Jüdisches Litteratur-Blatt
- Journal
- Jüdisches Litteratur-Blatt
- Volume
- 17 (1888)
- Issue
- N° 20. (17.5.1888)
- Date
- 1888-05-17
- Page
- Seite 76 (sequence 3)
- Language
- German
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— nicht ab. Zam Qlüok dar Culturkämpfer hatten sie in der Regel die Regierungsbehörden auf ihrer Seite. ־Wenn nnn diese ,Aufklärer“ unter sich in den der Ruhe gewidmeten 8tunden (denn fast sämmtlieh mussten sie ״im Sohweisse ihres Antlitzes“ ihr Brod essen) zusammen kamen, so ging ein lebhafter Austausch von Gedanken vor sich, wobei so mancher heissender Witz — dem polnisohen Juden überhaupt eigen — losgelassen wnrde. Ein kleines Pröbchen davon ist folgende Anekdote: In Lemberg lebte za jener Zeit — Mitte der vierziger Jahre — als Censor für hebr. Schriften ein getaufter Jade, namens Tarla, der, früher Schwiegersohn eines Rabbiners and grosser Talmudist, durch eine Reihe von widerwärtigen Umständen zur Taufe gezwungen war, sonst aber sich ein warmes Herz für seine frühem Glaubensgenossen bewahrte. Das Sohicksal dieses bedeutenden Mannes wird vielleicht bei anderer Gelegenheit in diesen Blättern besprochen werden. Dieser Convertit nun verkehrte recht gern im Kreise jüd. Gelehrte, wozu noch sein Amt als Censor viel beigetragen. Als er 8ioh eines Tages — am Sonnabend — in einer Gesellschait von jüdischen ״Aufklärern“ befand, wurde ihm zugemuthet, einen eben angekommenen Brief eines Gesinnungsgenossen za öffnen mit der Bernerkung: t בי לכך נוצר ת.*; Schlagfertig antwortete aber Tarla: עכשיו שנוצרתי כאילו לא נוצרתי! Wenn man sich übrigens ein Bild von dem Humor jener Zeit verschaffen will, so lese man die Bände der Erter’schen Laune (in der Gesammtausgabe הצופה לבית ישראל) und Perl’s מגלה טמירק und כ דחן צדיק, beide letztem in der Form der bekannnten ״Epistolae obscurorum virorum“. Natürlich waren diese Conventikel, wobei so oft gegen die Hoblköpfigkeit des Ortsrabbiners, der sich für so unfehlbar wie der Papst hielt, scharfe Witzespfeile fielen, den Frommen ein Dom im Auge. Am meisten, hat sich der damalige Oberrabbiner in Lernberg, Jacob Ornstein, dadurch die Unsterblichkeit verdient, dass ihn Erter dem Spotte der Nachwelt übergab, lndess verlangt es die Gerechtigkeit mitzuthailen, dass ebengenannter Rabbiner unschuldig und harmlos wie ein Kind war, dass daher alle jene Verfolgungen gegen die Freunde der Bildung von dessen Frau und deren beider Sohn (der bei Lebzeiten des Vaters gestorben) ausgingen. Rappaport war bekanntlich eine Zeit lang Cassierer bei den Pächtern der Fleischsteuer; der junge Ornstein steigarte nnn die Pachtsumme und erhielt die Fleischsteuer blos zu dem Zwecke, um Rappaport um’s Brod zu bringen. Als sich nun der unglückliche, brodlos gewordene Gelehrte an seinen Quäler mit der Anfrage wendete, ob derlei Handlungen gegen einen Glaubensgenossen erlaubt sei, erhielt er zur Antwort: כעושה מעשה עמך! Diese Probe genügt! Und unter solchen Quälereien und Nahrungssorgen hat Rappaport Unsterbliches geleistet. Ja, man kann sagen, dass gerade in die Zeit dieser preeären Verhältnisse die Glanzperiode Rappaports fällt. Er war bekanntlich einige Jahre Rabbiner inder grossen Gemeinde Tarnopol und konnte von Glück sagen, dass er dort mit dem Leben davon kam. Von jener Zeit datiren seine gediegenen Aufsätze im “״כרם חמד. Was er von Prag aus geleistet, entspricht bekanntlich keineswegs den von ihm gehegten Erwartungen. Belgrad, im Mai 1888. Dr. S. Bernfeld. *) Daa Wortspiel liegt darin, dass נוצרת liier in dem Sinne von ״Nazar*er werden“ gebraucht ist. (Bed.) Spinoza. Am 22. April hielt Herr Dr. Friedländer im Jew’s College unter dem Vorsitze des Herrn Professor Pollock einen Vortrag über Spinoza. Redner führte an, dass Spinoza’s Schriften in esoterische und exoterische eingetheilt werden müssten, über deren erstere er schon früher gesprochen. Die populär ge- 8chriebenen exoterisohen Werke enthalten dieselben Lehren, nur in anderer Einkleidung. Es sei übrigens auffallend, dass Spinoza ein Atheist genannt wnrde, da es doch klar ist, dass er durch seine Abhandlangen nur das Dasein Gottes habe beweisen wollen. Er definirt das Wesen Gottes als Existenz und nennt ihn ״causa sui“. Fast dieselbe Lehre ward auch Moses überliefert: ״Ich bin, der ich bin.“ Die Idee ]eines göttlichen Willens wurde von Spinoza verworfen, aber er spricht von der Vorsehung, weil diese mit der Volksmeinung sowohl als mit dem Wesen Gottes übereinstimmt. Er theilt die Vor- Stellungen in Meinung, wahren Glauben und klare Erkenntniss. Die 2 ersten Bezeichnungen stellen uuvollkommenes Wissen dar, denn vollkommene Erkeuntniss kann nur aus unmittelbarer Ansehauung entspringen. Alle unsere Leidenschaften gründen sich auf unvollkommenes WisseD, ausgenommen die Liebe, welche aas vollkommener Erkenutniss entsteht. Unser höchstes Ziel auf Erden muss daher sein, Gott zu erkennen, und diese Erkenntniss würde uns zeigen, dass es keine Ursache giebt•, irgend ein Ding auf der Erde zu hassen, dass vielmehr jedes Ding uns irgendwie Gutes zu gewähren im Staude sei. Die Erkenntniss Gottes würde also die Sünde nnmöglich machen. Diese Theorie, dass die Erkenntniss Gottes eine Schutzwehr gegen die Sünde sei, wird auch schon von Jesajah verbreitet, nur scheint es, dass sie zu Spinozas Zeit nicht allgsmem bekannt war. Gegenüber jenen Schriftstellern, welche Reichthum und Ehre für die höchsten Güter halten, erklärt Spinoza, dass gerade der Reichthum oft eine unnütze und drückende Last und daher eine Quelle manchen Unglücks sei. In der Einbildung spielt er zwar eine hohe Rolle, aber sein Einfluss ist schädlich und er selbst die Ursache aller Uebel. — Diese Ansicht äussert auch schon der ״Moreh“ des Maimonides. Bei der Bildung unserer Ideen müssen wir das Wesen der Dinge ergründen, damit wir zu richtigen Vor- ] Stellungen gelangen. | In seiner Abhandluug über die Politik handelt! Spinoza über verschiedene׳ Regierungslormen, welche I unter gewissen Bedingungen zulässig sind, erkennt; aber in der aristokratischen die beste von allen. In seiner Uebersieht über Spinoza’s Schriften zeigte Dr. Friedländer, dass die meisten Grundsätze seines philosophischen Systems auf einen oder den andern der jüdischen Philosophen des Mittelalters zurückgeführt werden könnten. Selbst seine pantheistischen Ideen lassen sich dnreh manche Stellen aus dem ,,Schir Hajichad* unseres Gebetbuches erklären. Obschon Spinoza in Holland excommanicirt wnrde, war sein Einfluss dort sehr gross, in Frankreich, wo man seine Lehren verwarfj acoeptirte Voltaire viele seiner Anschauungen; Leibnitz führt ihn öfter an, nnd schon vor der zweiten Hälfte des i8. Jahrhnnderts wnrd!e er auch in Deutschland popnlär. Heine’s Würdigung des Holländischen Philosophen veranlasste jenen, dass er Goethe den ״Spinoza der Poesie“ nannte. Mendelssohn war der erste Jade, welcher sich eingehend mit den Schriften Sp’s. besohäftigte und za dem Schlüsse kam, dass trotz vieler Punkte, in welchen Sp. sioh von dem Judenthum ent-