Jüdisches Litteratur-Blatt
- Journal
- Jüdisches Litteratur-Blatt
- Volume
- 28 (1904)
- Issue
- No. 17. (1904)
- Date
- 1904-01-01
- Page
- Seite 66 (sequence 2)
- Language
- German
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m Recht mm Bestehen. Diese unsere ernste Arbeit wird auch dartun, daß wir gar keiner Duldung bedürfen« sondern in der weltentwiekelnden Kraft des Judentums ein allgemeines VeredeJungsmittel bewahren, das uns ein Reeht unter allen anderen gibt Diesen Worten können wir um so schranken- -loser unsere freudige Zustimmung erteilen, als ja Cohen auch auf da rabbinische Schrifttum hin weist lind nur im Anschluß ־ an seinen Antrag sich auf das philosophische Gebiet beschränkt hat Wir können es um so eher, als wir bereits im Jahre 1902 in unserem ״Zurück sur Bibel!“ besäglich der Bibel- Wissenschaft verwandte Forderungen ausgesprochen haben und im Anschluß daran auch ähnliche Hoffnungen für unsere Stellung. Die Cohensehe Rede ist ein um so wichtigeres Zeugnis für die Ewigkeit unseres Gottesgedankens, als ich selbst wohl Zeuge der inneren Entwicklung dieses Denkers als Denker sn solcher Auffassung gewesen bin. Cohen hat nicht alles ausgesprochen, wie er selbst sagt; nur einseines. Der Gott der Sittlichkeit, der Gott der Geschichte ist nicht nur ein Gedanke, sondern der Weltgrund, das Ziel nicht nur unserer Tateni^ sondern auch unserer Gebete. Die Religions- Philosophie wird in ihrem Forschen auch die Gottheit als Weltgrund au ergründen sich bemühen müssen, denn darauf beruht suerat die Geschichte als da Werden, und aus der Erkenntnis des Weltgrundes «nt kommt die Frage der Ethik her: ״Was haben wir nun zu tun?“ Wir werden uns angesichts der hantigen Bibel Wissenschaft den Forschungen nicht entziehen können, ob der Gotteegedanke Israels an sich entwickelt oder ob er in :Sich stets sich gleich nur seine Wirkungen durch die größere Eikenntnis vertieft habe. Die alte Frage ״Freiheit oder Be- Stimmung?“ wird sich regen, ja, die Kabbalah wird sieh nicht umgehen lassen. Wohl uns, daß unsere Raligiensphilosophie eben so viel Streitiges bat, wie die Welt Rätsel birgtt Da Ergebnis für das Leben steht im Voraus fest und erhebt sich über jeden Streit: Treue dem Gott des Werdens und Seins, dem Gott der reinsten aus Lehre und geschichtlichen Fortschritten sich ergebenden Sittlichkeit! Aber Ladenburg? Wir würden nach diesen Darlegungen mit ihm bereits völlig fertig sein, wenn nns nicht Cohens Bemerkungen über ihn zu wichtig 'Wären. Ladenburg wagte sich, wie Cohen meint, an die höchste Aufgabe der Philosophie, au die Weltansehsunng. Er mähte keinen Unterschied zwischen Religionslehre und Philosophie. Daraus könnte die Gefahr erwachsen, daß man die Weltansehsuung, ־ welche scheinbar in der Wissensebaft keine Herleitungsmöglichkeit hat, der Religion überweist und der Philosophie entzieht Dadurch würde, wie Cohen sich ausdrückt, der Obsturantismus gestärkt Allerdings naoh alter Erfahrung ist dies stets die Wirkung, wenn die Philosophie sich von den höchsten Fragen zurückziehen muß. Aber da ist nicht zu ändern. Einem Ladenburg ist eben Philo- Sophie und Religion eins; beide suchen nah dem Unbedingten oder setzen es voraus, und naoh den von Ladenburg vorgetragenen Lehren ist da Unbedingte nicht etwa da •Kantsche Ding an sich, sondern es ist, weil unerfaßlich. nicht vorhanden. Priester und reine Denker sind Träger täuschender Triebe and Auffassungen. Aus der Religion ist die Philosophie mit ihren Fragen nach dem Welgründe und dem daraus sich ergebenden Lebensplane des Einzelnen (der Ethik) hervorgetreten; sie hat die Einzel Wissenschaften schaffen helfen, und nun danken sie es ihr, indem sie sie im besten Falle in die Geschichtskammer alter abgelegter Gegenstände weisen oder sie, um sie unterzubringen, dem Priester überlasen. Der Irrtum Ladenburgs und seiner Gesinnung»- genossen besteht in folgendem: Ihre Wissenschaft, die der Erforschung der Erscheinungswelt dient, kann, wenn sie von Fall zu Fall den Einzeldingen nachgeht, nur dann von Irrtum frei bleiben (man denke an die Naturphilosophie), wenn sie sieh nur an die Erscheinungen hält und alles Unbegreifliche auf sich beruhen läßt. Da führt jene Männer zur Selbsttäuschung, als wenn außer dem Erscheinenden nichts vorhanden wäre. Sobald sie sich darüber wissenschaftlich äußern, begeben sie sich auf den Boden, der ihnen nur gefährlich werden kann, indem sie da, was auf dem Unbedingten, darum Rätselhaften, beruht, die Weltauffassung in ihrer Ganzheit berühren. Wie leicht können sie nun nicht wirklich von dem Einzelnen, ihrem erfolgreichen Forschungsgebiet, abgehen und allgemeine Sätze aufstellen, mit denen sich dann neuere Entdeckungen nicht In Einklang bringen lasen? Wir bedürfen also einer Kantschen Gebiets- Scheidung, damit der Philosoph eben so zu seinem Rechte komme, wie der Erforscher der Tatsahen. Und wir Juden, wir Bekenner des Unbedingten nach Pflicht und Herkommen, wir haben im Kampfe für Gott auch zu streiten für die Forschungsmöglichkeit auf dem Böden der reinen Vernunft. Es ist ein Wink der Vorsehung, die mit den Blütezeiten der Philosophie auch immer die Zeitalter der Duldung ־dnd Freiheit verbunden hat, daß wir sagen: Der Anfang der Weisheit ist die Gottesfurcht Aber der Anfang der Gottesfurcht soll auch wieder die tyeisheit sein. Kleidung im biblischen und talmudiscben Schrifttum. * Von Dr. Adolf Rosenzweig, Rabbiner der j&dischen Gemeinde Berlin. (Schluß.) 8. Die Sitte der Juden, da Haupt zu bedecken, hat ihren Ursprung weder in klimatischen Verhältni88en, noch in einer religiösen Satzung. — die Natur hat den Orientalen mit eineta üppigen Haarwuchs ausgestattet, der da Bedecken des Hauptes nicht notwendig!naht; nur bei alleulangem Aufenthalte im Freien, bei rauherer Witterung und längeren Reisen mag der zeitweilige Gebrauch der