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Jüdisches Litteratur-Blatt · 1884-06-21 · No. 24. (21.6.1884) · p. Seite 96

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Journal
Jüdisches Litteratur-Blatt
Volume
13 (1884)
Issue
No. 24. (21.6.1884)
Date
1884-06-21
Page
Seite 96 (sequence 4)
Language
German
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'־:c״1.,; ־% ליל׳׳ימ^י״י^זז־י — 96 — Selten in unserem Jahrhundert hat eine sociale Frage die Gemäther 80, bewegt and erregt, wie die künstlich gezüchtete, dann aber pilzartig fortwacherode Jadenfrage. Wie ein Taamel hat sie die besonnensten Geister erfasst, wie eine diohte Finsterniss hat sie die hellsehendsten Aagen verdunkelt, selbst den vom profan am vnlgas abgeschiedenen Gelehrtenmarkt kann man nioht mehr betreten, ohne jenem Gespenst in den manig&ohsten Verkleidungen zu begegnen. Von den litterarischeü Erscheinungen der Gegenwart berühren mehr als neunzig Prozent dieses leidige Thema and selbst der bedeutendste Gelehrte im Gebiete semitischer Sprachforschung darf seine Erzengnisse nioht veröffentlichen, ohne von irgend einem wüthigen Semitophoben oder von irgend einem germanischen Nestle angefallen and verspottet za werden. Was in dieser traurigen Bewegung der Geister an Vertheidigung durch Streitschriften, Brosohären, Apologieen, Nachweisen und Erklärungen hat geschehen können, ist von berufenen and unberufenen, geübten and angeübten Federn, fast mehr als za viel geleistet worden. Mit dem unausbleiblichen Siege des Lichtes and der Erkenntni88 wird anch diese unerquicklich reichhaltige Litterafcur von der Tagesoberflache verschwinden and dem Staube der Bibliotheken überliefert werden. Während draassen aber der betäubende Streit wüthete, stiegen fieissige, gewissenhafte, ernste and besonnene Forscher mit dem Grubenlichte des Verstandes tief hinein in den Schacht der Völkererinnerang and der Völkerentwicklang, prüften und läaterten das gefundene Erz and schlagen Münzen daraus, die vollwerthig and vollgültig von Hand za Hand gehen werden, wenn jene Erscheinungen des Tages, jene Manifestationen augenblicklich erregter Geister, längst in Vergessenheit gesunken sein werden. Ein Erzeagniss voll tiefer gründlicher und hingebender Forschung, ein solches Wark von bleibendem und nicht nach Zeitrichtungen abza wägendem Wert he istGüdemannsCultargeschichte. Wenn es noch eines Beweises bedürfte, dass die Jaden überall und za allen Zeiten das sind, wozu sie Land und Leute, unter denen sie sesshaft sind, wozu die Geistesluft, die sie einathmen gemacht haben, so hat ihn Güdemann anbestreitbar und anamstösslich erbracht. Historische, durch unanfechtbare Zeugnisse beglaubigte Thatsachen lassen sich eben nicht so leicht in ihr Gegentheil verzerren, als unklare oder unwissenden Uebersetzem nicht verständliche Talmudstellen. Zar Thatsache aber hat G. mit allen Hilfsmittein historischer und diplomatischer Forschung erhärtet, dass die Juden in־ Italien während des Mittelalters an allen Calturbestrebungen und Culturerfolgen ihrer Zeit and ihres Landes den vollen ihnen zukommenden, das Verhältnis ihrer Zahl wohl noch übertreffenden Antheil genommen und im Geistesleben dieser Epoche einen wichtigen and nachhaltig wirkenden Faktor aasgemacht haben. Statt der chronologischen Reihenfolge, die der Antor in seinem trotz aller Gelehrsamkeit interessant, geistreich, populär und spannend geschriebenen Werke verfolgt,-wollen wir unsere Besprechung nach Disciplinen einrichten and an besonders hervorragende Punkte unsere meist nur Gegensätze mit anderen Schriftstellern auf diesem ^Gebiete vermittelnden Bemerkungen knüpfen. Caro- Pilsen. (Fortsetzung folgt.) Predigten von Dr. Adolf Schwatz, Stadt and Conferenz- Rabbiner in Karlsruhe. Sechster Theil, Festpredigten für die Hauptfeiertage des Jahres. Karlsruhe, J. Bielefeld’s Verlag 1884. 311 8. 8. Drei Doppelreden (enter und zweiter Tag) für Rösch haschonoh, drei Trilogien (Kolnidre, Mussaph and Neila) für Jomkippnr nehmen unsere Aufmerksamkeit zuerst gefangen and fesseln ans lange. Der Redner, der mit jeder Sabbathpredigt den Hörem und Lesern ein Fest bereitet, wird von der Bedeutung der Feste fortgerissen, hinaufgehoben in Höhen, die weit über dem gewöhnlichen Kanzelniveaa stehen! Es ist das Hebräische, das Bibelwort, wie das Midraschand Talmadcitat hier nicht ein schmückendes Beiwerk, sondern es ist ein wesentlicher, lebendiger Theil der von modernen Ideen getragenen Reden. Alt und Neu sind ' keine Gegensätze. — Ungekünstelt und ungezwangen schmiegt sich das alte Wort am den neuen Gedanken, erwächst die Zweifelfrage sowie die philosophisch geschärfte und gepanzerte Antwort dem altjüdisohen Boden, selbst der halachischen Bestimmung (z. B. VI). Kühn — doch massvoll, weil seiner Kraft bewusst, geht der Redner vor. Es ist leichter, hie und da zu mäkeln, als zu entscheiden, welcher Rede die Palme gebührt. So scheint in V. die Freiheit des Menschen, seine Unabhängigkeit von der Vergangenheit und der Umgebung schrankenloser dargestellt zu sein, als sie in Wahrheit ist! Am meisten gepackt haben den Referenten No. I und XI, welche Meisterstücke maggidischer Deutung im Geschmacke unserer Zeit sind; dagegen scheint in XIV diese Deutungslust schon ein wenig die Grenze überschritten zu haben! Es folgen je zwei für den ersten Tag Saccoth und Schmini Azeres, je eine für den 2. Tag und Simchas Thora. Von diesen sind hervorzuheben XVII, (besonders der erste Theil) wegen der überraschenden Folgerungen aus den mannigfachen Wendungen des Schriftwortes und XX, die Mahnung des Schlussfestes, weil in ihnen die eigenartige Weise des Redners mit am prägnantesten zum Ausdrucke gelangt. Unter den Pessachreden überrascht die Erste durch die Deutung des Textes, ebenso wie XXVI, in der von den Gebeinen Josephs gesagt wird, dass sie durch den Hauch der Liebe belebt waren ״und dieser Hauch war es wieder, der dem Sklavenvolk neuen Muth, neue Hoffnung eiuflösste.“ Ob es nun aber gestattet ist, so ohne Weiteres in die Uebersetzung von Ezechiel 37,10 והבא כה□ הרוח einzuschieben: ״der Geist Josef’s kam in sie“, das ist dein Referenten mehr als zweifeihaft. Den Wunderglauben bekämpft durch den Hinweis auf die Gotteswunder No. XXVIH, welche zugleich mit ״Neige Deine Hand über das Meer“ zur Hilfeleistung für die ross. Emigranten, auffordert. Sind alle diese Reden Hohelieder, der Religion, der Thora gesungen, so erfüllt es nur die Erwartungen, die wir hegten, dass die Schabuothreden Dithyramben sind, geweiht der Engelsgestalt, wie sie noch kein Menschenäuge schöner und herrlicher geschaut .... ״Anmuth ist über ihr himmlisches Antlitz ausgegossen; auf ihrer leichtgewölbten Stirn thronen Verstandesschärfe und Gedankentiefe.“ Die Gluth der Ueberzeugung, das Feuer begeisternder Verehrung leuchtet hier am hell- 8ten, strahlt und erwärmt zugleich. — Die Einleitungen sind durchweg so, wie wir sie schon bei Besprechungen der früheren Bände geschildert haben — Midrasohim, Bilder, farbenreich und gedankentief! Coblenz. _ Lewin. Notiz. Fetenburg. Herr Harkavy hat die seltsame Deutung, welche sein Bericht über die Bibelmanuscripte in politisch«! Blättern gefunden hat, energisch zurückgewiesen. Er führt sie darauf zurück, dass ein unwissender Reporter den Timeebericht, in welchem von verschiedenartigen Buchstaben (characters) die Bede war, nicht verstanden und das Wort mit ״Charakter" und Wesen der Religion übersetzt hat. Verantwortlicher Redacteur Dr. Rahmer, Magdeburg. Druck von D. L. Wolf f, Magdeburg. Verlag von Robert Friese, Leipzig.

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