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Jüdisches Litteratur-Blatt · 1903-01-01 · No. 22. (1903) · p. Seite 88

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Journal
Jüdisches Litteratur-Blatt
Volume
27 (1903)
Issue
No. 22. (1903)
Date
1903-01-01
Page
Seite 88 (sequence 4)
Language
German
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88 leichtfertigen Scheidung entgegen (s. unser ״Hammurabigesetz*) etc. S. 29—80). Hier konnte noch Sirach erwähnt werden. Nun beleuchtet Verfasser das Verhältnis der Kinder zu den ETtern und gibt talmudische Beispiele für die Wertschätzung von Vater und Mutter. Familienleben und Religion hängt innig miteinander zusammen, so daß Israel ״im Hause und in der Familie sich eine Welt gegründet hat.“ Geht Verfasser nun züm Gottesglauben über, so verschweigt emicht, ■wie oft Israel von (Jiesem Glauben abgefallen ist. Um so wunderbarer, daß es in gewaltigem .Ringen mit Gott und Menschen“ denselben gebildet hat. Nicht durch Grübeleien der Denker ist dies geschehen, sondern durch eine besondere Veranlagung, welche Israel gerade für diesen hohen Gedanken zu Teil geworden ist. Und dieser Gott, dessen Verehrung in Israel, soweit die Geschichte führt, sich immer gleich gewesen, war stets der Gott der Welt und aller Völker. Damit steht die Tatsache nicht im Widerspruch, daß Israel selbst sich nach größerer und klarerer'Gotteserkenntnis hin entwickelt hat. Der vierbuchstabige Gottesname entspricht dem Begriffe des Ewigen, upd ״Gott Israels“ (von Jeremia am meisten gebraucht, wie Verfasser sehr gut erhärtet) heißt nicht etwa der Gott, der Israel allein gehört. Der sogenannte Henotheismus ist nichts weiter als verkappte Vielgötterei, und der Uebergang zur unbedingten Gotteseinheit ist von beiden Punkten aus gleich schwer Ist die Naturdichtung Israels^-sSind die unwillkürlichen Aeußerungen der Menschenliebe und demütigen Frömmigkeit nicht an sich das sprechendste Zeugnis für dies allumfassende Wesen Gottes? Die Gotteskindschaft, die Auffassung Gottes als Vater ist darum gerade Israels ursprüngliches Eigentum (S. unser ״Bibel trotz Babel“ Leipzig, Kauffmann S. 16—19 und 30 ff.). Das weitere Streben des Verfassers geht dahin, das allgemeine Menschentum und die Liebe gegen Alle, für Israel und seine Lehre zu retten. Sein weiter Blick und seine tiefe . Kenntnis des einschlägigen Schrifttums läßt ihn die Nachweise aus den Religionsquellen anschaulich und überzeugend zusammenstellen. Was nützt eine Lehre, meint er, mit überaus erhaben scheinenden Ansprüchen an den Menschen, wenn sie zu weit über dem Leben steht? Statt allgemeiner Liebessätze bietet die Bibel lieber Einzelsatzungen für Sonderfälle des J^ebens und sucht, statt einfach Feindesliebe zu gebieten, die Quellen des Menschenhasses zu beseitigen. Ba blickt äbemttdie erziehliche Absicht heraus, und der Zweck liegt unausgesprochen jenseits des Buchstaben, an den Folgen erkennbar. Die Tatsache, daß die ägyptische Sklaverei nicht eine Quelle des Hasses, sondern der Gesetze der Liebe und Gerechtigkeit geworden ist, spricht an sich stark genug gegen die uns' | immer wieder entgegengehaltene ״Liebe zum Volksgenossen.“ | Man hat dem Judentum den Begriff des Jenseits abgesprochen. Verfasser will denen nicht widersprechen, welche dann einen Gegensatz gegen die ägyptische Totenverehrung sehen. Er meint, jene egyptischen Anschauungen vom Jenseits hätten nur dazu beigetragen, den Menschen dem Diesseits zu entfremden und es ihm durch sich eindrängendo. grauenvolle Einbildungen zu verleiden. Wohl hatte Israel den' lauben an eine Fortdauer nach dem Tode, aber der Gesetz-1 geber wollte den Schwerpunkt auf das Diesseits legen, auf den Schauplatz menschlichen Wirkens. Der Jude hat denn auch in den finstersten Zeiten mntig in’s Leben hineingeblickt, und die größteh Leiden waren nicht im Stande, ihm den Selbsterhaltungstrieb, wie die Liebe zur Gesamtheit zu rauben. So hoch das Jenseits dem Diesseits gegenüber von Frommen geschätzt wurde und .geschätzt wird — jene Weisen, denen die edle Tat für höher gilt, als das Jenseits selbst, haben den Hauptgedanken der Religion darüber am besten —begriffen. Die Lehre mußte demnach in’s Leben übersetzt werden. Das Lernen derselben galt als gleichwertig der Tat und blieb die geistige Anregung Jahrhunderte hindurch, die einzige geistige Freude dieses Märtyrervolkes, das angesichts der Scheiterhaufen sich weder von Gott, noch vom Geiste trennte. Aber die sogenannte Werkheiligkeit der Thora machte die gute Tat zur Grundlage des Maßstabes, nicht bloße Worte und schöne Empfindungen. Und die Last des Gesetzes wurde von denen sehr leicht und freudig getragen, welche durch die stete Uebung der Mizwoth vielmehr zur Freude und, _ Selbstschätzung gebracht wurden. (Vgl. unser ״Hammurabi“ I etc. S. 42—43). Es läßt sich denken, daß von dieser Stelle eine Zurückweisung Harnacks vom Verfasser mit Erfolg vorgenommen wird. (Schluß folgt.) Festpredigten von Dr. J. Rosenberg, Rabbiner in Thorn. Frankfurt a. M., Kauffmann, 1903, VI. 140 S. Festpredigten erheben in unserer Zeit an den Kanzelredner ganz besondere Forderungen. Die Zeiten sind vorbei, wo jeder Tag Morgens und Abends im Lehrhause agadische und halachische Worte ertönen hörte, die öffentliche Belehrung hat sich (wenn wir von den Literaturvereinen absehen, die eine *große Lücke ausfüllen) auf die Sabbate der Nenmondsverkündigung zurückgezogen; viele betreten aber nur an Festtagen das Gotteshaus, manche nur an den hohen Sühnetagen. Der Prediger darf auch das nicht unterschätzen. Eine erhöhte Stimmung, zum Teil von Erinnerungen aus der Kindheit getragen, bringen ihm dann die Zuhörer entgegen, und es ist nun seine Aufgabe, die empfänglichen Seiten seiner Gemeinde zu treffen und wiedertönen zu lassen. Dr. Rosenberg hat hierin treffliches geleistet. Er kennt unser Zeitalter und was es uns bringt und womit es den Bestand unseres Glaubens bedroht. Er spricht darum z. B. am Schabuoth von der ewigen Bedeutung der Offenbarung, die er zu den brennenden Fragen der Gegenwart in Beziehung bringt, indem er auch die Ansichten ihrer Gegner nicht verschweigt und dagegen die Thora verteidigt. Er weiß wohl und geht nicht darüber hinweg, daß das Verhältnis der Kinder zu den Eltern nicht mehr dasselbe geblieben ist, wie in der Vorzeit, ja, er sieht das kommende Geschlecht an der Schwelle des Heiligtums stehen, um dasselbe dauernd zu verlassen — er sieht die Festigkeit der Familienbande und die Herzlichkeit der einstigen Familienfestesfreude verschwinden — er verschließt sein Auge auch nicht vor den Sorgen, die unsere Zeit dem Kinzelnen auflegt — vor den hochfliegenden Wünschen, durch die wir das schwere Dasein uns noch mehr erschweren. Das sind die Angelpunkte seiner Festpredigten, in denen er sich wohl als der ernste Warner und Mahner, aber zugleich als der mitempfindende Rater und Freund zeigt. Es sind nicht die Worte des Eiferers, die wir hier hören, sondern die des mit seiner Zeit Mitstrebenden, der sich derselben nicht verschließt, der die Heiligtüumer der Vorzeit als bestes Kampfes- und Schutzmittel der Gegenwart und Zukunft erhalten will. Solche Worte müssen Eingang finden, je weniger der Redner nach Redensarten sucht und je mehr er auf das Gefühl, aber auch auf das Denken seiner Zuhörer ein wirken will: Eine bemerkenswerte Eigentümlichkeit dieser Reden ist es, daß darin Midraschim, Taimudstellen, wie Bibelverse nicht nur angeführt werden, sondern daß sie unsichtbar das ganze Gebäude tragen, ohne daß sie sich hervordrängen. Und diese andeutungsvolle Art. die dem Zuhörer viel zutraut und die Folgerungen ihm selbst überläßt״^ bietet ihm um so reicheren Stoff zum Nachdenken; er glaubt selbständig die Sätze zu verarbeiten, zu deren Deutung ihn dennoch der Prediger, ohne es zu zeigen, durch den Gang der Predigt leitet. Mögen diese trefflichen Reden, die zugleich ein richtiges Bild unserer Zeit mit ihrem Stürmen und Drängen bieten, wirklich, wie der Verfasser es wünscht, zugleich ein Krbauungsbuch für das Haus werden, und die Aufnahme, welche sie in weiten Keisen finden, ihn zur Herausgabe weiterer Sammlungen ermutigen. Inhalt der Nummer 22. Wissenschaftliche Aufsätze: Kleidung im biblischen und talmudischen Schrifttum. Von Dr. Adolf Rosenzweig, Berlin. (Fortsetzung.) — Lltteraturbsricht. Recensionen: Steuernagel und das Deuteronomion. -- Das Judentum in seinen Grundzügen und nach seinen Grundlagen. Von Dr. M. Güdemann. — Festpfedigten. Von Dr. J. Rosenberg. Verantwortlicher Redakteur: Rabbiner Dr. L. A. Rosenthal in Preußisch Stargard. Druck von Arthur Scholem, Berlin. ) Wirth, Mainz.

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