Jüdisches Litteratur-Blatt
- Journal
- Jüdisches Litteratur-Blatt
- Volume
- 27 (1903)
- Issue
- No. 23. (1903)
- Date
- 1903-01-01
- Page
- Seite 92 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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92 (eigentlich als Schluß für die Lobpsalmen des Pesachabends bestimmt): נשמת כל חי תברך את שסךנר• In der za gleichem Zwecke bestimmten Abschlußberascha des Hallei, 'יהלליך ה בל מעשיך• IQ den Berachot nach der Haftara: יתברך שמך T! בפי כל■ Vielleicht drücken diese Formeln Hoffnungen für die Zukunft der Menschheit aus, und es wird ein Zustand herbeigewünscht, in welchem alle Lebewesen in gleicher Weise dereinst Oott ihren Dank und ihre Huldigung darbringen mögen. Darin zeigt sich der aUgemeinmenschliche Geist des Judentums, und wenn darunter wirklich alle Wesen und Geschöpfe der Welt, nicht nur die Menschen, gemeint sind, so liegt darin die tiefe Anschauung, daß jeder Bestandteil der Schöpfung, richtig in seiner Weise angewandt, zur Verherrlichung Gottes beitragen kann. * > Diese Dankgebete der Gemeinschaft Israels zeichnen sich außerdem dadurch aus, daß sie selten sich um irdische Güter drehen, nicht die Erfüllung menschlicher Augenblickswünsche voraussetzen, sondern für große geistige Güter und für geschichtliche Wohltaten, außerdem für das Dauernde, wenn es auch nicht glänzt, Gott die Huldigung aussprechen. In der Tefillah dafür, .daß der Ewige unser Gott und der Gott unserer Väter geblieben ist“; wir verkünden seinen Ruhm .für unser Leben, das in seine Hand gegeben ist,“ .für die Wunder, die täglich, abends, morgens und in der Tagesmitte an uns geschehen“, .für die Gnade, die niemals auf hört.“ Das Alltägliche ist also gerade das Wunderbare, nicht das selten Herankommende, das Unberechenbare. Der Mensch wird dadurch zur Freude an dem Dauernden und Ewigen angeregt undseineLebensfreudigkeitaufZufriedenheit begründet. Ebenso am Ende des Halle]: .Dir ist gut. zu danken, denn in alle Ewigkeit bleibst Da Gott!“ und diese Ewigkeit Gottes und seiner Religion ist eine Quelle der Seelenruhe und Befriedigung für den betenden Juden. Am Schlüsse der Hafthara danken wir Gott .für die Lehre, für den Gottesdienst (eigentlich das Kethoreth), für die Propheten und das betreffende Fest.“ Im Tischgebete dafür .daß Gott den Vätern das gute Land verliehen, ins aus. Egypten geführt, uns das Bandeszeichen aufgeprägt, uns die Lehre gegeben hat and uns zu jeder Zeit speist“ Also die Vergangenheit, indem sie eine Gottesleitung und Erziehung Israels nach Seite der Thora hin herbeiführt, wird ebenfalls •zu einer Qaelle freudigen Dankgefühls. Es ist das der Ausdruck einer würdigen und wahrhaft menschlichen Lebensauffassung, die, richtig aufgefaßt, zur Kräftigung des Einzelnen dient, wie sie die Gesamtheit za dauerndem Ausharren festigt. ♦ Aufbau und Zusammenhang muß, wie in großen Schriftwerken, 80 auch in diesen oft einfach scheinenden Gebeten beachtet werden, um ohne Verwässerung derselben und ohne Deutelei uns die wahre Tiefe derselben linden zu lassen. Wenden wir uns wieder dem Nischmathgebete zu: Es scheint auf den ersten Blick Nichts als eine begeisterungsvolle Aneinanderreihung glühender Dankgefülüe für den Schöpfer und Leiter aller Dinge zu sein. Ist es denn aber wirklieh auch der Nachhall jenes .Großen Hallel“, das daraus unaufhörlich spricht, .daß Gottes Güte ewig währe“? Dazu ist es ja ursprünglich bestimmt. Wir werden sehen. ., Seele und Geist aller Wesen preise dem Ewigen (dem Beginn jenee Psalmes gemäß), der der Vorwelt; und ans .den Früheren ijnd Späteren“ angehört (den יוצרי מצאים und uns), der die Welt in Gnade leitet (wie es dort heißt: Der den Himmel geschaffen, die Erde aasgebreitet etc.), nie schläft, vielmehr Schlafende erweckt (aus dem Schlaf egyptischer Knechtschaft, wie im Hohenlieds Gott Israel wecken kommt), den Stummen Sprache gibt (dem wortlosen Sklaven). Was heißt nun Gott loben? ״Wäre unser. Mond, wären unsere Hände, unsere Füße“ von größter Kraft — nicht für eine der vielen Wohltaten könnten wir Gott danken. Sie rühren aus der Vorzeit her, .Aus Egypten hast Do uns befreit, im Hanger uns gespeist, Krankheiten von uns ferngehalten, und auch fernerhin wifst Du uns nicht verstoßen“. Also die Dankesschuld ist aus grauer Vergangenheit bis zur Jetztzeit angewachsen (wie es in jenem Psalm heißt: .Er hat uns unseren Dränger® entzogen unb gibt allen Wesen Speise“ — also sorgt dauernd weiter für uns) — wie könnten wir, die wir alle Wohltaten der Vergangenheit jetzt mitgenießen, wie auch die uns jetztzukommenden, da der Gottheit genügen? ״Darum die Glieder, darum Geist und Seele, darum die uns verliehene Zunge — sie haben Gott zu preisen!“ d. h. die durch die Befreiung aus Egypten freigewordenen Kräfte sind zum Lobe und zur Verhbrrlichungg Gottes anzuwenden — doch ׳wohl durch gottgefällige Tätigkeit. Und was soll der Zweck sein? ״Jeder Mund soll Dir danken, jedes Knie Dir sich beugen, alles Stolzstehende vor Dir niederfallen, alle Herzen, alles Innere des Menschen Dir ergeben sein!־ Also ein stetes Hindrängen auf die innere Heiligung der Gesamtmenschheit, wozu das gottgefällige Wirken dessen, ״der^von Gott befreit, nun auch Gottes Diener ist“ durch sein Beispiel Andere hinlenken soll. * Aus manchen auf den ersten Blick wenig durchsichtig und wenig bedeutend scheinenden halachischen Bestimmungen kann man bei genauem Hinsehen auch auf eine gottinnige Weltanschauung schließen. Weshalb wird על הניסים in Tefllla und Tischgebet in die 'הידא, weshalb יעלה 0בא oder רצה והחליצנו iu die בקשה eingeschoben? Weil jenes ein Dankgebet ist und den Rückblick auf die Vergangenheit enthält, dies ein eigentliches Bittgebet ist, das aus Wünschen für die Zukunft besteht Das eine soll mit dem anderen nicht vermischt werden. מודה לשעבר וצועק לעת־ד לבא• Der Dank enthalte nur, was der Vergangenheit angehört, die Bitte wende sich wiederum nur der Zukunft zu. Also auch die Gefühlswelt soll der Klarheit nicht ermangeln und es sollen keine Vermischungen des Empfindens vor sich gehen. Die Sache hat auch eine sittliche Seite. Das Dankgebet soll den Menschen freudig und uneigennützig auf das, was als geschehen der Vergangenheit angehört, zurückblicken .!׳issei». Jedes begehrliche Hineinspielen der Zukunft würde das Wesen der reinen Dankbarkeit verwischen und aus dem, was dem reinen Freudegefühl über die göttliche Vorsehung entsprießen soll, wird zum Teil dann eine Sache des unruhig vorwärts strebenden Eigennutzes. Selbst in der Haggada des Pesachabends wird verlangt, daß der Dankessegen für die Befreiung aus Egypten keinen gebetartigen Schluß an sich habe. So R. Tarfon. R. Akiba dagegen hat an dieser Stelle Wunsch und Dankgebet miteinander verbunden, nämlich die Bitte, daß schon die nächsten Feste Israel wieder beim Tempelgottesdieuste finden möchten. Das hat aber keinen halachischen, sondern einen geschichtlichen Grund. Es waren das die unruhigen Zeiten, die dem Barkochbakampfe vorausgingen; Akiba war von der Gewißheit erfüllt, daß die Erlösung jetzt kommen müsse. Er hielt es nun für Pflicht eines Jeden, dem 11p Dankgebete der Erlösung Ausdruck zu geben. ״Hatte Gott damals die Erlösung 190 Jahre vor Schluß der 400 Jahre, die eigentlich Israel aufgelegt waren, kommen lassen, 80 mußte jetzt die gleiche Hoffnung, daß schon vor Schluß der 70 Jahre, die die babylonische Gefangenschaft gedauert hatte, die Erlösung vom Römerjoch nahen würde, ausgesprochen werden“. Sonst wird Dank und Wunsch an keiner Stelle der Kemgebete vermischt. (Fortsetzung folgt.) Inhalt der Nummer 23. Wissenschaftliche Aufsätze: Kleidung im biblischen und talmudischen Schrifttum. Von Dr. Adolf Rosenzweig, Berlin. (Fortsetzung.) — Lltteraturbericht Recensionen: Steuernagel und das Deuteronomion. (Schluß.) — Das Judentum, in seinen Grundzügen und nach seinen Grundlagen. (Schluß.) Von Dr. M. Güdemann. — Vermischtes. (Fortsetzung.) Verantwortlicher Redakteur: Rabbiner Dr. L. A. Rosenthal in Preußisch Stargard. Druck von Arthur Scholem, Berlin.