Jüdisches Litteratur-Blatt
- Journal
- Jüdisches Litteratur-Blatt
- Volume
- 17 (1888)
- Issue
- N° 45. (8.11.1888)
- Date
- 1888-11-08
- Page
- Seite 176 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 96% known words query
- IRI
…/6492408-6488258-9805970--1570-4856688- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
־־־^י־יי? יז — »17 — ^ן^יומ**יי9וייז»ו.׳ einer opferbereiten Ueberzeugung and erfreulicher noch als einen neuen Gedanken ist es, einen charakterfesten Mann kennen au lernen. Herr Dr. Wiener hat jeder der beiden Beden eine Vorbemerkung und etJiohe Koten, ja einmal eine Note sa einer Note mitgegeben. Diese Zugabe können wir hier ausser Aoht lassen. Die Bede auf Kaiser Wilhelm hebt mit ausserordent• lieh geschickter Auswahl einzelne vom Kaiser selbst gesprochene Sätze hervor, wie der ▼erstorbene Kaiser rar religiöse Duldung begeistert gewesen ist und fügt dann hinzu: ״O frommer, in Gott hochseliger König, wie zufrieden^ wie glücklioh könnte unser Vaterland nach Ihnen, wie beneidet und hochgeachtet nach Aussen sein, wenn den Organen des Landes, den Lehrern auf dem Katheder, den Dienern der Beligion auf der Kanzel Dein theures Vermäohtniss an das Volk theuer, unverbrüchlich heilig wäre.“ Der Leser merkt, gegen wen diese Spitzen sich richten; dennoch sind die Sätze 80 allgemein gehalten, dass sie unseres Erachtens getrost auf der Kanzel gesprochen werden dürfen. Dagegen hat uns in der herrlichen Bede auf Kaiser Friedrich der Satz gestört: ״Dein letzter Staatsakt noch hat der Freiheit eine Bahn gebrochen; wie Da sanft und milde warst gegen die Bescheidenen im Lande, so hast Du mit dem Hauch Deiner Lippen den Frevel gezüchtigt, den Wahlbeeinfiassungen die Maske vom Gesichte gerissen.“ Wir sind uns nicht bewusst, jemals für Herrn v. Pattkamer geschwärmt zu haben, aber diesen Satz hätten wir dooh lieber vermisst, schon am des bösen Beispiels willen, denn wenn solche politische Specialitäten aut der Kanzel erörtert werden, dann könnte es uns Juden schlimm ergehen; indess auch ganz unabhängig von der schon durch die Klugheit gebotenen Mässigung scheint es uns nicht angemessen, die Elbinger Wahlen auf die Kanzel zu bringen und die Bickert-Richter’sche Beredtsamkeit in die Synagoge zu übertragen. Möge der ehrwürdige Greis noch recht viele Jahre bei freudigem Anlass im Namen der Beligion zur Gemeinde reden! Holzmann, Dr. V. Ludwig Börne sein Leben und Wirken. Berlin. Oppenheim. 402 Seiten. Auch in der Litteratur glaubt man den Leuten, wenn sie Gutes oder wenn sie Schlimmes von sich reden, zuviel auf’s Wort. Diejenigen, die sich auf den grossen Charakter ausspielen, werden gewöhnlich dafür gehalten, und wenn einer gar von sich despektirlich redet, so denken die Anderen, es sei kein Anlass, besser von ihm zu denken und za reden als er es selbst that. Daher kommt es zum Theil, dass wir Börne für einen gewaltigen Charakter, Heine ־aber für einen charakterlosen, leichtsinnigen, flatterhaften Menschen halten, und doch gehört Heine za den grossen Humoristen, .׳die auch an sich selbst kein gutes Haar Hessen, die weit besser waren als der Buf, den sie sich selbst schufen. Börne und Heine sind Christen geworden, Heine alz der ehrUche Spitzbube sozusagen, der gar kein Hehl daraus machte, dass er um Silberlinge (die er allerdings erhoffte, aber nioht erhielt) seinen Glauben verrathen hat, Börne jedoch will sich selbst betrügen und verwickelt sich in die tollsten Widersprüche, wenn er über Christenthum, Judenthum und seine Taufe redet. Herr Dr. Holzmann ist ein begeisterter Lobredner Böme’s, aber er weiss sich in dieser Frage nioht anders zu helfen, als dass er eine Menge von Citaten anbringt, von denen eins das andere aufhebt. Wir wollen einige herausgreifen: ״Freie Staaten auf das Christenthum gründen wollen ist ein Wahnsinn, der noch viele Jahrhunderte blutigen Jammers über die Welt bringen wird.“ So irioht Börne. Wer diese Sentenz zu sammenreimeju kann mit dem Uebertritt des Mannes, der vor Allem sioh als Apostel der Freiheit gab, der bringt das Unmögliche zu Stande. ״Die Jaden sind die Lehrer des Kosmopolitismus und die ganze Welt ist ihre Schule; weil sie die Lehrer des KosmopoHtismus sind, sind sie auoh die Apostel der Freiheit.“ Jetzt verstehe einer, warum derjenige, der der lauteste Herold des Weltbürgerthums und der Freiheit war, die Gemeinschaft aulgab, in der beides nach seiner eigenen Ansioht am besten geborgen ist. Börne schreibt: ״ich glaube nicht, dass es viele Leute giebt, die an Weiner aufrichtig christlichen Gesinnung oder meiner Religiosität überhaupt zweifeln. Die Grundzüge meiner Gesinnung müssen dooh in meinen Schriften za erkennen sein und für einen Heuohler halten mich a^oh meine Gegner nicht“. Es ist schwer, einer weitverbreiteten Legende entgegenzutreten und eine, solche Legende ist es, dass Börne in jeder Beziehung ein grosser Charakter gewesen sei. Beweis: er sagt es ja gelbst. Referent hält jedoch die oben angeführten Sktze für eins der schlauesten Fechterkunst8tücke, die je ein stilgewandter Mann ausgeführt hat. Es hat gawiss Unzählige gegeben, die an ״ Börne’s aufrichtig christliche□ Gesinnung“ gezweifelt haben; bevor er sioh an Lammenais anschloss, lag überhaupt kein Grund weiter vor diese Aufrichtigkeit zu glauben, als die Taufe; es soll aber schon vorgekommen sein, dass Juden auch ohne aufrichtig christliche Gesinnung Christen geworden sind. ״Selbst meine Gegner halten mich nicht für einen Heuchler.“ In diesem Punkte hielten ihn gewiss die meisten seiner Gegner für einen Heuchler und es ist sehr pfiffig, das mit einem grossen Aufwand von sittlicher Entrüstung als notorisch hinzustellen, was erst zu beweisen ist. Um wie viel höher steht Heine, der die erste Lüge frank und frei zugiebt und dann den Schmerz und die Grösse Juda’s in herrlichem Sange feiert. Börne, ein beschränkter Mensch, hat nie für die fremdartige Poesie der Bibel Verständniss gewonnen; und in welch unvergleichlich schönen Worten redet Heine von der Poesie der Bibel! Börne schreibt ״die alten Juden von Abraham bis zum weisen Salomo sind mir immer vorgekommen, als hätten sie die allgemeine Weltgeschichte travestiren wollen, lesen Sie das Bach Josua und der Könige. Sie werden finden wie Blamaaerisch alles dies aussieht.“ Das ist einer jener Sätze, der so aussieht, als sagte er etwas, und noch obendrein etwas recht Geistreiches, aber wahrscheinlich hat weder der Autor noch irgend einer nach ihm den Sinn ergründet. Heine hat auch für die Geschichte der Juden ein tiefes Verständniss. Wie kann man ihm nur vorwerfen, er sage ״das Judenthum ist gar keine Beligion, sondern ein Unglück“ (Grätz Bfd. XI. S. 400). Dies Wort legt Heine dem,Hirsch Hyacinth in dem Mund und der grosse, ״gebildete“ Hühneraagenoperatear ist doh nicht der Dolmetsch von Heine’s Gedanken. Börne steht uns Juden bei weitem nicht so nahe als Heine. Heine ist der Dichter, der unsere heiligen Bücher, unsere Geschichte, unsern Volkscharakter klar erkannt hat; Börne steht dem Judenthum, der Bibel, wie allem Grossen wie einem Göthe mit beschränktem Urtheil gegenüber. — Herr Dr. Holzmann hat mit vielem Fleiss aus den Werken Börne’s und aus der zeitgenössischen Litteratur ein Lebensbild des Erzvaters unserer Journalistik zu- 8&mmengestellt, denn durch Börne ist die Meinung aafgekommen, wer esprit hat, können ohne etwas zu wissen über Alles schreiben. Da Börne noch heute viel gelesen wird, so werden Viele dem Dr. Holzmann in Wien für seine emsige Arbeit Dank wissen. Verantwortlicher Radmctear Dr. Rahmer, Magdeburg. Druck von D. L. Wolft, Magdeburg. Verlag von Robert Fri ese,Leipzig.