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Jüdisches Litteratur-Blatt · 1908-01-01 · No. 1. (1908) · p. Seite 2

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Journal
Jüdisches Litteratur-Blatt
Volume
31 (1908-1909)
Issue
No. 1. (1908)
Date
1908-01-01
Page
Seite 2 (sequence 2)
Language
German
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r Literarische Briefe. Wo Sie mich finden werden? Inmitten grosser buntfarbiger Biicherhaufen, die vorwurfsvoll auf mich zu blicken scheinen: Weshalb besprichst Du uns nicht? j Haben Sie 1 nur etwas Geduld und versetzen Sie sich nur in mein Gemach, d. h. suchen Sie j mich, wie Ich meitj Haupt über das Papiergewirre erhebe, wie meine Mütze darüber hinausragt. 1 Sehen Sie^ienes Büchelchen? \ ־ Wie grün und anmutend ist der Umschlag von ״Obermeyer, Modernes Judentum im Morgenj und Abendland.“ (Fromme Wiens in Leipzig 165 S.)! Man vermutet dahinter ein Loblied auf Orgel, | Talar, Predigt und Seelenfeier — man öffnet es, und man begegnet einem biederen Morgenlander, der! zu unserer Freude sich ganz entgegengesetzt äussert. Das Judentum der Westländer scheint ihm im besten Falle empfindsam, ohne Wissen; im schlimmsten Falle ohne Empfindung und ohne Ziele, durch einseitige Hervorkehrung des Gottesdienstes, durch Entleerung desselben und durch Auffüllung mit äusserem nachgemachtem Prunk auf falsche Bahnen gelenkt und der Vernichtung zugeführt. Was Verf. gegen die Empfindsamheit und zu Gunsten jüdischen Wissens sagt, ist uns aus der Seele gesprochen; seine Verurteilung der Veräusserlichung durch hohlen Prunk unterschreiben wir unbedingt. Was er von Seelenfeiern und Kaddisch lagt, ist bedauerlich — aber was sollen wir machen, wenn wir | unsere Herrschaften nur bei der Seelenfeier finden? Benutzeu wir denn, so gut wir können, die Kanzel, um ihnen zu Herzen zu reden; benutzen wir die Trauerzeit mit dem Kaddisch, um Herzen für die Wahrheit zu gewinnen. Als wertlos wird der besonnene Leiter einer Gemeinde diese Mittel um so weniger I eraCluen, als sie an sich Minhagim sind, und der streng Gesetzestreue (ein solcher scheint Verf. zu sein i und sein zu wollen) darf keine derartige Angriffe auf sie vornehmen, wie hier geschieht, keineswegs aber J das Kind mit dem Bade ausschütten. Jedenfalls ist die vorliegende Schrift anregend; der Leser wird - Vieles darin finden, was er nicht sucht, eine Fülle wissenschaftlicher Bemerkungen, gesellschaftlicher Streiflichter; und im Schlussteile dehnt Verf. seine Beobachtungen auf die allgemeinen Verhältnisse des ■ Ostens und Westens aus. Er hat so manche Federn für und. wider sich in Bewegung gesetzt; das ist ein Beweis, dass sein Buch Bedeutung hat. Aus jener Ecke blickt uns das Wort ״lnlel-Verlag-Leipzig“ entgegen ״das Buch Joram von Rudolf Borchardt“ warxet auf unseren Wahrspruch. Dieser Joram, Sohn Pinchas, dem der Vater Isabel, eine Gaditerin, zur Frau gibt, soll sich wegen Kinderlosigkeit von ihr scheiden, wie der Vater will; er tut es nicht, nimmt aber ein Kebsweib hinzu, das einen Sohn gebärt; sie wird wegen Buhlerei gesteinigt und das Kind fortgegeben. Pinchas träumt böse nnd lässt sichs deuten, aber umsonst! Erstirbt hohen Alters und lässt sein Gut dem Sohne. In Geschäften zieht Joram fort; Räuber fangen und verkaufen 1 ihn als Sklaven, sein Knecht stirbt in der Wüste. Joram bittet seinen Herrn, er möge seinen Sohn zu seiner Auslösung fortsenden — der stirbt unterwegs; der Herr, zuerst erbittert über Joram, sendet sodann einen Knecht des gleichen Weges; den erfasst der Wahnsinn und er muss zurück. Als der Herr starb, wurde Joram freigelassen, findet sein Weib aber als Treulose wieder — nun hadert er mit Gott; ein Engel-sol! ihn beschwichtigen, er hadert weiter und hofft, Gott würde sich verteidigen. Mit seiner Frau ausgesöhnt, zieht er aus jenem Lande, und die Gattin schenkt ihm endlich einen Sohn. Beide sterben, das Kind bleibt, von den Knechten erzogen, zurück und wird zum Heilande. - Eine Art Tobiasgeschichte, mahnend an die Bibel, und zwar nach Luthers Uebersetzung. Das ist der durch’s Ganze gehende Stil — aber die Maske des ״Rabbi Mordechai ben Gabirol״ lässt Rudolf Borchardt nicht verkennen, und noch weniger verkennt man den dürftigen Kern in einer so viel versprechenden anspruchsvollen Schale. Sind wir hier bei den Neuesten der Neuen, so wird unser Auge auf ein Buch gelenkt, das (wie schon die Ausstattung zeigt) bei Eugen Diederichs (Jena und Leipzig 1905, 310 S., 4 M., geb. 5 M.) verlegt ist: ״Albert KalthofT die Religion der Modernen“. Soll der Löwe auf dem Umschlag ״in tiranos“ bedeuten? Soll der Buchschmuck uns darauf bringen, dass hier nicht wissenschaftlicher Scharfsinn, sondern Gemüt erfordert wird? Die Religion der Neuesten kennt weder Priester noch Glaubensquellen, sondern nur Laien ohne Beziehung, auch ohne feindliches Verhältnis zum alten Glauben; man überlässt ihn sich selbst, damit er falle. Dürftig erscheint einem Kalthoff das Leben der Kirchen mit ifirer Gottesgelahrtheit, mit ihrem einzigen Heilsweg — heute sucht sich Jeder seinen eigenen Weg und ist sein eigenes Urbild. ״Ist nicht gross und stark sein mehr als selig sein?“ Da tritt Mannigfaltigkeit und Farbenpracht an Stelle der düsteren Eintönigkeit. Kalthoff lässt von Lessing bis zu den Neuesten alle Vertreter des unkirchlichen Geistes auftreten — Denker, Dichter, ,Gelehrte, oft in merkwürdiger Aufeinanderfolge. Aus jedem von ihnen zieht er das seinen Ansichten Günstige heraus, und es ist merkwürdig, wie er den Weg zu Allen zu finden und ihnen zu entlocken weiss, was ihm dient. Oft ist die Reihe sehr bunt, und die Aufeinanderfolge der Geschilderten merkwürdig; hin und wieder wundert man sich auch über so manche Namen, deren Träger Kalthoff der Aufnahme würdig gefuuden hat, wie man so manche andere wieder vermisst. Auch die Art, wie sich von Geschlecht zu Geschlecht die Auffassungen entwickeln sollen, ist keine lückenlose.

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