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Jüdisches Litteratur-Blatt · 1888-08-16 · N° 33. (16.8.1888) · p. Seite 128

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Journal
Jüdisches Litteratur-Blatt
Volume
17 (1888)
Issue
N° 33. (16.8.1888)
Date
1888-08-16
Page
Seite 128 (sequence 3)
Language
German
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liokkeit jemandem das Leben retten könnte. Hingegen strengt er sich vergeblich an, einen Grand dafür an finden, dass Maimonides das Befiästern einer ־Wunde unbedingt ▼erbietet, und nicht die Einsohränkung daau macht, welche der Talmud als Grand des Verbotes angiebt, dass der Besprecher beim Gottesnamen ansspucke. (Beth Josef Joreh Deah C. 179 כסף משנה.) So sehen wir, das« auf dem Wege der Dialecuk nioht alle Schwierigkeiten gelöst werden können, dass Josef Karo s. B. in diesen Fällen garnicht befähigt ist, Maimonides wirklich zu commontieren, weu er dessen philosophische Anschauung nioht gehörig zu würdigen vermag, obwohl dieser sie sogar in seinem Gesetzbuch klar genug aussprioht, indem er sagt ,diejenigen, welche sich solchem Aberglauben ergeben, sündigen nicht nur gegen das Gebot Gottes, sondern, was viel schlimmer ist, sie entwürdigen die Beligion, indem sie das Wort Gottes, welches eine Heilung der Seele (sittlich wirksam) ist, zu einer Heilung des Körpers (mechanische Wirksamkeit) entwürdigen. Die Späteren haben natürlich durch die eigenartige exegetische Manier, welohe sie zur Erklärung des Talmuds anwandten, dem Aberglaube Thür und Thor geöfiuet, so erklärt Jakob ben Ascher, dass man einen ,Geist“ befragen dürfe, wo eine gestohlene Sache sich befinde, weil Befragen nicht Be schwören ist, (Oraoh Chajim 179), dass man mit Hilfe der Lehren des Schöpfungsbuches (יצירה ,E) Zauberei treiben dürfe, und mit Hilfe der Gottesnamen sogar Geister beschwören könne. Während nun Josef Karo, von Maimonides beeinflusst, dies nur als die Ansicht Einiger anfährt, schliesst sich ihr Moses Isserls voll an, allerdings unter Warnung vor den daraus entspringenden Gefahren für das Leben und die Seelenruhe des Beschwörers, was sich dann auch Abraham Danziger (חכמת אדם כלל פ״ט) unter Berufung auf Chajim Vital zu eigen macht. Aber nicht nur directer Aberglaube, sondern manche Consequenz der Gesetzesstrenge bringt das alte Judenthum vielfach in den Verruf der Lächerlichkeit. Es ist z. B. verboten, dass man eine Seereise an den drei letzten Tagen der Woche antrete; gestattet ist es aber, unter der Bedingung, dass man dem Steuermanne den Auftrag gebe, am Sabbath zu rasten, auch wenn man voraus weiss, dass er diesen Auftrag nicht befolgen wird (Orach Chajim 248,1.). Ueberhaupt sind die letzten Consequenzen der am Sabbath verbotenen Arbeiten, von denen ich einige schon in der Darstellung von der Aeusserlichkeit der Gesetzesauffassung anfgefübrt habe, in ihrer liebertreibung lächerlich. So z. B. wenn verboten wird, die Fettaugen von der Suppe und die Sahne vom Kaffee abzuschöpfan, weil das ebenso wie das Beinigen des Getreides eine ,Arbeit* sei, (ib. 319,17) oder es ist verboten, Koth von einem Kleide abzukratzen, weil das dem ,Mahlen des Getreides“ gleich komme. Speichel mit dem Fusse auszutreten ist verboten, weil man damit den Boden planiert und dieses wieder eine Bauthätigkeit ist (316,11). Einen Floh zu fangen gilt als verboten, weil es eine J agd ist und ist nur dann gestattet, wenn man von demselben sehr belästigt wird, jedoch auch dann ist es verboten, diesen Floh zu tödten, weil das dem Schlachten eines Thieres gleich zu setzen ist. Der Unterschied in der Be- Handlung von Flöhen und Läusen, in dieser Richtung hat schon Salomon Maimon (in seiner Selbstbiographie) Stoff zum Lachen gegeben. Es würde das noch viel meLr der Fall gewesen sein, wenn er die Ausführungen Abraham Danziger» (ני 'D חיי אדם כלל ל*א) über den Fall gekannt hätte, wenn man in der Nacht des Sabbaths ein solches Insect fühlt, ohne seine Klasse genau bestimmen zu können. Welohe Bolle die Filzläuse im Gesetze spielen, mag jeder, den es interessiert, im Jore Deah (C. 198,40) und in dem Werke des im vorigen Jahrhundert lebenden Rabbiners Elchanan Berlin (סדרי טהרה) zu Joreh Deah 198) nachlesen. Ebenfalls dürfte es hierher gehören, dass der mit Mendelssohn befreundete Jonathan Eibenschitz, Babbiner von Hamburg in seinem Werke כרתי ופלחי zu Joreh Deah (V. 195) erklärte, dass das Verbot, einer menstruierenden Frau einen Gegenstand zu reichen oder zuzuwerfeu, dann aufgehoben sei, wenn der Mann den Gegenstand seiner Frau nicht direot zuwirft, sondern ihn naoh oben wirft, und sie ihn auf diesem Wege auffangt. Für den Wandel unserer Verhältnisse mag es bezeichnend sein, dass Joel Serkes in seinen Zusätzen zum Werke des Jakob ben Ascher erklärt, dass man, wenn Männer und Frauen, bei einer Hochzeitstafel vereinigt sind, die sieben Segenssprüche nioht sagen dürfe, wenn das gesellschaftliche Zusammensein von Männern und Frauen eine Unsitt lichkeit ist, was Samuel in den Zu- Sätzen zum Sohulohan Aruch (Ebn Haözer 62.11) nachsohreibt. Diverse andere Beispiele dieser Art lassen sich in einem Zeitungsblatt nicht besprechen, ich beschränke mich daher, einige nur noch anzudeuten. *) — (Wir haben manche der obigen Beispiele auch nur mit innerem Widerstreben und nur auf den ausdrücklichen Wunsch des gelehrten Verfassers, nichts an seinem Manuscript zu ändern, aufgenommen. Red.) Raschi. Am 17. Juni hielt Herr Dr. Friedländer in London im Raschi-Verein vor einem zahlreichen Auditorium unter dem Vorsitze des Herrn Manuel Castello einen Vortrag über Raschi, aus dem wir das Interessanteste — denn Neues konnte ja nach Zunz’ gründlicher Biographie dieses berühmten Commentators nicht viel gebracht werden — hier wiedergeben. Die jüdischen Biographen Rase bi’s bemerken, dass an dem Tage, an welohem Rabbenu Hai starb, Raschi geboren wurde. Auf ihn kann man deshalb den Ausspruch, welcher auch auf andere Könige schon oft angewendet wurde, beziehen: ״Le roi est mort, vive le roi!“ Als die Schulen Babylons in Sura und Pumbaditha zu Falle kamen, sorgte die Vorsehung, dass dieser Verlust, den die jüdische Nation erlitten, bald wieder ersetzt wurde, denn wie immer sandte er auoh hier das Heilmittel, ehe die Wunde geschlagen war. Ehe die Schulen des Orients eingingen, wurde Raschi geboren, diese Lücke auszufüllen. Wir sehen daher in dem Erwachen der jüdischen Gelehrsamkeit im Oocident deutlich den Finger der göttlichen Allmacht. Die Boten, welche man nach Europa sandte, um Geld für die orientalischen Schulen zu sammeln, wurden von Seeräubern aufgefangen und erst gegen hohes Lösegeld durch ihre Brüder von der Sklaverei losgekauft. Ihre grosse Gelehrsamkeit fand Anerkennung in den Ländern, wohin das Schicksal sie versoblug, sie wurden Rabbiner und gründeten Schulen an verschiedenen Orten, *׳/ Solche Beispiele sind לא ישתק ע״ג טיט בשבת (סי שכ״א), weil das ein Mörtelmischen und dieses wieder ein Kneten sei מתר למול בתולה בשבת ואקבו משום חובל (אדה סי׳ ר*ף אה״ע סי' ס*נ>> wobei die Erörterungen Joel Serkes zu Orach Chajim C. 280 ganz besonders interessant sind. Dieses Thema brachte einen ungarischen Babbiner der neuesten Zeit auf die Untersuchung;איך מותר לבעול בשבת ליח״יב משום דש משום וורע ומשום בונה, Die lange Untersuchung mögen alle frommen Ehemänner in dem vor wenigen Jahren erschie* nenen Werke des Babbi von Jarmuth (Tn!שרית גור) zu ihrer Beruhigung nachlesen. 1

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