Jüdisches Litteratur-Blatt
- Journal
- Jüdisches Litteratur-Blatt
- Volume
- 13 (1884)
- Issue
- No. 44. (30.10.1884)
- Date
- 1884-10-30
- Page
- [Seite] (sequence 1)
- Language
- German
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itturat n r-Blatt. Zur Belexhtaa! aller JadentliuBi and lodea betreffende■ lltteririsehen Kr• 1rhelnaa|«a auf den Uebiete der Philo• «opfal«, Onrhlrhte, Kthnofrraphie, Theo• lo!rle» Orieatalla» Exefceae, Homiletik. Liturgik, Pädagogik. Heransgegeben von Rabbiner l)r. Moritz Rahnier. 01Cacj 9e.£>u , 30 Octol&z 18^4. Bieherderelaacliligigea Litterutar,welch« der Redactfou!afeaaadt werde■, Rad•■ ln dieeem Blatte eingehende Beepreehang. •i tief Einsendung roa sw et Reeeasleas• Exemplare■ erfolgt einmalige kirne . OratiidaMrtioa. Das ״Jüdische Lltteratar-Blatt“ e Leipzig bei Robert Friese) pro Jahrgf allen Postanstalten and Buchhandlungen ff 85 Pf. für die gespaltene Petirzeilo, Heilig׳ BW Buchhändler, welche direct oder icheint wöclientlieh in einem halben Bogen Preis bei allen Buchhandlungen (in ng 8 Mark. 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Indem wir nun zur Betrachtung der in unserem Stücke handelnd 1 uftretenden Personen übergehen, dürfen wir nicht verhehlen, dass die Zeichnung der Charaktere unseres Dichters schwächste Seite ist. Er unterscheidet zwar die" Individuen nach ihren wesentlichsten j Eigenthümlichkeiten; er zeigt uns die Hauptgegensätze in ihrem Denken und Fühlen; aber er unternimmt es nicht, sie im Detail auszumalen, sie auch j nach gewissen Aeusserlichkeiten, durch jene kleinen Züge auseinander- Inhalten, welche uns ein wirklich lebensvolles Bild derselben vor die Augen führen. Joh. Schorr spricht Byron daher zwei wesentliche Eigenschaften «nes dramatischen Dichters ab: ״die Fähigkeit zu individualisiren, und die Kunst, die Charaktere, in ihrem Werden darzustellen“. Er meint, Byron sei ebenso wesentlich Lyriker gewesen, als Shakespeare Dramatiker. — Wenden wir uns zuerst zu dem Helden des Stückes! 1. Cain. i Cain ist, wie der Dichter ihn dalrstellt, ein verechlossener, in sich gekehrter Mensch, der den zufriedenen Kreis der Seinigen flieht, um in der Ein- •emkeit seinen Gedanken nachzuhäcgen. Auf ihn ist vorzugsweise das mütterliche Theil der Neu- und Wissbegierde übergegangen, welches die Ahne des Menschengeschlechts trieb, nach der ve rbotenen Frucht Vom ״Baume der Erkenntniss“ zu ״reifen. Allein dieses Erbe schlägt ihm nicht zum Segen aus; denn *as er in seinem heissen Durst nach höherer Einsicht sich ergrübelt, ist nicht geeignet, ihm den Frieden, Zufriedenheit zu geben. Ihn beschäftigen jene *ragen, denen die denkende Menschheit zu allen?eiten sich mit Eifer hingegeben, um welche die er- *nchtetsten Geister wie die Motte um die Flamme ttert sind. Er möchte über c as Wesen des Höchsten und seine Weltregierung völlige Klarheit erlangen; ihn beunruhigt der Gedanke an den Tod, jenen Gegensatz zum Leben, dessen Natur er nicht erfassen kann; er vermag das Dasein einer allwaltenden gütigen und gerechten Vorsehung sich nicht mit den Leiden, die' die Menschen treffen, zu vereinbaren; ihm erscheinen Vorherbestimmun g und freier Wille des Menschen als eiu Widerspruch.^ Es ist ihm unbegreiflich, dass der Genuss der Frucht vom Baume .der Erkenntniss eine Sünde gewesen, — noch mehr aber, dass er und seine Geschwister, sowie alle kommenden Geschlechter für eine Sünde, die nicht die ihrige ist, von dem Paradiese ausgeschlossen und zu niedriger Arbeit verdammt sein sollen. ״Und heisst das Lehen?“ (spricht er) ״Sich quälen! Und warum denn quäl’ ich mich? Deshalb etwa, weil in dem Paradies Mein Vater sich nicht halten konnte? Ha, War’s meine Schuld? — Ich war noch ״nicht geboren, Ich wünscht’ auch nicht, dass ich geboren würde, Ich fühlte kein Verlangen nach dem Los, Das mein Geborensein mir aufgebürdet. Was folgt er doch der Schlang* und seinem Weihe, Und warum büsst’ er. da er es gethan? Der Baum war da, und warum nicht für ihn? Und war er nicht für ihn, warum doch ward V Dem Vater dort sein Wohnplatz angewiesen, k Nah’ an dem Baum, dem schönsten in der Rande? Nur ein’ Erwid’rung giebt’s auf diese Fragen: ״Es war sein Wille dies und der ist gut!“ Woher kann ich denn wissen, ob er gut? Weil er allmächtig ist? — Folgt denn daraus, Dass er zugleich allgütig ist? — Ich schliesse - Nur nach den Früchten; sie sind bitter all’, Und -ohne Schuld musls ich sie mitgeniessen“. — Dieses furchtlose Grübeln über ihm unlösbare Räthsel verdüstert seihen Geist und sein Gemüth, - macht ihn gleichgültig gegen die reale Welt und nnempfindlich für die Freuden und das Glück der Familie. Die Eltern ehrt und liebt er nicht; denn sie gaben ihm ein Leben, das keinen Werth für ihn hat, da sie ihn durch ihre Sünde genöthigt haben, es in harter Arbeit zu verbringen. Mit Gleichgültigkeit spricht er von ihrem Tode: ״Sie sündigten, sie mögen sterben! “ — Alles, was ist, flösst ■ ihm Ekel ein, und sein eingebildetes Unglück führt ihn mehr ׳ nnd mehr zu jenem Trotze, der ihn zur Empörung gegen die Gottheit treibt, der er sich nicht zu Dank verpflichtet fühlt. — So wird er das Opfer des bösen Geistes, der sich für ein mit ihm sympathisirendes Wesen aüsgiebt, der von sich und Cain sagt, sie seien ״Seelen, kühn genug, Von der Unsterblichkeit Gebrauch zu machen, . Die’s wagen, dem allmächtigen Tyrannen In’s Angesicht za schau’n and ihm zu sagen:. Gat' sei nicht Böses!“