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Jüdisches Litteratur-Blatt · 1888-09-05 · N° 36. (5.9.1888) · p. Seite 142

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Journal
Jüdisches Litteratur-Blatt
Volume
17 (1888)
Issue
N° 36. (5.9.1888)
Date
1888-09-05
Page
Seite 142 (sequence 5)
Language
German
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deutschen Wörterbuch za finden ist,' dass ein soloher Mann das religiöse Bekenntniss nioht wie ein Gewand wechselt, sollte für selbstverständlich gelten. Aber Thatsache ist, dass Leute, die sonst nioht für spitzbübisch and meineidig gelten, sich ans dem Tausch der Religionen kein Gewissen machen, und nicht minder wahr ist es, dass vornehme Herren, die allem Sohwindel abhold sind, es für nicht unsittlioh erachten, von sonst tüchtigen Menschen für eine Anstellung, die mit der Religion nicht die entfernteste Beziehung bat, z. B für die eines Hofschanspielers oder Regissenrs, den Religionswechsel za fordern, and in Erwägnng dieser Verhältnisse ist es ehrend, wenn ein Mann wie Sanders die freie Arbeit eines Schriftstellers gewählt hat nm allen religiösen Konflikten aas dem Wege zu gehen. Jede literarische Gabe, die in das indische Gebiet einschlägt, ist nns ans solchen Händen besonders willkommen. Sanders bietet ans nun in der au der Spitze genannten Schrift eine Arbeit, die eigentlich schon drei and vierzig Jahre alt ist, in unverändertem Abdrack; offenbar ist sowohl der Verleger wie der Verfasser der Ansicht, dass der inzwischen erworbene Ruhm dem Jngendwerke zu Gnte kommen wird. Es ist_die freie dichterische Uebertraguug des hohen Liedes'und Sanders giebt sie, wie es im Vorwort heisst, da er ״za wesentlichen Veränderungen keine Veranlassung gefunden, unverändert den für wahre Dichtkunst empfänglichen Gemüthern.1‘ Dass Sanders zu wesentlichen Veränderungen keine Veranlassung gefunden, ist eigentlich nichts weniger als schmeichelhaft für die Bibelkritik der Gegenwart; denn der gewissenhafte Lexikograph hat doch sicherlich die I je treffende Litteratur sorgfältig geprüft. Zwar hatte S. schon vor drei und vierzig Jahren keinen grossen Respekt vor den Bibelerklärern, er sagt: ״aber nun las ich mit prüfendem Blick das Lied, ansser Luther’s Uebersetznng nur noch die Septuaginta vergleichend, vor den sogenannten Erklärern mich wohlweislich hütend, um mir den Blick frei zu halten.“ Aber einige Zeilen darauf wird doch Herder uml Rebenstein citirt; also Sanders hat doch die Erklärer nicht ganz bei Seite geschoben; dass er an Rebenstein, dem unter dem .Namen Bernstein bekannt gewordenen Redakteur der Volkszeitung, den richtigen Leiter gefunden, möchten wohl nur wenige Sachkenner behaupten. Herder freilich hat durch das feinste Gefühl für Volkspoeeie die Lücken der Kenntniss überwunden und sein Kommentar zum hohen Liede wird noch heute als eine Fundgrube betrachtet für eine wahrhalt poetische Nachempfindang des Dichters. Und hat nioht Sanders die Zahl der 80 geschmähten Erklärer vermehrt? Dass er seine Erklärang in der alt'ränkischen, verschnörkelten Form von Briefen an eine Dame und in einem Einleitangsbrief an den lieben Heinrich (Oppenheim^ giebt, wird in den Augen manoher, die Wissenschaft und Spielerei gern auseinander halten, den Werth dieser Bemerkungen nioht erhöhen. ־־ Sanders hat nicht übersetzt, sondern eine Nachdichtung geliefert in Vers und Reim; er hat dadurch sicherlich zur Popularisirnng des hohen Liedes in Deutschland wesentlich beigetragen; aber wem der Urtext des herrlichen Sanges theuer ist, dem wird .Schritt auf Schritt die Entdeckung unbequem werden, dass der Wohlklang des Reimes erkauft wird durch eine Weitschweifigkeit, durch unpoetische Flickwörter, für die das Original keine Veranlassung bietet. Die mannigfachsten Versuohe sind schon angestellt worden, Zusammenhang in die lose aneinander gefugten Lieder za. bringen; Rebenstein und nach ihm Sanders machen sich die Sache noch besonders dadurch leicht, dass ganze grosse Stüoke ausgesohieden und dass andere Stücke umgestellt werden. Wir sind heut zu Tag-? nicht mehr so rigoros, um eine Konjektur, die ein Wort oder ein Paar Worte betrifft, aus religiösen Gründen abzuweisen; aber wenn, wie Rebenstein dies thut, in einem Büchlein־ von acht Kapiteln ein Kapitel und dann wieder ein halbes unter den Tisch geworfen werden, so verstösst dies nicht nur gegen die Pietät, sondern auch gegen die Regeln der Philologie; wer so erklärt, giebt von vornherein seiner Arbeit den Charakter eines rein subjectiven Einfalls. Sehen wir uns uur die erste Seite dieser Nachdichtung etwas genauer an Das hebräische נר לצה wird übersetzt mit: ״naohrannten wir Dir um Deiner Salben duften le Zier“. Deiner Salben duftende Zier ist eine au» dem Zusamm-nhaug entnommene Zuthat Sanders. Ist duftende Zier nicht eine zu fein geschliffene Pointe? Und wozu das Ganze, das für ein deutsches Ohr fremdartig klingt, wenn nicht um Vers und Reim zu vervollständigen? Sodann מישרים אהבוך, das wird übersetzt: dem Alle Liebe schenken. Hier gleitet der Uebersetzer sauft üt-er die Schwierigkeit hinweg Grätz übersetzt: ohne Falsch lieben sie dich. Es bedarf keiner langen Auseinandersetzubg, um es verstäudlich zu machen, dass diese Worte nach dieser Uebersetzung ein überflüssiger Ballast sind. Aber mit einer kleinen Aenderang des Textes lä-st sich unseres Erachtens ein sehr angemessener Parallelismus zu der vorangehenden Zeile herstellen: ״Wir freuen uns an Deiner Liebe, mehr als an Wein, משירים אהבתך, mehr als au Liedem au Deiner Huld“. Hierauf heisst es weiter bei Sanders: ״Schwarz bin ich, doch lieblich, biu voll Zier, O Jerusalem’s Töchter ihr! wie im Feld der Kedaren Gezelt, wie die Teppiche Salomo’s; Sehet mich nicht au so gross etc.“ Keiner wird behaupten können, dass Sanders hier mühselig mit seiner Aufgabe gerungen hat. ״Bin voll Zier“ ist Zusatz um einen Reim für ״ihr“ zu haben, ״im Feld“ wird eingesohoben um einen Reim für ״Gezelt“ zu gewinnen, ״so gross“ wird hinzugetügt als Reimwort für ״Salomo’s“. Aber auch der Sinn wird durch Sauders nicht klar. Weithergeholt ist die Erklärung die S. seiner fingirten Korrespondentin giebt, um die Zelte der Kedaren, eines Beduinenstammes, lieblich zu finden. Der Wanderer freut sioh, meint S, wenn er nach langer Wanderung sie entdeckt, dämm sind sie ״lieblich and voll Zier“ Offenbar ist der Vergleich dahin aufzufassen: schwarz wie die Zelte Kedars, lieblich wie das mit Teppiohen geschmückte Zelt Salomo’s. Schon diese den ersten Zeilen entnommenen Proben zeigen, dass Sanders trotz der Geringschätzung, mit der er auf die Erklärer herabsieht, dooh nichts Abschliessendes giebt,-sondern wieder nur eine Erklärung unter vielen. Es ist sehr wahrsoheinlioh, dass diese Nachdichtung besonders in der schönen Aasstattung, die ihr der Verleger J. F. Richter gegeben, auch in solchen Kreisen Eingang findet, in die sonst wissenschaftliche Erklärungen der heiligen Schriften nioht dringen. Dass Sanders gewandt übersetzt und Geschmacklosigkeiten aas dem Wege geht, bedarf keiner Erwähnung. So hat das Sobriftohen innerhalb enger Grenzen seinen Werth. Der Rahm des Autors kommt ihm mehr za Gute, als es geeignet ist, diesen Rahm za mehren. Verantwortlicher Redactear Dr. Rahmer, Magdeburg. Druck von D. L. Wo lff, Magdeburg. Verlag von Robert F r i e •e, Leipzig

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