Mannheim
Compact Memory

Jüdisches Litteratur-Blatt · 1888-05-31 · N° 22. (31.5.1888) · p. Seite 86

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Jüdisches Litteratur-Blatt
Volume
17 (1888)
Issue
N° 22. (31.5.1888)
Date
1888-05-31
Page
Seite 86 (sequence 5)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
94% known words query
IRI
…/6492408-6488258-9805924--1458-4856598
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

2 entity mentions

Stellen, welche von antisemitischen sogenannten Gelehrten in jüngster Zeit so häufig citirt worden, am daraus die angebliohe Schlechtigkeit des Talmud za erweisen, und welche der Vert. ebenfalls in das Bereich seiner Aufgabe gezogen and wortgetreu übersetzt hat. Uebersetzt wurde wohl dieses Stück, sowie No. 2—4, 12, 14 etc., trotz ihres halaohischen Charakters, weil sie sich auch im En-Jakob vorfinden; aber nicht der ־Verfasser dieses Sammelwerkes, Jakob ibn Chabib, hat sie aufgenommen, sondern der Venediger Prediger Juda di Modena, welcher sie als Texte und Ausgangspunkte zu seinen moralischen Erbauungen verwerthet hat. Herr Wünsohe bietet uns also mehr als er versprochen hat, was gewiss alle Anerkennung verdient; nur erscheint es sehr zweifelhaft, ob der des Hebräischen gänzlich unkundige Leser diese wörtlich übersetzten halachischen Stücke verstehen wird. So sehr wir auch gegen parapbrastisohe und für genaue wörtliche Uebertragung sind, so darf doch darunter -das Verständnis« nicht leiden. In der Uebersetzung muss die Lebhaftigkeit der talmudischen Debatte, die Dialogform, kenntlich sein and auch das sprachliche Colorit der talmudischen Diktion deutlich durchschimmern. An die Boraitha, welche lehrt, dass נגח Ex. 21,28 8״to88en mit dem Hörne“ bedeutet, was aus 1. Kön. 22,11 and Deut. 3,17 bewiesen ist, ׳ schliesst sich die Frage: Wozu wird noch dieser Vers aus Deuteronomium angeführt? Diese Worte dürfen nicht in Parenthese gesetzt werden, denn sie gehören znm Texte, sie bilden die Uebersetzung der Worte מזר ואומר. Und die Antwort lautet: Wenn du meinst, dass wir die Erklärung pentateuchischer Verse nioht aas den Propheten and Hagiographen herauslernen dürfen, so magst du es aus dem deuteronomischen Verse entnehmen. (Fortsetzung lolgt.) Reden, gehalten bei der synagogalen Trauerfeier für den hochseligen Kaiser Wilhelm I. (Fortsetzung von Jfo. 17.) 5. Bede des Dr. M. Joel in Breslau (S. Schottländer). Alle Vorzüge der Joel’schen Predigt weise, klassische Sprache, Prägnanz des Ausdruckes, strenge Gliederung. Tiefe der Gedanken, Steigerung des Intereeses, vereinigen sich in dieser Bede und erheben siezu einem Meisterwerk der Bhetorik. Die Fülle des zu Sagenden ist hier in die knappste Form gebracht, und erschöpft doch Alles, kein Wort ist zu viel und keines zu wenig, keine leere Phrase und keine Ueberschwenglichkeit, ergreifend und erhebend, stimmaugs- und würdevoll. Der dreigliedrige, dem Talmud (Berachot 19 a) entnommene Text ist wie geschaffen dazu, die Hauptmomente dieses thaten- und tagendreiohen Lebens daran zu reihen. Und nur dieser Umstand mag Joel veranlasst haben, einen talmudisohen Text, statt — wie wir gerade bei dieser Veranlassung ‘lieber gesehen hätten — eines biblischen zu wählen. 6. Gedäohtnissrede von Dr. Frank (Köln, M. Kohn). Diese Bede bildet das gerade Gegentheil der Joel’schen; Weitschweifigkeit, Ueberschwenglichkeiten, kein gedanklicher Fortschritt, kein Text aus dem heil. Schriftthum, kein biblisches Wort (ausser in der Einleitung: ,verstummt ist die Wonne unseres Herzens etc. ״und in dem oitirten Kaiserwort: ״Nicht uns, o Herr eto. “), Hier einige Proben. Der Bedner beginnt: ״Das unerbittliche Naturgesetz, dem alles Geborene unterthan ist, der Tod, jene anwiderstehliehe Gewalt, die rüoksiohtelos in dem Beiohe der Sterblichkeit herrscht, u. 8. £ “ Einige Zeilen weiter, nachdem die ״schwarsumflorte Germania“ an der Bahre ihres geliebtesten Sohnes heisse Zähren geweint und. ״Preussen, Deutschland, Millionen über Millionen Seelen“ am den thearen Verklärten bereits geklagt und getrauert, — es sind 9 Tage nach dem Tode dea Kaisers verflossen — ruft der Redner: 0״, wir wagen kaum das Wort auszuspreohen . . . Kaiser Wilhelm ist nioht mehr.“ Auf der 2. Seite wird geschildert, was der Tod Alles nioht sei und was er sei: ״der Tod ist jener dunkle Uebergang aus dem endlichen Dasein in ein endloses Sein; durch ihn legen wir das abr was sterblich an uns war, und was übrig bleibt, : ob viel oder wenig, das ist das Unsterbliche, Ewige, 1 Unvergängliche“. Nach diesem etwas sehr weitläufig; ausgeführten Gedanken kommt Bedner endlich zum , Schluss der 2. Seite zu seinem eigentlichen Thema: ״Die Religion ruft uns zu: Ihr klagt und ruft, Kaiser Wilhelm ist todt, nein . . . ich rufe Eaoh zu: Kaiser Wilhelm lebt, lebt fort und ist unsterblich in der Weltgeschichte, im deutschen Beiohe und in der Menschheit!“ Wo bleibt bei dieser Eintheilung die Logik? Gehört das deutsche Reich nicht zur Weltgeschichte? nicht zur Menschheit? Wie unterscheidet sich Menschheit von Weltgeschichte? Aus den weiteren Ausführungen der einzelnen Theile ist’s uns nioht klar geworden. Als Bedeblüthen fuhren wir noch die Schlusssätze des 3. Theiles an; ״so lebt das kaiserliche Lebensbild in Lebensgrösse fort etc. “, ferner: ״und wenn wir zu beklagen sind, die wir ihn verloren, so sind noch mehr jene zu beklagen, die ihn nicht verloren“. Da müssen wir denn sagen, dass (7.) der Oberrabbiner Dr Horowitzin Crefeld in seiner Predigt (bei Kramer und Baum) dieselben Grundgedanken in viel schönerer Form, besserer Eintheilung und vor Allem an einen hebräischen Text und mehrere passende Bibelverse angelehnt, zum Ausdruck gebracht hat: ״Lasset uns sehen, wie er noch lebt unter uns in seinen Thaten, für uns als erhabenes Vorbild, wie er leben soll durch uns und wie er noch lebt auf dem Throne in den Seinigen“. Unter Anlehnung an den Spruch des Prediger *Salamonis: .״ Die Sonne geht unter, die Sonne geht auf“ und die bekannte Deutung unserer Weisen, sohliesst) i der Bedner mit den Worten des Dichters : | Der König ist er todt? Er ist es nicht. | In seines Sohnes Geiste brennt sein Licht. ן Der Abendsonne folgt das Morgenroth, Der Vater dieses Sohnes ist nicht todt! seine schwungvolle Predigt. j : . Auch die Predigt des Oberrabbiners Dr. Zuokermandel in Trier behandelt einleitend den Gedanken: Grösser sind die Tugendhaften nach ihrem Tode etc., den er an der Hand eines gut gewählten Textes (Maleachi) in gedrängter Weise treffend ausführt. 9. Ausführlich und geistvoll behandelt der Landrabbiner Dr. J. Goldschmidt-Birkenteld in seiner Predigt: Die Krone unseres Hauptes, (Verlag der Synagogen-Gemeinde Oberstein, der Reinertrag ist für die Ueberschwemmten bestimmt) das Thema, dass Kaiser Wilhelm auf seinem majestätumstrahlten Haupte sechs Kronen vereinte, die des Wissens (er wusste stets, was er wollte and was er sollte), des Priestert h u m 8 (er war ein Priester des höchsten Gottes, ein Hoherpriester im Tempel der Pflicht), der rahmreiohen Herrsohaft (aaoh über sioh selbst) and des guten Namens (welohe die Mit- und Nachwelt ihm verleiht). Hierzu kommen noch zwei Kronen: ״Eine herrliohe Krone ist das graue Haupt'i, und ״Kinder and Kindeskinder sind eine Krone der Greise“. Das Alles ist in sohöner Spraohe mit geistreiohen Pointen vorgefährt; ergreifende Gebete bilden den Schluss. (Schluss folgt.) F. JtMAmmtMnrnr -Rehmer Magdeburg. Druck vonD. L. Wolff, Magdeburg. Verlag von Robert F rieee, Leipsig. , ]ד^—־---י ־ ■

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.