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Jüdisches Litteratur-Blatt · 1888-10-18 · N° 42. (18.10.1888) · p. Seite 164

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Journal
Jüdisches Litteratur-Blatt
Volume
17 (1888)
Issue
N° 42. (18.10.1888)
Date
1888-10-18
Page
Seite 164 (sequence 5)
Language
German
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haben wir unsere Harfen gehängt; unser Liedermund ist verstummt Nur still, den Blick nach oben gerichtet, geloben wir Dir Treue bis über das Grab hinaus.“ Sehr wirkungsvolle Worte, aber schon das ist vielleicht kein Vorzug der enggedruckten Rede, dass wir auf Seite 9 überhaupt noch was lesen; und was hat denn Dr. V. auf den vorangegangenen 8 Seiten gethan, als dem Andenken des Kaisers gehuldigt? Doch das sind Kleinigkeiten, die den׳ Eindruck dieser in ihrer Anlage, _ in ihrem Inhalt, an Schwung des Ausdrucks bedeutsamen Rede kaum stören. Gronemanns ״zwei Trauerreden“, die eine gehalten am Sonnabend, den Tag nach dem Ableben des Kaisers, die andere beim allgemeinen Trauergottesdienst sind beide von ergreifender Wirkung! In der ersteu kurzen Ansprache, die an den in der Sidra verlesenen Tod Arons -anknüpft, sehen wir noch die Thräne des 0b der Todeskunde mächtig ergriffenen Redners glänzen. Die zweite ist reich an schön angewandten Bibelcitaten. So bricht der Redner im Hinblick auf den so kurz nach dem ersten Kaiser verstorbenen zweiten deutschen Kaiser in die Klage aus, in die das ganze Vaterland - einstimmet: ״ למה אשכל נם שניכם יום אחדWarum muss ich Euch beide verlieren in so kurzer Zeit?“ Der Vergleich mit Jonathan ist schlagend und schön durchgefuhrt Wie heben nur zwei Punkte hervor: ״Erinnert er doch an den ritterlichen Jonathan, der, als einst König Saul die bis dahin zersplitterten jüdischen Stämme zuerst unter seinem Szepter vereint und den Kampf gegen das Volk im Westen gerüstet, die erste kühne That vollbracht hat, welche das ganze Volk fortriss und Muth und Entschlossenheit - in seine Reihen trug“. Ferner: ״Wahrlich, wie einst, als Jonathan in Todesgefahr schwebte, das ganze Volk ausrief (l.Sam. 14,15): היונתז ימות אשר דשה הישועה דעדורה הזאת וכ׳, so war auch hi€r Allen der Gedanke unfassbar, dass dieser ״ יהונתןgottgegebene, gottbegnadete“ Fürst durch den Tod uns 80 frühzeitig entrissen werden sollte?“ Beide Reden müssen von nachhaltiger Wirkung auf die Höjer gewesen sein, das fühlt noch jetzt der Leser. Die Rede des Nordhauser Rabbiners Dr. Gelbhaus war, wenn wir nicht irren, die erste, die gedruckt vorlag, und sich den Dank der Kaiserin-Wittwe erwarb, den sie ob des warmen Tones, der tief aus dem Herzen dringenden Eilage und der mit einer Fülle treffend angewandter biblischer Citate und Bilder würdig und eindrucksvoll geschilderten Trauer auch verdient hat. Herr Landrabbiner Dr. Dessauer führt uns in seiner ״Gedächtnisspredigt“ in kräftigen Zügen und mit begeisternden Worten ״das Bild des geliebten Verblichenen“ vor: Geburt und Jugend, Ehe und Familienleben, Wirksamkeit und Ende. Es erhebt 3ich vor unsern Augen in dieser streng logisch gegliederten dreitheiligen Rede •das wunderbar schöne Bild dieses Friedensengels, des ״Genius der innigsten V e r b r ü - derung aller Bevölkerungsschichten, und der Menschenbeglückung“, wie ihn der Redner mit Recht nennt Fesslers Gedächtnissrede zeichnet in einer Parallele mit König Salomo die Grundzüge des Lebens und des Programms Kaisers Friedrich. Die Vergleichspunkte sind schön durchgefuhrt, nur dem letzten können wir nicht so ganz zustimmen. Der gewandte, das Wort beherrschende Redner, sagt auf der 6. Seite: ״Und eine Königstochter war gekommen — und schwere Räthsel gab sie Salomo auf zu lösen, die er alle löste. Auch zu Kaiser Friedrich kam eine Königstochter aus dunklen Regionen — kam die tödtliche Krankheit und schwere Räthsel brachte sie mit sich: Kannst Du es entziffern, warum Du, der Edelsten und Besten Einer, leidest? Warum Du, die deutsche Rieseneiche, so früh gefallt musst werden? Doch der weise Kai8er| gab die Lösung: ״Ich leide und klage nicht“ — Ds Vergleich der todbringenden Krankheit mit der Räthsel aufgebenden Königin von Saba wollte uns Anfangs [nicht reoht Zusagen, doch die Deutung und Räth8ell58ung söhnte uns wieder aus: ״Nur wer zu leiden weijss, ohne zu klagen, für den giebt es keine Lebensräthsel, denn sein Auge ist zugekehrt einer Welt, in der gelüftet wird der Schleier der Geheimnisse; sein Geist fühlt hier sich schon als Bürger jener lichten Höhen, in denen geschaut wird die Wahrheit. (Schluss tolgt.) Pressel, Wilhelm. Die Zerstreuung des Volkes Israel (Fortsetzung statt Sohluss.) Nach diesen Proben historischer Treue darf es nicht Wunder nehmen, dass der Herr Verfasser*statt feststehender historisoher Thatsaohen die ureigenen Gebilde seiner Phantasie zur Darstellung bringt, wenn er von Jerobeam und seinen Zeitgenossen zu reden unternimmt. S. 14 lehrt er uns: Jerobeam ״war wohl sohon als Günstling Salomos und noch mehr als Flüchtling in Egypten dem Jehovadienste innerlich entfremdet geworden, Wenn er auoh äusserlich, wie so viele Israeliten seiner Zeit, das Bekenntniss und die Verehrung Jehova’s bewahrt hatte.“ Ob wohl der Herr Verfasser, der ja mit kühnem äeherbliok über die Zukunft der Zerstreuung Israels reden will, auoh erfüllt war vom Geiste der Inspiration, als er diese Worte schrieb? In den historischen Urkunden ist auch nicht diB leiseste Anklang für eine solche Annähme vorhanden. Wo ist da zu finden, dass ausser Salomo auoh :nur ein Einziger in Israel dem Götzenthume irgend welche Concession machte? Was Jerobeam betrifft, so hat der Herr Verfasser nicht bedacht, dass, ryenn derselbe in seines Herzens Tiefen entfremdet gewesen wäre dem Gotte seiner Väter, der Prophet Achia aus Shilo ihm wahrlioh nicht im Namen des Herrn, den künftigen Besitz des Zehnstämmereliches vorherverkündigt. hätte. Naoh Chronik II 9,29 hatte doch auch der Prophet Jeddo prophetische Gesichte über Jerobeams Zukunft! — Jerobeam war vielmehr in den ersten Jahren seines Auftretens ein Mann von vertrauenswürdigem Charakter, der sich mit Freimnth gegen Salomo über dessen unmäSsige Baulust äusserte, oder wie der Talmud erzählt, sich über die Befestigung Jerusalems durch Salomo in tadelndem Sinne ausspraoh, weil die Stadt als Wallfahrtsort nicht von einer Mauer umgeben sein sollte. Erst die Furcht, sein höchstes Erdenglück, das Königthura über das Zehnstämmereich, au verlieren, wandelte seinen Charakter um*) und veranlasst« ihn durch,die Einführung und Protektion des egyptischen Götzenthums sowohl das!• eigene Volk von dem Reiche Juda in religiöser Beziehung zu trennen als auch au dem egyptischen Könige einen tiilfreichen Freund zu erwerben. (Vgl. Grätz Bd. IL 1 Seite 12). (Schluss folgt.) *) Für das liohe Vertrauen, das Jerobeam ob seiner Anh&nglichkeit an den reinen Glauben der Väter bei dem Volke nockjn späteren Jahren besass, ist folgende Stelle im Talmud Synhedrin fol. 101 b höchst bezeichnend. Es wird daselbst die Frage aufgeworfen: Was bedeutet das Wort der Schrift ״der König beneth sic 1“ (Könige I, 12.28) Rabbi Jehuda sagt: Der König setzte ein an Rath von Frommen und Gottlosen zusammen und sprach zu demselben: Heisset Ihr Alles gut, was ich*thue? Da sp rachen Alle zu ihm: Ja! Da sprach er za ihnen: Ich will König sein! Da stimmten sie zu. Werdet Ihr thun Alles, was i;h Euch sage und selbst (aut meinen Wunsch) Götzen anbeten? Da sprachen die Frommen: das sei Gott davor! Da sprachen die Gottlosen aber zu den Frommen: Könntet Ihr dann glauben, dass ein Mann wie Jerobeam zu Götzen beten werde? Er will Euch nur prüfen, ob ihr ihm unbedingten Gehorsam leisten wollt“. Verantwortlicher Redactear DrAahmer, Magdeburg: Druck von D. L. Wolff, Magdeburg. Verlag von Robert F ri ese, Leipzig. ,.cs _> ... -c- *.->

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