Jüdisches Litteratur-Blatt
- Journal
- Jüdisches Litteratur-Blatt
- Volume
- 27 (1903)
- Issue
- No. 21. (1903)
- Date
- 1903-01-01
- Page
- Seite 84 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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! Ein zweiter Teil verläßt das Erbauliche und geht auf ' verschiedene Talmudtraktate über, während am Schluß sich einzelne Talmuddeutungen finden. Da gilt es, sich in die pilpulistische Art hineinzudenken — beiläufig gesagt, kann die Oentara, da sie pilpalistisch entstanden, auch nicht־ anders erklärt werden — und es müssen Schjitt für Schritt die Aiten und Neuen nachgesehen werden. ,Wie kann R. Eleasar das Chamez nach der Zeit des Biur außer dem Besitz der Menschen und ihn doch dafür verantwortlich erklären, da nach R. Simon | doch die Thora -das übriggebliebene Chamez erlaubt und es, als wiederum zu Geldwert führend, doch dem menschlichen j Besitz gleicht?* So fragt Schaagath Arje. Mekor Chajim I antwortet, daß, wenn die Thora zunächst die Vernichtung ge- | bietet, ein solcher Gegenstand nicht mehr als zukünftiger | Besitzstand betrachtet werden kann. Aber hängt beides, der j Satz, aus dem R. Simon die Eleichterung folgert, daß Chamez! nur am Pesach unbedingt verboten, vorher erlaubt sei, i nicht mit dem Vernichtungsverbot zusammen, so daß letzteres! das entere nicht aufheben kann und Schaagath Arje Recht j behält? Nein! Da die Beseitigung schon Mittags geschehen : muß, das vollkommene Verbot erst Abends eintritt, ist beides : getrennt, und da das zu Vernichtende noch erlaubt ist, so ist j das חידוש, ein in der Satzung liegendes Unbegreifliche, woraus! keine Folgerungen zu Gunsten eines Besitzstandes gezogen : werden können — gegen Schaagath Arje. Ist das nicht eine Erfrischung dem langweiligen Gesich* ] gegenüber, das wir heute, wissenschaftlich zugeknöpft bis!oben, machen müssen? Seien wir offen — es ist so! Und es läßt sich reicher Stoff aus derartigen Schriften holen — die pilpulistische Anregung hat den Vorteil, uns vergleichen zu lassen, zum Gleichartigen zu führen, und so finden wir am beeten talmudische Sonderquellen. Möge dies Buch auch dem guten Zweck zuliebe viele Käufer und eben so viele Leser finden להגדיל תור' (להאדירה "Za Lehr und Wehr“, Jüdische Zeitfragen. Von M. A. Klausner. Berlin. Calvary u. Co. Preis 2 Mk. — Wer den Namen Klausner auf einem Buche sieht, der weiß im voraus, daß er sich nicht langweilen wird; daß er aber auch kein vorübergehendes Empfinden dabei haben wird. Da der Verfasser gewöhnt ist, sein ganzes Selbst mit seinen Erfahrungen und Ansichten sogar in die flüchtigen Aeußerungen hineinzulegen, die wirklich nur einer Zeitungsnammraer geweiht sind, ist es wohl angezeigt, . daß von ihm einmal die Buchform gewählt wird, um dem sonst Vorrüberrauschenden das dauernde Dasein zu geben, was diese Blätter verdienen. Und der Buchumschlag legt sich nicht nur als äußerlich zusammenhaltendes Band um die vier Abhandlangen, die sich in dem Buche befinden — ״Sprache und Nationalität־, ,Der Zionismus“, ״Hie Babel — hie Bibel“, ״Impressionen" gehören wirklich innerlich zusammen und greifen in die wichtigsten Angelegenheiten des Judentums hinein. ״Sprache und Nationalität“ knüpft den Gedanken, der sich in dieser Ueberschrift schon deutlich ausspricht, an eine Behandlung des jüdischen Jargons. Verfasser verlangt dafür an Stelle der geschichtlich unverdienten Verspottung eine sprachlich genaue Erforschung, worin sich zeigen wird, wie sorgsame Wahrer des vor 600 Jahren aus Deutschland nach Polen mitgenommenen gatdeutschen Sprachschatzes die Juden des Ostens geblieben sind. Die darin vorhandenen mittelhochdeutschen Reste zeigen dem vielfach verkümmerten Hochdeutsch gegenüber einen großen Reichtum alter Beugungsformen, welche dem schärferen Ausdruck der Begriffe dienen. Das geht bis zur jüdisch-deutschen Schreibart, bis zur Wahl der Vokale herab. Verfasser begleitet seine Aufstellungen mit vielen Beispielen, gerade solchen, die heute als sonderbar verspottet werden könnten und wirklich verspottet werden. Er bietet Mundartdichtungen ernster und launiger Art, die da beweisen, daß auch die Form im Jargon gewahrt werden und zum Ausdruck verschiedenster Stimmungen dienen kann. Doch möchten wir die Einwirkung der Mendelssohn’schen Bibelübersetzung anf die Beseitigung des Jargons nicht unterschätzen; die 700 Exemplare kamen zumeist in die Hände von Lehrern, unü die Wirkung mußte durch tägliche Uebung die gleiche werden, wie bei der Lutherischen Bibelüber- Setzung. Die richtige Schätzung des Jargons führt in leichtverstündlicher Gedankenverbindung, zur richtigen Schätzung, nicht Ueberschätzung des Zionismus. Verfassersteht in der Mitte. Seinem Auge entgeht keine Schattenseite dieser Riehtung; er prüft sie auf ihre Entstehung aus der Zeitstimmung heraus, er geißelt die Nachahmungssucht, die das Gebahren gewisser, dem Judentum feindlicher Kreise sich anzueignen und zu überherodisieren sich bemüht — aber er verkennt neben den Gefahren, die der Zionismus in sich birgt, auch nicht das Berechtigte, ja, das Notwendige darin. Mit Recht sieht er im Antisemitismus nichts Ewiges (viele Zionisten scheinen das zu tan), und 80 wird auch das Schwächliche vom Zionismus abgestreift werden, und das Berechtigte daran w'ird, da es dem Bestehen Israels nützt und soweit es ihm nützt, sich erhalten. Wer sich über den Zionismus unterrichten will, darf diese Abhandlung (die gewiß auf manchen Gegensatz stoßen wird) nicht ungelesen lassen. Darin wird alles geprüft und das beste behalten. Die dritte Abhandlung ״Hie Babel — hie Bibel“, die als Entgegnung auf den zweiten Delitzsch’schen Vortrag in mehreren Auflagen im gleichen Verlage erschienen ist, hat durch ihren Erfolg schon ihren inneren Wert bewiesen. Merkwürdig, daß wir mit dem Verfasser zu gleicher Zeit den Gegenstand behandelt und in den meisten Punkten mit ihm zu gleichen Ergebnissen gelangt sind. (Vgl. unser ״Bibel trotz Babel!“, Kauffmann, Leipzig). Im Rahmen dieser Abhandlungen beweist der Verfasser, daß ihm wissenschaftliche Fragen, die den Kern des Judentums berühren, ebenfalls wichtige Zeitfragen sind. Und so ist er berechtigt, zum Schlüsse auf die ״Impressionen“ einzugehen. Wer die Geistesgüter des Judentums verteidigt, der darf auch gegen einen Rathenau und dessen vörjmglimpfungen des Judentums zu Felde ziehen. Rathenau fenlK^elbst das, was er im Judentum vermißt, ״dieses Verschulden aber trifft nicht einen Einzelnen, sondern ein ganzes Geschlecht, das ganze Geschlecht, das in Berlin vor uns war und in seichtem Aufkläricht verkam.“ Das ist eine bittere, aber unleugbare Wahrheit. Wir müssen den Leser auf die Abhandlung selbst verweisen, damit er die Stärke der Gründe erkenne, die hier geltend gemacht werden. Die Rathenau’sche Schrift hat dem Verfasser Veranlassung zu einer Aeußerung von dauerndem Wert gegeben, die zur Bedeutung jenes berüchtigten ״Höre Israel“ in gar keinem Verhältnis steht. Wer die Kraft verstehen will, die sich hier so verschiedenartig und doch so einheitlich geltend macht, den müssen wir auf Klausneris ״Gedichte der Bibel“ (Calvary) verweisen. Da erscheint uns der Schriftleiter, der Mann der Versammlungen und des damit verbundenen Meinungskampfes als Mann des kindlichen und frommen Gemüts, der die Heiligtümer Israels in seinem Herzen neu erzeugt, und doppelt berufen ist, sie so auf andere einwirken zu lassen. Wir werden auf dies Werk Gelegenheit haben, zurückzukommen, da es in kurzem in zweiter wesentlich vermehrter Auflage erscheint. ״Zu Lehr und Wehr“, nicht umgekehrt nennt Verfasser seine Schrift. Die Lehr’ geht bei ihm voraus — und so muss es eigentlich bei Jedem heißen, der mit Recht in unserer Zeit die heilige und gerechte Sache verficht, nicht nur als eine Sache des Rechts und der Stellung, sondern zu-, gleich als eine Sache des Geistes und der Einigkeit. Inhalt der Nummer 21. Wissenschaftliche Aufsätze: Kleidung im biblischen und talmudischen Schrifttum. Von Dr. Adolf Rosenzweig, Berlin. (Fortsetzung.) — Vermischtes., (Fortsetzung.) — Litteraturbericht. Recensionen: Zum 25jährigen Amtsjubiläum. — Zu Lehr und Wehr. Von M. A. Klausner Verantwortlicher Redakteur: Rabbiner Dr. L. A. Rosenthal in Preußisch Stargard. Druck von Arthur Scholem, Berlin.