Jüdisches Litteratur-Blatt
- Journal
- Jüdisches Litteratur-Blatt
- Volume
- 13 (1884)
- Issue
- No. 25. (19.6.1884)
- Date
- 1884-06-19
- Page
- Seite 100 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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temchts - Ministeriums vom 15. Octob. 72 den Lesebüchem zu Grunde liegen sollen, war es geboten die verschiedensten Lesebächer, wie auch die vorliegenden, einer grändlichen, d?n gesetzlichen Vorschriften entsprechenden Revision zu unterwerfen. Vorliegende Ausgabe für Mittelklassen israel. Schulen hält sich frei von jeglicher confessioneller Färbung, abweichend von den Ausgaben früherer Auflagen. Vir wollen aber dieserhalb durchaus nicht mit dem Herrn Herausgeber rechten, denn der wahrhaft religiöse Sinn der Jugend wird nicht immer genährt durch spezifisch Confessionelles. Dem bekannten didactischen Grundsätze folgend, vom Nahen zum Femen, vom Leichten zjim Schweren, zerfallt das Lesebuch für Mittelklassen in folgende Abschnitte: 1. Die Schule, .2. Das Elternhaus, 3. Die Hausthiere, 4. Dorf und Stadt, 5. Garten, Flur und Wald,,6. Erde und Wasser, 7. Heimath und Vaterland, 8. Himmel, Sonne, Mond und Sterne. Was das Lesebuch für Oberklassen anbetrifit, so vermissen wir darin solche Lesestücke, die das Leben unserer hervorragendsten deutschen Dichter behandeln, wie dies auch die ״Allgemeinen Bestimmungen“ fordern, doch thut das der Vortrefflichkeit keinen Abbruch, denn ein geschickter Lehrer wird das durch mündlichen Vortrag ersetzen können. Als Anhang ist dem Lesebuch eine kurze übersichtliche nachbiblische Geschichte beigegeben, bei der wir an einigen Stellen gewünscht hätten, dass eine schärfere Scheidung zwischen geschichtlich feststehenden Thatsachen und sagenhaftem, nebensächlichem Beiwerk vorgenommen worden wäre. So wird z. B. Seite 510 die Sage als geschichtliches Factum erzählt, dass ein Araber^ mit den Hufen seines Bosses Babbi Jehuda-halevi getödtet habe. Bei dieser Gelegenheit sei eines ähnlichen sagenhaften Umstandes erwähnt, der uns noch vor Wenigen Tagen in einem Geschieht8werke für Schulen begegnet, dass nämlich der Jude Lippold den brandenburgischen Kurfürsten Joachim H vergiftet habe — eine Behauptung, die von Antisemiten damaliger Observanz ausgestreut und längst in die Rumpelkammer verjährter Irrthümer geschleppt worden ist. Und doch vererben sich solche Hrthümer gleich einer Krankheit fort. Dieses nebenbei. Den Zielen der Oberklasse entsprechend, bringt dieses Lesebuch: 1. Spiegelbilder aus dem Menschenleben, 2. Bilder aus der Länder- und Völkerkunde, 3. Bilder aus der Naturkunde, 4. Bilder aus der Geschichte, 5. ' Bilder aus der Erd- und Himmelkunde. Auf den Anhang haben wir bereits hingewiesen. Der besonderen Empfehlung unsererseits bedarf es nicht, denn die Haesters’schen Lesebücher haben bereits durch sehr viele Auflagen den Beweis ihrer Brauchbarkeit erbracht. M. Sp. Freie Gedauken zur Beurtheilung der Kirche und ihrer Geschichte. Von Jonas Justus, Stuttgart, Riegär’8che Verlagshandlung 1884. 136 S. 8. Nicht frei — sondern nach der bekannten Schablone sind diese ״Gedanken“ geformt worden: Man suche überall die Schatten und Schäden auf, streiche sie kohlrabenschwarz an und schreie dann so laut, dass man allen Widerspruch überschreit: Dies ist das einzig wahre, leibhafte Conterfei von — nun hier von Kirche und Christenthum! Die Manier dieses Büch-!eins characterisirt und richtet sich selbst wohl am besten, wenn wir dem Leser Anmerkung 6 hersteilen. Sie wird ihm die Lust, das Ganze zu lesen, wohl gründlich austreiben: ״(S. 130). Die Glaubwürdigkeit ״der Geschichte von der Päpstin Johanna hat ein ״Protestant, der holländische Prediger Rondel, be- ״stritten und mit grosser Gelehrsamkeit nachzuweisea ״gesucht, dass sie auf Erfindung beruhe. Jedoch in ״Anbetracht der vielen Nichtswürdigkeiten und schäm- ״losen Auftritte, die in jenen Zeiten am päpstlichen ״Hofe sich zutrugen, und mit Rücksicht darauf, dass ״die gläubigsten Katholiken sie Jahrhunderte lang ״für wahr gehalten haben, dürfte kein Grund da sein, ״sie zu bezweifeln“. Mit solcher logischer Seiltänzerei lassen auch die Liebschaften des alten Zeus sich als historische That- Sachen leicht beglaubigen. So das Mittel! Und der Zweck? Ein Christenthum ohne Gott und ohne Christus! S. 118. ״Es wird daher die Zeit kommen, .... wo man zu der Erkenntniss kommen wird, dass ״Gott der ewig Verborgene, Unerkennbare ist, der ״sich uns nicht offenbart, sondern verhüllt, der sich ״allem menschlichen Begreifen entzieht; .... Die ״Zukunft wird daran nicht zweifeln, dass Alle söge- ״nannte Offenbarung Menschendichtung und Menschen- ״wort ist“. Ebenso wird die Messiaslehre bei Seite geworfen — und doch Christ? Ja, Christ, obschon alles Semitische ausgetilgt, ״Christus“ nichts mehr bleibt, als die Firma, unter welcher sich die unreligiöse Religion, die freie Kirche, deren Mitglieder nichts glauben, die nur darin einig sind, dass sie frei von religiösen Gedanken sein wollen, am sichersten auszubreiten hofft. Dass die Adoplirung dieses Namens eine bewusste Täuschung ist, ein schlimmer Anfang für den Wetteifer ״im rechten Handeln“, das macht der modernsten Sittenlehre Nichts aus! Denn der Priester, die Kirche, die Religion, Gott ist der Feind, der mit allen Mitteln bekämpft wird. Coblenz. Lewin. Notizen. 1. Der ״Hahn“ heisst im nachbibl. Hebr. TamegoL Herr' Halevy will's aus dem Assyrischen herleiten: tar ״Wächter“ und ״Negol“ als Umlautung von dem Gottesnamen Nergal (dem Kriegsgotte). Dessen Vogel ist der Hahn. Herrn Oppert er• scheint diese Herleitung gekünstelt. Freilich meint er auch, dass dieser Gott die Gestalt eines Hahnes habe. Doch ist das eine — vielleicht auf einer ähnlichen Etymologie beruhende — Folgerung, welche nicht mehr Werth hat, als die Identifizirung des Assyr. Gottes Nibkhaz mit einem Hunde, weil ״ נבחbellen“ im Hebr. bedeutet. (Synhedr. 63b). Deshalb leitet Oppert es aus dem Summerischen her: tar lugal. Herr Clermont-Ganneau vertheidigt dagegen eine alte Ansicht in etwas veränderter Form, dass das Wort Tamegol von ’Tavaypatxö{ ’5pvt{ ״Vogel von Tanagra“ herkommt, welche Stadt ihrer Hähne wegen berühmt war. Dass Thiere den Namen der Orte, wo sie zumeist oder in bester Qualität Vorkommen, erhalten, bedarf keines Beweises (Kanarienvogel, Angoraziege). Ob שכוי (Job. 38,36) Hahn bedeutet, ist mindestens zweifelhaft. Jedenfalls erscheint der Hahn nicht auf den Aegypt. Monumenten. Der spätere semitische Name für Hahn ist גבריאל) .גבר Gottes-Hahn, eine Beigabe der Gottheit auf gnostischen Darstellungen!) Also ist Tamegol importirt! 2 ,,Magyar Zsidö Szemle“. Das Mai-Heft dieser von Wilhelm Bacher und Josef Bänöczi herausgegebenen Ung.-Jüd. Revue enthält folgende grössere Beiträge: H. Bloch, Die Vorfahren der Juden und die Hyksos. A. Astruc, Der Ursprung und die geschichtlichen Ursachen des Antisemitismus. H. M. Wettmann, Eine neue Complication des ungarischen Eherechtes (hinsichtlich der Ehen von Proselyten). S. Kohn, Volksthümliches litterarisches Unternehmen. L. Palöczy, Der Zustand der Bildung in Ungarn, mit besonderer Rücksicht auf die Juden. IV. A. Schwarz, Die Organisation der jüdischen Gemeinden in Baden. S. Mayhaum, Rabbiner-Versammlung in Berlin (die zu erlassende Erklärung über die interconfessionelle Stellung nebst Motivirung in extenso). In der Litteratur- Rubrik bespricht A. Balogh die Memoiren F. Pulsky’s und A. Perls das sich gegen Renan wendende Buch eines ung. kath. Geistlichen über aen Messias. xjUnlnos. Baar od. kleine Raten! Americ. Harmoniums v. W. Bell 14 Co.! Weldenslanfer, Berlin NW. Beste u. bill. Bezugsquelle. Verantwortlicher Redactenr Dr. Rehmer, Magdeburg. Druck von D. L. Wolff, Magdeburg. Verlag von Robert Friese, Leipzig.