Jüdisches Litteratur-Blatt
- Journal
- Jüdisches Litteratur-Blatt
- Volume
- 29 (1905)
- Issue
- No. 3. (1905)
- Date
- 1905-01-01
- Page
- Seite 10 (sequence 2)
- Language
- German
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10 1 regt, vom gebeugten Recht, von der langsam binsterbenden Thora vollkommen am Platz. Der Prophet hat (1,) lange genug um Abstellung dieser innern Uebelstände gebeten, aber sie bestehen dennoch fort. Lese man Hosea, Arnos. Jeremia, und man wird hierin keine gewagte Vermutung sehen, sondern etwas, was vollkommen dem Geist der israelitischen Propheten entspricht. Nun begreifen wir auch 15 12 als göttliche Antwort, wodurch alle Zweifel Habakuks niedergeschlagen werden sollen. ראו בנדם wird dem Propheten und den Seinen in der Mehrzahl zugerufen, sie werden aus ihrer Versunkenheit in sich selbst geweckt, ihre Blicke werden geradezu nach außen gerichtet, etwas Unerhörtes, Ungeahntes soll geschehen, ״denn ich erwecke die Chaldäer“, nämlich (durch das begründende כי verbunden) derselbe, der den vorigen Satz ausgesprochen hat, Gott So gehört 6 zu 6, 4 dagegen noch zur Anfangsrede des Pro- 1 pheten. Nun zeigt sich noch ein gewaltigeres Bild, als in den Anfangsversen! Kein gekrümmtes Recht keine umgangene Thora — was geht diese den Chaldäer an f Bei ihm gibt’s keine Reehtsformen, denen man erst Geist und Leben nehmen muß, um sie unwirksam zu machen; er geht ganz offen לרשת "משכנות לא לו י־, er raubt im Großen, von ihm heißt es 1 סמנו ושאתו יצא (wie mit wörtlichem Bezug auf 14) — \ es ist das offene Gesetz der Gewalt, das weder Rücksichten noch Hintertüren braucht. 1 __ Durch diesen Feind sollen die am Anfang vom j Propheten beklagten Gräuel beseitigt werden — das ist der Sinn der göttlichen Antwort wodurch der Prophet zum Schweigen gebracht werden soll. Gr selbst versteht es auch so, da er selbst sagt (112) . j למשפט שישתו und להוכיח יסדתו, der Chaldäer ist zur J Besserüng des verdorbenen jüdischen Staats das; göttliche Werkzeug — das ist die neue Erkenntnis, > die der Prophet durch die Gottesrede 5 — 12 ge-! Wonnen hat.! Aber es kommen neue Zweifel, die eine weitere | Erörterung hervorrufen. Schießt die Gottheit nicht i weit übers Ziel hinaus, wenn durch die Erhebung | solch eines Feindes Juda vernichtet, nicht nur ge- * straft werden soll? Die Erfolge des Chaldäers werden, wie der Prophet befürchtet, statt der erhofften Besserung, die dauernde Anbetung der Gewalt, die Verewigung des Götzendienstes (L«) und unaufhörliche Vergewaltigung der Völker erzeugen. Gerade, wenn uns das erste Kapitel als Gespräch, als Erörterung klar wird, worin Gott'schon einmal seinen Willen kundgetan hat, müssen wir diese neuen Einwendungen des Propheten als eine weit größere Kühnheit empfinden, als wenn der erste Abschnitt nur eine einzige Rede, die des Propheten, enthielte. Eis wird nun (das ist für unsere Fragen ganz besonders wichtig) für Habakuk eine umfangreichere Belehrung nötig, als sie ihm vorn zuteil geworden ist, man muß nun zur Beseitigung dieser neuen Befürchtungen auf etwas weit Inhaltreicheres rechnen, als wir 2*-» finden. Nur so ist die erwartungsvolle Vorbereitung am Anfang des zweiten Kapitels zu begreifen. Daß es bei diesem ersten הד der Gottesrede nicht sein Bewenden haben kann, sondern ihm noch andere Glieder folgen sollen, zeigt auch die Ankündigung des Spottliedes, wo משל und חידות in der Mehrzahl erwartet werden (28). Beide Ausdrücke bezeichnen jene zugespitzten Gleichnisreden, die sich erst in dem Teil hinter 2«—9, also in den angezweifeiten Bestandteilen unseres Prophetenbuchs so recht finden. Um 6—9 schon ein משל zu sehen, darf ich 2) נושביך:) nicht wie LXX mit oaxvov^;, von נשך beißen, verletzen übersetzen, sondern es muß heißen deine Wucherer (abgeleitet von dem Nebenbegriff dieses Zeitwortes, woraus נשך entstanden ist); d. h. deine Gläubiger werden 2) עבטיטg) die Schuldenlast mit schweren Zinsen einfordern, was durch 2« genauer erklärt wird. (Fortsetzung folgt.) Wissenschaftlicher Meinungsaustausch. I. Verhängnisvolle Initialen in Miachna und Talmud. Unter dieser Ueberschrift versucht Herr Dr. Goldschmidt in der jüngsten Nummer Ihrer geschätzten Zeitschrift eine schwierige Mischna, משנת חמורה. wie sie von תפארת ישראל genannt wird, mit Hilfe einer Emendation zu erklären. Wenn man sich aber schon entschließt, was Herr Dr. G. ungern tut, der Erklärung des Talmud die Zustimmung zu versagen, 80 findet man leicht und ungesucht eine andere, die sämtliche Schwierigkeiten glänzend löst, ohne daß eine Korrektur des Textes vorgenommen wird. Dieselbe hat außerdem den Vorzug, wenn auch nicht den Worten, 80 doch der Tendenz nach, mit der talmudischen Interpretation vollkommen übereinzustimmen. Die Mischna will nämlich die hohe Bedeutung einer einzigen ״Mizwa“ durch ein konkretes Beispiel klar und überzeugend nachweisen. Das Gebot, welches zur Illustration dienen soll, wird hier nicht ausdrücklich genannt, weil von demselben vorher (Mischna VII) die Rede ist. Dort werden nämlich die Pflichten behandelt, die der Sohn dem Vater schuldig ist. Auf diese Mischna, wo von dem Gebote der Eltemverehrung die Rede ist, כל טצזת האב על הבן, bezieht sich die vorliegende. Für die treue Erfüllung dieser Pflicht wird nun ein dreifacher Lohn verheißen: למען יאריכן ימיך — ולמען ייב טלך und על האדמה אשרד' אלהק נותן לך• Dies stimmt wirklich mit den Ausführungen der Mischn a überein: •מאריבין ימיו — h ונוחל הארץ — מטיבין• Die Verheißung dieses Lohnes ist absolut כל העושה מצוה אחת; wenn man auch nur dieses einzige Gebot erfüllt und sonst keines. Andererseits geht aus der Tatsache, daß dieser dreifache Lohn ausschließlich bei diesem Gebote verheißen wird (bei שלוח הקן nur. ein zweifacher) mit logischer Denknotwendigkeit hervor. Wenn jemand alle Gebote des Herrn beobachtet, aber die Erfüllung dieses einzigen Gebotes unterläßt .— שאינו עושה מצוד, אחת וכר — dem wird der dreifache Segen, der nur an die Erfüllung dieses Gebotes geknüpft ist, nicht zu teil. Dies ist der Sinn der Mischna und alle Schwierigkeiten finden eine voll- ■ ■A