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Jüdisches Litteratur-Blatt · 1909-01-01 · No. 5. (1909) · p. Seite 130

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Journal
Jüdisches Litteratur-Blatt
Volume
32 (1909-1910)
Issue
No. 5. (1909)
Date
1909-01-01
Page
Seite 130 (sequence 2)
Language
German
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130 Wir werden uns in vorliegender Schrift mit der Ordnung der Mischna beschäftigen. Eine jahrelange Betrachtung derselben hat mir nämlich so viele Unregelmässigkeiten in der Zusammenstellung gezeigt, dass der hier gemachte Versuch, dieselben zu erklären, wohl von niemandem, der daraufhin in das Grundbuch des Talmud hineingeblickt hat, für unwichtig gehalten werden wird. Beleuchtungen eines Zusammenhangs sind überhaupt bedeutungsvoll. Lese man Laharpes engherzige Urteile über 'Aristophanes, Shakespeare, Aeschylus, Dante, lese man Voltaires kleinlich mäkelnde Anmerkungen über Corneille selbst und man hat Beurteiler vor sich, welche nur den ins Auge springenden Zusammenhang, aber keinen tiefen, versteckten Plan zu erkennen imstande sind. Ihren verdienten Ruhm verdanken jene Dichter gerade der Fähigkeit unseres Zeitalters, das Unausgesprochene in ihnen, die Tiefe der Anlage zu erkennen. Sollte das talmudische Schrifttum nicht ebenfalls gewinnen, sollte nicht vieles zunächst in der Mischna ganz neu beleuchtet werden, wenn man die Bestandteile derselben in ihrem Zusammenhänge nnd in ihrem Verhältnisse zueinander betrachtet? Die Frage nach dem Seder Hammischne ist nicht von mir zuerst gestellt worden, das beweisen schon die Bemühungen der vorzeitlichen Talmudisten, sich darin zurecht zu finden. Scherira und Maimuni begnügten sich freilich־ damit, die Aufeinanderfolge der sechs Ordnungen und der in ihnen enthaltenen Traktatenreihen zu erklären, z. T. unbekümmert darum, ob im Innern der einzelnen Mischnaabschnitte sich merkwürdige Zusammenfügungen entdecken Hessen, an denen alle ihre Regeln zuschanden wurden. Sie legen dem Mischnaordner die tiefsinnigsten Absichten unter, und doch kommen unzählige Stellen vor, die mit der ordnenden Tätigkeit eines einzigen Sammlers in schreiendstem Widerspruche sich befinden. Selbst die Forscher der Neuzeit nahmen die Gestalt der Gesamtmischna meist schon als etwas Fertiges an, oder waren mehr darauf bedacht, Einzelheiten aufzuhellen, als sich ernstlich mit diesen wichtigen Fragen abzufinden. (S. § 1—8.). Es musste mir nun vor allem daran liegen, mein Unternehmen zu rechtfertigen. Vielleicht ist die ganze Untersuchung eine unnötige und ist aus diesem Grunde bisher nicht in solchem Massstabe angestellt worden. Ich führte deshalb von vornherein möglichst viele Beispiele mischnischer. Unregelmässigkeiten im ganzen und im einzelnen an, jedoch nur verschwindend wenig der Gesamtzahl der sonderbaren Halachagefüge gegenüber. Es lässt sich nun dagegen sagen, dass der Orientale überhaupt unsere Forderungen bezüglich des Zusammenhanges nicht kennt und dass oft grundlegende Werke z. B. bei den Muslimen keine Spur von Ordnungssinn zeigen. Es sind dies jedoch Schriften Einzelner, nicht, wie die Mischna, Ergebnis jahrhundertelangen geistigen Zusammenwirkens Vieler, die, schon weil alles mündlich überliefert wurde, des leitenden Fadens bedurften. (S. § 9—15. Ich glaube auch gezeigt zu haben, dass diese merkwürdigen Züge nicht etwa dem mangelnden Ordnungssinne der Sammler zuzuschreiben sind, da die Tossefta sie-getreulich teilt und beide Halachasammlungen darin einem uralten L.ehrplane folgten. Nach dieser Ordnung waren bereits die Mischna des Rabbi Akiba, wie die mehr ins einzelne gehenden Werke seiner Schüler gestaltet. Auch mein Verhältnis zu Schwarz’ und Zuckermandels Ansichten ist dort dargelegt. (S. § 16 bis 25.) Nun hatten einige Stellen der Mischna von jeher meine Aufmerksamkeit auf sich gezogen. Ohne dass ichs wollte, drängte sich mir die Ueberzeugung auf, dass sie älter seien, als alle anderen Bestandteile dieses Schrifttums. Auch scheinen talmudische Nachrichten dies selbst zu bestätigen. Freudig überrachten mich die Wahrnehmungen neuerer Forscher, mit denen ich unbewusst in Uebereinstimmung mich befunden, die zum Teil das Gleiche erkannt hatten; am meisten war dies der Fall, als ich die Abhandlung des Dr. H o f f m a n n ״Die erste Mischna“ zu Gesicht bekam, wo ich, was diese mir als uralt erschienenen Stücke anbelaugt, Schritt für Schritt meine eigenen Wahrnehmungen bestätigt fand. Ohne auf berühmte Namen zu schwören, konnte ich nun wohl von einem sicheren uralten Bestände der Mischna reden. (S. § 26—31.) Als ich die einzelnen Teile genauer untersuchte, fand ich in ihnen den gemeinsamen Zweck, den Sadduzäismus durch grosse Kundgebungen zurückzudrängen, zumal gerade für die bezeichneten Stellen hellenistische Zeugnisse in merkwürdiger Uebereinstimmung mit talmudischen sprechen. (S. § 32—51.) Ein zweiter mischnischer Ansatz machte sich bald bemerkbar, der weniger allgemeine und ausgedehnte Schilderungen öffentlicher gottesdienstlicher und gerichtlicher Handlungen enthielt, als jene ältesten Teile, vielmehr diese Schilderungen verkürzt zusammenstellte, die Streitpunkte zwischen Pharisäern und Schriftgläubigen halacisch im Sinne der Ueberlieferung zu entscheiden bestrebt ist. (S. §52—57). Es wird sich später zeigen, wieweit meine Darlegungen von der Ansicht Geigers sich unterscheiden, wonach die Pharisäer nach dem Falle des Tempels und der völligen Zurückdrängung der Sadduzäer es erst für nötig gefunden, die ältere Halacha in sadduzäerfeindlichem Sinne völlig nmzuwandeln. Der Hellenismus spricht jedenfalls gegen ihn. Gerade in der Betrachtung dieser Zusammenstellungen ergab sich mir die älteste halachische Aneinanderreihung, die dem Schriftverse folgt.* (S. § 58—70.) Wie von selbst wurden mir gerade die sonderbarsten Halachareihen klar und durchsichtig, es gelang mir, aus den Resten einer längst aufgegebenen Ordnung die ursprüngliche Stelle für manches mischnische Gefüge wiederzufinden. Was sonst unbegreiflich und grillenhaft geordnet erscheinen konnte, stellte sich als höchst zweckmässig für das gedächtnismässige Erfassen der ״mündlichen Lehre“ heraus. (S. §

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