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Jüdisches Litteratur-Blatt · 1888-03-08 · N° 10. (8.3.1888) · p. Seite 40

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Journal
Jüdisches Litteratur-Blatt
Volume
17 (1888)
Issue
N° 10. (8.3.1888)
Date
1888-03-08
Page
Seite 40 (sequence 5)
Language
German
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gestalten. Das bedeutendste Waiseninstitut, von dem der Verf. spricht, ist das von dem Ehepaar Moritz und Sara Reichenbeim mit einem Kostenaufwands von einer Viertel Million Thaler begründete. Ein edler Stifter, dem es leider versagt war — da der Tod ihn überraschte — der Eröffnung dieses Instituts beizuwohnen, für dessen hochherzige Idee er sich begeisterte und mit dessen Plänen zur innere Einrichtung er selbst fortwährend sich beschäftigte, und eine nicht minder menschenfreundliche Mitstifterin haben durch die würdigste Verwerthung ihres materiellen Segens hierdurch sich die Unsterblichkeit aut Erden gesichert. Endlich beriohtet der Verf. noch von einem vierten Erziehangshanse, nämlich dem in Pankow, wo durch die Fürsorge des Jnstizrath’s Makower und dessen Anregung unsere im Jahre 1882 aus Russland ausgewiesenen Glaubensbrüder, resp. deren Erziehungsbedürftige, Aufnahme fanden. An Stelle der ausscheidenden Pfleglinge, die ein nährendes Handwerk erlernt, werden nun laut Beschluss der Gemeinde-Behörden, Knaben aus Berliner Familien in das genannte Institut verpflanzt, so dass man in einigen Jahren die ganze Anstalt als Eigenthum der Gemeinde übergehen zu sehen hoffen darf. Wahrhaft mustergiltig wirken alle diese Wohkhätigkeitsinstitate und zeigen deut- "lieb. welchen unendlichen Segen derartige Erziehungsanstalten, sie mögen von Einzelnen oder von ganzen Gemeinden in’s Leben gerufen sein, verbreiten. Eins jedoch dürfte hierbei doch zweifelhaft sein, ob es nämlich, wie der Verf. obiger Schrift meint, rathsam und praktisch ist, durch Gründung vieler Waisenhäuser die geistigen und materiellen Kräfte zum Nutzen der Pflegebefohlenen zu zersplittern, oder, wie wir meinen, selbst in der Millionenstadt alle der Erziehung bedürftigen, armen Waisen einer grossen Anstalt zu übergeben, deren äusserer Bestand der Fürsorge der Gemeindebehörden unterliegt und deren Leistungen in geistiger Beziehung nach einem bestimmten Plane uni nach e i n e m Principe von mehreren für die Idee der Waisenerziehung begeisterten Pädagogen hervorgemfen werden. Wir glauben zu- 1 versiehtlich, dass bei einer zweckentsprechenden Organisation einer Erziehungsanstalt das ideale Ziel, das alle derar ige-fAnstalten, wenn auch auf versohiedene Weise, erstreben, nämlich dass auch die Waisen ״Ansehen in der Gemeinde erlangen und ehrenwerthe Bürger des Vaterlandes werden,“ leichter und wirk• samer zu erreichen wäre. Kaiserslautern. Landsberg Gustave D’I!ic>-tl1al, Melange* deCritique Bibliqne, etc. Paris, Hachette & Comp. (Schluss von No. 8). Die Redaktion des־ Deuteronomiums verlegt Dr Eichtbal in die Zeit Esra’s und Nebemia’s. Die Redaction des 5. Buches des Pentateuch — sagt Verf. S. 91-ist eine Composition von Dokumenten, welche alle, oder beinahe alle vorher vornan U n waren. Diese worden einander genähert, abgekür> t, zerstückelt vermischt, mit mehr oder weniger Kurst und Sorgfalt, nach Massgabe des Zweckes, weL-i er dem Redakteur vorschwebte. — Dieser Zweck war ein speciellerer, als derjenige, welchem die Redaktion des Pentateuchs in seiner Gesammtheit diente, und zwar bestand er darin : der neu in Jerusalem etablirten Gemeinde ein Erbauuagsbuch zu liefere, welches ihrer politischen und religiösen Situation besonders angemessen war. Nach den Berichten der Bücher Esra und Nehemia zu urtbeilen, war es demnach dasjenige, was damals am meisten Noth that, nämlich ein Präservativ gegen den Einfluss der heidnischen Culte der benachbarten Völkerschaften; eine Ermuthigung und Befestigung im Glauben an den National-Gott, den wahren Gott, an Jahwe; und in der Ausübung seiner Gebote. Das ist der wesentliche Charakter des Deuteronomiums.“י So verdienstvoll die inhaltliche Analyse des Deuteronomiums durah Herrn D’Eiohthal ist, so muss ich doch sagen, dass diese chronologische Ansetzung der Redaktion des Deuteronomiums auf sehr allgemeinen Beweisen beruht. Nichts ist leichter nachzuweisen, als dass zur Zeit Esra’s und Nehemia’s Hinneigung zu aen heidnischen Culten der Nachbarvölker im Voljre vorhanden war. Aber daraus zu sohliessen, dass ein Buch, welches diesen heidnischen Neigungen! entgegentritt, gerade in dieser Zeit verfasst sein muss,! das ist doch gegen alle Logik. Erst müsste be- ן wiesen werden, dass solare heidnische Anwandlungen [nur in jiener Zeit und nicht auch früher geherrscht '1 haben —4■ und davon bedarf das Gegentheil gar; keines Beweises. Zu allen Zeiten der frühere Gej schichte hing das Volk den Götzen der Nachbar- | schaft nsoh,׳ und somit wäre die für jene angej nommene Veranlassung zu allen Zeiten vorhanden gewesen. Esra und Nehemia hatten nur gegen die letzten Spurea des heidnischen Sinnes in Israel ani zukämpfen, und wie hätte sich dieser Sinn bis auf; wenige Spuren verlieren können, wenn nicht schon j früher ein Werk, wie das Deuteronomium vorhanden 1 gewesen wäre. — Die hauptsächlichste Stütze für seine Ansicht findet D’Eichthal in Nehemia c. 5,8; bis 13, wo Nehemia gegen die Knechtung der eignen! Brüder nicht im Namen eines vorhandenen Gei setzes ankämpft, sondern im Namen eines religiösen Gedankens und im Namen der Barmherzigkeit. Wenn! auch ohne Zweifel, meint nun D’Eichthal S. 103, die; alten Propheten ähnliche Ansprachen gehalten hatten, I die dem Volke nicht unbekannt waren, so würde i doch, wenn diese Vorschriften Gegenstand gesetz- ' licher Bestimmung gewesen wären, Nehemia nicht : unterlassen haben, diese höhere Sanktion gegen seine Zuhörer auzi.rufen.“ — D’Eichthal schliesst also i daraus, dass das Deuteronomium, welches c. 15,1—18! darüber Bestimmungen enthält, zu dieser Zeit noch j nicht vorhanden sein konnte. — I Dieser Schluss ist nicht zwingend. Ebenso möglieh und wahrscheinlich ist, dass die Autorität des Gesetzes beim Volke erschüttert war, so dass ein Appell aa das Gefühl dem Reduer zweckmassiger erschien. — Ueberhaup׳. erscheint Nehemia im Gegensalze zu Esra, welcher als Schrittgelehrter sich präsentirr, überall mit dem Charakter des Laien, des religiösen, gottbegeisterten Laien, der viel mehr Bescheid im Buche des Herzens, als in den Büchern des Gesetzes wusste, dem also die Berufung auf!las Gemüth geläufiger war, und dem Volke gegenüber, dass ihn als Laien kaunte, auch besser anstand. — D’Eichthal’s Buch ist zwar in diesem Theile, wo er seine Ansicht begründet, Fragment geblieben; der Tod hat ihm die Feder aus der Hand genommen. Doch ist das Fragment bis über den Zenitb der Argumentation hinweggeführt, und das Fehlende wäre nur Completirung des Vorhandenen geworden, ohne wesentlich neue Ge.-ichtspunkte za enthalten Die Abhandlung über das Deuteronomium bildet den Haupttheil des Baches. Der Herausgeber, Sohn des Entschlafenen, hat noch 2 kleinere Aufsätze derselben angefügt: ״lieber den Namen und Charakter Jahwe’8, des Gottes Israels“, und ״die Declaration der Menschenrechte und das höohste Wesen“ — beides «ine recht interessante Leotüre, aber ohne höhere wissenschaftliche Bedeutung. G o 1 d s o h m i d t - Birkenfeld. Verantwortlicher Bedacteur Dr. Kahm er, Magdeburg. Druck von D. L. Wolff, Magdeburg. Verlag von Robert Friese, Leipzig.

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