Jüdisches Litteratur-Blatt
- Journal
- Jüdisches Litteratur-Blatt
- Volume
- 17 (1888)
- Issue
- N° 50. (13.12.1888)
- Date
- 1888-12-13
- Page
- Seite 194 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 91% known words query
- IRI
…/6492408-6488258-9805976--1593-4856706- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
״In Händen hatten sie einen Rathenbündel von einem ״vorgeschriebenen Baam (Barsoman) geschnitten.“ So die grfinen Rathen am Wasserfeste der Synagoge, die השענות, Beet des Festes (שמהח בית השואבח) im alten Tempel. Die Magierpriester pflegten mit dem Barsoman öffentlioh na erscheinen als Ahara Maada’s-Symbol, um die bösen Geister and das Ungesiefer, die Creatoren Ahriman’s, za vertreiben. Eine leise Beminiscenz hiervon mag das Hose hanoth -Schütteln and das gänzliohe Abschlagen derselben'am Hosohana-Babba bei unsern Altvordern gewesen sein. Auch das Heramwenden mit dem Ln 1 ab nach allen Weltgegenden mag an das magUohe Barsoman erinnern. Die jüdisohen Mystiker wollen damit die Allgegenwart Gottes anzeigen: die Parsen, die bösen Geister veijagen._ ״Aach hielten sie Bosenkränze in den Händen ״während des Gebetes. Dieses ist aach bei den hea- ״tigen Gebern“ Feueranbeter) wiohtig, grade wie ״unsere Frömmler gemeiniglich die Steinchen der ״Bosenkränze aufand abgehen lassen beim Bezitiren ״der Ave and Paternoster.“ Das Herumfühlen an den Sohaufäden des Chassid mag dem entsprechen. ״Die Gebern in ihrem Gebet wenden sich ״an die Engel, als Sendboten Gottes, die nichts ohne ״dessen Willen than.“ (Schluss folgt.) Die Hebräica in der Bibliothek des British Museum. Von S. Schechter in London. (Schloss.) . Doch nicht immer sind es solche Heldenthaten, welche ans die Handschriften erzählen. Sie verrathen aach öfter Handlangen menschlicher Unbeständigkeit und Schwäche. In manchen finden wir die Bemerkang: ״darf nicht verkauft oder verpfändet werden“. Doch kaum ist eine- Generation dahingegangen und sie befinden sich schon in dem Besitze eines andern Eigenthümers, welcher dieselbe Verpflichtung hineinschreibt, die nur za bald von seinen Kindern wieder verletzt wird. Im Codex 27 122 finden wir Empfeh- Iaug8briefe für einen würdigen armen Mann, der so unglücklich ist, zwei erwachsene Töchter zu haben and .picht die Mittel za besitzen, ihnen eine Aus- Steuer geben zu können. In der That muss derselbe aber auch sehr arm gewesen sein, da sich nicht einmal ein Bach in seinem Hause vorfand, denn in diesem Falle hätte seine Verlegenheit nicht gar so gross sein können. Wir finden nämlich im Codex Harl. 5702'von der Hand des Eigenthämers: ״Zar ewigen Erinnerung, dass ich dieses dritte Buch des Avicenna von meinem Schwiegervater B Jekahfeiel als einen Theil meiner. Mitgift empfangen habe.“ Als ein Zeichen menschlicher Schwäche führe ich folgende 2 Beispiele an. Vor mir liegt ein kabbalistischer Codex (Add. 27,199), welcher dadurch eine gewisse Berühmtheit erlangte, dass er von dem gelehrte!/ Grammatiker B. Eiiah Levita für seinen Schüler, den Cardinal Aegidus, geschrieben wurde. Am Schlüsse dieses MSS. lesen wir: ״Ich (Levita) habe die Abschrift dieses Buches beendet am Mittwoch Hoscbaanah Babba 5276 (1515)*), an welchem Tage ich meinen Kopf in dem Schatten des Mondes gesehen habe. Gelobt sei Gott hierfür, denn jetzt bin ich sicher, dass ich im folgenden Jahre nicht *) Hoscha-mah Babba 5276 (1515) m. d. F. בחג war am Sonntag. Sollte nicht 5276 ein Schreib- oder Druckfehler ffrr 5277 sein, was bei der Verwechslung von 1 and ן ja Jeicht der Fall sein kann? Im Jahre 5277 m d F. השג war Hosr.h3utf1ah Babba wirklich am Mittwoch. (L. C.) sterben werde.“ Diese Worte beziehen sioh auf einen bekannten Aberglauben, nach welohem der Sohatten eines Menschen, der im Laafe des näahsten Jahres sterben soll, am vorhergehenden Hosohaanah Rabba schwindet.*). Ist es nioht traurig, za sehen, dass der grosse Levita, welcher über so manohes Vorartheil seiner Zeit erhaben war, Christen im Hebräisohen unterrichtete und das ursprüngliche Vorhandensein der Vocale in der Bibel leugnete, was von der grossen Majorität seiner Zeitgenossen für eine Todsünde ge• halten wurde — ja, ist es nioht traurig, diesen erleuchteten Mann in dieser Nacht für sein Leben zittern and äagstlioh seinen Sohatten beobaohten zu sehen? —■ Ein anderer Codex (Add. 17,053) enthält die Tossefoth zu 3 Talmudtrautaten. Hiernach müsste der Eigenthümer jedenfalls ein Gelehrter gewesen sein. Wir lesen jedoch auf dem Vorsatzblatte dieses Manuscriptes folgende Worte: ״Zur Erinnerung — Donnerstag, den .)5 Siwan 5295 (1535)**) ״Ich habe durch einen in Gegenwart des B. David ibn Schuschau und B. Moses de Castro geleisteten Eid auf mich genommen, nie mehr Karten za spielen. — Ich dürfte bei dieser Gelegenheit vielleicht bemerken, dass es ia unserer Zeit, wo mau über jüd. Kochkünstler, jüdische Wettrenner, jüdische Herkulesse und dergl. schreibt, interessant sein würde, auch die Gattaug jüdischer Spieler einmal aufzunehmeu und ihre Geschichte zu schreiben Ich erfahre auch wirklich, dass Herr Israel Abrahams für einen solchen Versuch Materialien sammelt und fürchte zugleich, dass er deren nur zu viele finden wird. Zum Schlüsse will ich noch den Geleitsbrief zum Codex Harl. 5712 mittheilen, welcher besonders für englische Leser Interesse haben dürfte. Er lautet: ״ Dieses habe ich geschrieben zur Ehre des edlen und frommen etc. Humphrey Wanley, drs edlen Bibliothekars meines gnädigen Herrn Schatzmeisters; seine Glorie möge wachsen. Im Jahre 5774 (1717)***) in der heiligen Gemeinde zu London unter der Regierung der erhabenen und glorreichen Königin Anna. Der Herr lasse ihren Glanz and ihren Ruhm wachsen. Die Unterschrift des Copisten ist: ״Aron ben Moses, geboren in der Stadt Navaschado k in Polen.“ Wir sehen hieraus, dass die Einwanderang pol nischer Juden in England schon zur Zeit der Königin Anna stattgefunden hat und wahrscheinlich auch noch früher. In dieser Weise regt jede Eigentümlichkeit einer I Handschrift, sowohl die Anordnung des Stoffes als die Bemerkungen der Eigenthümer und die Unter- Schriften der Copisten den Leser zum weiteren Nachdenken an und trägt hierdurch wesentlich zur Aufklärnng über manches Dunkel und zur Lösung maneher Zweifel in der Geschichte der Juden bei. (Aus dem ״Jewish Chronicle“.) Der Hochgenuss, welchen mir die Beschäftigung mit der Uebersetzüng dieses hochinteressanten Artikels bereitete, wurde durch die Entdeckung der in demselben befindlichen chronologischen Irrthnmer wesentlich getrübt. Sollten dieselben sich wirklich in den Handschriften vorfinden, und würde man von *) Hat «loch selbst der gelehrte Nachmanides diesen kabbalistischen Aberglauben zur Erklärung des צלם "ID (Numeri 14,9) in seinem Pentateachcommentar (z. St.) verwertbet, ליל החותם (das.) ist natürlich ליל ה1ש״ר• (Red ) **) Der 25. Siwan 5295 (1535) m. d. F. הכן war am Freitag and ist am Donnerstag unmöglich. (L. C.) ***) Weder das jüdische noch das bürgerliche Jahr kann richtig sein. Ersteres entspricht dem Jahre 2014, welches noch za erwarten ist; 1774 kann nicht richtig seiD, weil die Königin Anna von 1691—1714 regierte. Es mass ohne Zweifel aas Jahr der Welt 5474 entsprechend dem Jahre 1714 gemeint sein. (L. C.)