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Jüdisches Litteratur-Blatt · 1904-01-01 · No. 11. (1904) · p. Seite 44

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Journal
Jüdisches Litteratur-Blatt
Volume
28 (1904)
Issue
No. 11. (1904)
Date
1904-01-01
Page
Seite 44 (sequence 4)
Language
German
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— •44 Litteratarbericht. Recensionen. Prof. D. Pr. -Oiesebreeht. Die Qrundzüge der israelitischen Religionsgeschichte. (Aas der Sammlung: Aus Natur und Geistes weit.) Leipzig und Berlin. B. G. Teubner. 1904. IV.. 132 S.• 1,25 Mk. Eine nicht umfangreiche, aber amso gehaltvollere Schrift, in welcher jede Zeile ■erwogen werden maß. Vertritt sie doch in der Teubnerschen Sammlung, .Aas Natur and Geisteswelt“, worin alle Wissenschaften and Wissensgebiete in kurzen, volkstümlichen Darstellungen behandelt werden, die aas der Bibelwissenschaft bervorgegangene Entwicklungsgeschichte der israeitischen Religion mit ihrem ungeheuer angewaeüsenen Schrifttum. Nehmen wir noch den Umstand hinzu, da 11 der berühmte Jeremiaerklirer firn Nowack’schen Handkommentar) seine Kraft zu diesem Zweck hergegeben hat, so kann nach dem vom Plan des Teabnersehen äesamtnntemehmens bedingten geringen Umfang der Schrift nur etwas umso Bedentenderes hervorkommen. Gieaebrecht steht, was beate in der christlichen Thoologie fast selbstverständlich ist, auf dem Standpunkt der Bibelwisseaschaft. Ob dies nach dem Bekanntwerden der Hoffmannschen Schrift ״Die wichtigsten Instanzen gegen die Graf-Wellhaasensche Hypothese“ noch ferner so selbstverständlich sein wird, müssen wir abwarten. Es ist aber wohl die Herleitnng der Quellen von ihrer Schätzung zu unterscheiden. Während unecht (also nicht von dem betreffenden Verfasser herrührend) nnd minderwertig oft Wechselbegriffe bei den Forschern sind, stellt sich Giesebrecht nicht auf einen so engen Standpunkt. Wenn er mit Delitzsch bezüglich der Entlehnangsfrage übereinstimmt (soweit diese Gebiete schon von Delitzsch behandelt worden waren; Sinai, Nebo-Sin und Nebo wie die Jahvedeutasgen weist er ab), so will er doch von de9sen unbedingter Betonung der Offenbarung an jedem Einzelnen nichts wissen. Das menschliche Herz ist allerdings die Stätte der Offenbarung, die Menschheit insgesamt ihr Ziel, aber ״Familie nnd Volksgemeinschaft vermitteln auch göttliche Güter and erwecken in unverdorbenen Seelen ein Pllichtgelühl, das die Seele auf wunderbare Höhen führt“. Ebenao erkennt Gieeebrecht die Gottesoffenbarang in den Wohltaten des Auszugs aas Egypten oder in erschütternden Ereignissen an, welche dem Volk die Allgüte oder die ernsten _ Forderungen der Gottheit darstellen. Mit solchen Grundgedanken, wie auch immer seine tatsächliche Auffassung der israelitischen Geschichte sein mag, zeigt sich Giesebrecht wobl befähigt, dem Werdegang Israels gerecht zu werden. Ebenso tritt er dem täppischen Betasten kindlicher Erhebung zur Gottheit entgegen, wenn man von einem ״halbwilden Gewitterand Wüstengott“, wie Delitzsch, redet. ״Zuerst muß die Machtfülle anerkannt sein, ehe das ethische Wesen der Gottheit in sein Rocht treten, kann.“ ״Erst die Verbindung von Macht und Sittlichkeit macht den Gott.“ Mag sich nun Giesebrecht die ursprüngliche GottesverehruDg in Israel vorstellen, wie er wolle — sobald er den gescbichtlicben Erscheinungen in ihrem eigenen Wesen gerecht wird und ihnen die rechte Stelle im Werden des Verhältnisses zu Gott anweist, steht die alttestamenüiche Re'igion schon als eine Notwendigkeit da. Dana hört schon der zwiefache Maßstab auf, mit welchem mao, ungeachtet ihrer in der Geschichte bewiesenen Wirkung, meisternd auf die Gebilde der Vorzeit zurückblickt. Zu bedenken ist nämlich dabei, daß die Menschheit im Großen und Ganzen sich immer gleich bleibt und daß besonders die Gottesanschauung niemals da ist, sondem beständig wird. Was nützt es nun, von der kindlichen Art, in welcher gewisse, Teile der Bibel von Gott reden, als anf rohe Ueberlebsel zur&ckzublicken, statt zuzugeben, <laß auch heute — das beweist ja die Schule — das Kind sich nur so mit nach und nach zu Gott emporheben kann und auch der Erwachsene vielfach diese Anschauungen festhält. Die Darstellung der Geschichte selbst ist die heute allgemein als Wissenschaft vorgetragene. Die Stiftshütte ist kein Behälter eines Gesetzes, die Gesetze selbst (trotz des Hammarabi) in Mosis Zeit unmöglich, die Stiftsbütte ein Gebilde späterer Zeit. Der Begriff der Offenbarung muß dadurch, das wird Giesebrecht selbst zugeben, schwankend werden. Es soll die Mitteilung der Gottheit sein, wie sie sich uns in der Weltbewegung und Geschichte mitteilt; dann ist aber alles Offenbarung, und der Begriff der Religionsgeschichte Jöst sich in den der algemeinen Weltauffassung auf. 18t aber in der Weltbewegung, wenn wir die Schranken einer Offenbarung in ihren Grenzen nicht zugeben wollen, der Zug zum Höheren unbedingt bemerkbar und wird dieser Aufstieg nicht von vielen Geschichtsforschern bestritten? Welches sind nun die sittlich aufstrebenden, welches die zur Entartung führenden Menschheitsziele? Ist ein Nero nicht ebenso ein Teil der Weltoffenbarung wie Sokrates? An manchen Stellen herrscht in dem Buch darum ein unserem Gefühl sehr woblgefälliges Halbdunkel, wie z. B. bei Erwähnung des Schilfmeerdurchzugs; man sieht dort Giesebrecht das Bedürfnis an, dies Ereignis als Tatsache aufzufassen, was nur vom a 11 g 1 ä u - bi gen Standpunkt aus möglich ist — Da scheinen also die . Grenzen des Forsehens zu liegen, und wir empfinden es mit, daß er nicht in diese Heiligtümer ״täppisch hineingreifen“ will. Das legt aber die Notwendigkeit einer Grenzscheidung zwischen Glauben und Wissen dar, wie wir sie im Nachtrag zu unserem ״Zurück zur Bibel“ versucht haben, und zwar zu Gunsten beider Gebiete. Die Wissenschaft kennt kein Halbdunkel, nur erkennbare Tatsachen, der Glaube in seinen winzigsten Re9ten kennt keine Rücksichtslosigkeit, und beide Gebiete sind gleichberechtigt. Ergreifend ist die Darstellung des Prophetentums, wenn auch Amos urplötzlich auf eine Höhe gelangt, die sich geschichtlich ohne Voraussetzung des Gesetzes schwer begreifen läßt. Die Schilderung Jeremias zeigt, daß Giesebrechts Auffnssung dieses Propheten durch Duhms Werk keine andere geworden ist, als sie sich in seinem Kommentar zeigt. Gern hätten wir von ihm eine Schilderung des nachexilischen Leben9 gelesen — oder gehört die Zeit, die nach neuen Auffassungen so viele Prophetenstücke, 80 viele, wenn nicht alle Psalmen, die einen Hiob, einen Sirach, die Weisheit Salomos, die Makkabäerbewegung gezeitigt hat, nicht zur israelitischen Religionsgeschicbte? Wir müssen das als eine zwar herkömmliche, aber gewaltsame Abgrenzung betrachten, die doch wohl nicht ein Vorurteil gegen den ״Judais-! mus“ in sich schließt. Wir würden also mit Freuden eine Fortsetzung dieser Arbeit begrüßen, worin das klargestellt . würde. Wir konnten den Einzelheiten dieser Schrift nicht gerecht werden, weil ihr Zweck Gesamtwirkung ist. Trotzdem erkennt der Leser in ihr ganz genau den Gang, welchen nach : der Einleiiungswissenschaft die Entwicklung der Bibel ge- 1 nommen hat, wie auch die üblichen Darstellungen der Ge-! schichte Israels von hier aus gut überblickt werden können. J Solche Darstellungen tun uns not; sie zeigen uns den Umfang der Hibelwissenschaft; sie sind geeignet, zur Klarheit zu führen; sie fördern die Fragestellung auf diesem Gebiet, und 80 wird man es begreiflich finden, daß wir dieser nur äußerlich kleinen Schrift in Hervorhebung einiger Punkte eine eingehende und trotz unserer Fragen anerkennende Würdigung gewidmet haben Nur tiefgehende, von der ganzen Persönlichkeit getragene Arbeiten können solche Fragen in uns hervor- ] rufen. I Inhalt der Nummer II. Wissenschaftliche Aufsätze: Zu Delitzschs neuesten Hervorbringungen. — Kleidung im biblischen und talmudiscben Schrifttum. Von Dr. Adolf Rosenzweig. (Fortsetzung•' Literaturbericht. Recensionen: Prof. D. Fr. Giesebrecht: Die Grundzüge der israelitischen 'Religionsgeschichte. Verantwortlicher Redakteur: Rabbiner Dr. L. A. Rosenthal in Preußisch Stargard. Druck vou Arthur Scholem, Berlin

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