Jüdisches Litteratur-Blatt
- Journal
- Jüdisches Litteratur-Blatt
- Volume
- 30 (1906-1907)
- Issue
- No. 10. (1907)
- Date
- 1907-01-01
- Page
- Seite 136 (sequence 16)
- Language
- German
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136 — Gatesleiden, Auferstehung, Paradies, I und Weltgericht“. Vom. volkskundlichen Standpunkte verdienen daher die kleinen Midraschim Beachtung, weil sie der Dolmetsch der jüdischen | Volksseele sind, und vor allem,'das betont-Wünschein seinem kurzem Vorwort mit Recht, vom dichterischen Gesichtspunkte aus. ״Während unter den Händen moderner Dichter die I biblischen Gestalten nicht selten vzu j Zerrbildern werden . . . behalten sie bei den Midraschverfassern ihr urj sprüngliches Kolorit“ und ist hier ״die , dichterische Zutat dem Geiste des Alten i Testaments kongenial“. So ist es denn ein an sich verdienst- : volles Unternehmen, wenn Wünsche i durch seine Uebersetzung der kleinen j Midraschim, die zum größten Teil in! Jellineks Bet ha-midrasch enthalten : sind und unverdienter Weise nur geringe 1 Beachtung bisher gefunden haben, einen; nicht unwichtigen Teil des jüdischen Schrifttums der wissenschaftlichen und der gebildeten ,Welt zu erschließen sucht. Zu dem vorliegenden 1. Bande bringt er Uebersetzungen von Midraschim über das Leben Henochs, Schamchazai und Azazel (I—II), Abraham und Isaak 111—VII), Moses (VIII—XII) und Aharon XIII). Diese chronologische Anordnung kann nur gebilligt werden, weil sie so späteren Arbeiten den Weg ebnet. Und auch noch in einer anderen Beziehung gewinnt die Wünschesche Arbeit an Wert, durch die Mitteilung von Parallelen aus der arabischen und teilweise audh der Keilschriftliteratur, welche jeweils der Uebersetzung der Midraschim folgt. Die Uebersetzung selbst kann aber nicht überall als einwandsfrei angesehen werden. Daß Wünsche an manchen Stellen allzuwörtlich übersetzt, mag noch hingehen. Dagegen müssen wir beispielsweise notieren: s. 21 ״ לקח אותו בדבכיםnahm er ihn bei den Worten“ ist eine völlige i Verkennung des Sinnes. Es muß vielmehr heißen: er beredete ihn, nahm ihn durch Worte gefangen; vgl. das biblische קחו עמכם רבכים hos. 14,3. s. 22 ״ וילכו שניהם יחדיוsie gingen beide zugleich hinweg.“ (Es ist Wünsche augenscheinlich entgangen, daß hier ein Citat aus Gen. 22, 6 und 8, wie sie! gerade in diesen Midraschim zahlreich Vorkommen, vorliegt; die Ueber- Setzung ist daher zu hart.) s. 24 ״ ואתה כופר בעיקרdu leugnest I den Urgrund.“ Die Wiedergabe von עיקכ | durch ״Urgrund“ kann nur irre führen. Wie der Ausdruck am besten übersetzt wird, lehrt jeweils der Zusammhaiig; hier wohl am besten: ״Du bist der Gottesleugner.“ s. 27 לפח המקום קצים פה •ך שימלא כל ״bis der ganze Raum ganz (Mund an Mund) voll sei“. Wünsche hat hier selbst die Unrichtigkeit der Ueber- Setzung ״Mund an Mund“ gefühlt, und sie in Klammern gesetzt; פה לפה ist aber ein guter biblischer Ausdruck, (s. 2 Kön. 16,21 וימלא ביה הבעל פה לפה 2 .ריבאר ביה הבעל K011. 21,16 פה לפה אשב מלא אה יכרשלם und bedeutet ״von einem Ende bis zum andern.“ s. 82 ״ כמוהר צחק במןתוUnd so besänftigte sich Isaak, als er sterben sollte“ gibt den Sinn der Stelle nicht wieder. Besser: er söhnte sich mit dem Tode aus, er ergab sich in sein Geschick. S. 86 und häufig ״ מלאכי חשכתdie Dienstengel“. Der hebräische Ausdruck kann gar nicht übersetzt werden; man muß einfach sagen ״Engel“. S. 89: Warum willst du d e i n e Kinder ins Meer versenken? ist wohl ein Druckfehler für meine. S. 96 כת קול jjbersetzt Wünsche mit ״Tochterstimme“ I Will man den Ausdruck übersetzen, so nur durch ״eine Stimme vom Himmel“; überdas בת קזל siehe LevyNHWB Bd.i,S.275, Diese Beispiele könnten beliebig vermährt werden. Auf anderes kann in diesem Zusammenhange nicht eingegangen werden. Die Jellinekschen Midrascnim, die reich an Druckfehlern sind, müßten zunächst auf Grund der vorhandenen Drucke und des handschriftlichen Materials neu ediert und von literarhistorischen und literarkritischen Gesichtspunkten aus behandelt werden; erst eine solche Edition wäre die Vorbedindung für eine gute Uebersetzung. — Auf eins sei noch hingewiesen: Diebeiden Festperikopen Lev. 16 und 18, von denen die erste am Vormittage, die zweite am Nachmittage des Versöhnungstages verlesen werden, spiegeln nicht, wie Jellinek bemerkt, die Ideenverbindung von Sünde und Unkeuschheit wieder. Vielmehr las man, wie dies A. Büchler dargetan hat, am Nachmittage des Versöhnungstages nur deshalb dort weiter, wo man am Vormittage aufgehört hatte zu lesen, weil es verboten war, von einer Stelle der Tora zur andern überzugehen, s. Jew. Quart. Rev. V S 445. Berlin. M. Nathan. Verantwortlicher Redakteur Rabb. Dr. L. A. Rosenthal in Berlin. Druck von A. Petzold in Elbing.