Jüdisches Litteratur-Blatt
- Journal
- Jüdisches Litteratur-Blatt
- Volume
- 31 (1908-1909)
- Issue
- No. 12. (1909)
- Date
- 1909-01-01
- Page
- Seite 94 (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 93% known words query
- IRI
…/6492408-6582231-8773721--3795-4858860- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
וו — 94 — Die umfassende Einleitung ist die Krone des Ganzen : in ihr bietet Vf. ungleich mehr, als er in seiner Bescheidenheit ankündigt. Die altbabylonischen Stücke folgen einer herkömmliehen Briefform: ״Zu N. spricht N. Dein Knecht (oder Deine Magd): Die Götter, etwa der Sohn des Marduk schenke Dir Leben und Frieden, mögest Du Dich wohlbefinden und leben“; dann hin und wieder: ״Das Haus befindet sich wohl und die Kleinen befinden sich wohl.“ Die Anrede geht in zweiter Person und das Ganze in direkter Rede vor sich. Die Briefe können nicht vor Suumlailu geschrieben sein, da stets Samas zuerst, dann Marduk genannt wird (Residenz: Babel), während in Sippar nur Samas genannt wurde. Das ergibt sich aus Lindl ״Die Datenliste der ersten Dynastie von Babylon“ Bd. 6 S. 360 — eine genauere Zeitbestimmung lässt sich nicht erzielen. Auch der Wohnort des Briefschreibers muss bei den Altbabyloniern erraten werden. Hin und wieder erschliesst er sich aus dem Inhalte. Wer in Esagila für den Empfänger betet, der lebt z. B. in Babel. Aus den Götternamen am Anfänge ist nichts zu schliessen. lind der Inhalt der Briefe? Verschiedentlich schreiben Kinder an Väter, um sie an Versprechungen zu mahnen, ihnen Beleidigungen zu klagen, sie um Geld zu bitten. Männer bitten Ihre Frauen um Kleider und Geräte, oder drücken ihnen Liebe und Ergebenheit aus. Rechtsangelegenheiten, auch der Frauen, und Geschäftssachen verschiedenster Art, endlich Privatbriefe irgendwelcher Personen aneinander. Amtliche Schreiben (über Massregeln gegen Hungersnot, über ein verunglücktes Schiff) und endlich Bittschriften (um Ueberlassung einer billigen Kuh zur Begründung neuen Viehstandes, Fürsprache für entlaufene und wieder gefangene Bediente, für aramäische Unruhestifter). Es folgt noch eine Fülle grammatischer Bemerkungen. Hervorzuheben ist dabei (S. 40) des Vf.’s Widerspruch gegen D. H. Müller’s und Schorr’s subordinierendes ma (S. Müller die Gesetze Hammurabi's und ihr Verhältnis zur mosaischen Gesetzgebung sowie zu den 12 Tafeln, S. 252 ff.), weil sich der Grundsatz nicht überall durchführen lässt. Ein eingehendes Wortregister am Schluss erhöht die Brauchbarkeit des so bescheiden angekündigten und so vielseitig aufklärend wirkenden Buches, das in knappster und übersichtlichster Weise über häusliche und staatliche Verhältnisse einer grauen Vorzeit uns Aufschluss gibt. Dr. Julius Lewkowitz, Rabbiner in Schneidemühl: Judentum und moderne Weltanschaunng. VII und 146 S. Frankfurt, Kaufmann. 1909. 2 Mk. Glauben und Wissen — das sind die Kampfesrufe, welche heute aus zwei Lagern ertönen. Der Gegensatz zwischen herkömmlichem Empfinden und zwischen selbstständigen Denken, so alt wie die Menschheit — heute liegt er den Geisteskämpfen des ganzen Zeitalters zu Grunde, heute beherrscht er zugleich die Kunst. Von einem Vertuschen dieses Gegensatzes kann heute keine. Rede mehr sein — der Mensch muss Stellung dazu nehmen, er muss den M‘1t haben, seine Meinung auszusprechen und sie zu vertreten. Dazu gehört aber ausser dem Mut. und dem Brustton der Ueberzeugung noch ein klarer Blick für die Bedeutung und Wirkungsfähigkeit der Fragen. Das Buch von Lewko.witz tritt bescheiden auf und weist Nichts von dem Seherstil so mancher neuesten Er- Zeugnisse auf, kennt auch nicht die starre Formelsprache, welche die einfachsten Wahrnehmungen zu weltbewegenden Geistestätigkeiten macht, befleisst sich auch nicht jener knabenhaften herablassenden Volkstümlichkeit, die bei jedem Satze ein paar Seitensprünge macht, ohne dem Leser Ruhe zu gewähren: Eine ruhige, gemessene, nicht erzwungene vornehme, nicht sich wegwerfend burschikose Darstellung, die mit den-einfachsten Mitteln die grössten Wirkungen erzielt. Die grössten Aufgaben und Vorwürfe der Wissenschaft weiss er mit wenigen Worten zu kennzeichnen, statt dabei unendlich zu werden — ein Beweis, dass erlange und tief darüber gedacht hat. Er beginnt mit dem Wesen und dem Ursprung der Religion, geht dann auf das Wesen Gottes, auf die Schöpfungsfrage über, um Willensfreiheit und Unsterblichkeit zu behandeln und die Stellung des Menschen im Weltall zu kennzeichnen, kommt dann auf' Ursprung und Ent- Wicklung der Moral, auf die sittliche Weltordnung, um mit dem Verhältnis der Religion zur Moral zu schliessen. Diese Ueberschriften zeigen uns, dass Vf. sich nur mit den Hauptsachen abgibt, dass er sie so bei Namen nennt, wie sie sind, und dass er sich auf weitschweifige Seitenwege nicht einlässt. Und das ist kein geringer Vorzug gewissen sich mächtig spreizenden Hervorbringungen gegenüber, bei denen die Worte und Wendungen bereits enträtselt werden müssen, so dass dem Leser die Gegenstände der Erörterung vcllig unbekannt und ungeniessbar bleiben. Bei Lewkowitz ist der Schulstaub vollkommen abgeschüttelt, der Leser hat 'die Ergebnisse vor sich, und der Tiefblickende übersieht genau den schweren wissenschaftlichen Weg, den Vf. zu diesen Zielpunkten hin gemacht hat. Was uns bei ihm in freudiges Staunen versetzt tat, ist das Gesetz der vollkommenen Gegensätze! (der Ka ltisehen Antimomien), das durch seine Behandlung durchgeht und bewirkt, dass eine einseitige, parteimässig zugestuizte Behandlung dieser wichtigen Fragen unmöglich wird. Es entspricht das den Forderungen, welche wir in unserem ״Babel und Bibel oder Babel gegen Bibel“, besonders im Nachfrage zu ״Zurück zur Bibel“ an die wissenschaftli :he Behandlung der Dinge gestellt haben. Wenn die t otwendige Zweiseitigkeit der Gegenstände erkannt ist, die Unbeweisbarkeit sowohl des einen, wie des andern als Gegensatz sich behauptenden Grundsatzes, dann ist a tch die Festigkeit und Unzerstörbarkeit beider Endpunkte erkannt, und es wäre eine wissenschaftliche Fälschung, nich einer Seite hin, der eigenen Neigung nach, willkürlich die Entscheidung zu treffen. Wie viele weltrettende Neu- Offenbarungen innerhalb des jüngsten Judentums verlieren ihre Bedeutung vor den Darlegungen vorliegenden Bucfes! Eine Fülle von Streitfragen, welche die Welt in zvei Lager teilen, ist ihm für die Religion selbst etwas Gleichgütiges, da sie die Kernfragen garnicht berühren. Bei anderen, z. B. der Erschaffenheit und der Unerschaffeniieit der Welt, der Selbständigkeit Gottes und dem Spinozisciien Allgott gegenüber, weist er auf die Unbeweisbarkeit Jes Einen wie des Andern hin (wie Maimuni und Kt nt) oder er zeigt die Verschiedenheit der Quellen, die uns eine remgeistige Gottheit zeigen oder eine mit der Welt sich deckende, je nachdem wir vom Sittlichen ausgehen, Jas ein Geistiges fordert, oder vom Schönen, das uns auf das Aeussere der Welt hinweist. Weshalb der Gott Jes Judentums und die Götter der Heidenwelt so verschieden sein mussten — das liegt in diesen Quellen unseres Schauens. Der Gott der Sittlichkeit, der Innerlichkeit, mus ste ein anderer sein, als der Gott der äusseren Tatsachenwelt. So verhält es sich auch mit den Fragen nach Jer Stellung des Menschen, nach der Stellung der fordern! len Sittenlehre für die Zukunft — ihre Forderungen bleiben stehen und werden durch »orübergehende Ze trichtungen nicht beseitigt, da. die Quellen der Gegensätze wiederum die bezeichneten beiden Betrachtungsweisen der Welt sind. So wird dem Festen und Unwandelbaren in Jer Religion selbst die wissenschaftliche Lehre gerecht, die eine Entwicklung zugibt, und der Freund der Gottesanschauung braucht vor der Zukunft, selbst wenn manche nicht gru tdlegenden Fragen nach dem Standpunkte der Wissensclaft beantwortet werden, nicht mehr zu fürchten. Lewkowitz hat in solchen Punkten eine Ergänzt mg nach den neuzeitlichen Anschauungen hin angeraten. Er wird zugeben, dass, die Unwägbarkeit der Grundsätze ind ihrer Wichtigkeit zugegeben, zumal wenn man die Wantelbarkeit auch in der Wissenschaft bedenkt, ger; de nach seinen eigenen Grundsätzen auch eine entgegengesetztu Entscheidung möglich ist. Aber er ist schliessl ch doch auch Parteimann, und das drückt sich bei all seinpm Streben, über den Fragen zu stehen, an solchen Punkten aus. Im Grossen und Ganzen bedeutet das Lewkowitz’sthe Buch einen grossen Fortschritt in der Beurteilung der Frage: Glauben oder Wissen? Statt der augenblicklichen Zeit- Stimmung zu verfallen, greift er auf die ewige Eigen irr dieser Gegensätze zurück, und so er.obert er der Religion ihren Platz zurück neben.dem Wissen, ohne die Rechte der Wissenschaft preiszugeben. Wem diese Fragen am Herzen liegen, der wird, obige Einschränkungen eingerechnet, bei Lewkowitz ‘ Aufschlt ss finden, und das um so eher, als er das Buch zu Ende lesjen wird. Für Wissenschaftliches ein grosser Vorzug.