Jüdisches Litteratur-Blatt
- Journal
- Jüdisches Litteratur-Blatt
- Volume
- 17 (1888)
- Issue
- N° 48. (29.11.1888)
- Date
- 1888-11-29
- Page
- Seite 188 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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188 ■יdankenswerthe Gabe geliefert. Schon der Titel ▼er• räth es, dass die Zadoo Kahn’sohe Arbeit von einem höhern Gesichtspunkte ans den Gegenstand behandelt; nicht bloea die Stellung der Sklaven in reohtlioher und gesellschaftlicher Beziehung*, sondern adie Skia• ▼erei", die Idee, wie sie im Herrn, wie im Sklaven, in ,Religion, wie im Recht, in der Gesellschaft, wie im Hanse, in der Logik, wie im Gemäthe, in der Theorie, wie in der Praxis, in der Conseqaenz des Buchstaben, wie in der Inoonseqnens des Herzens, oder auch amgekehrt: in der Conseqaenz des Herzens, wie in der In consequenz des Buchstaben sich manifestirt. Ja, das Zaaoc Kahn’sche Bach, das übrigens Herr Dr. Winter auf S. 28 Anm. 1 seiner Monographie aitirt, ist weit viel mehr als eine Abhandlang über Sklaverei, obgleioh es sich strikte an seinen Gegenstand hält. Aber wie es über die ״Sklaverei" eine unübertreffliche Sonder-Arbeit ist, 80 ist es zagleioh, daroh das Licht, das in die Werkstatt des Geistes and des Herzens der Talmud-Lehrer hinsichtlioh dieses Gegenstandes geworfen wird, exemplarisch f&r alle diejenigen Materien, wo im Talmud ein Widersprach zwischen dem Geiste der reinsten Moral and dem Bach staben des Gesetzes herrscht. Zadoo Hahn zeigt ans an der Hand künstlerisch arrangirter Ci täte — dar Franzose and grosse Rhetor ▼ersteht ea meisterhaft die Citat-Conglomerate bouqaettartig zar Blamen-Lese za arrangiren, ohne die Wege der Wissenschaft za ▼erlassen — es zeigt ans, wie in den Talmndisten die Idee der Gleichheit aller Menschen mit dem Baoh staben des Gesetzes, der die Sklaverei nicht nar concedirt, sondern nach spät e re r Interpretation sogar za oonserviren saoht, im Widerspräche and im Kampfe sich befindet, and wie dann die Haarspalterei der Logik, die äasserste Spitzfmdigkeit des Vorstandes sich in den Dienst des Herzens stellen muss, um den Bachstaben za retten, ohne die Idee in ihrem siegreichen Gange aufzuhalten. Der Leser fühlt es, dass es 8ioh, wie mit der Sklaverei, so aaoh mit all den andern Punkten ▼erhalten mass, wo der Talmud Sätze aufstellt, die scheinbar der reinen Moral widersprechen, die den Talmud im Grossen and Ganzen durchdringt:׳ die Sätze der Lieblosigkeit gegen Heiden, der Unduldsamkeit gegen Häretiker, der Reohte-Ungleichheit zwischen Glaubens-Genossen and Gojim etc. Zadoo Kahn führt ans handgreiflich vor die Augen die Zwangslage, in welcher sich die Rabbinen. befanden, wenn die historische Entwickelung der Bibel-Hermeneatik unerbittlich za Conseqaenzen führte, die ihre monotheistische Humanität und Moral nie und nimmer anerkennen konnten, and wie sie in dieser Zwangslage unerschöpflich waren in der Erfindnng von Möglichkeiten, den Baohstabea za amgehen, oder vielmehr in der strengsten Bachstäblichkeit selbst die Qaelle für die Milderung der Strenge des Buchstabens za finden. Der Sachkündige weiss es, am was es sich in dieser Beziehung bei' der Sklaverei handelt Die Strenge des Baohstabens hatte aas dem תעמדו DTD לעולם (Levit. 25,46) ״ihrer (der fremden Sklaven, im Gegensätze zum israelitischen) könnt ihr each ewig bedienen" eine tfcsitive Pflioht gemacht: ״ihrer sollt ihr eaoh bedienen", 80 dass die Freilasssang eines fremden Sklaven als Verle-tzung des Gesetzes ersohien. Damit war der Freilassung nichtisraelitisoher Sklaven daroh den BaohBtaben ein Riegel vorgeschoben. Derselbe Buchstabe musste aber fangiren, am den Riegel wieder ■arüekxaschieben: ״Ihr sollt eaoh ihrer bedienen* — wenn eaoh ater mit der (Frei- 1 a s 8 a ng gedient ist, wenn eaer Interesse die Frei- 1.0.״r.g fordert, dann steht eo ipso dieser niohts im Wege. Daraus wurde dann das geringste Interesse, z. B. am den 10. Mann zam Gebete za erhalten and dergL als genügend dedazirt, am die Freilassung als gestattet anzasehen. Man hat hier eine merkwürdige Kehrseite für die Hegel’sohe ״Selbst-Aufhebung der Idee" in der ״Selbst-Aafhebang des Baohstabens". — Wer im Talmad and dem talmadisohen Sohrifbthame heimisch ist, der weiss, dass diese ״Selbstaafhebang des Buchstaben“1 oder sagen wir: ״Selbstaufhebang der Form daroh die Form", sowohl von den Rabbinen des Talmad, als den Spätem überall da ins Werk gesetzt wurde, wo der Buohstabe and die Form gegen die Moral, oder aaoh nar sonstige grosse Interessen des Lebens verstiessen. In dieser Weise entstand der Verkauf ,des חמץ, die Erleichterungen von חלב נכרי und בשול נכרי, von ערוב תבשילין eto. Man darf daher über die Herrschaft der Form und des Baohstaben bei den Rabbinen nicht so strenge artheilen, wie bei den ausserjüdischen Gasuisten: bei den Rabbinen masste Form und Buchstabe fast immer wieder den Geist and die Moral für das schadlos halten, was daroh Form and Buchstabe etwa gefehlt worden war. Weil die Rabbinen dieser ihrer Virtaosität vertrauen durften — wurde ja keiner za den Synhedrin zagelassen, der nicht im Stande war לטהר התורה P שרץ, s. Synhedrin 172 — drum durften sie aach der Baohstäbliohkeit in der Hermeneatik eto. die Zügel schiessen lassen. Sie wussten, dass sie immer im Stande waren, einer ominösen Consequenz durch die eigene ״Mutter" za corrigieren. Im Bewasstsein dieser ihrer Kraft erlaubten sie sich, die äassersten Conseqaenzen in der theoretischen Deduktion za ziehen, and 80 entstanden die meisten der wenigen Sätze, aas welchen die antisemitische Talmad- Exegese als Beweise für die Mangelhaftigkeit der Moral des Talmad und des Judenthums ihre Welt- Ausstellungen anfüllt. Bei der nie abgestampften Dialektik des Talmud konnten die Rabbinen nie mit dem Sohiller’schen Wallenstein klagen: ״Wir’* möglich? Könnt’ ich nicht mehr, wie ich wollte? Nicht mehr zurück, wie mir’s beliebt? Ich müsste Die That vollbringen, weil ich sie gedacht“? . . . Bei den Rabbinern feierte die Idoe den höohsten Sieg über den Baohstaben: den Sieg des Humors, die Waffe, die der Baohstabe gegen die Idee schwang, war grösstentheils — wenn ich mit Bezug aaf die spielende Tendenz so sagen darf —, aas ״Pappe", sie zerbrach in 8ioh selber. Ich sage: ״spielende Tendenz", denn Spiel ist das, was nicht in die Cansalität der Wirklichkeit eingreifen 8011, wenn es aach noch 80 ernst betrieben wird. (Vgl. Lazaras: ״die Reize des Spiels“. — Die Gesetze der Sklaverei sind in dieser Hinsicht das beste Beispiel, am diesen friedlichen Kampf, diese Neckerei zwisohen Idee and Baohstabe klar za legen. Die Frage der Sklaverei greift nioht unmittelbar in unser Leben ein, wie die der Liebe and Gerechtigkeit gegen ״Akam" eto. Die wissenschaftliche Objeotivität kann-sich da ohne grosse Anfechtung behaupten, and am 80 tiefer überzeugen. — Der Leser möge verzeihen, wenn ich mit Rücksicht aaf die Tagesströmang bei dieser Seite des Baches etwas länger verweilte. Diese Seite maoht aber noch lange nioht die ganze Bedeutung des Baohes aas, sie rechtfertigt nar hauptsächlich den Uebersetzer, der das 21jährige Baoh als Neugeborenes das Licht der deutschen Welt erblioken lässt. (Sohlass folgt.) Verantwortlicher Bedectsor Dr. Bahmer, Magdeburg. Draek von D.L.W0lff, Magdeburg. Verlag von Bobert F r i eae, Leipzig