich erkenntlich: einzelne aber hätte ich bei ein!» Begegnung aus der' Straße niemals für Juden gehalten, Da sitzt einer ckn meinem Tische, ein einfach aber nett gekleidetes schwarzes Judcnwcib neben sich. Er, das Prototyp des Slaven: Rundes Gesicht mit starken Backenknochen, das gescheitelte Haar in die Stirne gekLmmt, Er sitzt ruhig, stillvergnügt da, raucht und macht ab und z» einen Schluck ans dem Glase; die Frau schmiegt sich an ihn, Gewiß.' eine wilde Ehe! Doch wie staune ich, ,als er!ich ins Gespräch mengt, ein jüdisch Liedchen summt und seine Worte mit hebräischen Ziiaten bekräjligt. Und solcher Gestalten gibi's im Osten diele. Da habt chr die Rasjcntheorie k Ein Jüdlcin tritt ein. ein alter, untersetzter Kerl in schäbigem Rock mit glänzendem Rücken, Sein Gesicht, von einen grauem, verwildertem Barte umgeben, ist von zwei kleinen, listig zwinkernden Aeuglein belebt. Anscheinend ein wein- oder schnapsfroher Geselle, Er zieht ein abgegriffenes Päckchen mit Tee ckus der Tasche und bietet es in vertrau» lichem Tone, als handelte es sich um ein Geheimnis, zum Kaufe an. Für den Fall, als man es ablehat, hat er Briefpapier, Und kaust man ihm nichts ab, so bittet er im Tone der größten Selbstverständlichfeit um einige Kreuzer. Der Alte plaudert von allem Gedenket des jüdischen Nationalfondes! j möglichen aus der Welt. Er ist ein Gegner des i Ehassidismus. und zum Schlüsse versucht er. uns [ eine ichmicrige Btbclstelle klarzulcgen,! .Hat länger studiert als du", muß ich unwilll kürlich Senken, Wie oft wohl,,muß der Alte in seiner!Jugend über den Folianten gesessen haben, daß ihm 1 all dies io lebendig im Kaufe geblieben. Und ivte- 1 viel Intelligenz und AgiliiaHin diesem allen Schädel > steckt! Ta reden die Leute von der geistigen Vorj fjissilng unseres Proletariats und bauen Theorien ans. ohne je einen wirklich n Juden gehör! und ,׳e, ] sehen zil Igrbrn, Geht hin und lernt unier Volk kennen: Wir sind ntchi wie die andern, ) Unten die Glesmer spielen ihre 1,! Manchmal etwas Ungarisches, meist aber jüdische! Pickkslieder und diq Melodien Goldfadens, die I ollsekanntcil und schönen, Ueberall im Osten Pngt man sthn, Tic Theater machen dabei ihr Geschäst sJn seinen Säckel kommt wenig,. Ein jüdi-'ches . Künstlerschicksal! | . , Wie die Lieder durch den Raum jauchzen!:!:d! stöhnen, bis ins Innerste greifend — das. Golns - in Noten gesetzt, in Töne gegossen — da wird er - ,gewaltig beschworen, der tausendjährige Schiuerz" l Ein junger Mensch setzt sich an unseren Ti so. Unter dem grünen Rock die hochgeschlossene Ardeilcr- I blouse, ein hübsches Gesicht mit großen wchmnliqci,'!Augen, das kleine Schuurrbärtchcn an den Enden l keck emporgczwirbelt. Der Andere, der mit der Frau.

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