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Jüdisches Litteratur-Blatt · 1884-05-01 · No. 18. (1.5.1884) · p. Seite 72

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Journal
Jüdisches Litteratur-Blatt
Volume
13 (1884)
Issue
No. 18. (1.5.1884)
Date
1884-05-01
Page
Seite 72 (sequence 4)
Language
German
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(,,Gedenke der Armen!“ Ein zur Erinnerung an die sei.־ Baronesse Lionel v. Rothschild in der Londoner Central-Synagcsre am Sabbath Hochodeecb 6644 (22. März) von Dr. Hermann Adler im Aufträge des Ober-Rabbiners gehaltene Rede, London, bei Wertheimer, Lea & Comp., Circus Place, London Wall.) Die breite Heerstrasse Jarmoyanter Phrasen, vermeidend, bietet nns diese Rede ein naturwahres Bild des gottbegnadeten Waltens und Schaffens einer der geistand gemüthreichsten, hehrsten Frauenerscheinungen in Israel. Der Redner beginnt mit der Bemerkung, dass die letzten Worte guter und grosser Menschen, die auf Erden gelebt, ▼oll tiefen und bleibenden Interesses seien, und erinnert dann an die letzten Worte biblischer Personen, eines Jakob, eines Moses, ferner an diejenigen von William Pitt, Lord Palmerston, Humboldt, Schiller, John Locke und — last, not least — die an ihren Sohn gerichteten Worte der sterbenden Baronesse v. Rothschild: ״Gedenke der Armen!“ An diese Worte lehnt nun der Redner seinen gediegenen Vortrag. Zur näheren Kennzeichnung desselben, sowie der verewigten Baronesse heben wir nur einige Redeperlen heraus: S. 7: Sie goss über ihr Heim den vollen Sonnenschein ihrer Liebe und Güte, aber es war ein Licht, zu mächtig und durchdringend, um auf ihr eigen Heim beschränkt zu bleiben. Sr 8: Ich beabsichtige hier nicht einen Lobpreis der schriftstellerischen Befähigung Charlotte v. Rothschild’g, ich möchte nur erwähnen, wie lichtvoll all ihr Denken und Empfinden in ihren ״Addresses“ (Reden) und in ihren ״Prayers'and Meditations“ (Gebete und Betrachtungen) sich wiederspiegelt; ihre Liebe zum Judenthum, ihre Verehrung für seine Lehren, ihre Werthschätzung alles dessen, was gut, edel und echt war. Und die -eine herrschende Leidenschaft (master passion), die wir überall zurückstrahlen sehen, war ihr Sinnen und Trachten für die- Armen. Daselbst: Mit welchem Nachdruck verwendete sich die Verewigte für die Armen! Sie sagt in ihren ״Addressee“: Die Reichen müssen — nach Prov. 22,2 —■ den Armen begegnen, indem sie ihnen, nicht nur von ihrem Golde geben, sondern auch von ihrer Zeit, das heisst vonihrem Leben; ihnen Sorgfalt gewähren, d. h. Denken; den mildesten, klarsten Rath und das glänzendste Beispiel; Worte des Trostes, die gleich Balsamtropfen für den zermalmten und verwundeten Geist sind; Worte der Ermunterung, um den Muth zu erneuern; und Theilnahme, welche zärtliches Mitgefühl ist, warm und tief. S. 9: Es war die Herzensgüte der Baronesse, welche sie fühlen und verstehen lehrte, was ach! so selten gefühlt und verstanden wird, dass die Wohlhabenheit ihre hohen Pflichten hat, ihre ernste Verantwortlichkeit, gleichwie ihr Vorrecht. — Ein köstliches Wort, ebenso ehrend für die treffliche Freifrau, wie für den bei aller Pietät freimüthigen Redner! Wir wollen es nicht verhehlen, dass wir vom jüdischen Standpunkte für die meisten Rothschilds kein besonderes Tendre hegen, nicht etwa, weil ihr Reichthum neidische Judenfeinde zu böotischen Collectivurtheilen über den Wohlstand der Juden reizt; nicht etwa, weil ansehnliche Kapitalien rührig und redlich erwerben nicht mindestens ebenso löblich ist, als ungleich höherwerthige Latifundien ohne Weiteres erben — sondern weil eben die wenigsten Rothschilds sich ihrer hohen Pflichten gegen Juden und Judenthum bewusst geworden oder Dewusst geblieben sind. Um so achtunggebietender hebt sich das Lichtbild der sei. Baronesse von den Schattenbildern vieler Verwandten derselben -ab, um so verehrungswürdiger erscheint sie uns. Uebertragen wir nach dieser Exoursion noch, was S. 11 bezüglich des Eifers der Baronesse, die grosse Pflicht der Reinlichkeit stets einzuprägen, erzählt wird: Bei einer Gelegenheit zeigte sie einer armen Frau die dicke Lage Staub, die sich auf den dürftigen Möbeln befand. Ach, wurde ihr bemerkt, ich bin zu ״bekowed“ (too bekowed), selbst Etwas zu reinigen. Ich hoffe, dass ich auch ״bekowedu (bekowed too) bin, versetzte die Baronesse lächelnd, gleichwohl stäube ich einige von meinen Sachen selbst ab. Diese Paar Uebertragungen dürften zur Lectüre, vielleicht auch — zur völligen deutschen Uebersetzung der Rede anregen*), deren treffende Charakteristik und edle Sprache jedes Frauengemüth, jeden feinfühlenden Leser ansprechen und fesseln wird. Die Sprache Albions hat hier ein Prachtgewand voll Hoheit und Würde angelegt . . . Wir danken dem Herrn Redner für seine kostbare Gabe und dem Herrn Redakteur für den Hoohgenuss, den er uns durch den ehrenvollen Auftrag, dieselbe zu besprechen, zugewendet hat. — Brandenburg a. d. H. Rabb. Dr. Krön er. Karte der Vertheilung der Confessionen in Oesterreich-Ungarn von Franz.Ritter von Le Monnier. Preis 3 Mark. Wien. Ed. Hölze 1. (Mit Text.) Die Karte bietet eine interessante Uebersicht über die Vertheilung der Confessionen in der gesammten österreichischen Monarchie. Wir fassen hier ganz besonders die jüdische Bevölkerung ins Auge. Nach der statistischen Aufstellung des Textes zählt Oesterreich mit Einschluss Ungarns 1,643,709 Israeliten. Die meisten jüdischen Einwohner hat Galizien aufzuweisen, nämlich 686,596; die wenigsten sind in Fiume mit 89 und Kram mit 96. Der Herausgeber meint mit Richard Andree, ״dass die Juden die Tendenz (!) haben, sich den grossen Städten zuzuwenden and sich selbst da, wo das platte Land weit und breit von ihnen frei ist, in den Städten anzuhäufe n.“ Auch am Schluss des Textes wiederholt er noch einmal: ״In jenen Ländern, wie Tirol und Dalmatien, wo sie nur in unbedeutender Zahl Vorkommen, bleibt ihre Zahl stationär, ein deutlicher Beweis (?) für die Tendenz (!) dieses Volksstammes, sich nur (!) in grösserer Anzahl an einem Orte anzusiedeln.“ Aus diesen Worten sollte man fast annehmen, dass die Juden sich nur revolutionärer Umtriebe wegen in grossen Städten ״anhäufen“. Wir empfehlen dem Herrn Ritter von Le Monnier, der etwas vom Judenhasse angekränkelt ist, das Studium solcher Werke, die die Juden in vorurtheilsloser Weise beurtheilen, so z. B. H. Scherer’s ״Allgemeine Geschichte des Welthandeis“, worin er eine gerechte Würdigung der Juden in handelsgeschäftlicher Beziehung findet. Leider nehmen die Herren aber selten Belehrung an. S. Notiz. 1. In Maimoindes ״Leber Chamez und Mazza“ VI heisst es: Wer am Rasttage des Pessachfestes Mazza isst, den schlage man so lange Makkot Mardut bis ihm die Seele ausgeht. Da sich diese, wenn ich so sagen darf, barbarische Norm nur da9 eine Mal bei Maimonides findet, obgleich er bei viel wichtigeren Dingen, wo die Strafe Makkot Mardut angewendet wird, niemals j diesen Rigorismus verlangt, so werden die gelehrten Leser dies.! Bl. über diese wunderbare Stelle um ihre Ansicht gebeten von I Dr. M. Duschak, Krakau, j *) Vielleicht unterzieht sich der werthgeschätzte sprachenkundige Herr Referent selbst dieser dankbaren Aufgabe. (Red.) P_ ...._ billigste Bezugsquelle! [1144m I Verantwortlicher Redacteur Dr. Rahmer, Magdeburg. Druck von D. L. Wolff, Magdeburg. Verlag von Robert Friese, Leipzig•

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