Jüdisches Litteratur-Blatt
- Journal
- Jüdisches Litteratur-Blatt
- Volume
- 35 (1913)
- Issue
- 2. Heft. (1913)
- Date
- 1913-01-01
- Page
- Seite 88 (sequence 40)
- Language
- German
- Belongs to
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88 Die alte jüdische Theokratie and das soziale Bestreben des modernen Staates znr Errichtung von Wohllahrt8institationen. Von Dr. A. Neawlrth-M&inc. Nach einem Dogma des Mittelalters galt der Jade als dasjenige Vehikel im Staate, das alles Cebel and Schlechte verursacht. Der Nimbus dieses Glaubens erhielt sich bis in unsere Tage. Die neuere Wissenschaft hat zwar mit Ammenmärchen wie, die Juden wären Brunnenvergifter, gründlich aufgeräumt; aber nur die Namen wechselten, die Begriffe sind dieselben geblieben. Aus ihrem Getthiversteck vermochten die ״Fremden“ nur die verborgenen Wasserquellen zu verpesten, der Staat und das öffentliche Leben blieb dabei uuversehrt; denn von all dem wurde ja der Jude ferngehalten. Mit der Emanzipation erlangten sie den Zutritt zum Parlament und zur Kommune; jetzt soll der ״ zersetzende“ Einfluss der Juden auch auf die beiden gesetzgeberischen Institutionen immer stärker hervortreten. Heute hören wir die Judenfeinde vom Umsturz des Staates durch die Juden, von der jüdischen Führerschaft der Sozialdemokratie predigen. Das Interessanteste an dieser Erscheinung ist nur, dass man zu gleicher Zeit sämtliche sozial-humanitären Einrichtungen, nicht wie folgerichtig demnach zu erwarten wäre, auf jüdische Einwirkung, vielmehr einzig und allein auf den Einfluss der christlichen Weltanschauung zurückzuführen sich anschickt; das Judentum und seine Bekenner waren bei all diesen Neuerungen nur müssige Zuschauer. Die Frage, wie weit die Juden den Aufschwung der sozialen Einrichtungen mitgefördert haben, ist umso einschneidender, als unser ganzes öffentliches Leben im Zeichen der neuen Wohlfahrtseinrichtungen steht. Im Folgenden wollen wir nun versuchen, das Verhältnis zwischen Judentum und Christentum betreib des sozial-humanitären Einflusses auf das öffentlich-rechtliche Leben festzustellen. Wir werden die diesbezüglichen Grundsätze der beiden Religionen zu ergründen suchen, um daraus die vermutliche Wirkung der einen, wie der andren dieser religiösen Mächte, abzuleiten. I. Ein Integrierender Teil der heutigen Gesetze eines modernen Staates verfolgt das Ziel, die bereits bestehenden sozialen Einrichtungen und humanitären Institutionen weiter auszugestalten. Je mehr man sich durch das immerwährende Vorwärtsschreiten auf dem mechanischtechnischen Gebiete vervollkommnet und demzufolge die äussere