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Jüdisches Litteratur-Blatt · 1908-01-01 · No. 7. (1908) · p. Seite 50

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Journal
Jüdisches Litteratur-Blatt
Volume
31 (1908-1909)
Issue
No. 7. (1908)
Date
1908-01-01
Page
Seite 50 (sequence 2)
Language
German
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50 Was zunächst die Geisteskrankheiten betrifft, so führt er das häufige Vorkommen der Idiotie auf eine fehlerhafte Rassenmischung zurück, und zwar stützt er sich auf die Untersuchung von Brandes der im Kgr. Hannover ein häufigeres Auftreten der Idiotie unter den dortigen Juden als bei der anderen Bevölkerung gefunden hat. Ein anderer Autor betont aber gerade das seltene Vorkommen der Idiotie bei den Juden. Dieser Widerspruch steht also der Annahme entgegen, dass hier die fehlerhafte Rassenmischung von Einfluss sei. Auch haben die ausgedehnten Forschungen über die Folge des Alkoholismus zweifellos ergeben, dass die Trunksucht des Vaters eine Hauptursache der Idiotie des Kindes ist. Ueber die Häufigkeit der Geisteskrankheiten unter den Juden berichten mehrere Autoren. Allein diese Zahlen sind mit grösster Vorsicht aufzunehmen. Wir besitzen keine direkte Krankheits- Statistik und erst recht keine Statistik der Geisteskrankheiten. Die Angaben über den Zugang zu den preussischen Irrenanstalten sind zwar nicht genau, ersetzen aber keine allgemeine Zählung; vermutlich befinden sich bei der christlichen Bevölkerung mehr derartige Kranke in häuslicher Pflege, während die jüdische Bevölkerung mehr und früher die Geisteskranken in Anstalten schickt. Singer meint, für die Häufung der Geisteskrankheiten unter den Juden komme vor allem die bei ihnen weit verbreitete Verwandtenehe zur Erklärung in Betracht. Allein was sagen andere Autoren über die Verwandtenheirat? Prof. Jacobi, ein sehr erfahrener Kinderarzt, äussert sich in seiner ״Terapie des Säuglings- und Kindesalters“ wie folgt: ״Ich kann, mindestens auf Grund theoretischer Erwägungen und praktischer Erfahrungen nicht zugeben, dass Kinder von zwei gesunden, noch so nahe verwandten Personen aus dem Grunde der Verwandtenheirat krank sein müssen“. Weiter führe ich die Erhebungen des Herrn Geh. Rat M a g e t über Verwandtenehen an. Dieser Autor fand, dass von 16416 in den preussischen Anstalten aufgenommenen Idioten nur 237 aus blutsverwandten Ehen stammen. - Er kommt zu dem Schluss, dass, wenn dieselben Familienanlagen in beiden blutsverwandten Eltern vorhanden sind, sie sich durch Vererbung verstärken. Eben dieser Ansicht ist Geh. Rat Kraus, nur aus dem Grunde hält er die Verwandtenehe nicht für ratsam, weil sie leicht zu einer Verstärkung des Erblichkeitseffekts führt. Weiter gibt Singer der Verwandtenehe Schuld an dem häufigen Vorkommen der Taubstummheit unter den ungarischen Juden. Nun haben jedoch diese nach der amtlichen Statistik von 1901—1904 fünfmal so oft Verwandtenehen geschlossen als die christliche Bevölkerung Ungarns. Ferner hat Peiper nachgewiesen, nur 1,6—2,5*/0 Ehen, welche Taubstumme erzeugen, seien blutsverwandt. Das häufige Vorkommen von Kurzsichtigkeit bei den jüdischen Schülern kann als Rassenentartung keineswegs gedeutet werden, nachdem Professor Hermann Cohn nachgewiesen hat, dass die Kurzsichtigkeit an den höheren Lehranstalten weit verbreiteter ist, als an den Dorfschulen; erstere werden ja vorzugsweise von den jüdischen Schülern besucht. Es bleibt nur noch eine Stütze für die Theorie der Rassendegeneration, das häufige Vorkommen der Stoffwechselkrankheiten, also Fettsucht, Gicht, Zuckerkrankheit, Nierenentzündung und der Nervenkrankheiten, besonders der Neurasthenie und der Hysterie. Ich will zugeben, es besteht hier eine erbliche Anlage. Aber sie genügt m. E. nicht, um den verschiedenen Krankheitsverlauf in der alten und neuen Generation zu erklären. Ich führe ein Beispiel aus der Praxis an. Ein Elternpaar im Alter von 60 und 58 Jahren hat nach einander vier Söhne im jugendlichen Alter von 30—32 Jahren an chronischer Nierenentzündung verloren. Die Eltern leben in der Kleinstadt, ihre Söhne seit der ■Schulzeit in der Grossstadt. Also schliesse ich hieraus, ihre erbliche Anlage tritt hier im schädigenden Einfluss gegenüber dem socialen Milieu zurück. Sie sehen, meine D. n. H., die Theorie von der Rassenentartung ist unhaltbar und damit auch das Heilmittel, das auf dieser Theorie beruht, die Mischehe. Sie werden schon jetzt überzeugt sein, die Geschichte von den frischen Blutstropfen, der in ihre jüdische Rasse hineinkommen muss, ist nichts weiter als eine verhängnisvolle Fabel. Die Kinder aus den Mischehen stehen ebenso wie ihre jüdischen Kinder unter der Einwirkung eines und desselben socialen Milieus. Wir müssen also eine andere Erklärung für das häufige Vorkommen bestimmter Krankheiten unter den Juden suchen. Da kann ich Ihnen von einer direkten Krankheitsstatistik leider nichts berichten. Der Deutsch-Israelitische Gemeindebund hat eine Sammlung von Familienkrankengeschichten oder eine Krankenzählung bisher nicht veranstaltet. Das wäre mit grossen, aber nicht unüberwindlichen Schwierigkeiten verknüpft. Es stehen uns nur indirekte Methoden, vor allem die Sterblichkeitsstatistik zur Benutzung. Eine derartige Erhebung hat der bekannte Statistiker Dr. Siegfried Rosenfeld über die Sterblichkeit der Juden in Wien und die Ursachen der jüdischen Kindersterblichkeit angestellt und im Archiv für Rassen- und Gesellschaftsbiologie 1907^yeröffentlicht. Rosenfeld hat die wichtigste Vorbedingung einer solchen Arbeit, nämlich die Gleichheit der Vergleichsunterlagen gut erfüllt. Das Ergebnis dieser Statistik erlaube ich mir Ihnen zu zeigen. Da sehen Sie zunächst die an verschiedenen Orten in Budapest, Kopenhagen, Provinz Posen, Kgr. Preussen, gefundenen Tatsachen der bei den Juden verringerten Kindersterblichkeit. Weiter zeigt sich zu unserer Ueberraschung eine Kindersterblichkeit der iuden an Tuberkulose. Nun wissen Sie, bei der Lungentuberkulose ist das sociale Milieu für die ,ebensdauer geradezu entscheidend. Der Reiche kann viel zur Wiederherstellung tyn, der Arme aber fällt der Lungenschwindsucht infolge der Berufsschädigung, der Kinderernährung, der Wohnungsverhältnisse früh zum Opfer. Ferner besteht ein Untersahied hinsichtlich des Genusses geistiger Getränke. Da sehen Sie eine wesentlich geringere Sterblichkeit der Juden an Lebercichose, einer Krankheit, die mit Trunksucht eng zusammenhängt. (Fortsetzung folgt).

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