Mannheim
Compact Memory

Jüdisches Litteratur-Blatt · 1888-07-12 · N° 28. (12.7.1888) · p. Seite 110

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Jüdisches Litteratur-Blatt
Volume
17 (1888)
Issue
N° 28. (12.7.1888)
Date
1888-07-12
Page
Seite 110 (sequence 5)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
92% known words query
IRI
…/6492408-6488258-9805933--1488-4856622
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

mit der geistigen Arbeit dieser Semiten höchst nninfrieden sein müssten. Herr Beoker sehildert uns nun die Jugendzeit des TremeUins nach den hierfür vorhandenen, allerdings spärlich fliessenden Quellen. Tr. wurde im Jahre 1510 in Ferrara geboren, war in seinem Knaben- und Jünglingsalter von einer überaus regen Lernbegierde erfüllt ,wurde mit allem Fleiss im väterflohen Gesetz belehrt und war ein Eiferer um Gott“. Durch welche Beweggründe nun aber der Jüngling, wenn er solohe Eigenschaften besass, sich veranlasst sehen mochte, einen Glaubenswechsel zu vollziehen und־zunäch8t zur katholischen Kirche überzutreten, vermag uns Herr Becker nicht mit Bestimmtheit anzugeben. Und dennoch bleibt bei einer solchen biographischen Darstellung, wie sie Herr Beoker unternommen hat, das Hauptaugenmerk des Lesers darauf gerichtet, zu erfahren, durch welche Gründe sich die innere Umwandlung vollzogen hat, was den Tremellius von der Beligion seiner Väter entfremdete. Herr Becker meint, dass die Vertrautheit des Tr. mit den klassischen Sprachen und der Verkehr mit christlichen jungen Männern ih□ zum Uebertritt bewogen haben mögen; allein es gab in jenen für das Judenthum so unruhigen Zeiten gar Viele, welche gleiche oder ähnliche Einflüsse empfangen und erfahren hatten und auch durch die lockende Aussicht auf ein ruhiges, unangefochtenes, ja mit Ehren überhäuftes Dasein nicht bewogen wurden, die Beligion ihrer Väter zu verlassen. Der kurze Bericht des Tr. selbst, dass er durch ein gewisses religiöses Bewusstsein zu diesem Schritte veranlasst worden sei — cum ad Christianos transivi certa religionis ductus conscientia — ist sehr dunkel gehalten. Die geschichtliche Erfahrung lehrt überdies in gar reichem Maasse, dass tiefer angelegte Naturen bei einem solchen Schritte einen Befreiungsprozess an sich vollziehen, um auf irgend welche Art ihren Austritt zu rechtfertigen und dass sie die Gründe ihrer inneren Um- Wandlung schriftlich darzustellen versuchen. Allerdings hat Tr., als er bereits das Mannesalter erreicht hatte, auch eine Bekehrung seiner ,Brüder dem Fleische nach“ versucht durch seine christologische Erklärung des Baches Hosea, sowie durch die Ueber- Setzung des Genfer Katechismus ins Hebräische unter dem lockenden Titel: ״Sepher Hachinnch Bechire Jah“; allein diese spätere schriftstellerische Thätigkeit erklärt uns noch keineswegs den Grund seines Austritts aus ן dem Judenthame, als er noch im blühenden Jünglingsj alter stand. Wenn übrigens die Hauptthätigkeit dieses : Proselyten darauf gerichtet war, zu erweisen, dass die Erfüllung der alten prophetischen Weissagungen nur durch den ,neuen Bund“ in die Erscheinung getreten sei, wie kam es denn, dass er späterhin das katholische Glaubens bekenntniss wiederum mit dem der reformirten Kirche vertauschte und der Gunstbezeugungen des Cardinal Farnese nicht weiter achtete — ,Celebris ille Farnesius me Judaeum genere ante annos 50 in familiam suam asciverat“ — dass er sich weder dem milden und von grosser Toleranz erfüllten Zwingli anschloss, noch die Augs burgische Confession bekennen wollte, sondern sich ganz und gar in den Dienst Calvins stellte und dessen Lehren vertrat? Allerdings war Calvin auoh, wie er seine Gegner mit erbarmungsloser Strenge zermalmte und zertrat ׳, ein treuer, eifriger und hilfreicher Freund seiner Anhänger und er hatte überdies auch eine Lehre aufgestellt, die Lehre von der doppelten Prädestination, die jeden Uebertritt gleichsam von selbst rechtfertigte und auch die letzten Sorapel jedes Glaubenswechsels beseitigen konnte. Es ist die Lehre des Augustinus, die auoh Calvin sich aneignete, dass von den Mensohen die Einen ohne Rücksicht auf ihr Verdienst zur ewigen Seligkeit, die Anderen zur ewigen Verdammniss bestimmt seien. Ist es mögliob, fragen wir, dass ein soloher Glaubensgrundsatz auch irgend welche Anziehungskraft besitzt für einen denkenden Geist? Ist es denkbar, dass die von Calvin und Beza behauptete Lehre von der ״gratiairresistibilis“, von der ״unwiderstehlichen Gnaden wähl“, der der Mensch auch wider Willen folgen müsse, in der Vernunft irgend welche Erleuohtung hervorrufe und die Kraft einer Ueberzeugung gewinnen könnte? Aber dem Tremellius konnte eine solche Lehre nur eine willkommene Stütze sein, um die Buhe seines Gemüthes herbeizuführen. Da nun Calvin auch die Meinung vertrat: ״ausserhalb des Schoos8es der Kirche ist auf keine Sündenvergebung und auf keine Seligkeit zu hoffen“, 80 musste der längst vollzogene Uebertritt noch als eine besondere, höhere Gnadenwirkung erscheinen. In der That kehrt dieser Gedanke von der ״unwiderstehlichen Gnadenwähl“ in dem Widmungsschreiben des Tremellius an den Herzog Christof von Württemberg bei der hebräisehen Uebersetzung des Genfer Katechismus wieder, indem Tr. daselbst sagt: ״. . . Ausserdem hat Gott immer noch und wird er beständig, so lange die Welt .steht, in dieser Nation (Jsrael) zahlreiche und grosse Beste haben, welche nach seinem bestimmten, ewigen Bathschluss einst zum Heil herangeführt werden sollen und ich glaube seiner höchst gerechten und guten Vorsehung durch Abfassung dieses Buches ein wenig zu dienen.“ War demnach Tremellius dafür verantwortlich zu machen, dass er einst das Jadenthum verliess? Der Herr Verfasser hat das sehr zerstreute Quellenmaterial für seine biographische Darstellung theilweise fleissig benützt; es fehlt ihm aber ganz und gar an psychologischem Blick, um das geistige Getriebe der einzelnen Persönlichkeiten und ihre inneren Be- Ziehungen zu erkennen und darzustellen. Seine Schrift ist eine mehr nach Art von Chroniken gegebene Schilderung der äusseren Begegnisse; nicht einmal die Begegnungen des Tremellius mit Calvin, die Gründe ihrer gegenseitigen Annäherung, und die Form und den Inhalt ihrer religiösen Unterredungen' und was dergleichen mehr der Berichterstattung vverth war, hat uns der Herr Verfasser in anschaulicher Weise vor Augen geführt. Lauenburg i. P. Babb. Dr. M. Krakauer. Ziitterarisohe Uotizen. 1. Frankreich. Die neuesten französischen Pablicationen, welche die Juden iuteressiren, sind: ״Nieder mit dem AntisemitUmus!“ von Numa Bresz, eine anspruchslose kleine Schrift,- und .,Katholicismus und Judenthum“ von Marcus Gareddi, ein 330 Seiten umfassendes Werk, beide von philosemitischem Charakter; ״Einige Bemerkungen über das Evangelium“ von Dr. Klein; das ״Buch des Propheten Daniel“ nach hebräischen, arabischen und syrischen Texten übersetzt und mit einer kritischen Einleitung versehen von Abbö Fahre d’Enzien; ״Controvers eines Bischots“ oder Brief aus dem Jahre 5 4, aus dem Arabischen ins Französische übersetzt von Levi Schlossberg. ‘2 Paris Der Lehrstuhl für Experimental- und vergleichende Pathologie an der medicinischen Facultät za Paris ist vacant. Die Facultät hat unsem Glaubensgenossen Dr. Strauss zur Besetzung vorgeachlagen. 3 London. Bev. Hyamson, B. A., hielt am vergangenen Monat in dem Königlichen Institut Swan sea einen Vortrag über das Thema ״Heidnische Aassprüche über die Juden.“ Den Gedanken, die Jaden za Proselyten zu machen, erachtete er als ein Beispiel irreleitenden Eifers Wenn ein Jude bekehrt würde, so wäre es gewöhnlich ein schlechter Jude, und ihm fehle noch die Erfahrung, dass je ein schlechter Jude einen guten Christen abgegeben hätte. Verantwortlicher Bedactear Dr. Bahmer Magdeburg. Druck von D. L. Wo lff, Magdeburg. Verlag von Robert F ri e 8e, Leipzig.

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.