Jüdische Volksstimme
- Journal
- Jüdische Volksstimme
- Volume
- IV (1903)
- Issue
- 2 (15.2.1903)
- Date
- 1903-02-15
- Page
- [Seite] (sequence 1)
- Language
- German
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I ITT. Jahrgang. Wrünn. 15. Kebruar 1903. -glr. 2 1־•Hc^ufl^prciii‘: ,vür X.ci1erveid1 Ungant Imlbräbrig K 2 2״. iiou^ahviii K!. iufl. 'Kebflftipn und Ädininnnarion. Bvünn. L<׳.׳ü::.1>1nc ^'z. 1. 'hv»t.;nixndlm;1: Tetttschldnv;^!!;jülrrig Mark -i׳״׳'׳. ^nnianb gdn׳,iäbng 2 ^'ttbei. Tie ..^üblidte Pplkc-nimme'■ aidteim d;n!. nn? ' . jed-׳« ’•ייי יי SchtufK, ,uijntveidt, Italien, Türkei.;Kuinämcu, Serbien, Bulgarien mu». Ivif?. ״^ . ■ייdUhinMcuüm C:v >ר:גה:יי^ .י.:ז:י1.ג• > *■■ Ungarn. * Tas Bestreben »ach national einheitlicher Au«, gcstaltung de« ZlaatSkörpers bildet heute im politischen Leben allerorten da« treibende Moment. Es beansprucht alle Kräfte, zeitigt erbitterte Fehden und fordert blutige Opfer/ Um die Richtigkeit dieser Anichauung zu erhärten und die au« diesen Kämpfen resultierenden traurigen Konsequenzen in ein besonder« grelles Licht zu rücken, wird gewöhnlich Oesterreich als Schulbeispiel hingesttllt. Diese. Wahl ist keine ganz zweckentsprechende.? In Oesterreich, wo keine Rationalität als tatsächlich herrschend zu bcachten ist, wo die Kräfte nicht allzu ungleich vcrteilt sind, trägt der Rationalikttenkampf wohl äußer» sich den wildesten, »»gestüffisten Eharakter, die grausamste Form nimmt er aber dort an, wo große, das Staatsruder in Händen haltende * nationale Majoritäten daran gehen, die ihnen unbequemen stammessremdcn Minoritäten zu cntnationalisicren. Dort hört das Kämpfen auf und ein Schlachten — freilich im Zeichen des ,Rechte«- — beginnt. Wenn sich in Oesterreich Deutsche und Slaven in den Haaren liegen, gibl's wohl viel Geschrei und großes Gedränge, aber Eines bleibt bestehen: Dar durch Sie Bcrsassung gestützte Rechts Mag « auch hie und da von oben einen Puff kriegen und sich nach dieser oder jener Seite Hinneigen, so kann sich doch keine der nationalen Parteicn-dcs ausschließlichen Berfügungsrcchtes über dasselbe rühmen und für seine Zwecke ausbeuten. Anders dort, wo sich der an zweiter Stelle erwähnte Prozeß abspielt. Dort legt ganz einfach die gebietende nationale Majorität den schweren Raufdcgen beiseite, setzt sich im breiten Rechtstuhl behaglich zurecht und die unnahbare Zungsrau Justitia, urplötzlich zur gcsäHigen Dirne geworden, drückt ihr da« zierliche und scharst Rechtjchwert in die Hände und tritt bescheiden zur Seite. In Rußland und Deutschland steht dieses Schauspiel in vollem Gang, in Ungarn ist eben der Vorhang ausgegangen. Und Ungarns Juden, als magyarische Chauoinistcn, tun fleißig mit. Sind sie auch nicht aktiv beteiligt, so bilden sie ein beisalljauchzender Auditorimn und helfen, die nackte Gewalt in Weihrauchwolken hüllen. In Oesterreich haben die Juden auch in den Jeuitteton. Lin banger Lag. Von Julius Uprimny. ^>/ Die Judentöchter und jungen Hausftauen der jüdböhmischen Kreisstadt kehrten heute nicht wie sonst vom Wochenmarktc zurück, wo sie den Kampf mit geizigen Bäuerinnen und verschwenderischen Auskäuscrn siegreich bestanden hatten. Die billige Henne r wurde nicht verständnisvollen Angehörigen zur Prüjung aus Fett und Schwere übergeben; de« Groß vatcr. der schon unruhig an der kalten Pfeife sog, wurden nicht zwei Päckchen Tabak herausgckramt; und vor den in Erwartung hochgcreckten Räschcn der Kleinen baumelte kein Kirschcnpaar. Sondern der scgcnspendende Korb wurde ohne weiter« Zercmonien hingestcllt. Er war ganz, interesselos geworden durch die neueste Sensation: ,Wißt ihr schon?Auf einmal, wie wir am Platz stehn, laufen alle Leut' zum Brunnen und die Frau Schwarzkops sagt: Kommen Sie, gehen wir auch schau n. Und wie wir hinkommen, kommen zwei Gendarmen mit aufgepflanzten Bajonett und zwischen ihnen geht Michel Fried mit geschlossenen Händen und hinter ihm geht seine Frau mit einem Kind ani Arm. Ganz weiß war sic und hat nur einen Strumpf angehabt an einem Fuß. Und der Frau Schwartzkops ist schlecht Kampf fremder Rationalitäten eingegrisicn und durch törichte Hoffnungen verblendet und gewissenlose, politische Geschäftemacher mißleitet, stakt Neutralität zu wahren, sich bedingungslos an die deutsche Seite geschlagen. Ter traurige Lohn ist ihnen geworden, der Unterstützte hat ihnen längst mißächtlich den Rücken gewandt und der Slave haßt' heute den Juden als solchen und haßt ihn zehnfach als deutschen Helfershelfer. Den ungarischen Juden war bis nun ein ähnliches Schicllal voraus zu sagen, heute, aber hat sich die Perspektive in dieser Richtung grauenhast erweitert. Bisnun spielte der Jude in Ungarn, gleich dem österreichischen Assimilanten, die Rolle des Mitkämpscrs, dem als alleiniger Lohn die Mißgunst des Gegners Vorbehalten blocht: verharrt er aber auch weiter in seiner politischen Stellung, jo muß er — zufolge des EharaktsrS, den die national-ungarischc Politik angenommen hat in die Rolle des Schergen, des Henwrknechles verfallen und einen Haß aus sich laden, der seinesgleichen nicht findet. Bor der Geschichte, di« ohne Senti- Mentalität urteilt, wird der .Kläger sein heutiges Vorgehen rcchfertigcn können, er handelt im Jniercsic der Festigung seines Volkstums; aus dem assistierenden Juden aber wird der Vorwurf, sich zum Werkzeug der Gewalt hcrgegeben zu haben, ewig lasten, denn aus die Geltendmachung dieses einzigen rechtfertigenden Grundes hat er kein Anrecht. Unter den heutigen Umständen wird die Sachläge ip Ungarn zu einer Katastrophe fürs.jüdische Volk führen. Wir Zionisten müsicn ihr Vorbeugen. In Ungarn ist bisher von. unserer Seite wenig gearbeitet worden. Jetzt aber ist der Zeitpunkt gekommen, da mit der intensivsten Agitation begonnen werden muß. denn es gilt zu verhüten,, daß.die Juden Ungarns eine Schuld auf sich laden, die noch ungleich schwerer und unheilbringender ist. als jene, die das Konto der dcutschtümelnden Juden belastet. Blinde Assimilationsjucht hat die- Juden zu törichter und folgenschwerer Einmischung in Kämpfe srcnider Rationen verleitet, heute stehen in Ungarn die Dinge derart, daß ihr Eiuslnß die Juden zur Mithilfe an Gewaltakten, der'Errichtung eines terroristischen Regimentes zu veranlassen droht. Der Sieg des zionistischen Gedankens, allein kann Wandlung schaffen, daß gerade in eHbter Zeit die offiziellen Parteien Ungarns ihre bisherige erzwun gene judenfrcundlichc Stellung ausgebeu. Schaffung der Einwanderungsverbolc und Unterstützung der antisemitischen Gcnoffenichasten, wird wohl bereits heute manchen ung. Juden in seinem Glauben an die Echtheit magyarischen Liberalismus wankend und unserer Idee zugänglicher gemacht haben. Beginnen wir ungesäumt unsere Arbeit! Vic Mtche Aoderne., f I von Adoll Sinnt». Au« de:» .1!״ eiii!- .;.<11 ltniL. Lemberg. ubArffft von 0. D. lH-t= ־־'. י. י .. •' Tie Generation der Achtziger Jahre des vcrslosjeistn Jahrhunderte«, durch den Tatendurst wiederbclebt, suchte, einen Wirkungskreis. Sie sollte iy» ' in Bälde finden Die ungewöhnliche Bedruckung der Juden m Rußland, die Ausbrüche des Antffeinitirmus in Eliiabetgra», ferner der jensatiouellc TiSza-Eszlar- Prozeß/ enthüllten «die Judeusragh Diese Faktoren, als le sie Glieder der langen Leidenskette. wirkten unmittlbar aus die füdische Jugend im Lande rück, e ie suchte vor Allem eine Stütze in den crii stieren! tn Organisationen, aber - diese konnten >:e nicht zlistiedenslellen.. Ter alte ,Schomcr Israel" das Erzeugnis de« Liberalismus und. der konsritutionellcu Aera. nahte seinem Ende, der!unge ,Agudas Achim"/ hat, schon nach einem kurzen Dasein, angefangen tlnc Vergleichspolitik zu führen. Zum Kauipse mangelte es iym an Lcdctkskrast, zur Aufforderung des ganzen Volkes zur Tat sehltc'ihm die Autorität, und neuen Gedanken einen Weg zu bahnen, der Mul. Tic Jugend war aus der LPche. - Da 1 kamen ihr aus Wien ncüc Läuie zu Ohren ganz unbekannte Symbole. Während in tRilizicn eine Aptzthic, Anämie. Ideenarmut und Stillstand hcrrschtej halte dort unterdessen der geniale Auswiegler i Pcrez Smolensks in kurzer Zeit die Jugend/ aller Länder gesammelt und schleuderte mit dem Fanatismus eines Entdeckers, mit dem O-pli mismus eines Sanguinikers und mit der Urkraft geworden, man hat sie im Wagen nach Haus geführt. Es is' wegen Betrug, sagen die Le»»', weil tr verkauft hat, was nicht ihm gehört hat. Es war wirklich Betrug. Ein sensationeller Fall -sogar. Michel Fried war Kaufmann für Alles. Er kaufte aus den Dörfern den Bauern Roßhaar und altes Eisen, den Bäuerinnen ihr rohes Gespinnst ab. Er ,niachtcin Getreide und wußte den Wert von Knochen und Stoffschnitzcln zu schätzen. Es ging so so,, als er noch ledig war. Als ihm aber das Gezänk seiner Hausstau zu dumm wurde, heiratete er, bekam ein bischen Geld, ein braves Weid und pünktlich vier Kinder. Ta öffnete er den Beutel wohl weit öfter zum Hcrausnchmcn als zum Hercinlegen. Das vertrug der Beutel schlecht. Und Michel Fried trachtete die Krankheit erst am Hazardtisch zu beheben und dann machte er hie und da bedenkliche Geschäfte und dami kam der groß! Sündensall: Ein christlicher Kaufmann mit vollem Laden hatte Lust, seinen Gläubigern dnrchzubrcnncn. Die Waren gingen, an Fried, der sic tasch vcrschleuderte und der Erlös wurde geteilt. Vorderhandsiel die Sache gut aus. Ter Kaufmann verschwand und der Ander? schützte ordnungsgemäßen Kauf vor und hatte Ruhe. Aber der lange Arm der Gcrechtigkeit tat seinen berühmten Griff bis nach Hamburg und holte den flüchtigen Betrüger zurück. Und als dieser den Kerkermeister seiner.Vaterstadt wicdcrsah, d suchte tr die Hauptschuld von sich abzuwälzcn Fried habe. ihn vericitct, habe um den- Betrug -gewußt I und ihn selbst noch üdervorteilt. Und so geschah es I am Morgen nach diesem Verhör, daß der Frau Schwartzkops aus offenem Marktplatz schlecht wurde Die Redakteure der zugehörigen Provinzdlätter wetzten ihre Federn. Tie liberalen machten aus ihnen eine Verteidigungswaffe, die antisemitischen eine Waffe für den Angriff. ,Einer wie alle", schrieben dir Judcnscinde, '״&a hobt ihr die Juden, * Betrügerisch, gcmein, skrupellos und raubgierig, Rur kann man nicht alle erwijchzfi. Wir hoffen,׳ daß an dem einek die Justiz ein Erempel statuieren wird. Jeder Ehrist möge seine Sonsegucnzcn ziehen." Die liberalen Journalisten wunderten sich in ihrer sanften Art darüber, »wie man alle Israeliten,für die Fehler eine« Einzelnen verantwortlich machen könne? ,Und sic veröffentlichten bedeutende Geldspenden reicher^ Juden jjür städtisch« Zwecke an hervorragender Stelle Es kam der Tag der Gerichlsverdandlung. Die zungenfertige Frcku der Schammes war in die Wohnung von Frieds Frau beordert worden, de, der ein Selbstmordversuch mit Mühe »erdulden worden war. Die Frau Schammes und noch an dcrc heimlich weinende Nachbarinnen dcmiihten sicy mit allen Registern des Trostes um die Arme, »»? erzählten im zuversichtlichsten Tone von zalilloien. WM- Gedenket des jüdischen Nationalfond.es! ^47662