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Jüdisches Litteratur-Blatt · 1904-01-01 · No. 12. (1904) · p. Seite 46

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Journal
Jüdisches Litteratur-Blatt
Volume
28 (1904)
Issue
No. 12. (1904)
Date
1904-01-01
Page
Seite 46 (sequence 2)
Language
German
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nicht mehr als Tag■ der Erinnerung an die Schöpfung und zugleich an den Auszug aus Egypten gefeiert werden — wer wollte nämlich die Wunder die8es Auszugs, den Zug durchs rote Meer, die Offenbarung am Sinai, den Zug Israels durch die Wüste mit gejchichtlichen Zeugnissen belegen? Gibt es keine wunderbare Heilung durch Speichel, so gibt es keine Speisung des Volkes mit fünf Broden und 'zween Fischen, demnach auch keine Auferstehung, keine Himmelfahrt, ja, kein Gottmenschentum, keinen Sühnetod auf Golgatha, keine Wirkung eines Abendmahls. Aufbören muß demnach im Judentum das Passah-, Schebuot- und Sukkotfest — denn sagenhafte Ereignisse feiert man doch nicht — im Christentum das Weihnachts-, Oster- und Pfingstfest — zu beseitigen sind alle Erinnerungen an jene Ereignisse als Sünden gegen den heiligen Geist der Vernunft. Oder sie fristen als -Sagen ein schwaches Leben. Soll aber das Unbeweisbare fallen, so folgt nun die Weltschöpfung durch Gott — ob babylonisch oder jüdiscn —, ja, er, der Unsichtbare und Unfaßbare muß als Person selbst entthront werden, denn die Vernunft sagt nichts von ihm. Weiterhin wird also Redlichkeit und Menschenliebe Sache der menschliehen Willkür, denn ein verlangender Richter ist nicht beweisbar, die Wissenschaft kennt ihn nicht; wem sein Gefühl nicht alle Tugenden eingibt, also der nüchterne berechnende Verstandesmensch wird dann nur ein Recht der Stärke, der freien Personlichkeit kennen, und schließlich reißt Verachtung alles Bestehenden und Müdigkeit an allen menschheitlichen Errungenschaften ein. Das ist nicht etwa eine Folge des Delitzschen Vortrages, auch nicht zehn solcher Vorträge, wohl aber eine Folge der Forderung, die Ergebnisse des Zeitbewußtseins und der Wissenschaft in ihrem steten und notwendigen Wechsel geradlinig auf das im Leben zu Recht bestehende anzuwenden, während die erhaltenden Lebensmächte als Stützen alles menschheitlichen Wirkens nur in der Stetigkeit, im 'bestenJFall in der Entwickelung zu wirken imstände sind. Wir haben hier auch nichts übertrieben, sondern nur allbekannteTatsachen gezeichnet. Darum wird der Orthodoxe im unbedingten Erhalten des Bestehenden seinen Selbsterhaltungstrieb zeigen, und selbst der Freisinnige immer eine Fühlung mit den Mächten des Glaubens zu behalten streben. Jener, an Jen sich Delitzsch zunächst wendet, wird ihm kein Gehör schenken, und dieser ist bereits weit über seine Enthüllungen hinaus. Leben und Wissenschaft sind von jeher Gegensätze gewesen. Man denke, was hätte geschehen müssen, wenn man die weltverleugnenden Lehren Schopenhauers geradlinig auf die Tatsachenwelt angewandt hätte. Nur wenige Seelen sind imstande, mit Schopenhauer ganz zu empfinden, noch geringer ist die Anzahl derer, die aus der Abtötung aller Lebenstriebe Ernst machen würden. Und doch ist kaum ein Denker 80 folgerichtig in seinem Gedankenbau, wie Schopenhauer. Die Wissenschaft ist ein beständiges Fortschreiten und hält die Erstarrung von der Menschheit fern. Ohne es zu wollen, beeinflußt sie schließlich das Leben, indem gewisse Gedanken in die Menschheit eindringen, oft ohne daß man ihren wissenschaftlichen Ursprung kennt, und das Leben beeinflußt wiederum die geistigen Bestrebungen, indem diese unwillkürlich auf die Gestaltungen der Tatsachenweit Rücksicht nehmen. So ist des Kaisers Wort zu verstehen, daß die Religion nie aus der Wissenschaft herkommen wird und kann; denn sie gehört dem Leben und der tatsächlichen Ausübung an. Daher ist der Theologe Delitzsch mit dem Assyriologen durchgegangen, indem letzterer die Lehren der Schule einfach an gewandt wissen wollte. Ob nun aber ohne die ehrfurchtsvolle Wahrung des alten Testaments das neue sich in seiner Würde erhält? Es ist ja auch von diesem in der Wissenschaft nicht viel übrig geblieben. Daß der Nimbus Israels oder irgend einer Gesamtheit den Forscher auf seinem Wege hemmen sollte, kann niemand annehmen. Die Forschung geht rücksichtslos ihren Weg. Wohl aber haben wir in der Schrift ״Babel und Bibel“ gezeigt, daß gerade bei Annahme der babylonischen Unterlagen für die Bibel der Wert Israels für die Weiterbildung der Religion mächtig steigt, indem dann der ungeheure Abstand zwischen dem Geiste Babels und der Bibel der Einwirkung des Judentums zugeschrieben werden muß. Und die Bibel erscheint dem Bunten und Fratzenhaften jener babylonischen Sage gegenüber, wie wir dort gezeigt, göttlich und zugleich allgemeinmenschlich. Das Endergebnis ist also wieder eine Friedensmahnung: Wissenschaft und Leben müssen sich friedlich nebeneinander herbewegen, dürfen einander nicht hemmen, haben den Einfluß aufeinander abzuwarten — sonst wird sowohl von seiten der Strengfrommen, wie auch von seiten der Freisinnigen stets Vergewaltigung des anderen die Folge sein. Kleidung im biblischen und talmudiscbeo Schrifttum. Von Dr. Adolf Rosenzweig, Rabbiner der jüdischen Gemeinde Berlin. (Fortsetzung.) e) Haar, Haarpflege, Kopfbedeckung. 1. Das Haar1) als Zierde des menschlichen Kopfes erfreute sich stets besonderer Beachtung und Pflege2). Nach talmudischer Anschauung ist dasHaarl so beschaffen, daß jedes ein besonderes Grübchen besitzt, aus dem es die Säfte für seine Erhaltung saugt Wäre dem nicht so, es könnte der Mensch leicht I *) שער (assj׳r. sartu), Lev. 14, 8: שער ראש> Num. 6, ß, 18:1 ש' רגלים> Jes- 7,20; איש שעיר, der Behaarte, Gen. |;27,23־ סער שער, davon םעק> der Behaarte, J. Nas. 68 a (שעיר, d*l Bock, der Behaarte; שעירים, Regenschauer, die dem Haart! gleich herniederfallen; שערה, Gerste, haarig); 1ז*׳1 ,שיטפא r. 15; Jalk. Lev. 554; מןיא, Kopfhaar, Neg.l8a; 1״^ ■כיגחא einzelne Haar, Ber. 8a; auch נימא (der Fadeh), J. Kil 82a und חוט השערה, Job. 121b; כרהא, Git. 69a; קומי, Ml Sifra 9 ,אחרי; Tob. A. s. 8, r 1 I י) vgl. כלכל, vom Haare gebraucht, Sabb. 78 b. I

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