Jüdisches Litteratur-Blatt
- Journal
- Jüdisches Litteratur-Blatt
- Volume
- 28 (1904)
- Issue
- No. 4. (1904)
- Date
- 1904-01-01
- Page
- Seite 18 (sequence 4)
- Language
- German
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vor; — dort wird Napoleon durch England gefangen gehalten, hier atirbt .der Neffe in England: Sind das nicht lanter ״Doubletten“? Daß Esther am ersten Tage ihren Wunsch aus Zaghaftigkeit noch nicht äußert, daß der König ganz gegen seine Gewohnheit aas Eifersucht nicht schlafen kann, daß er sich die B&cher kommen läßt, die von Verschwörungen handeln — das liegt ganz in der Sache and in der Absicht der Darstellung. Daß der öffentlich entehrte Baman noch durch Tod enden, ja, daß nachher die Kraft seiner schlimmen .Erlasse -durch die Gegenwehr der Juden abgewandt werden muß — das alles soll so wunderbar, so unnötig sein? Der Bibelforscher muß sich mit fremden Gebieten, wie Geschichte and vergleichender Literatur ebenfalls befassen, um zu ersehen, was möglich ist, was nicht. ־Wiederholen sich im sophokleiscben König Oedipus nieht dessen Streitauftritte (einmal mit Kreon, dann mit Tireeias), im Oedipus auf Kolonos sollen die Töchter des Oedipus einmal von Kreon, einmal von Polyneikee vom Altar fortgerissen werden; — liegt da auch die Annahme mehrerer bearbeitenden Hände nahe? Daß der Verfasser des Ganzen ein solcher Bearbeiter mehrerer Erzählungen gewesen, das hat Erbt nicht gesagt — er mußte nämlich in Sprache und Fassung zwei Bestandteile und einen Zusammensetzer annehmen, um richtige Quellen- Scheidung bieten zu können. In der Darstellung des Estherbuches sieht Erbt nur ein Haschen nach Ueberraschungen, nach staunen erregenden Wendungen; ja, er ist darüber erstaunt, daß sich Dramatiker haben finden können, die einen solchen Gegenstand behandelten. Er macht dabei Seitenbemerkungen über die dem Juden eigentümliche Schauspielkunst. Daß unter diesen Dramatikern Personen wie Racine und Grillparzer sich finden, das hat er nicht gesagt. Daß ein solcher Stoff dem Dramatiker sich von selbst bietet, das hat ' er nicht empfanden. Also möge er aus dem Tempel der Muse weichen, in dem er sich nicht genug umgesehen hat, und wenn er derartige Urteile fällen will, dann möge er vorher die Dichtungen der bedeutendsten Zeitalter mit einander vergleichen. Hier drängt sich etwas Fremdes bedauerlich in die wissensohafUiche Darlegung hinein, was dem Forscher den ruhigen Blick nimmt. Ein Mann von der Bedeutung eines Erbt hätte •ich so nicht verirren können, wenn er sich nicht von vorn' herein auf den Standpunkt Luther’s and Lagarde’s gestellt hätte, die beide das Estherbuch nicht liebten. Luther, weil er später ein Judenfeind war; Lagarde, weil er nie etwas anderes gewesen. .Dem Bach Esther gebührt in der Bibel eines evangelischen Christen kein Platz“ —- so läutet der Schlußsatz bei Erbt. Männer, wie Oralli, der hier .eine Probe der wunderbaren Vorsehung Gottes“, Schultz, der im Estherbache .ein für die Religion nicht unwesentliches Stück aus der Geschichte des Reiches Gottes sieht“ und andere werden abgekanzelt, weil sie so für das Estherbuch empfinden konnten. Und weshalb? Weil .Stücke der Bibel, die ein christlich bestimmtes gesundes Denken und Gemüt befremden und kalt lassen,“ auf ausländische Einflüsse zurückzu führen sind. Ein Jude hätte einmal von einem ״jüdisch bestimmten Denken und Gemüt“ schreiben und danach arteilen müssen — welcher wissenschaftliche Lärm hätte sich dagegen erhoben! Mit Vergnügen wiederholt Erbt ein Urteil Lagarde’s: .Was ans von ihnen trennt, was ans für alle Zeiten fremd dünken wird — sie (die Juden) verlangen Bewunderung für das, was uns en tweder mit unauslöschlicher Spottlust oder mit Ekel erfüllt“.. Desto schlimmer für diejenigen, die Ekel und Spottlast dein gegenüber empfinden, wofür der andere nicht etwa Be- Wanderung, aber Verständnis verlangt! Wie tief muß den Jaden ein solches Urteil nicht demütigen! Es scheint eine gewisse Beruhigung für Erbt in der Lagtrde’schen Ansicht za egen, daß uns das dauernd trennt; daß also die Verirrung, etwas dem Judentum an sich teures za schätzen, in absehbarer Zeit kein wahres Christengemüt ergreifen wird. Wo solche Empfindungen auch nur möglich sind — wie soll da von unbestechlich wissenschaftlichem Urteil die Rede sein können? .Wie, wenn Haman ein Jade, Ahaaverus ein König Israels, Esther eine Perserin unter denselben Verhältnissen wäre, wie es im biblischen Buche sich findet — würde da das Urteil ebenso lauten? Würde man nicht im Sturze Haman’s gerade im Augenblicke seines höchsten Glücksgefübls den Triumph der Gottheit über jüdischen Frevel und Stolz bewundern? Würde man in Esther nicht die Heldin sehen, welche Leben und Würde in die Schanze schlägt, um ein unglückliches Volk zu retten? Würde man ihre Umsicht und Weisheit nicht hervorheben? Würde man nicht bereit sein, in Mordechai, dem anbelohnten'Königsretter, die uneigennützige Vaterlandsliebezu erkennen? Im späteren Kampfe und den 75 000 Mann, die gefallen, trotz des Zornmuts im Streite (begreiflich durch die Schwere des Angriffs) den offenen Heldenmut der Massen im Gegensätze zu Haman’s kleinlicher Feigheit anerkannt haben? Und daß die Kämpfer (wenn es Perser wären) dafür, daß sie (wie mehrmals versichert wird) nach der Beute die Hand nicht ausgestreckt, von der Theologie einen ehrenden Denkstein gesetzt bekommen hätten (mit der notwendigen Nebenbemerkung, daß Juden dessen nicht fähig gewesen wären), brauchen wir kaum zu beweisen. Wie Erbt aber meint, sei es nicht reputabel gewesen, zu plündern — nur deshalb! O, wenn es doch in Kischineff und sonst auf Erden nicht ehrenhaft gewesen wäret Selbst den zweiten Kampfestag für Susa hätte man mit der Notwendigkeit den Feinden in der Hauptstadt gegenüber entschuldigt. Gewiß hat das Estherbuch für Israel eine mehr als geschichtliche Wahrheit — es zeigt der Gemeinde ihre Gegnerschaft, deren unlautere Mittel — es zeigt ihr das Aufraffen des Gewissens, etwa in der Art eines Joel’schen Fasttages — es zeigt ihr das Aufflammen des Opfersinns, des Gemeinsamkeitsgeistes, der Bruderliebe — es erhöht ihre Hoffnungen für die Zukunft und das nicht in der sonst üblichen religiös hervortretenden Form, sondern in Gestalt einer als weltlich sich gebenden Hoferzäh lang. Welcher große Anreiz für Alexandriner und Palästinenser, in Targum, Agadah and Talmud die Spuren des Göttlichen in diesem irdischen Gemälde zu suchen! Es bedürfte einer besonderen großen Arbeit, um zu zeigen, daß das Estherbuch trotz des ארור הסן veredelnd and sittigend auf den Volksgeist Israels gewirkt hat. Und ״man soll doch den Baum an den Früchten erkennen“. Das .Fressen und Saufen“ in den ״spezereidarchdufteten Stuben der earopäischen Judenschaft“ darf Erbt nach Lagarde den Juden schon gönnen, damit der Jude ״auch einmal einen Rausch gehabt haben und ein braver Mann sein kann“, zumal das Fest mit ״Gaben an die Armen“ verbunden ist und nach Maimonides ״Wohltätigkeit die größte Freude ist“ (Ende der Hilkhot Purim). Das Erbt’sche Buch ist, soweit es uns angeht, von uns eingehend behandelt worden, weil es in “seiner Art eine große und bedeutende Leistung, weil der Name Erbt uns durchaus wissenschaftlich achtungswert ist. Wir haben hier nur eine Inauguraldissertation mit allem wissenschaftlichen Ueberschwang einer Jugendarbeit vor uns. Aber ex ungue leonem. Von einer solchen Kraft erwartet die Wissenschaft Allgemeingültiges, keine in Empfindung und darum auch im Ergebnis einseitigen Leistungen. Wer mich und mein Gefühl ■icht versteht, wer seine Arbeit mir als wissenschaftlich bietet und im selben Augenblick nur zeigt, daß eine unausfüllbare Kluft ihn dauernd von mir trennen soll, dessen Vorzüge muß ich selbst beklagen, weil sie Fehlern dienen. Möge Erbt bei Vornahme einer zweiten Auflage eine gründliche Prüfung seiner ״Purimsage“ vornehmen! Wir aber mögen die aas solch einer Schrift sich ergebende Mahnung nicht überhören, uns ernsthaft mit der Bibelwissenschaft zu beschäftigen, ganz nahe an sie heranzutreten und vor ihr nicht zu scheuen. Nur so kämpfen wir für die Wahrheit, kämpfen wir aber zugleich für unsere Stellung in der Religionsgeechichte and — wer weiß ob nicht — auch für die Festigung unserer bürgerlichen Stellung. ליהודים היתה אורה Dem Judentum gebührt Beleuchtung, dann kommt zum Schlüsse יקר die wahre Wertschätzung unserer Glaubensqnellen. («halt dar Runmsr 4. WlssM80haftfiche Aaftätze: Kleidung im biblischen und talmudisohen Schrifttum. Von Dr. A,dolf Rosenzweig, Berlin. (Fortsetzung.) — Einiges über Heine. (Fortsetzung.) Zum Purimfeste. Verantwortlicher Redakteur: Rabbiner Dr. L. A. Rosenthal in Preußisch Stargard. Druck von Arthur Scholem, Berlin.