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Jüdisches Litteratur-Blatt · 1904-01-01 · No. 5. (1904) · p. Seite 20

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Journal
Jüdisches Litteratur-Blatt
Volume
28 (1904)
Issue
No. 5. (1904)
Date
1904-01-01
Page
Seite 20 (sequence 4)
Language
German
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20 nicht ihren Wert haben — es ist nicht bloß eine anfruchtbare Gedankenmacht, deren Ueberlegenheit er im deutschen Volke sieht und die er, der Spötter, dem Deutschen gutmütig läßt, weil er doch auch etwas haben muß. Kann ihm die Gegenwart nicht die Größe des deutschen Volkes zeigen, 80 dringt sein Seherblick in die Zukunft- Da warnt er die französischen Spötter vor der Langsamkeit des Deutschen. Wird sich dies deutsche Volk einmal rühren, dann wird Frankreich etwas ihm Unbeikanntes, etwas Niegeahntes sehen. Dann wird ein! Ungewitter vernichtend♦ losgehen, und Frankreich wird davor erbeben. Hier hat er mit Sicherheit sich das entwickeln sehen, wasdie Geschichte in Wirk- ' lichkeit gezeitigt hat. An solchen Stellen erhebt i sich sein Ton zu prophetischer Höhe, wir lesen; zwischen den Zeilen, daß er die Deutschen geeinigt bereits als Sieger in Paris einziehen sieht, und man , merkt, wie daran seine Seele sich erhebt. ' (Schluß folgt.) Litteraturbericht. Recensionen. Dr. Wilhelm Ebstein, Die Medizin im neuen Testament und im Talmnd. Stuttgart, Ferdinand Enke, 1903. Vm, 383 S. 5 M. Jemehr talmudische Bestandteile aus der Verborgenheit herausrücken und in Vergleich mit anderen Gebieten gesetzt werden, desto weiter entfernt man sich von einseitiger Verhimmelung, wie von einseitiger Herabsetzung des Talmuds. Aus vorliegendem Werke ersehen diejenigen, welche jahraus, jahrein von einer Uebersetzung des Talmuds die Erkenntnis und Durchdringung angeblicher jüdischer Geheimlehren erwarteten, daß eine solche Uebersetzung in der bei Cal Vary erschienenen Goldschmidt’schen Ausgabe bereits vorhanden ist. Ein bedeutender Arzt, und zwar nicht der Erste, ist davon ausgegangen, Alles, was im Talmnd sich' zerstreut über Krankheiten und deren Behandlung findet nach Wissenschaftliehen Gesichtspunkten geordnet darzustellen. An vielen Punkten, wo wir Sagenhaftes vor uns zu sehen glauben, muß nach Ebsteins Ansicht mit der Zeit die Auffassung sich einstellen, daß ein vernünftiges ärztliches Verfahren beabsichtigt worden ist, allerdings nur im Rahmen des damals als recht erkannten Vorgehens. Ebstein mnß sich in der Einleitung bezüglich seines vorausgegangenen Werkes ״Die Medizin im alten Testament“ gegen den Vorwurf des Rationalismus verteidigen. Die ihn deswegen angegriffen haben, kannten Saadins ״Eumnoth we Deoth“ nicht. Wenn ein Forscher in einem Falle ein Wunder natürlich deutet, ist damit noch nicht allem unmittelbaren Eingreifen Gottes die Möglichkeit genommen. Allerdings liebt man heute diese Erklärungen nicht und ist eher bereit, za leugnen, was man nicht als den täglichen Lauf der Dinge erkennt. Wie wir selbst zu diesem Gegensatz uns stellen, darüber lese man den Nachtrag zu ״Zurück zur Bibel* und ״Bibelgläubigkeit Und Bibelwissen• schaff* nach. Nachdem Ebstein sich mit den Richtern über sein vorhergehendes Werk anseinandergesetzt hat, kommt er zum neuen Testament. Auch da wird ihm der Widerspruch der zweifelnden Bibelforscher ebenso begegnen, wie der der Wundergläubigen. Ebstein stellt sich da einfach auf den Standpunkt des vergleichenden Forschers, der das, was er vorfindet, mit den heutigen Anschauungen zusammen*teilt and dabei von seinem Ziele nicht abgeht. Das Abgehen Jesn, Pauli and ihrer Kreise von den jüdischen Speisegesetzen und dem Gebote des Händewaschens vor der Mahlzeit wird von Ebstein als nicht förderlich hingeetellt. Stellt er die Frage, was ein Wunder ist, so laatet biblisch die Antwort darauf: das was sich natürlich nicht erklären läßt und als Beweismittel des göttlichen Eingreifens betrachtet wird. Es wird darum für alle Zeiten'vergebens sein, aus den Schilderungen des neuen Testaments von dem Besessensein einen Weg zu einfach ärztlicher Erklärung zu finden, wenn man sich nicht mit Vermutungen helfen will, die nicht im Gegenstände liegen. Gewiß kann Ebstein Erregungszustände schildern, die auch beute Auftreten und mit den Wirkungen jener angeblichen bösen Geister zu vergleichen sind — aber damit wird den Quellen Gewalt angetan, die in jedem Einzelfall ein Wunder festhalten wollen. Schließlich glaubt Ebstein aus den Schilderungen wohl die Krankheiten, wie Fallsucht etc. erraten zu haben, aber über die Art einer Behandlung läßt sich doch nichts sagen. Die Dinge haben also nur den Wert, daß sie die Auffassungen der damaligen Zeit dem Arzte zeigen, abgesehen von der Erwiesenheit der Vorgänge. Kommen wir vom neuen Testament zum Talmud, so ändert sich das insofern, als hier die Sorge für die Gesundheit und das Leben ein Teil des Gottesgesetzes ist und daß Leib und Seele nach den Satzungen sich zu regeln haben, ״die der Mensch ausübt, um zu leben.“ Hier hat der Verfasser ein weites Gebiet meisterlich geordnet, und es ist das um 80 staunenswerter, als er, wie in den anderen Gegenständen, so auch bezüglich des Talmud, auf Uebersetzungen angewiesen war. Man wird mit Staunen erfahren, daß die Talmudweisen sich den Bildungsfehlem und Sonderbarkeiten des Körperbaues im einzelnen mit Aufmerksamkeit zugewandt haben. Die Makrobiotik wurde von ihnen ins Auge gefaßt, und ihre Mahnungen in dieser Beziehung werden von Ebstein als beherzigenswert hingestellt. Sie erkannten bereits den Wert einer geeigneten Wohnung für die Gesundheit, sie haben eine Nahrungsmittellehre gegeben und sich so mit allen Teilen der Hygiene befaßt Tn vielen Fällen erkennt Verfasser ihre Ansichten an, er hütet sich andererseits sorgfältig vor Uebertreibung. Der Wert eines solchen Werkes für den gebildeten Leser, noch mehr für Talmudkundige und Aerzte ist, wie die vorstehenden Angaben schon andeuten, kaum genügend zu schätzen. DievTalmudkenner wissen, wie schwer die betreffenden Stellen zum Verständnis zu bringen sind, und hier finden sie alles wie auf einem ״gedeckten Tische“. Die Talmudstellen, um die es sich handelt, werden in ihren Augen nur wertvoller, und es wächst das Verständnis auch für den ganzen Zusammenhang. Da es sich hier um das Gebiet der Sympathetik handelt, so wird man erkennen, daß das Judentum sich auch dieses Gebiets in sittlicher und menschlicher Beziehung nicht zu schämen und es nicht zu umhüllen braucht. Verfasser tadelt oft die Goldschmidtsche Uebersetzung und muß von ihr aus zu den Mitteilungen des Dr. Jacob zurückgreifen. Wann wird die t&lmudisehe Mittelmäßigkeit und Unkenntnis aafhören, sich in großen und teuren Unternehmungen, wie es Talmudausgaben sind, geltend zu machen und berufene Kräfte zurückzudrängen? Auch in dieser Beziebung ist die Offenheit, mit der Ebstein sein Urteil ausspricht, anzuerkennen und auch hier mußte es heilend eingreifen. Wir können die verdienstvolle Arbeit nur dringend empfehlen. Soeben erschien die Israelitischer und w°en'hause°nיs 1 jüdischer Geschichte Preis brochiert M. 10.—, in Halbfranz gebunden M. 11.80. ZuÄ“ Verlag von Georg Reimer in Berlin. Inhalt der Hummer S. Dr. Moritz Rahmer. Wissenschaftliche Aufsätze: Kleidung im biblischen und talmudischen Schrifttum. Von Dr. Adolf Rosenzweig! Berlin. (Fortsetzung.) — Einiges übe'r Heine. (Fortsetzung ) — Litteratsrberioht. Recensionen: Dr. Wilhelm Ebstein, Die Medizin im neuen Testament und im Talmud■ Verantwortlicher Redakteur: Rabbiner Dr. L. A. Rosenthal in Preußisch Stargard. Druck von Arthur Scholem, Berlin.

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