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Jüdisches Litteratur-Blatt · 1907-01-01 · No. 1. (1907) · p. Seite 10

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Journal
Jüdisches Litteratur-Blatt
Volume
30 (1906-1907)
Issue
No. 1. (1907)
Date
1907-01-01
Page
Seite 10 (sequence 10)
Language
German
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10 auf den Plan zu treten . . . gab es keinen jüdischen Gelehrten, der dem Rufe der Zeit Folge geleistet hätte, und der Jude ... mußte sein Wissen aus christlichen Werken sich holen.“ Und welche Fragen will Vf. nun von jüdischer Seite behandeln? Weshalb hat das Judentum nicht durch PreiSgebung der Gesetzessatzungen, gleich Paulus, die Heidenwelt zu gewinnen gesucht? Weshalb hat es überhaupt sich um die Bekehrung der Völker nicht gekümmert? Oder hat es sich in Wirklichkeit doch darum bemüht? Trat es doch gegen das Heidentum mit aller Entschiedenheit auf! Vf. nimmt zur Zeit Jesu zwei Behörden in Palästina an: Das Beth Din der Quaderhalle (später auf dem Tempelberge), und einen weltlichen Gerichtshof, das Synedrion, eine Art Oberhaus, für Jerusalem selbst. Ueber Jesus saß das Synedrion, nicht das Beth Din zu Gericht. Im Synedrion waren nicht die Pharisäer und Sadduzäer des Beth Din, sondern die Hohenpriester, die Herodianer und die Adligen des Synedrion maßgebend, und diese richteten Jesus. Das Beth Din hatte keine Veranlassung, gegen ihn vorzugehen, da er ja ״nicht gekommen war, das Gesetz aufzulösen, sondern es aufzurichten und zu befestigen“. Nicht also als Gesetzesverächter ist er gerichtet worden, sondern, wenn man die Pharisäer hineinziehen will, vielleicht, weil er sie nicht beachtet, weil er sie verletzt hat. Das wäre aber nach den Aeußerungen Jesu über sie nicht unbegreiflich: Selbst- Überhebung, Heuchelei, Rechtsverdrehung, Herzenshärte,. Selbstsucht sind die ihnen entgegengeschleuderten Vorwürfe. Aber sie trafen doch nicht alle Pharisäer, nur diejenigen, welche der Talmud selbst deswegen tadelt, nur, daß es hier in kurzen Aeußerungen, im Evangelium in ausgeführter, heftiger Rede geschieht. Daraus kann aber die Aeußerhchkeit des Judentums so wenig gefolgert werden, wie beim Vorhandensein solcher Züge in irgend einer Kirche man sich vor Verallgememerungen hüten muß. Jesus selbst verkehrte mit edeln Pharisäern und predigte in ihren Synagogen. ״Und ein Schriftgelehrter trat hinzu und sagte zu ihm: Meister, ich will Dir folgen, wo Du hingehst.“ Sie streiten mit ihm, wie mit einem Genossen, um gesetzliche Auslegungen. Sie raten ihm, vor Herodes zu fliehen, statt ihn in dessen Fangarme zu treiben. Selbst Paulus wendet sich um Schutz gegen die Sadduzäer an die Pharisäer, als deren Genossen er sich ausgibt. Also hier lag der Zwiespalt nicht. Aber vielleicht in seiner Berücksichtigung der Unwissenden und der Zollner, die er gegen die Ausnutzung durch die Großen und Gelehrten geschützt hätte? Dieser Gegensatz stammt aber erst aus nachhadrianischer Zeit, nachdem die Bewahrung der Zehnten von den Gelehrten auch ohne Tempelbestand verlangt worden war und das Heiligtum trotzdem aus der Asche nicht emporstieg. Und sollten seine Sittenlehren Jesus gestürzt haben? Wie man über die gegenseitige Beeinflussung des Neuen Testaments und des Talmuds denken mag — die sittlichen Ziele Jesu waren Gemeingut jüdischen Denkens von den Propheten her. Nur der Jude Jesus, kein Römer oder Grieche hätte solche Ziele aussprechen können. Selbst die Feindesliebe findet sich in dem alten Aristeasbriefe; findet sie sich ja schon in den Satzungen der Thora vom Ochsen und Esel des Feindes und im Verbot, den Egypter zu hassen. Und sollte Jesu Messiasrolle die Pharisäer gereizt haben? Den alten Völkern war der Begriff des Soter nicht fremd, und die Juden fanden ihn auf jeder Seite ihrer Prophetenbücher, in den Psalmen, im Daniel, im Sirach. Und zwar erhofften sie auch ihre Befreiung vom Römerdruck, ohne die hohen pro- Ehetischen Menschheitsziele aufzugeben, ►ie Juden des Auslands empfanden das Gleiche, wenn auch ihnen der geistige Befreier der Menschheit näherstand. Die Frage nach der dereinstigen Verbindlichkeit der Thorapflichten bewegte schon die Zeit Jochanan ben Sakkai’s-Elia dem Künder des Messias wird die Entscheidung darüber zugeschoben. Todtenbelebung, Wiedergeburt des Reiches wurden in Palästina als dem unbedingten Schauplatze dieser Dinge täglich erwartet. 'Jesus war nur einer der vielen Messiasse jener Zeit, — als der dauernde Stern unter ihnen galt er erst nach seinem Tode, und zwar durch den Pharisäer Saulus von Tarsus. Wie es während seines Lebens mit dieser Anerkennung war, ob er sich als Messias ausgegeben, ob er eine neue Hoffnung verkündet, das weiß man nicht genau. Nach den Quellen sah man in ihm den volksbefreienden ״König der Juden“. Aber seine Gegner konnten nur die Römlinge, die Herodianer und ihre die Gemächlichkeit liebende Partei sein; die Herodianer aber wie auch Rom*bezeichnete das Volk, mit ״Edom“. Diese Römlinge hatten zuerst den Plan, Jesus verurteilen zu lassen, die Pharisäer können sich ihnen höchstens angeschlossen haben, ebenso die herodianischen gefälligen Hohenpriester. Als die Evangelien den Pharisäern die Schuld allein aufbürdeten, gab es nur Pharisäer im Lande. Auch die späteren Verfolgungen der Jünger waren herodianischen Ursprungs, während der Pharisäer Gamaliel für sie | sprach (S. 43). Saulus gehörte zu den Verfolgern der Messiasgläubigen, die immer noch eine staatliche Wiedergeburt erhofften. 1

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