Jüdisches Litteratur-Blatt
- Journal
- Jüdisches Litteratur-Blatt
- Volume
- 13 (1884)
- Issue
- No. 35. (28.8.1884)
- Date
- 1884-08-28
- Page
- [Seite] (sequence 1)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 91% known words query
- IRI
…/6492408-6488249-8756143--0465-4855810- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
Nof 85. ■V* Jüdisehes Jahrg. Xlll. Littet״atur -Blatt. Zwr' Beltiektug «Iler ladeithi■ «ad Jidn ketreffeadw llttermrisehea Kr• Mkeiingei a«f de» Gebiete der PhU•* Npkle, Geschieht«, Etkiefnpkle, Theolegte, Orlemtella, Kxegeee, Homiletik. LiUrrfk, Pldagoglk. Herausgegeben von Rabbiner Dr. Moritz Rahmer. 9Rag9e6׳u.x^, 28. ö.uj'ust 1884. Bitk«4welmlüi|<|t, Lltt1ntar,vlkk1 4« Mtetln n|wa4t rata,!■4■ 1■ 4l«m Blatt. alafahra4a »«frwkin. >4 (Iihi4u| ... aw.l IwairiM»■ Bxmplaraa arfklgt 4>atll|< kan. eratta-lBMiUaa. Das »JMIscIi• Litterator-Blktt« erscheint wöchentlich in einem halben Bogen Preis bei allen nnnkhanHinngaw (in Leipzig bei Robert Friese) pro Jahrgang 8 Mark. Abonnenten der ״Israelitischen Wochenschrift“ (die vierteljährlich bei allen Postanstalten und Buchhandlungen 8 Mark kostet) erhalten das ״Jüdische Litteratar-Blatt“ gratis. — läse rate werden mit 8t Pf• für die gespaltene Petitzeile, Beilagen mit 18 Mark, berechnet and sind an die Expedition dieses Blattes an senden. DM Buchhändler, welche direct odsr durch Robert Friese in Leipzig Inserate einsenden, erhalten 25 Rabatt. ־M Inhalt: Wissenschaftliche Aufsätze: Urspiung und geschichtliche Ursachen des Antisemitismus. Vbn M. E. Aristide Astruc, Grand-Rabbin von Belgien. V. — Eine verkannte Bibelstelle, Echa 3,30 ff. von peuem untersucht und beleuchtet. — Bemerkungen zur Massora. Von Bezirksrabbiner Dr. Sidon A. — Replik. VoflGoldfahn. (Schluss.) Litteraturberichf: Recension: Lewin, Dr. Adolf, Rabbiner in Coblenz. Der Judenspiegel von ]Dr. Justus ins Licht der Wahrheit gerückt. Robert Friese. Leipzig 1884. IV. 0.928. Berichtigung. Ursprung und geschichtliche! Ursachen des ״Antisemitismus!“. Von M. E. Aristide Astruc, Grand-Rabbin von Belgien. v. Diese neue, für das Judenthum eingetretene Situation war also durch die Umstände vorgeschrieben. Die Kirqhe, im Besitze eines tiefen Glaubens, eine Kluft, die sie von den vulgären gleichzeitigen Verfolgern trennt, glaubte, sie sei allein im jBesitze der Wahrheit, sie sei der einzige Weg des Hells und berufen, die ganze Welt zur Religion Christi zu bekehren: ״Geht hinaus in alle Welt, hatte der Meister gesagt, und predigt das Evangelium jeglioher Creator!“ Hm diese grosse, aber beängstigende Mission zu erfüllen, war ihr alle Macht auf Erden und im Himmel gegeben. Seit dieser Zeit, da sie zur Herrsjchaft gelangt war, konnte sie selbst in der Theorie nicht mehr jene geringschätzende, aber gefährliche Toleranz zulassen, welohe die Hegel des Heidenthums und der Philo- Sophie gewesen und in die kaiserlichen Codices übergegangen war. Weder in eigener Mitte, noch an ihrer Seite, noch ausserhalb ihrer,!durfte irgend eine abweichende Meinung geduldet wierden. Häretiker, Ungläubige, Heiden, adle mussten auf jedem möglichen Wege zur Einheit der Doctrin geführt werden, deren autori8irtes Organ sie allein war. Mehr als die andern Dissidenzen war das Judenthum für die Kirche ein Gegenstand der Voreingenommenheit, und mehr als die andern Ketzer sehnte sie sich, dessen Anhänger zu gewinnen oder zurückzuführen. Aelter und lange Zeit mächtiger als die Kirche, stützte sich das Judenthum nuf die ältesten der ^heiligen Bücher, aus denen auch jene hre Kraft schöpfte, Und es gab sich als die wahrhafte re igiöse Legitimität, ■ 4 *) Graetz Gosch, d. Juden IV p. 836. iS •tu von welcher die Kirche nur ein glückliches Schisma war. Wie die Kirche, so hatte das Judenthum seine Lehre, seinen organisirten Cultus, seine Lehrer und seine üeberlieferung, welohe es gleiohmässig in die Nacht der Vergangenheit zurücksteigen liees; wie jene wurzelte es in einer Lehre, welche souverain dem Gewissen gebot, die Familie und ihre rührenden Tugenden sioherstellte und die universelle religiöse Gemeinsamkeit constituirte; und wie jene war es mit einer Expansionskraft begabt, welohe, ob sie sich gleich ohne Lärm offenbarte, doch nicht ohne Erfolg war. Endlich aber bedurfte das Judenthum der Kirche nicht, während diese nicht venhochte, sioh über dasselbe hinwegzusetzen. Ungeachtet des Regierungs-Antrittes der Kirche und der Beschränkungen, welche für die Juden die Folge derselben waren, blieb der Einfluss der letzam. doch bedeutend; überall, bei Hofe, in den Aemtera, ln der Armee, fand die Kirche sie auf ihrem Wege; überall, auch in den beiden Hauptstädten des Kaiserreichs, in den entferntesten Provinzen, selbst an der Spitze ihrer eigenen Gemeinden. Die Berührungen, die Reibangen waren alltäglich, und da die Menge und besonders die für dogmatische Discussionen wenig geschaffenen Frauen fleissig die Synagogen besuchten*) und die religiöse Andacht der Rabbinen, die sie von den Priestern nicht unterschieden, in Anspruoh nahmen: so blieb das Judenthum, obgleich materiell zusammengestürzt, eine.drohende Gefahr für die Kirche, die sie um jeden Preis beseitigen musste. Gegen diesen Feind, der sie bestritt,. sie bedrohte, sie mit tausend Armen umschloss, musste sie sich vertheidigen; es war der äusserste Kampf um Leben und Tod,, in welchem einer der Gegner entweder sioh ergeben oder untergehen musste. Ferner, da die Kirche die• Gewalt« besass, da die Umstände ihr eben die Krone und das Schwert gegeben batten, so konnte sie sich der' erstem sowohl, wie des letztem bedienen, um sich und ihre Anhänger vor einer tödtlichen Berührung zu bewahren. Es war fatal: in der Besorgniss, selbst zusammen zu stürzen, war sie genöthigt, die Juden von dem Range, den sie in der Gesellschaft einnahmen, zu stürzen, 1