Jüdisches Litteratur-Blatt
- Journal
- Jüdisches Litteratur-Blatt
- Volume
- 13 (1884)
- Issue
- No. 20. (15.5.1884)
- Date
- 1884-05-15
- Page
- Seite 80 (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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5■rr^r*־. — 80 — Re censionen. DerTalmudjude vor dem katholisch-protestantischorthodoxen Dreirichter-Kollegium: Behling, Stöcker, Pobedonoscew, von Med. Dr. K. L i p p e. Pressburg 1884. Commissions-Verlag von D. Loewy’s Buchhandlung Wien II Praterstr. 15. 41 S. gr. 8*. Geistreich sein wollen, verfehlt gewöhnlich das Zieh Hier tritt eine furchtbare Erregtheit, ein schrecklioher Ingrimm hinzu, der wohl an sich berechtigt ist, aber die Kraft des Kämpfers lähmt, sein scharfes Auge umschleiert, ihm das richtige Pariren und Auslegen unmöglich macht. All das viele und schöne Bichtige, Beherzigenswerthe, das diese Schrift bietet (besonders die Einwendungen gegen die Historicität der Evangelienerzählung von Jesu Hinrichtung, dann, die Kennzeichnung des jüdischen Gesetzes an seiner praktischen, von Phrasen freien Richtung u. s. f.) verliert selbst auf den Gleichgesinnten und Empfangliehen alle Einwirkung durch den gesuchten Witz, durch das Schimpfen und Bekämpfen der höheren Stände, -der Kirche^ des Christenthums! Am besten kommt Pobedonoscew, der Erzieher des russischen Kaisers, der Oberprocuror des hl. Synod fort. Er scheint von dem ruthenischen Abgeordneten Merunowicz vertreten zu werden. Wohin aber die wahren oder angeblichen Judensprossen unter den Antisemiten aller Zungen zu rubriciren sind, das ist mir nicht klär geworden. Lasker wird ״der polnische Jude“ genannt, er der deutsch war von der Wiege bis zum Grabe, vom Scheitel bis zur Sohle, der nie einen Solnischen Laut gesprochen hat. Und das verbricht emelbe Schriftsteller, der die Bedeutung der Juden in den slavischen Ländern so richtig, fast drastisch fär die Ausbreitung deutscher Sprache und Litteratur geschildert hat. Die sehr saloppe Behandlung der deutschen Construction und Wortbildung nimmt sich neben dem pomphaften Hinweis auf dieses ״Deutschthum* sehr schlecht aus. Es ist wahrhaft bedauernswerth, dass so viel brauchbares Material unnütz vergeudet, so viel gutes Pulver, statt zu tüchtigen Patronen, zu knallenden und knatternden Feuerwerkskörpern verschwendet worden ist. Ein wichtiges Kapitel oder Abhandlung über die Bedeutung und Würde nach den Gesetzen der Thora der Völker unserer Zeit, sowie der Vorzeit, im Talmud gewöhnlich ״Akum“ genannt. — (64 S.) (Im Selbstverläge von Moritz Baum, Frankfurt a. M. 1884.) Diese aus dem Hebräischen in ein holpriges Deutsch übersetzte, von Druckfehlern wimmelnde Sohrift wird trotzdem jeder Mensch, der nicht ein eingefleischter Antisemit ist, mit Freuden lesen. Der naive Ton bezeugt die ־Ursprünglichkeit, die ungeschmückte Wahrheit des von mehreren talmudisch Gelehrten über Akum Gesagten. Dass der unhistorische Sinn Werke des 18. Jahrhunderts mit solchen des 11. auf eine Linie stellt, schadet wohl dem wissenaehaftlichen, nicht aber dem polemischen Werthe des Büchleins, das erweist, wie selbst das polnische, dem*■ 8chulchan-Aruch am meisten anhaftende Judenthum unter Akum nur die Heiden versteht, welche die 7 noachidischen Gebote nicht halten. - Wohl wird das Wort als Bezeichnung von Nichtjuden gebraucht, aber nicht in juristischer Weise und nicht mit dem Erbe der daran haftenden Bestimmungen. Dass es selbst gelehrten Nichtjuden schwer fällt zu begreifen, wozu so viele Bücher damit gefüllt werden, wenn die Verordnungen kein aktuelles Interesse haben, ist bedauerlich, kann aber die Sache nicht ändern. Bei Nichtjuden findet man eben keine Handelsleute und Handwerker, die nebenher Philosophie und Jurisprudenz, Mathematik und Theologie studiren um Gottes Willen! So sei denn das Büchlein (trotz der vielenDruokfehler und curiosen Anmerkungen) seines innern Werthes wegen bestens empfehlen. L. Notizen. 1. Herr Dr. Gebhardt deutet in No. 14 des ״Litt.-Bl.“!מיי als ״äxpov“. Diese geistreiche Deutung zu stützen, möchten wir noch daran erinnern, dass bekanntlich das Caesarea in Palästina früher Stratonis t u r ris (=מגדל> und das Caesarea in Phönicien früher Arcena urbs (im Talmud transponirt עקרון) hiess. Kr.-Brandenb. 2. Der Artikel ״aus Braunschweig“*) in No. 18 der ״Wochen- Schrift“ hat uns, soweit er die Abbreviaturen פ״נ und t2"S3 auf Grabsteine betrifft, besonders interessirt. In den zahlreichen Epitaphien, deren Abfassung uns übertragen worden. haben wir selten j'ß angewendet, weil dieses nicht nur =3קבר HB: sondern auch =פה 3טמן ist, niemals aber haben wir פ״ט gebraucht, weil JOB (verscharren) auf eine ehrenvolle Bestattung nicht gut anwendbar ist. S. 2. M 2, 12.- דטמנהו בחל (Er verscharrte ihn im Sande) und Job. 3,16: או כנפל טמון לא אהיה (Oder gleich verscharrter Fehlgeburt wäre ich nicht da). Ob den Hannoveraner Stilisten dasselbe Motiv oder ein anderes — etwa die Vorliebe für eine gewähltere Diction — leitet, ist in den fraglichen Artikel nicht angegeben. Wir sind übrigens in der Lage nachzuweisen, dass sich auf mehreren Epitaphien für גדולי ישראל weder פ״נ noch befindet Kr.-Brandenb. 3. Auf die Anfrage des Herrn Dr. M. Duschak in No. 18 des ״jüdischen Litteraturblattes“ die ״barbarische Norm“ bei Maimonides (lieber Ohamez und Mazza“ VI) betreffend, erlaube ich mir Folgendes zu bemerken. — M.Bloch hat im ersten Theile seiner .,Institutionen des judenthums“ (ספר שערי תורת התקנות) p• xvi gezeigt, dass Simon Duran im 2. Theile seiner Responsen (51) es bereits hervorgehoben, dass blos in einigen Exemplaren des Maimonides sich der Zusatz findet, ״bis ihm die Seele ausgeht“. Damit erledigt sich die Frage des geehrten Einsenders von selbst. Bloch hat damit auch die Frage Chiskija de Silva’s [Orach Chajim 472, 2) beantwortet, wie denn Jizchak b. Schescheth behaupten konnte), dass der erwähnte Zusatz nirgends sich vorfinde, während Maimon. u. a O, dies doch ausdrücklich sagt. Bloch bemerkt nun sehr richtig, dass in dem Maimonidesexemplare J. b. Schescheth’s die angeführten Worte sich nicht vorfanden, weshalb dessen Bemerkung richtig bleibt. (Vgl. auch Aruch s. v. מרד.) — i — 4. Es ist gar kein Zweifel, dass die Worte: עד שתצא נפשו nicht von Maimonides selbst herrühren, sondern ein irrthümlicher Zusatz späterer Abschreiber oder Drucker zu sein. In der venet. Ausgabe des Jäd hachasaka vom Jahre 5310, in welche ich Einsicht zu nehmen Gelegenheit hatte, kommt er nicht vor. dort heisst es bios מכין אותו מכת מרדות• Sollte dieser Zusatz wissentlich geschehen sein, so würde er nur von der Unwissenheit seines Urhebers zeugen. Denn im besprochenen Falle kann es sich doch npr um die Ahndung einer bereits vollzogenen Uebertretung handeln, während die drakonische Procedur מבק וכר עד שתצא nur als physischerZwang angewendet werden sollte, wo es gilt, einen Israeliten zurAusübung einer geboten enHandlu ng zu vermögen: אומרים לו עשה מוכת עשה לולב ,ואינו עושת מכץ אותו עד שתצא נפשו und würde im vorliegenden Falle nur eine imverdiente gesetzwidrige Strafe sein! Des Weitem wäre zu bemerken, dass, wie jeder Unvoreingenommene zugeben dürfte. Maimonides die betreffende Talmud- . stelle zu ernst bzw. wörtlich genommen hat, was offenbar auf einem Missgriff beruht. Die massgebende Stelle im Talmud lautet bekanntlich:מי שאכל מצה כע׳־פ כאילו בא על ארוסתו יב׳ Hier haben wir es zweifelsohne mit einem geistreichen* Gleichnisse zu thun, aber es dürfte kaum in der Intention des Talmndisten gelegen haben, die harmlose, keineswegs eine strenge Observanz ausserachtlassende Ungeduld mit derselben,i Strafe zu belegen, welche für den ernsteren Vergleiehsfall motuirt ist. (cfr. Eben Eser c. 5 >.) Maimonides nahm eine staralisirende Redensart für eine thatsächliche Prämisse undf zog hiervon syllogistisch die ungebührliche Consequenz. Rg. *) Sollte heissen: ,Aus dem Braunschweigischen“. Verantwortlicher Bädeetear Dr.׳ Bah me r, Magdeburg. Druck von D. L. Wolff, Magdeburg. Verleg von Robert Fr ieae, Leipzig, j