Jüdisches Litteratur-Blatt
- Journal
- Jüdisches Litteratur-Blatt
- Volume
- 30 (1906-1907)
- Issue
- No. 9. (1907)
- Date
- 1907-01-01
- Page
- Seite 120 (sequence 16)
- Language
- German
- Belongs to
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120 — keine neue Ausgabe erscheinen zu lassen. Eins aber habe ich bei ihm gefunden, was ich lange sehnsüchtig gesucht habe: Die Verbindung altjüdiscner Gelehrsamkeit mit dem Formensinn der neuzeitliehen Dichtung. Und diese altjüdische Gelehrsamkeit zeigt sich nicht etwa im Nennen der Namen Hillel, Jochanan ben Sckkai oder gar Gabirol und Juda Haleri — nein I Sie kommt in Gestalt talmudischer Erörterungen oder midraschisch-haggadischer, selbst kabbalistischer Deutungen an uns heran, das sogenannte ״gute Wörtchen“ wird nicht verschmäht, und gerade diese Teile des Buches sind am besten mit dem Aeußeren der Erzählung verknüpft, so daß diese Thoras von den Trägern der Erzählungen wirklich durchlebt werden und ein Teil ihres Wesens sind. Die Verflechtung des äußeren Ganges mit solchen innerlichen Bestandteilen ist völlig ungezwungen und erscheint absichtslos. Das ist nur möglich, wenn Vf. das biblisch - talmudiscne Schrifttum mit seinen Ausläufern nicht blos kennt, sondern es sich vollkommen nach der Seite des Geistes und der Empfindung zu eigen gemacht hat. Mit Freude haben wir seinen ernst überlieferungstreuen Standpunkt ausgedrückt gesehen; aber auch wer sich darin nicht mit ihm eins weiß, wird sich von diesen Erzählungen mächtig angezogen fühlen. Scbönaelstlaes. Schalom Asch. Bilder aus dem Ghetto. 252 S. S. Fiseher, Berlin. Im gleichen Verlage, wie diese ״Ghettobilder“ ist ״der Gott der Rache“ schon in zweiter Auflage erschienen. Ich rechnete auf das Neueste, des Neuesten, das Ungewöhnlichste vom Ungewöhnlichen, da doch Einer der Neuesten spricht; vielleicht hatte er mit seinem Bühnenwerke sich vollkommen verausgabt und krampfhaft bemüht er sieh hier, ein schwaches Schattenbild hervorzuzaubem. Sot Das wäre für eine Beurteilung schon genug. Im Besitze solcher Kraftworte brauche ich das Buch doch nicht mehr zu lesen? Aber da ist ja ein Inhaltsverzeichnis. ״Der Chasen mit dem Chor“ — das muß ich wenigstens lesen I Der Chasen mit dem Chor, vom Gabbe abgewiesen, von der öffentlichen Meinung zurückgerufen und begünstigt bis es — zum Bezahlen kommt I Ausgezeichnete Kleinmalerei, sinnbildlich auch für andere Gebietei Nun ״der Wunderrabbi“I Ein jüdischer Hirtenknabe — so ] Keiner aus Arkadien oder vom seligen Geßner, sondern Einer, der ן nicht lesen und beten kann, wie er sich! in der Einsamkeit seinen Gott malt und wie er mit ihm in Verbindung tritt. Nichts von Empfindsamkeit, recht kindliehe Gedankengänge — man möchte über den Knaben lächeln ־— aber verspotten würde man diesen Gottessucher nicht Lasse man sich in eine ״vornehme Familie“ hineinführen, deren Achtung auf wohlberechnetem adligem Mienenspiel beruht — der Schwiegersohn aus der Gasse wird niemals ebenbürtigl Die äußeren Verhältnisse, die hier geschildert werden, dienen nur dazu, uns diese Kleinwelt recht wirksam vorzuführen, diese Häuschen, um die Synagoge und Betstube wie um eine Mutter geschaart, mit ihren Gebets- und Lehrversammlungen und mit ihrer trauten Sabbatfeier. Da spielt keine Empfindsamkeit mit — derber Peitschenknall, die Neckerei des Volkes umgibt als Rahmen diese stets sicheren und oft zarten Schilderungen. ״Die Geschichte eines Buches“ folgt den Schicksalen einer ״Gemore Beroches“, wie sie zuerst in den Zeiten stärksten Talmudstudiums den späteren I Traktaten nachgesetzt wird, bis neuere I chassidäische Richtungen gerade diesem Traktat die Oberherrschaft brachten. Tout com me chez nous! Der entartete! Enkel gelehrter und frommer Ahnen tritt das Buch buchstäblich im Zorn mit Füßen — das erträgt es mit stummer Würde. Aber es wird später in einen prächtigen Schrank gesperrt — da seufzt es und jammert darüber, das man es nicht lieber mit dem Schemoth begräbt! Also auch in Asch’s Heimat! Ob Asch mit seinem Schchitas chuz; im Rambam, den man mit Händen greifen kann, nicht ein Lamdan ist? Ob er nicht zu den Kotzker Chassidim gehört? Er scheint sein Judentum genau zu kennen — so müssen gewisse Unrichtigkeiten in den Anmerkungen wohl der Uebersetzerin angehören, die oben, im Texte, vollkommen ihre Pflicht getan. Wenn ich das Buch nicht gelesen und darüber abgeurteilt hätte? Nun, wenn? Wer hätte mir was getan? Das Lesen solcher Schriften, die man besprechen soll, nimmt viel Zeit fort — das Absprechen wenig. Möge man mit Asch’s ״Ghettobildern“ eine Ausnähme machen und sie wirklich lesen. Verantwortlicher Redakteur Rabb. Dr. L. A. Rosenthal in Pr. Stargard. Druck von A. Petzold in Elbing.