Jüdisches Litteratur-Blatt
- Journal
- Jüdisches Litteratur-Blatt
- Volume
- 17 (1888)
- Issue
- N° 27. (4.7.1888)
- Date
- 1888-07-04
- Page
- [Seite] (sequence 2)
- Language
- German
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I? Jüdisches Litter atur -Blatt. Zu Beleaefctaag 411er Jadeatb•■ ul 114« betreff••*®• HtUr«rUek« Brlehatanin •af da■ 61Uet1 der Phil•• N|U1« Geeekiehte, Etkiofnphl«, Theo• logl•, Orieatalla, Excgeee, Hoallvtlk, Lltargik a. Pida«*». Herausgegeben ▼OB ' ,bbiner Dr. Moritz Rahnier. 4. 3urti 1888. Bieber lenliufcHyiiu Utdntir.welekl d«r Mwtoa iigeault v«Nm! lad«• la die•«« Blatte •iaf ehe• de Beapreeh••( Bel Uaeeadaag vea ivel BeeeuU«*» b«a!»larM erfolgt elaaaltge kan• QratU-laacrttea. Das »JUlickt Lttteratmr-Blatt“ ersch! Leipzig bei Robert Friese) pro Jahrgang allen Postanstalten and Buchhandlungen 8 Mar! 88 PL für die gespaltene Petitzeile, Beilage! Buchhändler u. Lehrer, welche di eint wöchentlioh in einem halben Bogen Preis bei allen Baohhandlangen (in 8. Bark. 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IV.״) Amtliohe und private Behinderungen haben die Fortsetzung dieser Aufsätze so lange verzögert, dass ioh genöthigt bin, dem Gedächtnisse meiner Leser durch kurze Reproduktion des Vorhergegangenen ein wenig naohzuhelfen. Von dem naivgläubigen Judenthum, mit welchem sioh unsere Orthodoxie bhne Weiteres identificiren möchte, ist dieselbe, sagte ijoh, durch ihre moderne wissensohaftliohenud gesellschaftliche Bildung, sowie duroh ihre mehr oder minder ablehnende Haitung gegen die Kabbala scharf geschieden. Soweit muss jeder Orthodoxe meinen Anschauungen beipfliohten. Für uns aber liegt nooh manche ändert Ursache vor, um der Ortho40xie mit ihrem Grandprinzlpe von der Unveränderliohkeit der religiöse^ Anschauung im Judenthume als haltlos und einer gedeihlichen religiösen Entwicklung gefährlich; entgegenzutreten. Was uns von der Anschauung nicht nur der talmudisohen Zeit und des Mittelalters, Sondern sogar von der geistig nooh tiefer stehenden der Rabbinen des vorigen Jahrhunderts scheidet, ist die wissensohaftliohe Erfahrung. Wir können nun einmal nioht längnen, dass der Wissensstand des talmudisohen Zeitalters ein viel niedrigerer war, als der der gebildeten Welt des Alterthums, von der unsrigen ganz zu schweigen. Das kann nioht ohne Einfluss für nnsere Beurtheilnng des litterarisohen Wprthes des gesammten rabhinisohen Sohriftthnmes bleiben. Wir können unmöglich glauben, dass diejenigen, welohe von den ErfahrnngsWissenschaften njitunter reoht kindi 80h e Begrifle hatten, gerade in jder Glaubenslehre, in der Sohritterklärung und in [der Gesetzesaufiassnng unübertrefflich sein sollen. Der Talmad lehrt, dass die Erde eine flache viereckige Soheibe sei, vom Ooeauus umflossen, über welcher der Himmel wie ein rundes Zeltdaoh sioh wölbe. Er nimmt daher an, dass die Entfernung vom Himmel *zur Erde ebenso gross sei, als die vom Ostzum Westpunkt des Himmelsgewölbes. (Ohagiga 12 a. Synhedrin ’8 b). Die Sonne, bewegt sich naoh der talmudisohen Anschauung dem Himmelsgewölbe entlang und verschwindet in der Naoht duroh eine Luke in demselben, um sich hinter dem als fest gedaohten Gewölbe zu bewegen, oder anoh naoh einer andern Ansicht, um nnter der Erde zu weilen.' (Pessaohim 94 b.) Nioht minder verworren wie die naturwissen- Bch&ftlichen Anschauungen, von denen ja jeder Kenner des Talmuds eine reiche Blüthenlese geben könnte, sind dessen gesohiohtliohe Notizen. Der Talmud lässt Alexandrien von Alexander dem Grossen zerstört (Snkka 51 b), Bethar von Vespasian erobert werden (Gittin 57 b); Kaiser Nero bekehrt sioh zum Judenthume (Gittin 56 a) und, was dergleichen mehr ist. Nun wird man wohl dagegen einwenden, dass die wissenschaftlichen Aenssernngen des Talmuds keinen ver bin dliohen Werth haben, weil sie zur Haggada gehören, welohe nicht wie das Gesetz auf Ueberliefemng beruht. Dagegen mnss jeder wissensohaftlich unbefangene Sachkenner die Einrede erheben, dass erstens Haggada und!Halaöha durchaus nioht scharf von einander gesohieden sind, nnd es vielmehr oft dem willkürlichen Ermessen anheimgegeben ist, zu bestimmen, was Halaoha und was Haggada ist, wenn anoh der Talmud selbst schon diese Begrifle unterscheidet (Chagiga 14a); dass zweitens, die wissenschaftliche Ansohannng des Talmnds auf das sogenannte ״tradirte Gesetz* nicht ohne Einfluss geblieben ist, nnd dass endliah drittens, die Ansioht von der Gleiohgiltigkeit der talmudisohen Ansohannng von wissenschaftlichen Dingen, selbst schon eine reformatorisohe genannt werden muss. Wir wollen mit dem Beweise für das Letztere beginnen. Riohtig ist wohl, dass der Talmud selbst die Möglichkeit zugiebt, dass die wissenschaftlichen Anschauungen der altrab bintsohen Aatoritäten falsch sein können, ln Pessaohim 194 b) finden sioh zwei gegensätzliehe Anschauungen xwisohenjtidisohen und heidhisolien Gelehrten erörtert. Die jüdischen Gelehrten, heisst es da, sagen: die Sphären stehen fest nnd die Sternbilder bewegen sioh, und die heidnischen Gelehrten sagen: die Sphären bewegen sioh and die Sternbilder stehen fest. Darauf sagt Rabbi: die Ansohannng dar Letztem ist dadurch widerlegt, dass niemals der •) 8. No. 10, 14 u. 15.