Jüdisches Litteratur-Blatt
- Journal
- Jüdisches Litteratur-Blatt
- Volume
- 29 (1905)
- Issue
- No. 3. (1905)
- Date
- 1905-01-01
- Page
- Seite 12 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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12 — nach W. Bechers Vorschlag (S. Smend S. 84). Die Lesart ist auch vorzuziehen. Diese leicht hingeworfenen Bemerkungen über ein einziges Kapitel werden dem Freunde solcher Forschungen vielleicht einen annähernden Begriff von der Verdienstlichkeit der Schlatter’schen Arbeit beibringen״ wie von den reichen Anregnngen, welche die Textwiedergabe bietet.' Auf Schritt und Tritt hat man hier Gelegenheit sur Bibel zurück und zum späteren Schriftum vor sich zu blicken, dabei auch die Fortschritte zu bemerken, die eine zweite Text- Wiedergabe notwendig den ersten Abdrücken des Hebräischen gegenüber haben muß. Zum Schlüsse führt Schiatter den Nachweis, daß Sirach ursprünglich aus 1800 Versen bestand, die in Einzelteile von 60 oder 100 Versen zum Zwecke der Textessicherung zerfielen. Er tut dar, wie sich an solchen Stellen auch sachliche Einschnitte und Abteilungen zeigen. Daraus folgert er, daß, wenn Sirach seine eigenen Verse gezählt hat, man damals auch schon die Vene der Bibel gezählt haben muß. Und damit stimmt die. talmudische Auf- Fassung von der Tätigkeit der Soferim vollkommen überein. Ein zweiter Teil der Arbeit befaßt sich mit dem Glossator des Sirach, dessen Zusätze nach den darin behandelten Begriffen uns vergeführt werden. Dann wird die Stellung des Glossator sur BeligioBseatwicklung betrachtet. Nicht 'die Fnrcht Gottes ist demselben das Höchste, sondern die Liebe, die er mit Bewußtsein hervorkebrt. Gott selbst führt den Menschen durch die Buße zum Licht; die Gottesfurcht soll die Sünden abwehren, die echtbiblisch und talmudisch in absichtsvolle und absichtslose geteilt werden. Es gibt eine Annahme bei Gott, wie eine Verwerfung. Sieht Scblatter in diesen Begriffen und in ihrer sprachlichen Wiedergäbe beim Griechen dem neutestamentlichen Gedanken- und Gefühlskreiee Verwandtes, so sieht er im Wesentlichen den Glossator doch auf streng jüdischem Standpunkte stehen. Dann sacht Schiatter den Beweis za führen, daß der Glossator von der alexandrinischen Denkschule stark beeinfloßt sei. Gern folgen wir ihm hier durch die gewundenen Gänge des> Alexandrinismus; wir geben ihm auch zu, daß Ari8tobulas dessen Höhenpunkt bezeichnet, während Philo sich den biblischen Anschauungen trotz aller bildlichen Deutangen und trotz starker griechischer Strömungen schon mehr nähert Prüfenswert erscheint ans nur Schiatters Versuch, im Glossator Spuren des Alexandrinismus za finden. Wenn wir bei Sirach lesen ,Gott hat alle Dinge gemeinsam geschaffen“, nnd bei unserem Glossator von einer ,ewigen Schöpfung“, so mag £9 wohl sein, daß er in dem aristobulischen Gedankengang <von der Ewigkeit des göttlichen Schaffens, vielleicht gar der Ewigkeit der Welt nichts Anstößiges gesehen. Ist bei Aristobulus der Sabbat der Tag der Lichtschöpfung, so ist er zugleich der Tag des Logos; da Gott alles als sehr gut erschaut, so bringt Gottes Schauen dies Licht hervor. Aach beim Glossator läßt die Weisheit, also das Wort, der Logos, das Licht erstrahlen — folglich hat er die aristobulischen Gedanken auch! Dann müßte man aber vergessen, daß im 19. Psalm das Licht, die aafgehende Sonne, das Sinnbild der Gotteslehre ist, die ,die Augen erleuchtet“, daß auch in den Sprüchen ,die Mizwah die Lampe, die Thora das Licht ist!“ Aus so allgemeinen Sätzen des Glossators lassen sich so besondere Beziehungen nicht begründen. Trotzdem sind wir Schiatter auch für diesen Versuch dankbar. Da er sich auf dem Standpunkt stellt, dem Glossator ein Abhängigkeitsverhältnis zu Aristobulus und seinen Genossen .zuzusprechen, so hatte er Gelegenheit, uns das Verhältnis Aristobuls und des griechischen Gedankens überhaupt zur Bibel aus rätselhaften and zerstreuten Bruchstücken herauszuschälen. £8 wird so mancher gerade ans diesem Teile, abgesehen von dem Glossator seine Kenntnisse bezüglich des Alexandrinismus sehr bereichern. Und was den Glossator aqbelangt, dessen Gestalt durch Schiatters Bemühungen hier so klar vor uns tritt, ko dürfte ־dessen Dasein durch vorliegendes Bach Vielen erst bekannt werden. Dadurch wird die auf Sirach folgende Lücke in der Geschichte unseres Schrifttums einigermaßen ausgefüllt. Diese Schrift bedarf unserer Empfehlung nicht; wir wollen nur daran erinnern, daß derartige Werke nicht veralten.;Fortsetzung folgt.) D. S. Carlebach, Lübeck. Das Gebet des Rabbi Nechmigol ben Hakkonuh erklärt in 7. Tisehri Predigten. Der Verfasser hat in seinem Werkchen einen Gedanken zur Durchführung gebracht, von dem ich wünschte, daß er Nachahmung fände. Ein altes Gebet, das aus den modernen Gebetbüchern laugst verschwunden ist, das fast der Vergessenheit angebört, erklären, seine tiefen Gedanken ans Licht fördern und ■eine Schönheit und Erhabenheit unseren Gemeinden vorführen und es so wieder in seine alten Rechte gleichsam einsetze□, das ist ein Gedanke, der unsere Prediger auf ein bisher wenig benutztes Gebiet hinleuken könnte. In geistreicher Weise hat der Verfasser die Verse des אנא ככח *uf die einzelnen Feste angewandt und aus ihnen heraus tiefe, beherzigenswerte und anregende Gedanken entwickelt Ich kann es mir jedoch nicht versagen, darauf hinzuweiaen, daß ich mit der Ausführung der Predigten nicht in allen Teilen übereinstimme. Ich halte es nicht für richtig, wenn grammatische Erklärungen in Predigten einen solch weiten Raum einnehmen, wie ihn der Verfasser ihnen zumißt. Sie mögen ja wohl zum besseren Verständnis des Textwortes führen, ob aber unser Publikum diesen Ausführungen mit dem nötigen Interesse folgt, das mag dahingestellt bleiben. Am besten sagen mir die erste und die letzte Predigt zu. In klarer, einfacher Sprache entwickelt der Verfasser z B. in der Schlußpredigt den Begriff ,Gebet“ und spez. .jüdisches Gebet“. ,Als eine poetische, Herz und Gemüt ansprechende, in weihende und aneifernde Worte gekleidete Religioasiehre“ bezeichnet er es. In überzeugender Weise spricht er gegen die Anfeindungen, die das Judentum von seinen Gegnern betreffs der Blutbeschuldigung zu erdulden hat. Jeder Zuhörer oder Leser wird anregende Gedanken in dem kleinen Werkeben finden. Möge es seiner Bestimmung gemäß (להכנסת בלה dient der Reinertrag) einen recht großen Leserkreis finden. A. Katzenstein, Steinheim. . Predigtumrisse. תתמה Stiftszelt, Bild des Lebens. — Zuerst Vorhof — Kindheit; dann am Altar und Reinigungsbecken vorüber, in das Heiligtum — Jugend und Mannesalter, muß opfern und sich reinigen lernen. Im Dunkelraum strahlt das Gotteslicht, dort steht der Weihrauchaltar und der Tisch mit den Broden — im Lebenskämpfe leuchte das Gottvertmuen, lehre uns Opfer des Friedens bringen beim Kampfe um das tägliche Brod; hinter dem Vorhang die Grundlage aller Bestrebungen, die Cherubim weisen mit den Flügeln nach oben, das Gesetz ruht in der Lade — mit der Lehre führt er alle* kommenden und schwindenden Geschlechter •nach oben, ohne sie nach unten; je weiter ■hinein ins Zelt, desto heiliger — je weiter hinein ins Leben, desto würdiger sollen wir d^s Lebens sein! יתצוה Oben an der Priesterkrone die Inschrift .heilig dem Ewigen!“ Unter am Saum Glocke und Granatapfel: Ilie Glocke ist bohl und tönt, der Granatapfel birgt dagegen schweigend unzählige Körner. Soll die Inschrift .heilig dem Ewigen“ nicht eine Lüge sein, so gleiche nicht der leeren tönenden Glocke, die das Eigenlob verkündet, aber nichts bietet! Gleiche dem Granatapfel, indem Du schweigend und und wortlos Dein edelee Tun als .heilig dem Ewigen־ weihst. Inhalt der Hummer 3. Wlssesschaftllche Aufsätze: Habakuk — Nahum — Joel, Y״n Rabbiner Dr. L. A. Rosenthal. (Fortsetzung.) — Wissenschaftlicher Meinungsaustausch. — Literaturbericht. Rezensionen: D. A. Schiatter, Das ueugefundene Stück des Sirach. — Dr. Gasser, Die Bedeutung der Sprüche Jesu ben Sira für die Datierung des althebräischen Spruchbuches. — Dr. S. Carlebach: Das Gebet des Rabbi Nechmigol ben Hakkonuh. — Predigtumrisse. Verantwortlicher Redakteur: Rabbiner Dr. L. A. Rosenthal in Preußisch Stargard. Druck von Arthur Scholem, Berlin.