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Jüdisches Litteratur-Blatt · 1904-01-01 · No. 11. (1904) · p. Seite 42

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Journal
Jüdisches Litteratur-Blatt
Volume
28 (1904)
Issue
No. 11. (1904)
Date
1904-01-01
Page
Seite 42 (sequence 2)
Language
German
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Weshalb hat er es nicht getan, da es doch seinen Zielen mehr gedient hätte? Wenn Delitzsch nun behaupten muß, ,in der alttestamentlichen Wissenschaft genügend zuhause zu sein, um ein selbständiges Urteil zu haben“, so muß er dafür erst den Beweis bringen. Und der läge in einem dritten Vortrage über die Arbeit der Bibelforscher seit Astruc. Ist das nicht ein schöner Stoff? Und warum soll sich Delitzsch denselben entgehen lassen? Schön, aber schwer!*) Schwer scheint sich Delitzsch durch den Vorwurf getröffen zu fühlen, daß er «nichts neues“ geliefert., Was er dagegen anführt, die Sache vom Scheol’— das-ist es nicht, was den Schwerpunkt seiner Erfolge ausmacht. Die beiden Gottesnamen sind keineswegs der Glanzpunkt seiner Darlegungen, da sie auf der ganzen Schußlinie der Assyriologie preisgegeben worden sind.. Und sein Vergleich zwischen der Thoraoffenbarung und der des Schamasch an Hammurabi ist zwar mit einem Wort gestreift, aber es ist dazu nicht einmal ein Anlauf genommen worden. Was Delitzsch von Hammurabi angeführt hat, war sehr winzig, die Folgerungen dagegen waren so weitgehend wie möglich. Ich selbst war schon vorher mit der Arbeit ״Hammurabigesetz. Bibel und Talmud“ (Wirth, Mainz) beschäftigt und konnte aufDelitzschsAeußerungenkaumBezugnehmen. Der Schwerpunkt der Leistung Delitzschs liegt aber nicht im zweiten Vortrag, sondern im ersten, vorzugsweise in der Gleichsetzung der Sündflut- und Schöpfungsberichte, dann in der Ausnutzung des vielbesprochenen, aber zumeist preisgegebenen Siegelzylinders bezüglich der Paradiesesgeschichte; erst in zweiter Linie kommt für weitere Kreise die Herleitung des Sabbats aus Babylonien hinzu. Dagegen regte man sich, besonders gegen die Herleitung jener grundlegenden UrerzähluDgen aus Babylonien, weil man ihnen als bekannten Bestandteilen der Bibel von jeher ehrfurchtsvolle Kindheitserinnerungen entgegengebracht hatte. Es ist durch D. nicht das Notwendige geschehen, um den Zuhörern diese Gleichsetzungen als alt zu kennzeichnen; vielfach war män der Ansicht und mußte man der Ansicht sein, Delitzsch selbst sei der Entdecker. Was er vortrug, war in den Hauptpunkten sehr weiten Kreisen durch Wort und Schrift bekannt gemacht worden. Delitzsch weiß dies sehr gut, wenn er jetzt gezwungen ist,‘ halb scherzend, halb ernsthaft zu sagen; ״Indessen ich beuge mich dem Verdikte der ״kompotentesten‘• Beurteiler, ״nichts Neues“ ohne Widerstreben und begnüge mich mit dem Verdienst, etwas zur Verbreitung alter Erkenntnisse und Funde beigetragen zu haben*. Also tant de bruit etc. ״ob auch die Wogen schäumen?•‘ Das war alles? Ja, noch mehr! ״Gewiß haben äußere Umstände, die um der Sache willen andauernd mit großer Dankbarkeit begrüßt werden müßten, beiden Vorträgen einen sensationellen Charakter verliehen“. Das ist ein großes Geständnis, das die Gegner *) S. Hoffmano:. ״Die wichtigsten Instanzen gegen die Graf- Wellbausea’ache Hypothese“ (Natbaoseu &Lamm), welches Buch nächstens besprochen wird. Delitzschs eigentlich entwaffnen müßte. Nun, ״der Erste, der von jüdischer Seite auftrat“,*) war ich. und ich war der Vorsehung dankbar für die besonderen Umstände. ״Ein Deutscher sage ich in ״Babel und Bibel“ hatte zuerst die Keilschrift enträtselt — aber selbst war Deutschland nicht auf dem Platze erschienen. Es war eine vaterländische Pflicht, der man Folge leistete, und der Kaiser selbst wurde Protektor der Gesellschaft. Der Herrscher, der dem Vaterlande überall die rechte Stellung unter den Staaten sichern will, wird hier zum Förderer der Geistesziele, die ihm 80 kostbar erscheinen wie alle anderen Ergebnisse des staatlichen Strebens.“ Und über das Hereinziehen der Bibel durch Delitzsch sage ich dort wörtlich: ״Sie (die Bibel) wächst in den Augen der Welt, je mehr sie in die Mitte des Geschichtslebens rückt . . . Der Forscher sieht die Bibel wieder in neuem Lichte und muß in vielen Punkten die Forscherarbeit wieder von neuem beginnen . . . Das schadet ihm nichts und erhöht nur seine Liebe zur Sache. Und wenn der Freund des Heiligtums fürchtet, — wir zeigten zwar oben, daß er nichts zu fürchten hat — nun, dann beginne er einen frischen und fröhlichen Krieg für seine Sache, aber nur mit den Waffen des Geistes. Dann heißt es forschen, sich der gefürchteten Bibel- Wissenschaft nähern, nichts verketzern, ehe man^es begriffen und gründlich durchdacht hat.“' So sprach damals der jüdische Theologe, von dem Delitzsch an sich so schlecht denkt. Wenn Delitzsch sich nun wundert, wie etwas nicht Neues so viel Aufregung hervorrufen kann, so habe ich mich damals schon ebenso gewundert; ich hielt es darum für meine Pflicht, durch - ״das Wort zur Klärung“ die Aufregung für alle Glaubens- Parteien zu dämpfen. Am zweiten Vortrage Delitzschs habe ich nur das Eine tadeln können, daß er in• keiner Weise ernst zu nehmen war. Die Art seines Vorgehens gerade in diesem zweiten Vortrage begründet Delitzsch damit, daß er in die weitesten Kreise den klaffenden Gegensatz zwischen Wissenschaft und Leben hätte tragen wollen; man soll den Ergehnissen der ,Schule gemäß Schule und Kirche (und doch wohl auch Synagoge) umwandeln; weil gewisse Teile der Bibel aus Babel stammen sollen, weil die Wissenschaft (mit Ausnahme des halsstarrigen Juden• tum8) die biblischen Quellen nach Zeitaltern und Verfassern als keine Einheit mehr ansieht, so soll all’ das gar nicht oder anders gelehrt werden. Die! ״Hinterlagen des Christentums“ würden nicht darunter leiden. (Auf andere Religionen kommt es nicht an). Aber gerade dieser Punkt ist der wundeste. Delitzsch redete zu den Laien, denen diel Gegenstände wie die Erörterungen neu sein sollten. I Mit diesem Augenblicke gab er den Anspruch auf I als Assyriologe und Forscher Zureden und gabsichl als den Wortführer einer bestimmten Richtung! Damit hört aber die Notwendigkeit der Wissenschaft-1 liehen Entgegnung auf. ernst im höheren Sinne derl Forschung sind die Dinge dann nicht mehr zu I *) Ed. König (Bonn) in der ״Kirchlichen Wochenschrift für I evangelische Christen“, 1903, No. 37. I

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