Jüdisches Litteratur-Blatt
- Journal
- Jüdisches Litteratur-Blatt
- Volume
- 35 (1913)
- Issue
- Viertes Heft. (1913)
- Date
- 1913-01-01
- Page
- Seite 170 (sequence 26)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 99% known words query
- IRI
…/6492408-6582240-8773761--4493-4859531- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
170 derselben Stadt, geschickt und ihn um Gottes und Marias willen bitten lassen, dass er zu ihm kommen möge; denn er habe etwas mit ihm zu reden, woran der ganzen Christenheit gelegen sei. Es hat sich auch der erwähnte Bürgermeister seiner erbarmt und ist selbdritt zu ihm vor den Kerker gekommen. Da hat ihm der Jude gemeldet, wie er in der vergangenen Nacht ein so schönes Gesicht gesehen, wovon das ganze Gefängnis, darin er gesessen, so klar und licht geworden sei, dass er auch mit seinen Augen nicht habe in den klaren Schein sehen können, sondern er habe vielmehr seinen Mantel um sein Haupt schlagen müssen. Nach einer Weile habe er den Mantel wieder aufgetan und habe auf einer jeden Seite des Fensters im Gefängnisse vier schöne Jungfrauen gesehen, und sonderlich sei eine mitten im Fenster gestanden, die sei noch viel schöner als die anderen gewesen, mit vielen schönen Sternen gekrönt, so dass er nicht anders habe denken können, als dass es St. Maria habe sein müssen. Darauf hat er den Bürgermeister mit höchstem Fleiss gebeten, er möge ihm zum Sakramente der heiligen Taufe und zum heiligen christlichen Glauben behilflich sein. Es hat aber Martin Bellin des Juden Worten keinen Glauben schenken wollen, sondern hat zu ihm gesagt, dass er in dem Rufe stehe, dass er das heilige ^Sakrament empfangen habe und damit gar schmählich umgegangen sei; er solle ja nicht meinen, er könne sich mit diesen oder dergleichen Reden retten, sondern er möge wissen, dass in zwei Stunden der Scharfrichter komme und ihn scharf fragen werde. Darauf hat der Jude Jakob die Antwort gegeben, habe er etwas verdient, 80 wolle er auch dafür leiden, er sage aber bei seinen höchsten, wahren Pflichten, dass ihm solches Gesicht also und nicht anders widerfahren sei, und er bitte doch fleissig, er wolle ihm zur heiligen christlichen Taufe und zum Glauben verhelfen, denn er sei nun drei Jahre damit umgegangen, dass er sich gern hätte taufen lassen, und er habe der Christen Essen und Trinken niemals gemieden, aber sein Gebrechen und seine Nahrung hätten ihn bisher zurückgehalten. Es hat aber der Bürgermeister Martin Bellin es dabei bewenden und den Juden mit der Pein fragen lassen. Desselben Tages gegen Abend hat der Rat zu Brandenburg den Juden Jakob mit eisernen Ketten und anderen Banden am Hals, auch an den Beinen und Händen und mit einem guten Daumenstock, an dem zwei Schlösser gewesen sind, wohl verwahren