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Jüdische Volksstimme · 1900-12-15 · 22 (15.12.1900) · p. Seite 3

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Journal
Jüdische Volksstimme
Volume
I (1900-1901)
Issue
22 (15.12.1900)
Date
1900-12-15
Page
Seite 3 (sequence 3)
Language
German
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9Jr. 22 Jüdisch« Volksstimmr Ratio» wesentlich gefördert zu haben, -chVcnn er jemand wage»' würde, ZwUfel-zn äußern, wäre der gute Mann gewaltig döse^Ein Vorlonimnis der. letzten Woche ries in mir ciif lebhafte Erinnerung ^auf diese lustige Figur hervor. __ t j Hot nicht langer;{eit erließ nämlich die vom llnivcrsitätsproscsior M o r t r u redigierte Bularcster;{cilichrift ״Reue Rumänische Revueein Rundichreibc», das an alle hervorragende» Geister Enropa's gerichtet war, diese auffvrdcrte, ihre Ansicht betreffs der in Rumänien herrschenden,' judcnstindlichen Strömungen zu entwickeln und insbesondere die Frage, ob den rumänischen Juden die politische 'und bürgerliche Gleichberechtigung aus der Stelle zu gcigähreü fei, z» beantworten. Der Zionist Max R v r d a u, an den diese Frage auch crgieng,. bcantwartete sic in den! Sinne, dass er wohl die Perleihnng der bürgerlichen{ nicht aber, die der politischen Gleichberechtigung als momentan den Jnlcresscn der rumänischen Judcnschast förderlich bczcichnet. Diese Antwort und die erschöpfende Begründung veröffentlicht, er in dem Wiener zio- »iitischcn Organ ,Die Welt- und weist insbesondere darauf hin. dass eine politische Gleichberechtigung, die nicht den wahren Intentionen der Regierung entsprich», für den Juden nur von Rachthcil ist, ihm nur neue Gegner schafft und höchstens jüdischen Maulmachcrn Gelegenheit gibt, sich in den Vordergrünt) ־'jm drängen. Dass diese Antwort unserer slammesgcnössischen, liberalen Bourgeoisie, die in einem solchen Fall ° einzig und allein pathetische Verfluchung der Antisemiten und Gcschwalbel von Freiheit und Gleichheit für wbht'anqcbracht,hält, ln die Nase steigen.würde, war vörauszüsehev, und das Gekläff der ,fortschrittlichen- Phrascurs tön! uns bereits in den Ohren. Tr. Blochs -Oesterreichischs Wochenschrift-- — eines der bekannten Organe ,für'»' Judenthiim-, die den stampf für unser Volk derart führen, .dass sie uns getreulich berichten, wenn ein Antisemit silberne Rössel stiehlt und Baron Moritz R. einen Orden oder dessen würdige Gemahlin Zwillinge zu kriegen belieben bringt einen geharnischten Artikel gegen Rordau.' Diese cincsthciltz salbungsvolle, aiidereutheils in! .ikeifton gehaltene Rabbinadc ist als Sammlung aller, der zeit verfügbaren liberalen Schlagworte, sehr inte!, essant.- Ter Verfasser nennt bezeichnenderweise glcicl! in der Einleitung die Worte Rorda»^ eine ,mit Tynainit gefüllte Petarde, daraus berechnet, die Rcchissteltung der Juden zu erschüttern-, ein ,bru tales!'Attentat-, einen ,meuchlerische» Genickiiich-, und warum regt sich der ,gute-, artikelschrcibendc Jude so aus/? Weil Rordau in seiner -rücksichtslosen Offenheit so weit geht, hässliche Fehler des Judenthums auszudcckcn. Ter würdige Artikrlschrciber der ,Wochenschriftrnst aus! Der Kerl' liefert ja den Antisemiten die besten Wasscn! Er leistet Lueger und Schönerer den größten Dienst! Das ist der spniigrnde Punkt für ihn: Lueger und Schönerer könnten frohlocken! Das ist maßgebend für den guten Mann! Und er wird nicht allein bleiben in seiner heiligen Entrüstung, er wird viele, gär viele Eollcgen finden, die sic theilen werden, die die Wahrheiisliebe Nordaus zum Cardinalvcrbrechen, z»m Bolksverrath stempeln werden, eben undallein aus dem Grunde, weil sie den Antisemiten angenehm sein könnte. Es kommt das daher, das« die Mehrzahl der Juden sich eine ganz merkwürdige Anschauung von dem ,stampfe fürs Judenthum und gegen den Antisemitismus- 'gebildet haben; eine Anschauung, mit derdie Ungcniertheit Nordaus nothwcndigerweise in Eollision gcrathen muss. Tex Duichschnitlsjude von heute in seiner Rolle als Kämpfer für sein Volk, hat seine eigene Taktik.' Er betrachtet es als seine Hauptaufgabc, jedesmal, wenn der Name Lueger, Schneider' re. ausgesprochen wird, ,Pfui!- zu schreien. Er gcräth seiner Pflicht gemäß in hellsten Jubel, wenn es herauskommt, dass irgend ein Antisemit Obligationen gefälscht oder Brieftaschen gestohlen hat. er scheut weder Kosten noch Mühe, wenn cs sich darum handelt, dunkle Punkte der Vergangenheit judenfeindlicher Parteiführer aufzudecken, kurz, er erblickt feine vornehmlichste Kampsesweife darin, den Herren Wiener Stadtgrößen das ,Beschtemm" zu machen. Er glaubt einzig und allein durch das Ausfchnüffeln schuchtziger, persönlicher Schwächen unserer Feinde der Judensache fördernd entgegenzukommen. Er hat sich in diese blöde Manier der ,Abwehrförmlich Verbißen. Und dass ihm diese Art zu lämpfeti lieb geworden ist,- ist ja leicht begreiflich, sic ist ja im Ganzen und Großen — unsere Gegner haben wirk» lichen Ueberfluss an Gaunern — so billig, so dequein! Man braucht sich den Henker darum zu scheren, ob in Rumänien Stammesgenossen aus die Straße geworfen werden, ob sie in Galizien erschlagen!werden, man braucht, nur hinzugehcn, tapfer aus 'den Christlichsocialen 'zu schimpfen -und ist ein »guter- Jud! lind außerdem ist man dabei.'doch )uchso exponiert. Man findet Genossen, Liberale, Socialisten, also Richljude»,- .die, wenn auch aus anderen Gründen, mitjchimpfcn, fällt daher mcht - gar jo aus.. ' 7 Unter solchen Umständen ist es natürlich, wenn > die erwähnten Ausführungen׳ Nordan« den 'höchsten j Unwillen dieser Anwälte der jüdischen Sache erregen, denn Rordau tritt da als Repräsentant einer ganz!anderen siampsmethodc — nämlich der zionistischen —' aus. Er beschäftigt sich eben in erster Linie mit!den Schwächen der Juden, nicht — nach hcrge- . brachtet Sitte — mit denen unserer Gegner. Er »Hut cs rücksichtslos, denn ihm schwebt nur der s Gedanke vor, dass völlige Erkenntnis uns nothlhut. I Das Bedenken, unserem Gegner Redtstoss 'zu geben, j lässt ihn nicht die Wahrheit bemänteln. Wir Zionisten׳ wollen ja erst im eigenen Hanic reinen Tisch machen. Ob dabei!Tinge zutage kommen, di-.- unsere Philister weinen! und unsere Gegner lachen Seite 3, uns nicht'beirren. Und wir werden stinsercm Volke . damit eine»' größeren Dienst erweisend als wenn wir unsere Krüste darauf verwende», nachzuwcisen, dass ^der Antisemit Wrchsel^jgtschi oder Bordelle j trequcntiert. Dieses appetitliche Geschäft überlassen wir dem Rabbi'von der ,Wochenschrift- und Eonsortcn. Wir gönnen ihnen auch die Lorbeeren, die sic sich inübselig aus antisemitischenMislbauscn ausschgrrcn Abet sic dürsen nicht kommen und'dem jüdischen ,Volk? wcißmachen wollen, dä׳S cs ihnen. hiesür zu. Dimke verpilichtet ist, dass diese Lumpensammleici im Interesse unierer Ration gelegen ist, sondern sie 'müssen sirhüdsch als dar gelten lassen, was sicist.! als einen Spott sin Leute, denen ein guter Magen! solche Exeursionen in das Gebiet der Schweinerei 'gestattet. - ' . ׳ . ׳~ R. S ׳ Her i(r V SMllS Das.' jüdische Proletariat und die acjmnmu Armenclassc, die Ttnlelligcnz und der Rattelstand j kann gegen die Griuidunq eines Judenstaates aus i dem Boden b!»' Priimtcigcnchunis und des Capitalismu» cstvn wohl berechtigten Einwand erheben. Zwar wird der Judcnstaat als solcher, unabhängig von seiner Form, ein gutes Stück der Judennoth beseitigen, indessen . ist,das moderne Bewusstsein so sehr von soeialistischcn!Wirtschafts- und Gcrcchtigkeitsidealcn durchdrungen, dass ein capitalistijcher Judcnstaat mit Recht den 1 weitesten Schichten des Judenvolkes als unannehmbar; erscheinen muss. Mitzuwirkcn an dem Ausbau eines ' Gemeinwesens, das von vornherein mit den Idealen des socialen Zusammenlebens in, Widerspruch steht, 'dazu können ilnd dürfen die jüdischen!Proletarier und Socialisten sich nicht -hergeben. Die concretc Gestaltung des Juden-! staatcs ist der einzige priircipicllc Einwaud, welcher! gegen den Zionismus mit Recht ins Feld gezogen werden muss. . Mit diesem berechtigten Widerstreben der weiten jüdischen Volkrkreisc hat der Zionismus zu rechnen. Ohne die Männikr der Arheit ist der Zionismus ein t odtgcbaren cs Ki nd. — Die Räder der jüdischen Gemeinwesens werden nicht in Beweg»nggefryt werden können, wenn die mächtigen Arme des jüdischen Arbeiters nicht angreiscn. — Der Zionismus wird mit den jocialistijchcn Strömungen de« judischcn״Prolctariats und der jüdischcn Socialisten, sowie auch mit den. Bestrebungen des jüdischen Mittelstandes und der Intelligenz, die wirtschaftliche Selbständigkeit und Unabhängigkeit zu wahren, zu rechnen Hetzen. Der Zionismus wird sich mit dem Socialismus nothwcndigcwekst vcrquicken müssen. Der Judcnstaat wird ein spcialistsichcr sein müsien. Dagegen lehnen sich keine Interessen innerhalb der Judcnheit auf. wohl aber steht die Form in Einklang mit den heiligsten Wünschen und Hoffnungen großer jüdischer Volkskreise. ' Aber nicht nur, dass die socialistischc Form des jüdische» Staatswesens erwünscht ist, sondern jede andere Form ist technisch und social geradezu unmöglich. Dies zu bewtsieu, sowie den Bauplan des soeialistischcn Judenstaates zu skizzieren, will ich mich in Folgendem bemühen. Der gegenwärtige politische Zionismus strebt einen Judenstaat aus dem Bode» des Privatcigcnthums. Er geht von der Möglichkeit aus, dass die Juden aus allen ihren Zerstrcuungsorten durch die-geme njchasilichc Lrganisaiiön nach dem Judcnstaat unie Wahrung- ׳ der früheren Lebenshaltung werden < uswandcrn ' köstnen. , Um den Arbeitern im Judensi im ein de- '׳ ' solideres Änziehungsmittcl zu bieten,- oird itjnrji eine verkürzte Arbeitszeit garantirt w! rden' ' Tie , praktischen Coloniiationsvcijuchc, welch:. dis jetzt - in Palästina und Argentinien vorgenonr ncn worden * waren, hatten ebenfalls den Privalbesitz zur Basis.. Es hhrt sich dies aber geradezu ungeheuerlich an, dass Menschen sich dazi? hcrgeben w -rden, einen autonomen Staat ans dein Prrncip >!!er socialen!Ungleichheit zu begründen;. dies'würd ja einem l co.itT»! social aus Sclavcrci gleich sein. Wenn aber ,ejn Gcsclljchasisvcrlrag je zustande klmmcn soll,! so kann er sich nur aus Freiheit stützen Tsi sociülc; Ungleichheit wird in erster Meihc dur! h hiltorische! Mächte ausrech: erballen, sie ist cin.^irodnct des , unbcwustcnk Werden» des geschichtliche! Processcs, Tic dewussbe sociale Thäli'gkeit will dis historisch Gewordene vernünftig umgcstalten und sittlich ver kläre». -— - ■ ' . Ein neues Gemeinwesen auslcm Princip dev Ellii^iirrcnzsrciheit und der socialen Unglcichhcst plan und vernnnstloS in bewusster W ise entstellen zu lasten, ist ein sociales, und psychologisches U»- ding. - Einen aus dem Princip des ' ssrivalbcsitzes ' .! nach dem Mnster der histaxisch geword! neu Staaten' gegründeten Judcusiaat kann .man »ich! lpgisch.aus-!denken. Versuchen wir ihn begriislic> ,zu sasicn. Angenommen, die zionistisch organisirtc n.Juden sind ׳ im Besitz, einer Lande« und keilen hoi t eine -Eolo-, nlsatign aus'.dem Prsnciv der srcici EoncurrekJ > — eine Annahine, welche total undenk! ar ist, indem , die Majorität, dir Judcnheit. welche au: dem Mittelstand und . PrVlctariat besieht, dies7 qui keinem, Judencongrcss in richtiger.Erkenntnis ihrer Inter-!csic'ir zulasten dürste, -Mt" Hilfe »ne organisirten! Finanzmacht — der Eotoniachank — nimmt eine ] Colonistengrpppe ein Stück Land in Besitz. Dos! Land wird nun unter-den Colonistcn in Parcellcnh!gethcllt.. Tä nun innerhalb der Eo! onittengruppc - s auch vermögende Personen sich dksind! n»- so { haben!sic die - Möglichkeit," sich größere Güter znerwerben.- ^Dicsc letzteren werden von landi sirtjchastlichen rbcitcrn bearbeitet, und zwar unter den möglichst JT! geringen Löhnen nach den Gesetzen tnr stcicn'Con-! cnrrcnz. Der-einmal vorhandene B rsitzunterschicd Und die miglcichc Eoncurrcnzausrüstuig ziehen eine ' ivcitcrc Verschiebung der Eitzcnthumsvcrhältnisic nach sich. Immer mehr gcräth die Me: rz,hl der Eolo-, ' nisten im wirtichastliche Abhängigleit von den wenigen Reichen. - -.- r Indem nun der freien Cöncurr nz Thür und Thor geösinet sind, nmcht die Jndush stcntwickelung einen tiefen Einschnitt in das joctah Leben, Ter Ccipitalist errichtet Fabriken »nd iß Besitzer der Produclionrmiltcl, Ta die ganze Koizisation in einem wenig cultivirte» Lande vor sie > geht, io sind . dort die Arbeitslöhne äußexir minima c. Mit diesen ^Löhnen kann sich der an eine bessere Lebenshaltung gewohnte eutopäijchc Judenicht znsticdcn geben. Die Arbeiter rceruticrcn sich darum! heimischen Bevölkerung, welche viel b lligcr arbeitet. aus der ein- Tic Colonisation nimmt immer mehr den Eharaktcr de« GcschäftSuntcrnchmens an. Tie!ins Land ge-. . kommcnen Juden sangen an das Lund zu verkästen,׳ , die nächsten Gruppen werden abgcschrtcckl. Tie ganze ,Bewegung geht in ihren Anfängen schon unter, — | Aber auch nicht die kürzeste Lebensdauer könnte eine derartige, unter der Zntasiunq der sräieu Cöncurrcnz und des Privatbesitzes betriebene Evloniiakion er- '! reichen. Der innere Kamps, der mst »m Autonomierecht ausgcstattclcn Individuen wird vot, vornherein ein! so surchtdarcr sein, dass dir Atome zerfliegen werden. - ' bevorsic Zeit haben werden, zu Pncm Aggregat zu verschmelzen.' »! Die Voraussetzung der'gcsammlciuColonisqtion ist, dass die Finanzorganijarion —f die Eschnial-! Hank — das Unternehmen leite und conijolierc, um. Pas Capital in Sicherheit zu bewahren. Die! Colonistcn gcrathen somit in die Abhängigkeit einer!Administration, welche niemals - gut!sein kann, aber I immer schlecht ist. Schlecht wegen ihres Charakters! als Administration. Es entsteh« ssmst JnU'rcsicn- ,!geqcnsätzc, Misedkänche, Verstimmungen, Feindselig-'! leiten und am Schluss Gewaltactc! si -Bei dem frei» s hcitlich und ijtdividucll veranlagte» üharokter der ,!Juden nehmen diese Gegensätze dtild di, denkbar schroffste Form an, welche zur völhgen Aujlösung!bet Kolonien führen. , >' ' ,> Dies -waren auch im allgcmci»« die Formen, in welchen stchs, die jüdischen Cokvsiisationsverjuche - iix Argentinien und Palästina ttzs jetzt. bcwegx

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